Wannihorn, Fleschhorn, Schwarzhorn, Punta Gerla (24.09.2011)

Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass ich auf meinen Touren hin und wieder eine Wurst esse. Dies hat nichts mit Genusssucht zu tun sondern dient lediglich der Zufuhr von Kalorien. Ohne gute Ernährung läuft in den Bergen nämlich nichts. In tiefstem Herzen bin ich eigentlich Vegetarier, und zwar schon seit vielen, vielen Jahren. Die Tiere tun mir leid, die da für uns oft unter miesen Bedingungen gehalten werden, nur um eines Tages getötet, in ihre Teile zerlegt und von uns verspiesen zu werden. Zudem ist Fleisch etwas Unappetitliches - man muss sich nur vorstellen, wie es gewonnen wird. Schön auf dem Teller präsentiert sieht man ihm nichts mehr von seiner Herkunft an. Als Kinder waren wir oft genug dabei, als unsere Haustiere geschlachtet wurden. Das Schreien der Schweine wird man nie mehr vergessen. Und auch die anderen Bilder sind haften geblieben. Wie der tote Körper mit brühendem Wasser übergossen wird, wie die Zehennägel herausgerissen werden, wie der Bauch mit einem Messer von zuoberst bis zuunterst aufgeschlitzt wird, um die Kutteln herauszunehmen. Die Eingeweide waren sowieso etwas, das einen sehr ekelte. Sie wurden dann von den Frauen gereinigt und im Dorfbach ihres Inhalts entledigt. Auch das Bild des Metzgers mit seiner langen blutverschmierten Schürze ist mir geblieben. Um die Hände frei zu haben, nahm er das ebenfalls blutverschmierte Messer zwischendurch immer wieder quer in den Mund. Oft verfehlte der erste Schuss seine Wirkung, und das arme Tier musste wieder irgendwie eingefangen werden. Eigenartig, dass man da als Kind dabei sein durfte. Bei der viel romantischeren (aber auch nicht sehr romantischen) Szene, wo die Kuh zum Stier geführt wurde, hatten die Kinder nichts verloren. die Fortpflanzung von Tier und Mensch hat halt schon etwas sehr Anrüchiges an sich.

 

Zugegeben, das ist wieder eine etwas spezielle Einführung zu einem Tourenbericht. Aber ich habe auf der Tour halt auch ein Podcast mit dem Titel „Inside the Meat Lab“ von Scientific American gehört. Darin wird sehr plausibel dargestellt, dass der Fleischkonsum für die Zukunft der Menschheit keine Option darstellt. Es wird einfach zu viele Fleischkonsumenten geben. Schon heute sind unsere Farmtiere für einen grossen Teil (30%) des CO2-Ausstosses verantwortlich. Und viel zu viel Farmland wird für die Tierhaltung benutzt.

 

Wie gesagt bin ich im Herzen Vegetarier, ich bin aber noch nie konsequent genug gewesen, es auch wirklich zu sein. Im gewöhnlichen Arbeitsleben ist dies auch nicht ganz leicht. Es gibt zu viele Gelegenheiten oder gesellschaftliche Anlässe, wo man fast notgedrungen zum Karnivoren wird. Und ich bin halt auch nie für grosse Konsequenz bekannt gewesen. Ich erinnere mich an meinen Vater. Auf dem Bau trank er gerne sein Bier - aber nie vor drei Uhr nachmittags und nie mehr als drei Flaschen - äusserst selten mehr als genug. Dann erwarb er in späteren Jahren seinen Fahrausweis. Da er nun auch oft mit einem Firmenbus voller Arbeiter unterwegs war, entschied er von einem Tag auf den anderen, nie mehr Alkohol zu trinken. Es ergab sich ein paar Tage später, dass ihm jemand auf dem Bau in Laden eine Flasche Bier in die Hand drückte. Er führte die Flasche zum Mund und erinnerte sich an sein Versprechen. Die Verlockung war gross, und so schmetterte er die Flasche mit grosser Wucht an den nächstbesten Baum, mit dem historischen Ausspruch „Das mües nid si!“ - „Das muss nicht sein!“. Ich bin mir fast sicher, dass auch ich eines Tages meine letzte Wurst mit ebensolcher Wucht und mit demselben Ausspruch an einen Baum in den Bergen werfen werde.

