M. Cauille, Pointe de la Vatse, M. Loéré, M. Rouge, M. Carré (26.07.2011)

Die Namen der von mir bestiegenen Berge lassen vermuten, dass sie weit weg sind. Und tatsächlich scheitere ich schon beim ersten, denn ich schaffe es nicht, seinen Namen korrekt auszusprechen. Es muss sich um ein Wort aus dem Patois handeln.

 

Es war dies wieder eine Tour wie aus Tausendundeiner Nacht. Wobei ich selber nicht genau weiss, was das heisst. Aber es war jedenfalls so.

 

Zur Einleitung aber vorerst etwas anderes.

 

Kürzlich fand ich einen Zettel auf meinem Schreibtisch mit dem vielsagenden Satz: „Mein Mann hat einen Waschbärbauch.“ Empört und enttäuscht darüber, dass es da jemand wagte, sich über rein Äusserliches lustig zu machen, warf ich den Zettel wutentbrannt in meinen Zettelkasten. Ich würde darauf zurückkommen. Inzwischen haben sich die Wogen etwas geglättet, und nach langem Nachdenken bin ich zur Auffassung gelangt, dass es sich beim erwähnten Satz um einen Schreibfehler gehandelt haben muss. Wer würde es sich auch erlauben, über ein bergsteigerisch derart relevantes Thema Sprüche zu klopfen. Der Autor wollte also wohl sagen: „Mein Mann hat einen Waschbrettbauch“. Wie doch nur schon kleine Wortverdreher die ganze Welt verändern können. Tatsache ist ja, dass ich gerade wegen meines Waschbrettbauchs nicht gerne in Schwimmbäder gehe. Da dort alle mit einem Waschbärbauch herumlaufen, falle ich mit meinem Waschbrettbauch nämlich höllisch auf. Wobei direkt beizufügen ist, dass ein Waschbärbauch beim Schwimmen enorme Vorteile hat - man schwimmt sozusagen von selber auf der Wasseroberfläche. Andrerseits sind Leute mit Waschbrettbauch fast schon zum Voraus zum Untergehen verurteilt. Als quasi Nicht-Schwimmer liegt es mir eigentlich fern, mich hier über diese Freizeitbeschäftigung äussern zu wollen - mir geht es vielmehr um das Thema „Mit einem Waschbärbauch in der Walliser Bergwelt unterwegs“. A priori würde man vermuten, dass der mit einem Waschbrettbauch gesegnete Berggänger von einigen Vorteilen profitieren kann. So ist es für ihn sicher leichter, seinen Körper zu Fuss vom Bahnhof Brig bis Bramois im Unterwallis und von dort hinauf nach Vex zu befördern. Dies ist übrigens der erste Abschnitt meiner hier beschriebenen Tour. Am Berg selber merkt der bis zu einem Waschbrettbauch abgemagerte Alpinist aber schnell, dass nicht nur im Schwimmbad sondern auch hier in dieser im Grunde lebensfeindlichen Umgebung ein Waschbärbauch durchaus von Vorteil wäre. Was wohl gut aussehen mag (Waschbrettbauch) gibt halt im entscheidenden Moment, wenn es darum geht, neue Energiereserven anzuzapfen, nichts her. Darum sind erstere (Leute mit Waschbrettbauch) trotz ihres furchtbaren Aussehens eigentlich überall im Vorteil. Nachdem ich das Thema schlussendlich auf eine für mich stimmige Art erledigt hatte, konnte ich auch den vorgefundenen Zettel der Altpapiersammlung zuführen. Der Umwelt zu Liebe habe ich es mir schon lange angewöhnt, bei solcher Gelegenheit alles mit Bleistift Geschriebene sauber auszuradieren und das Gedruckte fein säuberlich mit Korrekturflüssigkeit zu übermalen.

 

Wer sich das Gebiet meiner Tour irgendwie wandernd erschliessen möchte, kann mit dem Postauto nach Thyon 2000 fahren und dort losmarschieren. Von da weg, gibt es tausend Möglichkeiten.

 

Wer es lieber etwas gemütlich nimmt, kann meine Tour auch auf der Karte unten nachgehen. Mit der UFO-Funktion hast du die Möglichkeit, ohne grosse Anstrengung virtuell und mit frei wählbarer Geschwindigkeit durch die schöne Gegend zu wandern.

