Tschuggmatt-, Guggili-, Gali-, Balma-, Grauhorn - MEMENTO MORI (07.08.2009)

Für Freitag war der letzte Sonnenschein angesagt, dann würden sich die Schlechtwetterfronten wieder in schöner Regelmässigkeit folgen. Also hiess es profitieren! Und die Wetterpropheten sollten wieder einmal recht behalten. Es war ein warmer, sonniger Tag. Nur Italien lag unter einer Wolkenschicht. Und die Quellwolken, die sich bald einmal aufzutürmen begannen? -Wir würden sie unter Kontrolle halten.

Ich habe eine schöne Gipfelüberschreitung gemacht: Tschuggmatthorn, Guggilihorn, Galihorn, Balmahorn und Grauhorn. Die ersten vier sind Gipfel, die das Zwischbergental auf der orographisch linken Seite und das Laggintal auf der rechten Seite zieren. Das Grauhorn ist der das Laggintal dominierende Berg, wenn man vom Gabi ins Tal blickt.

Es sind nicht unbedingt schöne Berge, aber die Aussicht ist o.k. Auf der ganzen Tour sind Weissmies und Lagginhorn so nah, aber doch auch wieder so fern. Der Kessel vom Laggin ist sehr weitläufig und wildromantisch mit tosenden Bächen, tiefen Schluchten und bedrohlichen Gletschern. Leider schmelzen aber auch diese vor sich hin und für lange weg. Wer die Abgeschiedenheit und Einsamkeit sucht, kommt hier auf seine Rechnung. Es sind alles Berge ohne Gipfelbuch und -kreuz, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass eine Besteigung lohnend ist.

Die Besteigung dieser Gipfel ist leicht. Meistens bewegt man sich auf grösseren oder kleineren Steinblöcken; dann gibt es wieder alpinen Rasen, der nicht geschnitten sondern von Schafen und Steinböcken gefressen wird. Zum Teil bewegt man sich auf den bestiegenen Gipfeln auch auf von Tieren und einzelnen Menschen ausgetretenen Pfaden. Steinböcke beherrschen die Höhen. Nur ungerne geben sie ihre Plätzchen frei. Aber was willst du, wenn da so ein Wanderer naht? - Pfeifen und mürrisch das Feld räumen ist allemal besser. (Oh, nervt dieser Nachbar wieder! Samstag morgen im idyllischen Gspon und seit Stunden schon frönt er seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Rasenmähen - immer schön vor und zurück, hin und her, rein und raus ... Das macht er gerne. Und dabei wüchse hier die schönste Alpenflora ganz von alleine. Aber seit man auch hier den Rasenmäher entdeckt hat, ist Gspon nicht mehr das selbe)

Rollsplitt

Vorsichtig setzt der Bergsteiger seinen Fuss. Dann sind da diese harmlosen und zugleich heimtückischen Weglein. Er fühlt sich darauf so sicher wie ein Zürcher in der Zürcher Bahnhofstrasse. Die Aufmerksamkeit gilt den Schaufenstern - den imposanten Bergen und tiefen Tälern. Und schon fällt man wie ein Baum. Wie schnell nur, kann man doch zu Boden gehen! Die Wege sind zu leicht, die Aufmerksamkeit schwindet, und schon gleitet der Fuss auf dem Rollsplitt aus. Der Sturz ist harmlos und schnell vorbei. Doch mit voller Wucht schlägst du mit Hand und Arm auf einem extra für dich bereitliegenden Stein auf. Und das schmerzt wie verrückt. Sich krümmen und vor sich hin jammern. Oder besser wie im Joga: den Schmerz betrachten, ihn als etwas Gutes akzeptieren. Ohne dich hätte ich noch weniger gelernt, in allen Lebenssituationen vorsichtig und besonnen zu sein und zu handeln. War wieder eine gute Lektion, die sich hoffentlich tief ins Bewusstsein eingräbt. So setzt man den Weg vorsichtiger fort.

Zwei-drei Wegweiser

- Der Weg vom Gabi nach Furggu hoch ist hier schon beschrieben worden. Man folgt den Schildern.

