Betthorn (20.03.2011)
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Das Betthorn - der geschenkte Berg
Als ich mit meinem Gipfelprojekt im Frühling 2008 anfing, war dies nach einer langen Zeit der Vorfreude und des Planens. Vor allem hatte ich auch eine Liste meiner möglichen Ziele in der näheren
Umgebung erstellt. Und dann ging es recht ernsthaft zur Sache - ein Gipfel nach dem anderen fand Eingang in meine Statistik der erreichten Ziele. Ich meinte auch, meine unmittelbare Umgebung
recht gründlich nach Gipfeln abgegrast zu haben. Doch welche Überraschung: lange nach Projektbeginn traten plötzlich Berge auf den Plan, von denen ich bis anhin nichts gewusst hatte, und dies
obwohl sie sich in meiner nächsten Nähe befinden, so zum Beispiel das Hori, welches nur zwei Kilometer von meinem Wohnsitz weg ist, dann das Horu, das Geimerhoru, die Chrizerhorlini und
schlussendlich das Sparrhoru auf der Riederalp. Und welche Überraschung vor ein paar Tagen! - nur fünf Kilometer von hier weg, unterhalb des Gärsthorns gibt es noch ein Betthorn, von dem weder
andere noch ich etwas gewusst hatten. Auf der Karte ist in der Tat nur seine Höhenangabe zu finden: P. 2238, doch im Tourenführer und auf der Skitourenkarte steht klipp und klar: „P. 2238 -
‚Betthorn‘ genannt“. Welche Freude und welch ein Geschenk des Himmels - ein weiteres und wohl letztes Horn, das ich vom Bahnhof Brig aus noch nach Feierabend erreichen kann, und das in meiner
Statistik genau so viel zählt wie das Matterhorn.
Hier die genauen Angaben wie sie im SAC Führer „Alpine Skitouren 4 - Waadt-Freiburg-Bern“ stehen:
„Höhenunterschied: 1050 m
Schwierigkeit: MS
Lage: SW
LK: 274 S - 1288 - 1289
Zeit: 3 Std.
Aufstieg: In Mund (1188 m) quert man von der Bergstation der Luftseilbahn Gamsen-Mund das Dorf nach W und im Schräganstieg Richtung WNW nach Äbi und Sättle (1717 m). Nordostwärts auf dem steilen
Fussweg im Wald Leemegga bis Brischeru (2057 m) und durch eine Mulde in gleicher Richtung bis P. 2238.
Abfahrt: Auf der Anstiegsroute“
An diesem Wochenende hätte eigentlich das Ausfüllen der jährlichen Steuererklärung oberste Priorität gehabt. Nun war aber das Wetter am Sonntag morgen derart prächtig im Wallis, dass nur mit
Widerwillen an solche Spässe gedacht werden konnte. Stattdessen stand der Frühling mit allen erdenklichen Verlockungen vor der Tür, so dass das Fleisch wieder einmal stärker als der Wille war.
Das Betthorn bei Brischeru würde wohl ein leichter vom Bahnhof Brig aus zu Fuss erreichbarer Gipfel sein. So startete ich erst um halb eins mittags. Wie gesagt: das Wetter war prächtig, die
Temperatur angenehm und meine Stimmung gut bis ausgelassen. Doch wie nicht anders zu erwarten, wirkte die noch auszufüllende Steuererklärung während Stunden und Kilometern in meinen nicht frei
werdenden Hirnwindungen nach. Aufgeschoben ist halt nicht aufgehoben, und ich hätte vielleicht doch besser sollen ... Väterchen Staat schien sich für irgendetwas bei mir rächen zu wollen.
Schlimmer noch: Gedankengänge wie die folgenden nahmen mich voll in Besitz und entwickelten sich zu argen Endlosschleifen in meinem Gehirn. Ist die Zeit, die man für das Ausfüllen der
Steuererklärung benötigt eigentlich auch irgendwie steuerrelevant? Und wo trage ich sie zu welchem Satz ein? Kann ich nicht auch die Zeit, die ich zum Eintragen der Zeit, die ich zum Ausfüllen
der Steuererklärung benötige, in Abzug bringen? Und wie ist es mit der Zeit, die ich zum Eintragen der Zeit, die ich ... Du ahnst, wie solche Problem einen plötzlich absorbieren und einem über
den Kopf wachsen können. In dieser Notlage versuchte ich, mich in Gedanken an meine Frau zu retten. Mit ihr hatte ich vereinbart, dass wir uns im Salwald oberhalb von Mund treffen würden, um dann
gemeinsam zum Gipfel weiterzumarschieren. Ich würde sie auf alle Fälle rechtzeitig anrufen, um sie zu fragen, ob auch sie mich rechtzeitig angerufen hätte, um mich zu fragen ... Ordentlich
verheiratete Ehepaare dürfen ja bei den Steuern einen besonderen Ehepaarabzug geltend machen. Gilt das übrigens auch bei Ehepaaren, die sich ständig streiten - oder anders ausgedrückt: müssten
Ehepaare, die gemeinsam zu Berge gehen, nicht von einem zusätzlichen Abzug profitieren können? - Es sind ja letztere, die mit ihren gemeinsamen Unternehmungen viel zum gegenseitigen Wohl, damit
zu ihrer Gesundheit und indirekt zur Reduzierung der Gesundheitskosten beitragen. Sowas gehört sich in einem demokratischen Staat belohnt, während streitende Paare abgestraft werden sollten. Auf
alle Fälle sollten Berggänger für ihre unter Umständen beträchtlichen Anstrengungen auch steuertechnisch belohnt werden.