 

Wie alle meine Touren habe ich auch diese äusserst seriös vorbereitet. Wissend, dass es bis zum Aufstieg nach Vex 52 Kilometer waagerecht das Wallis hinunter gehen würde, habe ich vorgängig vor allem auch das Laufen in der Ebene trainiert. Und dies kann man in unserem gebirgigen Kanton, wo es kaum eine flache Wegstrecke gibt, halt nun mal nicht trainieren. Darum sind wir - wieder als Vorbereitung für diese Tour - für ein paar Tage in die Oberpfalz gezogen. Die Gegend da ist sehr anmutig und beschaulich und animiert einen zum Wandern und Joggen. Ich liebe die weiten farbigen Kornfelder, die sich weit über sanfte Hügel dahinziehen, die saftigen, tiefgrünen Wiesen, die weitläufigen Wälder und den blauen Himmel mit den sich manchmal hoch auftürmenden Quellwolken. Überall lädt die Gegend zum Verweilen und Meditieren ein. Man schaut lange in die Ferne und überlegt, in was für einer Steinwüste man doch sonst im Wallis lebt. Und doch gibt es auch dort in diesem fast unendlichen Gebiet, wo sich jeden Abend Fuchs und Hase noch „Gute Nacht“ sagen, und wo einsame Mähdrescher stundenlang über nie enden wollende Felder vor sich hin brummen, und doch gibt es auch dort Momente, wo der Bergler an seine geliebten Berge denkt. Aus tiefer Innbrunst schreit er dann seinen Weltschmerz hinaus und stellt mit Erstaunen fest, dass es dort in der Fremde gar keinen Widerhall gibt. Dies sind die Augenblicke, wo das Herz mit nie gekannter Intensität und jede Faser deines Körpers mit grosser Kraft nach dem schreit, was da nur helfen kann, einem Bier. Mein Gott, haben die da Biersorten - tausende! - Und das Bier ist nicht einmal teuer. Man kann es billig in einem der vielen Einkaufszentren gleich kastenweise erstehen. Ich kann es mir nicht erklären, warum einem das Bier gerade in Bayern so gut schmeckt. Ich bin ja nicht gerade d e r Biertrinker, und doch wird man mich da draussen oft mit einer solchen Flasche antreffen. Um nicht gerade total abhängig zu werden, liess ich es mit neun Tagen Oberpfalz bewenden. Und - zur Abgewöhnung - habe ich eine Flasche Bier auf die Zugsreise mitgenommen. Sie schmeckte überhaupt nicht! War wohl im Pendolino und hätte einen Teller Spaghetti essen sollen.

 

Es sei klargestellt, dass ich in der Oberpfalz schon auch einige Kilometer weit gejoggt bin. Habe in Weiden sogar neue Joggingschuhe erstanden, die mich diesmal auf der ganzen Tour begleitet haben. Ich habe also eine Tour gemacht, die keine technischen Probleme aufweist. Wie gesagt: bei den fünf Gipfeln handelt es sich um Wanderberge. Dank meines Trainings in Deutschland konnte ich die ersten dreissig Kilometer, das heisst: bis Leuk, durchjoggen. Später ging es etwas harziger. Wie immer auf solchen Touren ist man froh, wenn es dann endlich bergauf geht.

 

Tiergeschichten

 