- Von Furggu zum Tschuggmatthorn bin ich zuerst lange dem Weg rechts ums Horn herum gefolgt immer in Richtung Weissmies. Leider verliert man ab und zu wieder ein paar vorher hart erarbeitete Höhenmeter. Und das auf den Weg überlappende Gras ist nass, so dass man selber bald einmal nass ist. Sobald der Weg dann noch mehr bergab zu gehen beginnt, steigt man (meine Variante) linker Hand in der Falllinie des Gipfels weglos über einen recht steilen Grass- und Felsenhang hoch.

- Vom Tschuggmatthorn, über das Guggilihorn, das Galihorn bis zum Balmahorn: no Problema. Einfach mehr oder weniger dem Grat folgen. Ein paar Kletterstellen (2. Grad?).

- Vom Balmahorn zum Grauhorn unbedingt NICHT dem verlockenden Grat entlang absteigen - führt ganz gehörig in gefährliches, nicht zu begehendes Gelände. Stattdessen die ganze Kette links, zuerst über Schneefelder abrutschend und dann in die Grauhornlicka aufsteigend, umgehen.

- Vom Grauhorn unbedingt zurück in die Lücke gehen und von dort nach links oder rechts absteigen - und NICHT, wie ich es getan habe, mehr oder weniger direkt vom Gipfel links absteigen.

- Am Schluss noch müde über Stafel und Laggin zurück nach Gabi oder Simplon Dorf.

Gefährlicher Abstieg

Meine Abstiegsvariante - vom Grauhorn mehr oder weniger direkt zum Stafel hinunter war ein mittlerer bis grösserer (eher grösserer) Unsinn. Von oben gesehen sieht die zum Teil mit Gras bewachsene Flanke wenn auch steil so doch ordentlich und passierbar aus. Dann wird der Abstieg aber doch zu einer adrenalinigen Angelegenheit. Die Flanke wird steiler und endet vorerst oberhalb eines senkrechten Abbruchs. Ich muss unmittelbar oberhalb davon weit nach links traversieren; dann geht es wieder steil hinunter. Bin am Ende froh (und ein wenig stolz), hier einen Abstieg gefunden zu haben. Doch was, wenn der Fuss auf einem losen Stein den Halt verloren hätte? - Was, wenn ich auf dem Gras ausgerutscht wäre? - Was, wenn das Stück Erde unter meinem Fuss mein Gewicht nicht hätte halten können? - Wenn ein Griff ausgebrochen wäre? Es würde sehr schnell, zu schnell gehen. Schon gar nicht meinen, man könnte sein Abgleiten zum Stillstand bringen. Da wirken uns vollkommen unbekannte Kräfte, die nicht zu kontrollieren sind. Darum ist das oberste Gebot in jedem absturzgefährlichen Gelände: Vorsicht, jeden Tritt sicher platzieren, jeden Griff kontrollieren. Die Gefahr der Unkonzentriertheit und Nachlässigkeit ist latent. Man fühlt sich zu sicher, ist es aber gar nicht. Als Bergsteiger (und als Erdenbürger) muss man sich ab und zu in Erinnerung rufen, dass man sich oft auf Messers Scheide bewegt ...

Stockalperweg

Der Aufstieg von Brig auf den Simplonpass mit anschliessendem Abstieg über Simplon Dorf nach Gabi (Stockalperweg) ist eine durchaus lohnenswerte Wanderung! Vertieft in ein Hörbuch öffne ich die Augen nur zwei-dreimal - zum ersten Mal dort, wo es im Gantertal über die zahlreichen Holzbrücken geht, und wo darunter der Wildbach rauscht - dann später als ich auf ein mitten im Weg stehendes Pferd laufe - und dann in der Taferna, wo in den alten Gemäuern noch immer der Geist der Wirtin haust, die damals den Passanten Wein mit Wasser statt nur Wein servierte. Es ist eine eindrückliche Wanderung in klarer Vollmondnacht, so verschieden von meinem kürzlichen Zustieg zum Weissmies durchs Saastal.