Schlussendlich ist dann alles anders geworden. Ich bin nicht über Salwald und Brischeru auf das Betthorn aufgestiegen, sondern habe den mir logischer erscheinenden Aufstieg über Ewigschmatte und
Horumatte gewählt - schlicht und einfach, weil es dort keinen Schnee mehr zu haben schien. Was dann aber leider nicht überall der Fall war. So bin ich trotz meiner nicht etwa kurzen Beine hin und
wieder bis an die Hüfte eingesunken. Hätten die Vögel nicht derart fröhlich gezwitschert, und wäre das Wetter nicht so schön gewesen, so hätte ich mir sicher die Frage gestellt: Warum und wozu?
Ich muss aber sagen, dass mir schon bei der Tourenplanung und ein paar Tage vor der Tour nicht klar war, ob ich diese Tour mit Skis oder zu Fuss machen sollte. Irgendwie schafft man es
schlussendlich dann (fast) immer bis ganz nach oben. Und wieder wurde man entschädigt mit einer wahren Pracht-Rundsicht. Da war ich also auf dem Gipfel des Betthorns, dessen Name mir vor ein paar
Tagen noch nicht bekannt gewesen war, und an dessen Fuss ich vor ein paar Jahren mit meiner Frau ein sehr geräumiges und nicht minder spektakuläres Biwak gebaut hatte. Der ambitionierte
Bergsteiger wird diesen Gipfel vielleicht nicht unbedingt als Ziel auswählen - er wird wohl eher auf das dem Betthorn nördlich folgende Gärsthorn aufsteigen. Das Betthorn bietet sich aber gerade
dem Schneeschuhläufer als lohnendes Ziel an.
Der Abstieg nach Brischeru würde wohl wieder mit häufigem Einsinken im tiefen Schnee verbunden sein, vermutete ich auf dem Gipfel. Es ging aber viel leichter als erwartet. Und als ich dann gegen
Schluss doch wieder häufiger einsank, als meinem Wunsche entsprach, hatte ich an einem mässig abfallenden Hang die sensationelle Idee der Entwicklung einer neuen Fortbewegungsart. Ich meinte,
einer leeren Flasche gleich, im weichen Schnee hinunter rollen zu können. Fast hätte ich die neue Technik tatsächlich auch erfunden, wenn ich beim Aufstehen nach fünfzehn Umdrehungen, die sehr
gut von statten gingen, nicht gemerkt hätte, dass sich die ganze Welt nun schnell weiter drehte, und mir im Prinzip sehr übel war. Nach Überwindung dieses Zustandes vorübergender Verblödung wurde
mir krass bewusst, dass mit dieser Methode der Menschheit nicht zu dienen war. Spindeldünne Menschen drehen sich einfach viel zu rasch und müssen schon nach kurzer Zeit mit Übelkeit und Erbrechen
Vorlieb nehmen. Andrerseits wächst die Bedeutung dieser Fortbewegungsmethode mit wachsendem Körperumfang der sie anwendenden Berggänger. Ganz einfach, weil sie weniger rasch um ihre eigene
Körperachse rotieren. Bei ihnen dürfte aber gerade das Gewicht auch beim Abrollen ganz gehörig ins Gewicht fallen. Schlussendlich wird es bei ihnen keine Rolle spielen welcher
Fortbewegungsmethode sie sich bedienen, weil sie in jedem Fall tief einsinken werden.
Der aufmerksame Leser könnte vermuten, dass bei all diesen Eskapaden meine Frau total in Vergessenheit geraten, ja sogar verloren gegangen sein könnte. Dem ist aber nicht so. Noch während sich
meine Hirnzellen wieder neu zu formieren begannen, und ich mich Brischeru von oben näherte, erreichte auch sie diesen malerischen Ort, jedoch von unten. So blieb uns die beruhigende Gewissheit,
dass man sich als Vermählte früher oder später irgendwo im Gelände stets wieder findet.
Der Abstieg von Brischeru war ein Kinderspiel. Trotz rund zehn Zentimeter Neuschnees hätte es beim Abfahren mit Skis nicht zu einem zusätzlichen Vergnügen gereicht. In diesem Jahr liegt halt auf
dieser Höhe nur noch wenig Schnee. Einzig ab Brischeru hoch wären Schneeschuhe sehr dienlich gewesen. Da ich solche nicht besitze, war dies halt meine erste Sommer Bergtour.
Fazit: sicher eine sehr schöne Ausweichtour zu ..., zu ... - weiss nicht, aber sicher zum Ausfüllen der Steuererklärung.












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