 

Da war freilich noch etwas mit der von mir auf dem Wannihorn gegessenen Wurst. Sie kam mir in meiner Hand extrem klein vor, und als ich schon fertig war, fehlte mir tatsächlich ein Biss oder zwei. Und dieser „letzte Biss“ fehlte mir dann auch auf dem Rest der Tour. Es kann doch nicht sein, dass im Zuge der Globalisierung auch unsere Cervelas jedes Jahr kleiner werden. Seit sich Aldi und Lidl in der Schweiz breitmachen, besteht auch im Detailhandel eine enorme Konkurrenz. Die einheimischen Verteiler können nur noch bestehen, wenn sie im Preiskampf mitmachen. Die Preise gehen hinunter, mit ihnen aber auch die Qualität der Produkte und die Grösse der Würste. Im vorliegenden Falle auf dem Wannihorn hatte ich wohl gerade meine erste EU-genormte Wurst verschlungen, ohne dass mir das vorerst bewusst gewesen war. EU-Normen können bei Schuhgrössen und Rucksack-Volumen-Bezeichnungen ihre Berechtigung haben, aber doch nicht bei Würsten. Ein kleiner Sizilianer hat wohl nicht die gleiche Vorstellung von der idealen Wurstgrösse wie ich bergsteigender Schweizer auf einem eben erklommenen Gipfel. Es ist an der Zeit, dass sich Politiker dieser Sache annehmen. Stattdessen wird über den Kauf neuer Kampfflugzeuge gestritten, oder man lässt im Zusammenhang mit den Banken verlauten „Too big to fail“. Diese Wurst war ganz eindeutig too small not to fail. Erstaunlich auch, dass keine einzige Partei im Hinblick auf die anstehenden Parlamentswahlen das wichtige Thema „Länge der Würste“ auf ihre Fahnen geschrieben hat.

 

Ich schweife etwas vom Thema ab, oder besser gesagt: es gelingt mir heute fast nicht, zum Thema zu finden. Und dabei wollte ich diesen Tourenbericht doch in erster Linie meiner Grossmutter widmen. Diese ist vor vielen, vielen Jahren ein paarmal von Staldenried nach Heiligkreuz, einem bekannten Oberwalliser Wahlfahrtsort, gepilgert. Diese Fussmärsche zu einem Wahlfahrtsort waren damals gang und gäbe, wie heute Touren zu Fuss vom Bahnhof Brig aus gang und gäbe sind. Auf meinem nächtlichen Weg das Oberwallis hinauf und dass Binntal hinein ist mir meine liebe, schon 1980 im hohen Alter von 93 Jahren verstorbene, Grossmutter ein paarmal in den Sinn gekommen. Was wird ihr auf dem Weg wohl alles durch den Kopf gegangen sein? - Welche Stimmungen hat sie erlebt, welche Sorgen gehabt? - Es ist anzunehmen, dass ihre Sorgen nicht die gleichen wie die meinen waren, obwohl auch sie Lehrerin war. Dies wiederum versetzt mich in Staunen. Wie war es möglich, dass eine Tochter aus einem armen Walliser Bergdorf schon um neunzehn Hundert herum Lehrerin werden konnte. Davon weiss ich leider nichts. Ich bin froh, dass ich wenigstens immer noch das Aufsatzheft ihres Ehemannes aus dem Jahre 1912/ 1913 habe. Ihnen zu Ehren publiziere ich hier den ersten Aufsatz unter den Bildern.

 

