Hori, Horu, Geimer Horu, Blindbärgji (12.06.2010)

Merkwürdiges passiert in letzter Zeit. Ich entdecke immer mehr Hörner im Oberwallis, von deren Existenz ich vorher nichts wusste. Dank Fenek bin ich kürzlich auf das zweite Sparrhorn aufmerksam geworden. Ein Bericht von Zaza wies mich diese Woche auf das Geimer Horn hin. Ich hatte von diesem Gipfel vorher weder gehört noch gelesen. Und tatsächlich: ein Blick auf die Karte zeigt ganz klar ein Geimer Horn, und zwar nur drei Kilometer von unserem Haus entfernt. Viel schlimmer noch: in der Gegend gibt es auch noch ein „Hori“, ein „Horu“ und einen „Blindberg“. Wobei das „Hori“ - halte dich fest - nur gerade 1.55 km von unserer Haustür entfernt ist. Und ich wusste nichts davon! - Da bewahrheitet sich wieder mal das Bibelwort „Das Hori auf der eigenen Nase sieht man nicht dafür das Matterhorn in Nachbars Garten“ - oder so ähnlich. Warum also das halbe Oberwallis durchschweifen, wenn das Glück so nahe liegt? - Vielleicht musst auch du ein Auge offen halten und schauen, ob da nicht noch unbestiegene Hörner bei dir herumliegen.


So plante ich halt heute, diese Gipfel mit meiner Frau zu besteigen. So vier Gipfel auf einen Schlag, mit wenig Aufwand ... nicht schlecht für meine Statistiken! Ich äusserte aber gleichzeitig auch schwere Bedenken und sagte, dass mein mir so heiliges Projekt mit diesen Gipfeln doch sehr lächerlich wird. Sie meinte nur: „Was ist kann nicht werden!“ und glaubte, das Thema damit abgeschlossen zu haben. Gekränkt in meinem Bergsteigerstolz stiegen in mir allerlei Gedanken zu „Sein und Werden“, „Sein und Haben“ und „Schein und Wirklichkeit“ auf. Meine innere Auseinandersetzung gipfelte in der Frage, wie sie auch in „Alice im Wunderland“ gestellt wird: „Kann eine kopflose Katze geköpft werden?“, was im Zusammenhang mit meinem Gipfelprojekt heissen mag: „Wird mein Projekt mit der Besteigung dieser Scheingipfel endgültig geköpft oder steigen wir nach dem zu erwartenden vierfachen Gipfelerfolg grösser als je zuvor ins Tal zurück?“. Die Frage schien nur mich zu interessieren. Wissend, dass Ignoranz und Interessenlosigkeit auf diesem Planeten noch lange nicht ausgerottet werden, und dass ihnen schon Erfinder, Weise und grosse Feldherren zum Opfer gefallen sind, zog ich mich völlig in mich zurück und packte den Rucksack mit System.

 

Es wäre schwierig die Tour hier im Detail zu beschreiben, weil sie einen ganz gehörig im Gelände herumreisst. Man überschreitet die Rhonebrücke beim Bahnhof Richtung Naters, hält dann auf die Dorfkirche zu, bevor man die Staldengasse hinauf zur „Bella Vista“ steigt. Für den Rest verweise ich auf die Karte mit GPS Daten.


Zuerst war ich überzeugt, dass die Tour zur absoluten Nullnummer würde. Dann stiess meine liebenswürdige Frau zur Gruppe und wir hatten ganz gehörig den Plausch - sie war ein Stückweit mit dem Auto hochgefahren, weil sie verständlicherweise nicht alle Gipfel gemacht haben musste. Ich hatte in der Vergangenheit Teilstücke der Tour schon oft abgespult, weil es in der Gegend viele Klettergärten gibt. Nur hatte ich eben nie realisiert, dass die Erhebungen „Horn“ heissen. Auch von der SAC Ortsgruppe Siders ist dieser Aufstieg nach Blatten schon angeboten worden. Heute hat uns vor allem die Schönheit der Gegend gefallen - extrem schön! Farbe und Düfte waren wunderbar. Und oft geniesst man einen krassen Blick in die Massaschlucht. Es sind nur noch Wegspuren aus der Vergangenheit sichtbar, so dass man sich hin und wieder etwas durchs Unterholz kämpfen muss. Am Ende war die Wegfindung nicht ganz leicht. Ich sagte mir aber stets: „Wo ein Zaza da ein Weg.“ - Und so erreichten wir schlussendlich Blatten. Während der grande Zaza damals noch auf das Rinderhorn hochgestiegen war, nahm ich auf dem Weg das Blindhorn mit.