Keine Tour, auf der man nicht irgendwelche interessante Geschichten mit Tieren erlebt. Diese Geschichten versuche ich dann immer möglichst genau in meinen Tourberichten wiederzugeben. Nach vielen leblosen, oder besser gesagt: reglosen, Katzen, die mich vom näheren oder ferneren Strassenrand aus in der Nacht beobachteten, stolperte ich auf der Höhe von Granges endlich über etwas Interessanteres, nämlich einen ausgewachsenen Dachs. „Wieder eines dieser genmanipulierten Tiere!“ - ging es mir durch den Kopf, weil der Kerl mitten auf der von mir benutzten Nebenstrasse zu übernachten schien. Nachdem auch er realisiert hatte, dass es sich bei mir um einen Wanderer mit festem Ziel im Kopf handelte, machte er sich schleunigst davon, blieb dann aber noch lange im Scheine meiner Stirnlampe am Ende der Strassenböschung stehen. Erst jetzt stellte ich fest, dass es sich beim Dachs um nichts mehr aber auch um nichts weniger als um einen ganz normalen Dachs handelte. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass er einen ganz niedlichen Eindruck machte. Wir schauten uns noch eine Weile verträumt an, bevor ich die Szene mit bestimmten Schritt verlies. Kurz später kreuzte sich mein Weg mit dem eines anderen Tieres. Der Kerl kam auf mich zu, machte Kehrtwendung und schien immer noch nicht kapiert zu haben, dass ich ich war. Aufgrund seines Bewegungsmusters - die nassen Fussabdrücke zeichneten sich im Mondschein sehr gut auf der Asphaltstrasse ab - tippte ich auf Fuchs, Luchs oder Panther. Erst nachdem ich meine Stirnlampe angezündet hatte, musste ich feststellen, dass die anfänglich noch vermutete Ähnlichkeit mit den erwähnten Tieren doch nicht so gross war, dass es sich ganz im Gegenteil um einen relativ grossen Marder handelte. Ein Wiesel war es auf alle Fälle nicht. Frappant ist jedoch, wie sich alle Wirbeltiere im Grunde in der Nacht doch sehr ähnlich sind. Die vierte bei uns ab und zu noch freilebende und von mir in dieser Nacht getroffene Tierart, die sich vorerst nur hören und nicht sehen liess, war nichts besonderes, ein Hund. Nun war ich schon in vollem Aufstieg nach der Ortschaft Vex begriffen. Das Bellen und Kläffen widerhallte derart stark von den mich umgebenden Felswänden (übrigens ein bekanntes Klettergebiet), dass ich mir fast überlegte, die Tour an Ort und Stelle abzubrechen - und dies immerhin nach nicht weniger als 52 hinter mich gebrachten Kilometern. Kurz darauf besann ich mich eines Besseren, denn es gelang mir, einen da liegenden Baum eines gut armdicken, dürren Astes zu entledigen und mich damit für die zu erwartenden kommenden Ereignisse auszurüsten. Bei diesem Manöver agierte ich derart ungeschickt, dass ich rückwärts auf meinen Wertesten fiel und dabei fast mein Genick gebrochen hatte. Wieder auf zwei Beinen war ich sehr froh, dass meine neuen Laufschuhe bei diesem Zwischenfall keinen Schaden genommen hatten, und dass am ganzen Körper nichts gebrochen war. In solchen Momenten wird dem Menschen klar, wie gut gefertigt doch die modernen Textilien sind, und an welch dünnem Faden doch unser aller Leben hängt. Und schlimmer noch: es besteht durchaus die Möglichkeit, dass man dereinst eines banalen, ja sogar lächerlichen Todes stirbt. Wäre das für den Betroffenen nicht sehr peinlich? Nun einem Waldarbeiter ähnelnd setzte ich meinen Aufstieg vor. Wenn das Bellen jetzt auch lauter und näher tönte, so begann ich doch allmählich, mich daran zu gewöhnen. Stattdessen kam eine andere Furcht in mir auf Was, wenn jetzt ein Förster des Weges käme und mich der Entwendung von Holz aus dem Bürgerwald bezichtigen würde? - War ich dann froh, den gehörten Hund eingangs Vex in einem extra stark gefertigten Gehege vorzufinden. Zusätzlich war er auch noch mit vier Ketten an einem dicken Baum angeheftet. Wieder einmal musste ich spöttisch über die Hundebesitzerin lachen, deren Hund mich vor rund zwei Monaten gebissen hatte, und die mich fragte, ob ich denn Hunde nicht liebe, oder ob ich ein gespanntes Verhältnis zu ihnen hätte. Ich trug den schweren Ast noch acht Kurven weiter hoch und war froh, auch dieses Ereignis heil überstanden zu haben. Heute bin ich der Meinung, dass ich dank des schweren Astes die hundert Leistungs-Kilometer-Grenze auf dieser Tour gebrochen habe - ohne Ast sind es nur gut 98.

 

Vex, das ich vor sieben in der Früh erreichte, wird mir als das Dorf in guter Erinnerung bleiben, in dem der Dorfladen und mindestens ein Restaurant zu früher Stunde schon offen sind. Auf dem kurzen Strassenstück vor dem Dorfeingang kamen mir sehr viele Autos mit zum Teil übersetzter Geschwindigkeit entgegen. „Alles Staatsangestellte!“ - vermutete ich. Man sieht es ihren fröhlichen Mienen an, dass sie sich schon auf dem Weg zur Arbeit regelrecht auf das Schreiben und Versenden von gesalzenen Steuerrechnungen freuen. Man darf es ihnen nicht verargen, dass sie nicht versuchen, in den Bergen mit Pilz- und Beerensammeln, oder meinetwegen mit Schaf- und Ziegenzucht, zu überleben, sondern dass sie dem die flotten Jobs in der Stadt vorziehen.

