Lötschentaler Breithorn (14.07.2010)

War das wieder eine schöne Geburtstagstour! - Mit PR habe ich das Lötschentaler Breithorn bestiegen. Das Lötschentaler Breithorn ist einer jener Gipfel, die vom Zimmer, in dem ich vor 56 Jahren in Staldenried geboren bin, sehr gut sichtbar ist. Ich erinnere mich sehr gut an jenen 14. Juli 1954. Es war kurz nach neun Uhr morgens, als ich im Kreise meiner Familie das Licht der Welt erblickte. Meine erste Aufmerksamkeit galt der unmittelbaren Umgebung. Die Hauseinrichtung war okay für die damalige Zeit. „Coooool, eine Küche mit fliessendem Wasser!“ - dachte ich mir. Keine Selbstverständlichkeit in der damaligen Zeit. „Auch Vater und Mutter sind ganz flotte Leute.“ - sagte ich halblaut. Ich war rundum glücklich an jenem Mittwoch. Und dann kam das, was kommen musste. Nachdem alle Formalitäten mit Geburtsurkunde und dergleichen geregelt waren, und wir uns schnell auf den Namen Eugen A. Brigger geeinigt hatten, ging mein Blick das nordseits gelegene Fenster hinuas und fiel direkt auf Bietsch-, Wiwanni-, Stock- und Lötschentaler Breithorn. Ich wusste direkt, dass es nur dies war, auf das ich neune Monate lang gewartet hatte. In diesem Moment war ich geprägt für ein Leben lang, so wie eben ein Kückchen auf eine Henne, oder versuchshalber auf ein Plüschtierchen, für den Rest seines Lebens geprägt wird. Mein erstes Lallen, obwohl für die Anwesenden noch total unverständlich, beinhaltete nur noch dies: Da will ich einmal hoch, koste, was es wolle, und: je früher desto besser. Bietsch-, Wiwanni- und Stockhorn habe ich in der Vergangenheit zum Teil schon mehrere Male bestiegen. Fehlen tat noch das Lötschentaler Breithorn. So war ich denn sehr froh, von meinem Bergkameraden PR eine Einladung zu diesem Gipfel bekommen zu haben, um eben einmal von da oben herunterschauen zu gehen.

 

Und wieder war es Mittwoch. Nur mit dem Timing stimmte es nicht ganz, und zwar, weil wir zwischen Gredetschjoch und Breithorn derart viel Zeit und Energie mit Stapfen im tiefen Schnee verloren hatten, dass wir nicht genau 56 Jahre nach meiner Geburt auf dem Gipfel ankamen sondern mit einer Verzögerung von rund einer Stunde. Wenn auch einige Nebelschwaden das perfekte Gipfelerlebnis verhinderten, war ich doch sehr glücklich, und ich verzichtete wieder einmal gerne auf all die Festivitäten, die jedes Jahr in ganz Frankreich in Erinnerung an dieses denkwürdige Ereignis abgehalten werden.


Wie die meisten anderen Touren war auch diese die schönste, die ich je unternommen hatte. Mein Kollege hatte um drei Uhr früh Morgenessen in der Baltschiederklause, und dann ging es lange und über unzählige Steine im Schein der Stirnlampe hinüber an den Fuss der Baltschiederlicka. Viele Steinmännlein erleichtern dem schlaftrunkenen Bergsteiger die Orientierung. Die rund hundert Meter Kletterei hinauf zu Lücke sind mit Eisentritten, Kabeln und Seilen sehr gut abgesichert und darum unproblematisch. Auch der Abstieg auf der anderen Seite geht ganz ordentlich. Und dann folgt halt ein Gletscher mit vielen Spalten, die aber die meisten zu dieser Zeit noch gut mit Schnee bedeckt sind. Man holt gemäss Literatur am besten weit zum Nesthorn hin aus. Das Gredetschjoch ist auch nicht mehr das, was es eins wahr. Auf der Karte gehen Firn und Eis noch bis ganz hoch. Heute muss man einen mühsamen Aufstieg über brüchigen „Fels“ in Kauf nehmen. Rund hundert Meter sind kletternd zu überwinden. Und dann geht es wieder lange über den Gletscher zum ersten Gipfel des Breithorns hinüber. Wir versinken im Schnee und schwitzen wie die Indianer. Lange sind wir der Meinung, es handle sich um den angestrebten Hauptgipfel, bis wir nicht ohne Freudentränen feststellen müssen, dass das Ziel erheblich weiter hinten stolz gen Himmel erhebt. Den ersten Gipfel erreicht man am besten auf dem Grat ganz links. Auf dem Rückweg ist man immer schlauer.


