Alphubel (19.09.2010)
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Einen Makel hatte die Tour schon: wir befanden uns bis um 14:20 Uhr auf dem Gletscher. Und das ist schlecht, denn nach weisem Bergführer Rat sollte jede Tour zur Mittagszeit abgeschlossen
sein.
Sonst war der Tag aber fast perfekt. Die Sonne schien von früh bis spät und strahlte mit uns um die Wette. Nichtsdestotrotz waren wir schlussendlich alleine auf dem Alphubel Gipfel. Und auch in
den vergangenen Tagen war wohl niemand da gewesen. Nur eine Viererseilschaft war hinter uns auf gleicher Route am Berg unterwegs. Diese hat aber dann später an der Eisnase entnervt aufgegeben.
Eigentlich schade, wenn man extra aus der Tschechoslowakei anreist, nur drei Tage in der Schweiz bleiben kann und dann auf jegliches Gipfelerlebnis verzichten muss.
Aber das Gipfelerlebnis an sich trägt ja im Prinzip nur wenig zum Glück in den Bergen bei. Wer nur die paar Minuten ganz oben voller Freude ist, muss sein Glück teuer erkaufen. Die Berge kann man
nämlich genau gleich im Auf- oder Abstieg, oder bei einer heissen Schokolade oder einem warmen Bier vor irgendeiner Hütte geniessen. Und wenn er wieder im Tal ist und arbeiten muss, kann der
Alpinist noch drei-vier Tage an vergangene Bergerlebnisse denken und das damit verbundene schöne Gefühl auskosten.
Gipfelerlebnisse sind halt vergänglich wie alles andere im Leben und entschwinden bald einmal unserem Gedächtnis. Wohl deshalb konnte ich mich gestern nicht mehr mit Bestimmtheit daran erinnern,
ob ich den Rotgrat am Alphubel schon einmal bestiegen hatte oder nicht. Und dass ich die Eisnase dreimal in der Vergangenheit bewältig hatte, war mir auch nicht mehr bewusst. Da ich sie vergessen
hatte, muss sie, die Nase, damals wohl kein Problem gewesen sein. Immerhin wusste ich aber gestern noch, dass der Alphubel mein erster Viertausender gewesen war, und dass ich damals Joghurt mit
Birchermüesli mitgenommen hatte, und dass diese Tatsache dann in die Geschichte der Ortsgruppe Siders eingegangen war, weil ich in den folgenden Jahren von Kollegen oft daran erinnert wurde. Auch
konnte ich mich noch gut an eine Besteigung mit Skis erinnern, und an die bei der Abfahrt zur Längflue hinunter reichlich "genossenen" Spalten. Moral der Geschichte: da vieles vergessen wird,
werde ich die Gewohnheit des Tagebuch-Schreibens auch in Zukunft beibehalten.
Die in meiner Erinnerung immer noch klaffenden Spalten im Osthang hielten mich gestern davon ab, in Richtung Längflue absteigen zu wollen, wie dies mein Partner eigentlich gewünscht hätte.
Stattdessen wählten wir auch für den Abstieg wieder die Eisnase. Diese überwanden wir durch viermaliges Abseilen, das heisst durch Ablassen meines Kameraden am Seil und anschliessendem Abklettern
meinerseits. Neben der zusätzlichen Sicherheit, die uns dieses Manöver gab, diente es vor allem dazu, ein paar für derartige Spässe notwendige Griffe und Knoten aufzufrischen. Knotenlehre am
vielleicht 45 Grad steilen Hang.
Den Aufstieg über die Nase hätten wir wohl um vieles schneller schaffen können, wenn statt des mehrheitlich blanken Eises schöner Trittschnee vorhanden gewesen wäre, und wenn wir das
Sicherheit-Geschwindigkeits-Verhältnis ein wenig anders gewichtet hätten. Es genügt in solchen Passagen nämlich wohl, wenn die Seilschaft ständig durch zwei Eisschrauben gesichert ist und sich
synchron weiterbewegt. Stattdessen richteten wir recht umständlich Stände ein und sicherten uns an den nicht immer volles Vertrauen erweckenden Eisenstangen. Es ist aber schon so, dass einem auch
eine Pseudosicherheit mehr Sicherheit gibt, weil man dann weniger vor Angst zittert und damit sicherer steht und weniger schnell hinunterfällt. Andere, nicht weniger normale, Bergsteiger wären da
vielleicht ganz ohne hochgerannt. Man hätte auch ein paar Stufen schlagen können - aber wer hat heutzutage noch einen tauglichen Führerpickel mit? - Aber eben wie gesagt: der Hang bot eine gute
Gelegenheit, Sicherungstechniken aufzufrischen und einzuüben. Da wir im gewöhnlichen Leben kaum je Eisschrauben hinein- und herausschrauben, ermüdete uns gerade diese Tätigkeit ganz beträchtlich,
und unser heutiger Muskelkater rührt vor allem von da her. Der Hang ist übrigens rund achtzig Meter lang und knapp 45 Grad steil. Dreissig Meter Seil genügen gerade, um sich von Stange zu Stange
zu hangeln.
