Dom (21.07.2009)

Es ist Montag, der 20. Juli 2009. Heute habe ich vor, den höchsten ganz auf Schweizer Boden liegenden Berg zu Fuss vom Bahnhof Brig aus zu besteigen. Mein Kollege Marc wird ab Randa mit dabei sein. Wer diese Tour als Tagestour plant, muss früh aufstehen - darf erst gar nicht ins Bett gehen. Abmarsch in Brig um 18 Uhr 40.

Der Weg, oder besser die Strasse, von Brig über Visp und Stalden nach St. Niklaus und weiter nach Herbriggen und Randa bietet wenig Spektakuläres, zumal er fast ganz in der Dunkelheit abzuspulen ist. Nach andächtigem Nachtgebet verabschiedet sich der Geist bald einmal ins Reich der Gedanken, Träume und Fantasien, während der Körper munter weitermarschiert. Wie haltet man seinen Körper bei derart langen Anmärschen bei guter Laune? ist hier die Gretchenfrage. Und die Antwort ist ganz simpel: Abwechslung will er haben. Joggen, marschieren, joggen, ... jeweils hundert Schritte. Ich bin also nicht mit Vollpackung unterwegs. Leichte Bekleidung genügt für diesen ersten Teil der Reise. Welcher vernünftige Mensch würde schon Bergseil, Steigeisen, Pickel und all den anderen Klimbim von Brig nach Randa tragen, wenn da doch eine flinke Schmalspurbahn praktisch jede Stunde auch hin fährt! Und zudem verlangt mein von mir mit höchster Seriosität definiertes Projekt lediglich, dass ich wohl meinen Körper ohne fremde Hilfe von Brig auf den anvisierten Gipfel bringe, die Ausrüstung jedoch getrost einem anderen anvertrauen darf.

Meinen Rucksack hatte ich diesmal so leicht bepackt, dass sogar die Batterien für meine Stirnlampe daheim in der Schublade blieben. Stirnlampen ohne Batterien sind in der Nacht nicht von Vorteil. Das Problem kann jedoch gelöst werden, indem man stur der breiten Teerstrasse folgt. Der Nachteil: die Tour auf den Dom führt vorerst mal über rund 35 Kilometer Asphalt. Bald einmal entdeckte ich für mich den Vorteil der drei weissen Strassenlinien. Diese sind auch in tiefster und dunkelster Nacht gut sichtbar. Ich bemühe mich, entlang der linken Linie zu marschieren. „Links gehen, Gefahr sehen“ - sage ich mir. Taucht vor mir ein Scheinwerfer auf, hüpfe ich schnell auf die rechte Seite. Alles seitenverkehrt bei von hinten kommenden Fahrzeugen natürlich. Später hält ein junger Automobilist an, springt auf mich zu und fragt mich, ob ich eine Panne oder sonst ein Problem habe. Da mir dies so nicht bewusst ist, verneine ich und danke ihm für die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Bei der BOSCH in St. Niklaus bitte ich um Batterien. Es ist jedoch nichts zu machen. War eigentlich zu vermuten - beim grössten Sägeblatt Hersteller der Welt. Bin nur erstaunt, dass die sogar jetzt in der Krise Nachtarbeit haben.

Von St. Niklaus geht es weiter nach Herbriggen hinauf. In der Zwischenzeit habe ich längst den Wert des Mittelstreifens entdeckt. Sein immenser Vorteil: der Fluchtweg ist nur noch halb so gross, und zwar sowohl bei von hinten wie bei von vorne kommenden Fahrzeugen. Dieser Faktor darf gerade bei längeren Touren nicht unterschätzt werden. Übrigens sind mir von hinten kommende Autos stets willkommen, weil sie schön den vor mir liegenden Strassenabschnitt ausleuchten. Entgegen kommende Fahrzeuge sind nur zum Blenden gut. Lange überlege ich mir zwischendurch, was im Falle von zwei Autos zu machen sei, so eines von hinten und das andere von vorne. Alles „Lose, Luege, Loufe“ würde wohl nichts mehr nützen. Ein wacher Geist findet aber auch für diesen Fall eine Lösung: sich still halten, Bauch einziehen und abwarten. Die Sicherheitslinie ist im Prinzip der sicherste Ort, darf sie doch gemäss Strassenverkehrsordnung von keinem Automobilisten zu keiner Zeit überfahren werden. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung gibt mir recht: ein Auto von vorne und gleichzeitig eines von hinten und ich noch dazwischen - ein Ausnahmefall, der auf dieser Strasse nur sehr, sehr, sehr selten eintreffen wird. Der Geist ist um diese nächtliche Stunde noch sehr wach. Kurz staune ich, wie viele Leute um diese Tageszeit noch unterwegs sind. Dann meine ich wieder, dass auf dem Weg zum Weltkurort Zermatt doch recht wenig los sei. Später habe ich den Eindruck, dass viele mehr von Zermatt weg als dorthin fahren. Hinterlassen die Mich-Blendenden in meinem Hirn den stärkeren Eindruck als die Mich-Ausleuchtenden? Oder sind diese Gedanken schon Anzeichen erster Halluzinationen, wie sie bei längeren Touren durchaus auftreten können?

