Breithorn Simplon (14.01.2012)
Zu meinem 57.5-ten Geburtstag haben wir heute das 3438 Meter hohe Breithorn auf dem Simplon bestiegen. Das Breithorn bietet vieles, was man sich wünschen kann - ein 1433 Höhenmeter umfassenden Aufstieg, eine spannende Weitsicht nach Italien, stiebende Pulverschneeabfahrten, Sonne, Wind und Kälte mit daraus resultierenden schmerzenden Extremitäten. Es präsentiert sich bei jeder Besteigung anders. Wohl darum besteigt man es immer wieder. Vom Breithorn hat man nie genug. Heute stand ich, seitdem ich alles aufschreibe, zum 35. Mal auf dem Gipfel - ein kleines Jubiläum. Dies ist nicht nennenswert, als Direkt-Betroffener nennt man es aber dennoch gerne. Viel eindrücklicher war, was mein Begleiter (schon wieder ein Lehrerkollege) heute geschafft hat: nach 22 Minuten und 22 Sekunden schaute er auf die Uhr, und wir waren genau 2222 Meter über Meer. Dies lässt vermuten, dass mein Kollege (aus Langweile oder einem anderen Grund) ständig, und vor allem im richtigen Augenblick, auf die Uhr schaut. Dem ist aber nicht so, und ich kann dies hier bestätigen: die ganzen Schnaps-Zahlen waren nichts als Zufall, der reine Zufall.
Am Breithorn habe ich schon so viel erlebt. Ich würde es heute gerne hier niederschreiben, wenn ich nur nicht zu bequem wäre. Daher nur so viel:
Einmal habe ich es viermal, einmal dreimal, einmal zweimal und heute einmal auf Skiern am gleichen Tag bestiegen. Das mit den vier Besteigungen war vor fast schon zehn Jahren - ich war damals noch gefühlte 33,33 Jahre jünger. Das Breithorn war auch mein letzter Berg vor meinem dreijährigen Aufenthalt im fernen und vor allem berglosen Sambia.
Hinten ist der Monte Leone, der von uns seltener begangen wird. Man sieht doch sehr gut die Krümmung der Erde (oder wenigstens von Italien). Dies lässt vermuten, dass Galileo mit seiner Idee von der Kugelform der Erde wohl nicht ganz so falsch hatte. Das würde aber heissen, dass mein Kollege auch irgendwie mit den Füssen an der Erde hängt, und sein Kopf nach unten hängt. Warum fliesst aber dann das Getränk in der Tasse nicht heraus und ihm ins Gesicht und unter den Helm. Das Getränk ist übrigens Sirup mit heissem Wasser, das wir in unserer Familie schon jahrelang gerne trinken.
Ich habe gesagt, dass sich dieser Berg fast jedes Mal anders präsentiert. Heute hat er sich tatsächlich so präsentiert, wie ich es noch nie erlebt habe. Dass es - wie heute - auf dem Breithornpass stürmt, als ob es einem gleich die Nase abfrieren würde, und dass es auf dem Gipfel dann plötzlich recht warm ist, gehört zur Normalität. Auch dass der Schnee total garstig, vom Wind gepresst und bis auf das Gletschereis erodiert, von Wurmlöchern durchsetzt und von allerlei sinnlosen Furchen beschädigt ist, trifft man hier immer wieder an. Je nach Verhältnissen kann die Abfahrt mühsamer als der Aufstieg, und der Aufstieg glatter als eine Eiswand sein. Heute merkte man bald einmal, dass das Sturmtief „Andrea“ dem Berg ganz gehörig zugesetzt hatte. Mir war, als würde ich nach all den vergangenen Besteigungen gewisse Passagen gar nicht mehr erkennen. Was früher noch schön eben und lockeren Schrittes zu bewältigen war, war heute mit riesigen Schnee Wechten verziert. Auf dem Pass oben, musste man sich festhalten, um nicht abzugleiten und irgendwo im italienischen Tiefland zu verschwinden. Die Abfahrt schlussendlich war gar nicht so schlecht - jedenfalls war sie viel besser, als man nach all den Leiden während des Aufstiegs noch vermuten musste. Das Abfahren über die harten und durchsetzten Hänge gestaltet sich sicher leichter, wenn man einen richtigen alpinen Ski unter den Füssen und nicht einen dieser extrem leichten Karton Ski, den man in Rennen zu tragen pflegt. Mein Kollege, ein weiterer Patrouilleur des Glaciers aus unserem Lehrerkollegium, hatte einen solchen Ski, wobei er damit sehr gut zurecht kam.
Eben, ich war wieder mit einem Patrouilleur und zudem Gigathlet unterwegs. Und dass kann schon Grund genug zu beträchtlichen Sorgen und Ängsten sein. Wenn man sieht, wie die sich sonst Bergflanken hochschlängeln und regelrechte Eiswände hochwuchten, kann es einem schon ganz bange ums Herz werden. Jedenfalls hatte ich ständig das Gefühl, dass es D. auf dieser Tour mit mir totlangweilig sein würde, dies umso mehr, als ich mir wie die Schneckenpost vom Simplon von anno dazumal vorkam. Blöderweise hatte ich tags zuvor noch einen Film über Leoparden angeschaut. Diese können so schaurig schön gähnen und ihre vier Reisszähne zeigen, und man weiss nie so recht, ob es ihnen nun langweilig ist, oder ob sie einen gleich in den Hintern beissen werden. Diese Vorstellung von einem Biss oder wenigstens Stockschlag von hinten half mir, die letzten Reserven zu mobilisieren, um den Gipfel dann doch noch zu erreichen. Das zeigt wieder einmal, dass solche Bergtouren eine rein mentale Sache sind, und mit den richtigen Bildern im Kopf schafft man es fast überall hoch. Mein Tipp also: Stell dir auf der nächsten Tour vor, oben warte eine Banane oder Badenixe auf dich, oder von hinten folge dir ein Leopard oder ein gelangweilter Gigathlet, der es unbedingt in einer für dich unvorstellbar kurzen Zeit bis auf den Gipfel schaffen möchte.
Letztes Mal war ich ja mit meiner leichten Ausrüstung am Berg unterwegs. Vielleicht weisst du, dass ich alles unternommen habe, um meine leichteren Schuhe, die mich immer drücken und reiben, irgendwie fussfreundlicher zu gestalten. Schlussendlich hatte ich zum Messer gegriffen und sämtliche Polsterung herausgeschnitten. Je nach Tag und Tour schmerzen mich die Schuhe noch jetzt - einfach weil der Innenschuh immer noch zu gross ist. Alles Wegschneiden und Auswuchten scheint nichts zu nützen. Schlimmer noch: Jetzt, nachdem ich den leichten Schuh mit dem Messer meinem Fuss angepasst habe, schmerzt mich plötzlich auch der alte, schwere Schuh, der mir vorher jahrelang so gute Dienste geleistet hatte. Da muss doch etwas faul an der ganzen Geschichte sein, oder kommunizieren Schuhe, die im gleichen Gestell aufbewahrt werden, vielleicht miteinander? - Zu vermuten ist es.
Fazit: Das Breithorn ist im Moment nicht zu empfehlen. Der Wind hat da einfach zu stark gewütet. Jedenfalls werde ich nicht sogleich da zurückkehren.