Die Tour war also um einiges schöner als nur schön, dies vor allem auch darum, weil in der Nacht nichts auf einen bevorstehenden Prachtstag hätte schliessen lassen. Der Weg zur Täschalp hoch war
derart in Nebel gehüllt, dass er sich zeitweise fast nicht eruieren liess. Man musste sich immer wieder bis weit unter die Knie hinunter bücken, um ihn überhaupt noch sehen zu können. Auch das
Spuren im Schnee war ein besonderer Kraftakt, den mein Kollege vom Alphubeljoch bis zur Eisnase hoch mit grosser Bravour meisterte. Auch dies wird unvergesslich bleiben.
Sonst gibt es zu dieser Tour eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Wir hatten einen klassischen Aufstieg gewählt, der im Prinzip von jedem „durchschnittlichen“ Alpinisten zu schaffen sein sollte.
Wobei diese Aussage ohne Informationswert ist, denn nur allzu sehr kommt es in den Bergen auf die jeweiligen Verhältnisse an.
Es ist jetzt schon wieder die Zeit angebrochen, wo unsere gastlichen SAC-Hütten die Türen für lange Monate schliessen. Ab einer gewissen Höhe muss nun vermehrt mit Schnee gerechnet werden. Und
morgens und abends kann es im Schatten erbärmlich kalt werden. Andrerseits muss auf Modetouren weniger mit Stau und Schlange-Stehen gerechnet werden. Es steht eine Zeit an, die wie jede andere
auch ihre besonderen Reize hat.
Und die gewonnene Kondition gilt es über die langen Wintermonate zu retten. Man wird hin und wieder gefragt, mit welcher Geschwindigkeit man sich auf längeren Touren in etwa am besten bewegt. Es
ist einigermassen schwierig, einen klugen Rat zu geben, zumal nicht jeder Mensch gleich tickt und auf Grund dieses unterschiedlichen Tickens auch nicht gleich läuft. Ein Erklärungsversuch lohnt
sich allemal. Nehmen wir an, du bist ein arbeitsfreudiger Zeitgenosse, und du begibst dich jeden Tag mit Freude auf die Arbeit. Du gehst also relativ rasch hin, arbeitest dort den ganzen Tag wie
wild, und kommst am Abend sehr müde und damit langsam wieder nach Hause. Auf alle Fälle gehst du am Morgen viel schneller hin, als du abends heimkommst. Diese Zahlen oder Kenngrössen im Kopf
behaltend, kannst du deine Idealgeschwindigkeit leicht eruieren, sie entspricht nämlich dem Durchschnitt aus der halben Hin- und der doppelten Zurückgeschwindigkeit. Falls dich dieser Wert nicht
ganz befriedigt, rechne einfach das geometrische Mittel aus den beiden letztgenannten Grössen. Ich weiss, dies tönt alles furchtbar mathematisch und ist es auch. Vereinfachen wir unsere Formel
halt noch einmal und sagen ganz simpel: die ideale Wandergeschwindigkeit ist die halbe Geschwindigkeit zur und gleichzeitig die doppelte Geschwindigkeit von der Arbeit. Dieses Modell funktioniert
natürlich nur bei arbeitsfreudigen Menschen. Bei Faulpelzen ist alles irgendwie umgekehrt. Zudem treten quasi negative Geschwindigkeiten ins Spiel, weil sich arbeitsscheue Menschen eher von der
Arbeit weg als zu ihr hin bewegen. Wir können uns die entsprechenden Überlegungen auch deshalb ersparen, weil faule Zeitgenossen in der Regel zu faul sind, um auf Berge hinauf zu steigen. Das
will aber nicht notwendigerweise heissen, das du ein Faulpelz bist, wenn du dich nicht an jedem freien Tag auf einen Berg begibst. Aber es geht ganz allgemein schon in diese Richtung. Wie hat ein
bekannter Philosoph kürzlich gesagt: der wichtigste Raum im Weltraum ist der Raum zwischen mir und der nächsten Bergspitze. So ähnlich war es jedenfalls, wenn ich das anlässlich der Diplomfeier
vom letzten Samstag richtig mitbekommen habe. Oder war ich wieder irgendwie gedankenabwesend?











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