 

Später gibt das Val d’Hérémence den Blick auf die gewaltige Staumauer der Grande Dixence frei. Schon dieses Blickes wegen hat sich die Tour gelohnt. Hier (http://www.grande-dixence.ch/) kann man mehr über das Bauwerk lesen. Die Mauer ist die grösste Gewichtsstaumauer der Welt. Sie ist schwerer als die Cheops-Pyramide. Mit dem verwendeten Beton könnte man eine Mauer rund um den Äquator bauen, und zwar eine, die ein Meter fünfzig hoch und zehn Zentimeter breit ist. Mit ihren 400 Millionen Kubikmeter Wasser hat es dort genug Wasser für jeden Schweizer.

 

Kurz später erreichte ich meinen ersten Berg, den M. Cauille nach zwölf Stunden und acht Minuten. Worüber ich eigentlich hätte staunen müssen jedoch überhaupt nicht staunte, war, dass mir zehn Höhenmeter unter dem Gipfel plötzlich ein vom Gipfel herabfahrendes Auto begegnete. Ich sagte nur „Bonjour“, wie wenn dies die normalste Sache der Welt gewesen wäre. Man erlebt halt auf solch langen Touren derart viel Aussergewöhnliches, dass einem plötzlich alles normal vorkommt. Wäre auf dem zweiten Gipfel, den ich kurz später erreicht, bei meiner Ankunft auch ein UFO gelandet hätte ich wohl auch nur „Bonjour“ gesagt und wäre gedankenlos weitergegangen.

 

Zum Wetter

 

Wenn es nicht einmal das reiche und grosse Deutschland schafft, diesen Sommer besseres Wetter zu haben, müssen auch wir kleinen Schweizer uns nicht wundern, dass das Wetter fast immer schlecht bis miserabel ist. Zu bedauern sind nur wir Lehrer, die wir uns das ganze Jahr auf die Sommerferien freuen, und dann wird nichts daraus. Schön, dass wenigstens die arg lädierten Gletscher von dieser sommerlichen Kälte profitieren.

 

Der Wetterbericht hat auf meiner Tour gehalten, was er versprochen hatte. Ich war froh, dass es keine heftigen Gewitter gab. Zwischendurch fielen einmal ein paar Regentropfen. Mit meiner total roten Jacke und meinem total blauen Regenschirm muss ich total lustig ausgesehen haben. So war ich froh, dass der Spuk bald vorbei war, und dass mich niemand in dieser Montur gesehen hatte. Beim Aufkommen eines heftigeren Tagesausflüglerstroms hätte ich mein Outfit gewechselt und meine rote Jacke und den blauen Regenschirm durch meinen durchsichtigen Plastiküberwurf ersetzt. Dann hätte ich aber bestimmt wie eine ältere Dame auf Lourdes Wallfahrt ausgesehen. In der Tat hatte meine Mutter diesen Überwurf auf einer ihrer Wallfahrten gekauft. Noch zu erwähnen, weil es einigermassen interessant ist: in der Nacht hatte ich mitten in der Walliser Talebene, auf einer Höhe von 600 Meter über Meer plötzlich richtig kalt, und dies im Hochsommer, im Monat Juli.

 

Schlimmer war, dass auf der Tour wieder einmal mein GPS-Gerät ausgestiegen war. Wohl waren die Akkus leer. Ich muss dem Problem aber noch auf den Grund gehen. Auf diese Geräte ist im entscheidenden Augenblick wirklich kein Verlass. Darum ist es ein Irrtum, sich voll auf sie zu verlassen. Ich hatte eben meinen ersten Gipfel an diesem Tag erklommen, und plötzlich stand mein Gerät still. Was blieb mir also anderes übrig, als alle Erhebungen der Umgebung zu besteigen, um ja sicher zu sein, dass ich keinen Gipfel verpassen würde. Dies kann aber leicht in die Hosen gehen, denn es ist nicht damit getan, dass man schön dem Grat entlang geht und dann meint, man hätte alle Gipfel bestiegen, denn es gibt nämlich hin und wieder welche, die irgendwo in der Bergflanke liegen - so zum Beispiel das Borterhorn in der Nähe des Dreizehntenhorns.

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