Von der Unmöglichkeit Berge zu zählen

 

Um mein Gipfelprojekt nicht irgendwie zu desavouieren, zähle ich die vier Berge nur als einen einzigen. Ich glaube, dass dies vom Aufwand - die Tour dauerte etwas mehr als fünf Stunden - ein guter Kompromiss ist.


Und überhaupt stosse ich in meiner Statistik der von Brig aus bestiegenen Berge immer wieder auf Probleme. Zuerst zählte ich nur Berge und Hörner - den Gross Huwetz und die Bella Tola habe ich also nicht gezählt. Dann war ich auf dem Spitzhorli, auf dem Horu, dem Hori und den Horlini - das Spitzhörnli hatte ich um zwanzig Meter verpasst. Nach einigem Hin und Her entschied ich, auch diese in die Statistik aufzunehmen. Im Grund sind es ja auch Hörner und unter Umständen nicht einmal kleine. Dann kamen die Italiener und Franzosen hinzu - Monte, Pizzo, Punta und Mont. Wenn ich die nicht zählen will, muss ich gar nicht mehr nach Italien laufen, dort gibt es nämlich keine „Berge“. Zähle ich „Pizzo“, ist es aber nur logisch auch „Spitze“ zu zählen. Den Tunnelspitz habe ich damals, als ich „Pizzo“ und „Spitze“ noch nicht zählte bestiegen, also zählte er nicht. Will er Aufnahme in meine Statistik finden, muss ich ihn logischerweise jetzt, da ich „Pizzo“ und „Spitze“ zähle, nochmals besteigen. Ein beträchtlicher Aufwand! Dann war ich auf dem Dom - offensichtlich kein „Berg“ und auch kein „Horn“. Ihn nicht zählen, wäre ja blöd, ist er doch der höchste von allen. Damit fanden die 4000er Aufnahme in meine Statistik. Wenn ich jetzt das Hori, das Horu, das Geimer Horu und das Blindbärgji alle einzeln zählen würde, würde ich sie über das fast bestiegene Matterhorn setzen. Dieses wäre bestimmt erzürnt und würde sich mir einer eventuellen künftigen Besteigung sicher total entziehen. Du siehst: ein nie enden wollendes Problem. Und dabei habe ich mir noch gar keine Gedanken über den Rebberg vor unserem Haus gemacht - oder über den „rasch schmelzenden Schuldenberg“, von dem gestern im „Walliser Bote“ zu lesen war.


Noch ein Nachtrag zum traurigen Thema „Sterben in den Bergen“


Wir Walliser sagen: „Er ist am Aletschhorn tot geblieben“ (Beispiel). Ich habe schon Leute getroffen, die dies irgendwie lustig fanden. Sie stellen sich das wohl so vor: er ist verunglückt, dabei gestorben, eine Zeitlang tot gewesen, und dann nicht zum Leben zurück gekehrt sondern eben tot geblieben. Das sind halt die Sprachfinessen. „Tot bleiben“ ist ein idiomatischer Ausdrück.
Zwietracht säen - Spott ernten - Farbe bekennen ... sind andere. Vor allem im Englischen gibt es viele Idioms mit „to do“ und „make“ - do your homework, make friends
Schlusstest - unterstreiche die idiomatischen Ausdrücke:
- Zwietracht säen, Zwieback essen, zwischen den Zeilen lesen
- Spott ernten, Tomaten ernten, Applaus ernten
- Einen Bericht lesen, im Kaffeesatz lesen, Obst lesen

 

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