In Herbriggen beim Friedhof rufe ich meinen Bergkameraden in Brig an und lasse ihn wissen, dass es jetzt Zeit zum Aufstehen, Frühstücken und nach Randa-Fahren sei. Das Timing wird perfekt sein. In der Tiefgarage in Randa gibt es Milch, Käse und Jogurt und 32 Minuten Pause.

Nach vielen Kilometern monotonen Asphalts fängt jetzt das eigentliche Vergnügen an: das lang ersehnte Bergansteigen, der Aufstieg zur Domhütte und auf den Dom. Der Weg ist berühmt und für viele unvergesslich - 1532 Höhenmete bis zur Hütte und weitere 1645 bis auf den Gipfel. Werden jetzt allerlei Schmerzen, Mühen und Leiden auftreten? Wann kommt das definitive Aus meiner Traumtour?

Zu zweit ist der Hüttenweg leicht zu bewältigen. Manche Neuigkeit wird ausgetauscht. Man spricht von Bergen, Touren und von vergangenen Touren auf den Dom. Drüben am steilen Hang ständig herabkollernde Steine liefern die Hintergrundmusik. Es riecht nach Granit. Nach zwei Stunden vierundfünfzig Minuten erreichen wir die Hütte. Andere brechen auf, wir kommen an und machen eine halbstündige Pause.

Seit meiner letzten Begehung ist am Festijoch ein zusätzliches Fixseil angebracht worden. Dies erleichtert die Sache zusätzlich. Im Aufstieg zum Joch gilt es, geschickt Steinen auszuweichen, die von anderen Seilschaften ausgelöst werden. Am besten geht man hier als erste Seilschaft. Dieser Ratschlag wird aber schwer von allen gleichzeitig zu erfüllen sein.

Meine eigentliche Freude ist der Festigrat. Hier wechselt sich verschiedenes Gelände ab, und alles geht sehr gut. Meistens treffen wir auf Trittschnee, nur etwa zehn Meter sind blank. Unsere Eisschrauben kommen nicht zum Einsatz. Und doch darf der Grat nicht unterschätzt werden. Er ist in der Vergangenheit schon vielen Bergsteigern zum Verhängnis geworden. Gedenktafeln im Joch erinnern an manch ein Schicksal.

Zwischendurch denke ich an meinen um Jahrzehnte jüngeren Bergkameraden. Seine auch schon gemachten Bemerkungen über Leute in meinem Alter kommen mir in den Sinn. Ist doch schon fast eine Beleidigung, unsereinen in einer Zahl zusammenfassen zu wollen - wenn auch 55 eine schöne Zahl ist. Hier und heute gilt jedoch: Alter vor Schönheit. Ich könnte durchaus noch einen Gang zuschalten, während andere am Berge mit den besonderen Bedingungen oberhalb von 4500 zu kämpfen scheinen.

Auf dem Gipfel stürmt es heftig. Ich würde am liebsten gleich wieder absteigen. Marc will noch ein paar Erinnerungsfotos machen. So bleiben wir eine Viertelstunde ganz oben. Fernsicht können wir keine geniessen. Stolz über den langen Anmarsch bin ich nicht. Die letzen hundert Meter sind für mich aber schon sehr emotional gewesen. Ich rufe meine Frau vom Gipfel an, danke ihr für die guten Sandwiches, bevor es mir die Stimme verschlägt. Dann setzen die Handy Batterien aus. Schade, dass einem bei solchen Aktivitäten nicht einmal die besten Sandwiches schmecken.

Für den eigentlichen Gipfelaufstieg benötigten wir 4:23 Stunden. Eine Minute länger als vor acht Jahren. Dass wir länger brauchten, ist Leuten zuzuschreiben, die am Festijoch überfordert waren und einen Stau verursachten.

Wer auf dem Dom steht, hat noch ein schönes Stück Arbeit vor sich: der lange Abstieg zur Hütte und weiter nach Randa. Wir wählen den Normalweg. Hier liegt recht viel Neuschnee. Es sind praktisch keine Spalten auszumachen. Bei früheren Begehungen hatte ich hier auch schon meterbreite Spalten gesehen, in die ein Lastwagen bequem hineingepasst hätte. Gesehen hat man dann jeweils auch Einzelgänger, die mit schlafwandlerischer Sicherheit über solche Spalten gegangen sind. Der Dom ist kein Fall für Einzelgänger. Aber wer es unbedingt wissen will, ...

Schlussendlich hat die Tour 21:07 Stunden gedauert - darin sind aber auch Pausen eingeschlossen. Ohne Pausen waren es rund 18 Stunden reine Marschzeit.

Der schlimmste Teil der Tour ist die abendliche Fahrt mit dem Auto zurück nach Brig - ich muss vehement gegen den Schlaf ankämpfen und alles blendet mich auf eigenartige Weise.

Die Tour war wohl schon tage-, ja monatelang in meinem Kopf herumgeschwirrt. Der Entscheid jedoch war am Vortag innerhalb von Sekunden gefallen. Die Vorbereitung war denkbar schlecht gewesen. Noch am Tag zuvor hatte ich eine lange Tour gemacht und in der Folge nur wenig geschlafen. Sobald aber entschieden war, dachte ich nur noch an den Gipfel. Und solche Gedanken verleihen manch einem Flügel.

Datum 21.07.2009
Weglänge 53 km
Höhenmeter 3978
Marschzeit 21:07