Das absolute Dessert an diesem Tag war natürlich der lange Weg den Gredetschgletscher hinunter und das Gredetschtal hinaus. Das der Gletscher mit Schnee bedeckt ist, erleichtert die Sache gewaltig. Ich möchte da nicht mit Steigeisen absteigen müssen. Das Tal ist breiter und länger, als man von oben herab vermutet. Links und rechts geht es sehr steil bergan. In diesem Tal bestimmen zur Sommerszeit Schafe und Ziegen, was Brauch und Ordnung ist. Hütten gibt es kaum, Menschen auch nicht. Man bedauert, die Schönheit und Eigenart der Gegend nicht länger geniessen zu können. Müdigkeit und Zeitdruck verhindern ein intensiveres Naturerlebnis. Später kommen wir an einer Hütte vorbei, die ganz in Stein gehauen ist, zum Teil unter einem Felsen gebaut wurde. Dem Vernehmen nach wurde sie schon um 1500 von Schafhirten bezogen. Hier werden wir reichlich mit Bier beschenkt, und wir können damit wertvolle Vitamine für den weiteren Verlauf der Reise aufnehmen. Wie schön es doch immer wieder ist, echte Gastfreundschaft zu erleben.


Am Schluss folgt noch der lange Tunnel Richtung Mund. Schon beim Einstieg sieht man das weit entfernte Tunnelende. Im Leben ist mir lieber, das sprichwörtliche Tunnelende erst gar nicht zu sehen. Schön ist es, wenn man es lange nicht sieht, es dann plötzlich und unverhofft auftaucht. Und schon ist man durch.


Der Anmarsch von Brig über Brigerbad, Eggerberg und Egga bis zur Baltschiederklause hinauf hat mir gut gefallen, auch wenn es beim Einstieg ins Tal hiess „Stirnlampe montieren“. Ich wandre unter einem makellosen Sternenhimmel, der mir einmal mehr zeigt, wie klein doch vieles im Leben ist. Allein schon die Gorperie, eine uralte Wasserleite, bietet genug Spektakel. Vielfältig sind die Geräusche des emsig dahinfliessenden Wassers, und in der Tiefe tost der Wildbach. Der Weg ist mal breiter, mal schmäler und meist ausgesetzt und führt durch viele Stollen, in denen man sich gehörig bücken muss.


Vor einem Jahr ist hier eine Wanderin tot aufgefunden worden. Später passiere ich die Stelle. Claudia ist hier gestorben. „Claudia, du bist immer bei uns“ steht geschrieben. Viele in der Nacht hell leuchtende und funkelnde Falter sind am Weg und weiter oben angebracht worden. Sie verbreiten eine sehr intensive Stimmung an diesem Ort des Abschiednehmens. Eigenartig werde ich zu dieser nächtlichen Stunde berührt. In der Folge fühle ich mich lange eins mit der toten Wanderin.


Von mir angesagte Zeit für die Strecke Brig - Baltschiederklause: 6 Stunden - erreichte Zeit: 6 Stunden und 4 Minuten. Der Schlussaufstieg zu Hütte hat sich gehörig in die Länge gezogen. Eine halbe Stunde vor Erreichen meines ersten Zieles werde ich von der Hüttenkatze begrüsst. Weit unterhalb der Hütte scheint sie auf Abenteuer zu lauern. Oder geniesst sie nur den zauberhaften Sternenhimmel?


Der Hüttenweg hat es in sich. Er ist auch seiner Länge wegen bekannt. Lohnend ist er aber auf alle Fälle, denn er führt durch eines der wildromantischsten Täler, die man sich vorstellen kann. Als ich mit 41 noch ledig war, hatten meine Jahrgänger vom Dorf plötzlich die glänzende Idee, dass jeder der oder die mit 40 noch nicht verheiratet sind, ein Nachtessen spendieren müsse. „Absolut kein Problem!“ erwiderte ich und lud die ganze Gruppe zu einem Essen in der Baltschiederklause ein. Vier oder fünf nahmen die Herausforderung an, keiner erreichte das Ziel, alle kehrten wir schon nach rund drei Kilometern auf. Dies ist der sportliche Ehrgeiz unserer Nation. Seither weiss ich immer, was ich aufs Spiel setze, wenn es zu wetten gilt.


Auf der Baltschiederklause war ich schon einige Male. Jetzt ist sie aber sehr schön umgebaut worden. Ein Juwel in den Bergen! Damals gab es bei der Ankunft jeweils einen Begrüssungsaperitif. Diesmal offerierte mir der sympathische Hüttenwart ein wunderbares Morgenessen, das mich den ganzen Tag über stärkte. Vielen Dank! - Und: Baltschiederklause, ich komme bestimmt wieder, denn schöne Berge warten dort.

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