Tragisches Ende

Wie lange die gesamte Überschreitung dauert, ist schwer zu sagen, zumal ich jetzt, nach dem Vorbild anderer Kollegen, auch damit begann, von jedem Gipfel SMS in alle Welt zu versenden. Bin darin ungeübt und verliere somit viel Zeit. Auf der Asphaltstrasse am Ende schreibe ich mein letztes SMS. Bin zu einem Halt gezwungen, weil ein Heli direkt vor mir landet und wieder wegfliegt. Wird wohl wiederkommen. Mache es mir am Wegrand bequem. Beobachte gerne Helis. Der Flughelfer ist nur zehn Meter von mir entfernt. In seiner Nähe das übliche Zeug - ein paar Säcke, ein paar Taschen. Ah, eine Rettungsübung! Der Heli nähert sich wieder, überfliegt Simplon Dorf. Man bedeutet mir, mich zu ducken und die Mütze festzuhalten. Perfekte, sanfte Landung. Vier Leute steigen aus. Alles wird wieder eingeladen. Zuletzt und zu Viert auch dieser grosse, lange, rote Sack. Wäre gerne mitgeflogen. Bleibe mit dem Mann von der Rettungsstation zurück. Ob ich auch nach Simplon Dorf wolle? - Ja. - Was sie denn da gemacht hätten? - Leider hätten sie nichts mehr machen können, der Mann sei tot ...

Abends im Bett

Die Gedanken jagen sich und plagen mich. Ein Mann und eine Frau gemeinsam in den Bergen unterwegs. Kennen sie sich schon lange, sind sie frisch verliebt? - Ich weiss es nicht. Stundenlang geniessen sie die gleichen Berge wie ich, hören das Rauschen der selben Wildbäche, riechen die gleichen Düfte. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Langsam geht er dem Ende entgegen. Oh, schön! - Berge, wir kommen wieder! - Die Berge sind mein Leben! - Dergleichen. Eine halbe Stunde Abstieg noch. Die Seele jubelt. Geist und Körper sind erholt. Man ist bereit für neue Taten oder erholt für den Alltag. Familie und Bekannten wird man erzählen, wo man war, wie schön es war. Dort musst du hin - einmalige Gegend, schöne Wege, ... Zurückdenkend und noch viel mehr an die Zukunft gehst du deinen Weg. Ein Schritt folgt dem anderen. Tausende und abertausende Schritte bist du in deinem Leben schon gegangen. Mal schnell, mal langsam. Als Kind bist du über Stock und Stein gerannt. Bist umgefallen, hast dir wehgetan, bist wieder aufgestanden, oder bist aufgehoben worden, hast geweint, bist getröstet worden, und weiter ging’s im gleichen Tempo. Später warst du sportlich aktiv, hast kühne Sprünge getan. Dann hast du das Wandern, die Berge entdeckt. In diesem Augenblick, der länger ist als alle anderen Augenblicke, fügst du deinen tausend Schritten einen weiteren hinzu, Wanderer, es ist dein letzter Schritt! Warum sucht dein Fuss gerade diesen losen Stein, dieses glitschige Büschel Gras, dieses kleine Stück Erde unter tausend anderen aus? - Mit diesem Schritt verliert alles an Bedeutung, was dir wichtig war. Mit ihm entziehst du dich allen, die dir lieb und wichtig waren. Entsetzen, Hilflosigkeit, Erstarren im Herzen deiner Begleiterin - unergründliche Verwunderung in dir. Es geht zu schnell, als dass deine Gedanken dem Geschehen folgen könnten. Ein paar Sekunden - alles ist vorbei. Totenstille. Vorbei ist ein langes Leben mit all den Freuden und Mühen und Nöten, wie wir sie alle kennen. Alles nur noch Erinnerungen an dich. Toter, für dich ist es leicht, bist geborgen in unbekannten Händen. Unser Mitleid gilt der, die einsam oben am Wegrand steht. Hoffen, Zweifeln, Verzweifeln, Gewissheit, Trauer. Wanderin, meine Gedanken sind ganz bei dir. An einem wunderbaren Tag wie heute hat es dich wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen - ein Alptraum, der erst kein Alptraum ist.

Noch stelle ich mein Tun in den Bergen in Frage. Noch ist das Erlebte und Gedachte keine Bagatelle. Dann steigt die Müdigkeit auf und der Schlaf gewinnt über diesen Tag. Und wie wird es morgen sein?

Datum 07.08.2009
Weglänge 42 km
Höhenmeter 3648
Marschzeit 15:44

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