Brudelhorn und Teltschehorn (18.03.2010)

Das Brudelhorn ist ein bekannter Skiberg im südlichen Obergoms. Die Tour beginnt in Geschinen beim Bahnhofshäuschen auf 1340 m ü. M. Der erste Teil des Aufstiegs findet in einem dichten Nadelbaumwald statt. Später geht es über offenes Gelände bis auf den Gipfel. 1450 Höhenmeter sind zu überwältigen. Besondere Schwierigkeiten gibt es keine. Die genaue Route hier näher beschreiben zu wollen wäre Wasser in den Rotten gegossen, denn du wirst am Brudelhorn bestimmt zu jeder Winterszeit eine gut ausgetretene Spur vorfinden. Und solltest du zu jenen Draufgängern gehören, die einen solchen Berg von unten nach oben zu spuren gewillt sind, benötigst du wohl keinen Tourenbeschrieb.


Vor Erreichen des Gipfels habe ich weit nach links ausgeholt. Ich wollte damit jedes Schneebrett Risiko vermeiden. Zudem folgte ich der bequemen breiten Spur. Damit war ich dem Teltschehorn fast bis auf Schneeballwurfweite nahe gekommen. Ich habe es jedoch nicht bestiegen, weil vorher während Stunden ständig nur das Brudelhorn in meinem Kopf gewesen war. In diesem Augenblick noch sah ich das Teltschehorn nur als unbedeutende und sich nicht lohnende Erhebung an. Erst auf dem Brudelhorngipfel wurde mir bewusst, dass das Teltschehorn eigentlich ja auch ein „Horn“ ist und damit voll und ganz in meine Statistik passt. Also beschloss ich ächzend und krächzend, das Teltschehorn doch noch zu besteigen. Was hiess, die inzwischen fein säuberlich versorgten Felle nochmals auspacken und montieren und so weiter und so weiter. Was tut man nicht alles für seine Statistiken! In meiner Logik ist halt das Teltschehorn nicht weniger viel wert als das Matterhorn. Beides sind Hörner und damit basta ... und man überwindet seine Müdigkeit.


Beim Aufstieg überraschte mich der viele Schnee, und ich freute mich auf eine schöne Abfahrt. Nun ist aber nicht zu vergessen, dass es sich heuer beim Märzschnee noch mancherorts um den ersten Winterschnee handelt, und dass dieser in der Zwischenzeit wegen der Kälte extrem umgewandelt worden ist. Somit muss es nicht überraschen, dass wenig aus einer stiebenden Pulverschneeabfahrt wurde. Die Verhältnisse sind zum Teil sehr heimtückisch. Man macht ein paar tolle Schwünge und wumm sinkt man bis auf die Alpenrosenebene ein. Unten im Wald war der Schnee dann sehr feucht und schwer. Ich kann aber sagen, dass mit dem nötigen Ball- oder besser: Skigefühl doch eine schöne Abfahrt möglich war. Dies immer in Anbetracht der in der Zwischenzeit einigermassen grossen Müdigkeit einiger Körperpartien.


Ich ziehe nur noch unter drei Bedingungen in die Berge: das Wetter muss schön sein; die Lawinengefahr darf nicht mehr als „mässig“ sein; und ich muss frei haben. Mit fortschreitendem Alter wird man vorsichtiger. Und schon bin ich wieder ein Jahr älter geworden. Kaum zu fassen - ich bin ja gerade letztes Jahr ein Jahr älter geworden und auch im vorletzten, und jetzt heuer schon wieder! Was ist nur los mit mir?

 

Am Abend vor meiner Tour sagte ein bekannter Schweizer Politiker, der jedoch nicht meiner "Bergpartei" angehört, am Fernsehen: "Wir lehnen dieses Gesetz ab, ab, ab." - Wohl darum war heute ständig in meinem Kopf: "Bei wumm kehre um, um, um." Es machte aber nie "wumm", und darum kehrte ich nicht um, um, um.


An schlafen war auf dieser Tour wieder nicht zu denken. Ich bin quasi die ganze Nacht im Goms unterwegs gewesen. Es hat sich aber schon gelohnt. Das Goms ist eine wunderschönes Tal. Die kleinen Dörfer mit den zierlichen Häusern und den nachts beleuchteten Kirchen und Kapellen sind weit herum bekannt. Was den Flachländler überraschen mag, ist der tiefe Winter, der hier noch herrscht. Ein Geheimtipp ist der Bahnhof in Münster mit seinem geheizten Wartesaal. Dort konnte ich mich gut erholen und aufwärmen. Bin sogar ohne Schafe zu zählen kurz eingeschlafen. Wenn ich daheim nachts nicht schlafen kann, weil ich an irgendeine Tour denke, so zähle ich in der Regel Schafe. Mein Rekord liegt bei 11‘254 - oder war das etwas anderes? Wie mancher Walliser habe auch ich als Kind noch Schafe gehütet. Schafhirte haben ein grosses Problem: wenn sie abends ihre Herde zählen müssen, schlafen sie immer wieder ein und müssen immer wieder von vorne anfangen. Haben damit nie Feierabend.


Es ist dies nun meine sechzigste Tour innerhalb meines Projektes gewesen. Schon lange habe ich die schönen Nächte lieben gelernt. Fast alles schläft, und ich habe die ganze Gegend und vor allem den schönen Nachthimmel zu meiner Verfügung. Diesmal bin ich ein paar Strecken weit entlang des Bahngeleises der MGB geschritten. Mitten in der Nacht war da wohl kein Zug zu vermuten. Und wäre da einer gekommen, er hätte mich kaum gestört, denn derart tief war ich in meine VOA Podcasts vertieft. Blödsinn! - mein neuer Kopfhörer funktioniert nur auf einem Ohr. Die Aufmerksamkeit des anderen Ohrs gilt immer voll und ganz den Geräuschen der Nacht.

Datum 18.03.2010
Weglänge 41 km
Höhenmeter 2277
Marschzeit 14:57

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