Ich war von Brig nach Heiligkreuz geeilt, um nacheinander die folgenden Gipfel zu erklimmen: Wannihorn, Fleschhorn, Schwarzhorn und Punta Gerla. Es sind alles relativ leicht zu besteigende Berge. Der letzte ist eher ein Schutthaufen - ein geschenkter Gipfel. Ab Heiligkreuz folgt man zuerst rund dreihundert Meter dem Chriegalpwasser um dann scharf nach links abzubiegen. Über Chällerli erreicht man auf gutem Bergpfad Obere Stafel. Hier steigt man auf Wegspuren, und vielen Steinmännern folgend, hinauf Richtung Fleschsee. Ohne diesen zu erreichen hält man sich aber schon vorher nach rechts, um den Wanniboden zu gewinnen. Von da geht es über den Nordgrat zum Wannihorn. Wenn man sich rechts hält, kann man guten Wegspuren folgen. Ich bin eher in der Mitte weglos, aber im Sonnenschein, hochgestiegen. Viele Steine waren mit einer heimtückischen Eisschicht überzogen. Der Ostgrat des Wannihorns hinab zum Sattel (2756) wird in der Literatur als „wenig schwierig“ beschrieben. Da ich aufgrund meiner Erfahrungen mit „wenig schwierig“ geneigt bin, bei dieser Bewertung „schwierig“ zu lesen, war ich gespannt auf diesen Abstieg und ging mit grosser Vorsicht ans Werk. Ich nahm es in Kauf, unter Umständen umkehren zu müssen. Dies umso mehr, als noch recht viel Schnee in der Nordflanke lag und örtlich mit Glatteis zu rechnen war. Der Grat war dann eher „leicht“. Beim grossen Gendarmen bin ich in Fahrtrichtung links etwas aufgestiegen. Beim Fleschhorn bin ich die SW-Wand diagonal von unten nach oben in ihrem oberen Drittel hochgekraxelt. Schwarzhorn und Punta Gerla sind leicht zu erreichen. Man traversiert den Gletscher hoch oben und weicht somit ein paar Querspalten aus. Der Abstieg erfolgt vom Sattel (2756) zum Fleschsee hinunter.

 

Petrus, oder besser gesagt: die Italiener, haben wieder einmal viel Material in Form von Wolken und dichtem Nebel in Richtung Schweizer Grenzkamm gesandt. Aus diesem Grund habe ich auf eine Besteigung des Scherbadungs verzichtet. Wozu einen Gipfel besteigen, den man nicht sieht, von dem aus man nichts sieht, und auf dem man von niemandem gesehen wird? Der letzte Punkt ist doch immer wieder Motivation zur Besteigung höchster Gipfel. Man reisst die Arme hoch und ruft den anderen zu: „Seht, da bin ich.“ Das war schon immer so, und wird immer so bleiben. Wieder einmal erinnere ich mich an meine Kindheit. Eine Mutprobe im Winter war oft, mit Ski steile Hänge hinunterzusausen. Es gab dann welche, die schrien oben wie verrückt „Achtung, Achtung!“, obwohl die Piste vollkommen frei war - nur dass alle sie beobachteten. Abgesehen vom Nebel muss ich noch in Erinnerung rufen, dass Scherbadungs nicht zu den von mir erstrebenswerten Zielen von Brig aus gehören. Ich sammle ja anderes. Das ist dir doch hoffentlich nicht entgangen - sonst rufe ich jetzt mal ganz laut „Achtung!“.

 

Einige Mineraliensucher waren im Gelände unterwegs. Ihr friedliches Steineklopfen hat mich stundenlang begleitet. Das Binntal ist ja seiner Mineralien wegen weitherum sehr bekannt. Dort haben tüchtige Sucher schon Vermögen aus den Steinen herausgeklopft - nicht zuletzt ein guter Bekannter von mir. Bei Gesprächen mit zwei-dreien von den gestrigen Strahlern habe ich mit „ich bin richtig verliebt in die Steine und Felsen hier“ auf meine Gemütslage hingewiesen. Das mag extrem doof geklungen haben, aber die Steine da oben sind in meinen Augen wirklich aus Material geformt aus dem Träume gegossen werden. Es ist richtig lustvoll, die vielen Farben in sich aufzunehmen, und die Kraft des Felsen in seinen Händen zu spüren. Dieser Fels gibt dir in deinem Leben viel Halt und Kraft. Je länger man sich in diesem Gebiet aufhält, umso stärker steigt die Lebenslust wieder in einem auf.

 

Alle die weniger romantisch veranlagt sind, möchte ich darauf hinweisen, dass im Wallis die Hoch-Jagd in die zweite Woche geht. Man vermeide es daher tunlichst, T-Shirts zu tragen, die gestreift wie ein Zebra, oder gepunktet wie ein Panther sind. Es ist auch davon abzuraten, mit einer langen Mähne wie ein Löwe oder mit einem Rossschwanz wie ein Pferd daherzukommen. Bewege dich ja nicht so graziös wie ein Reh und klettere nicht so elegant wie ein Steinbock. Es ist auch davon abzuraten, aus Jux wie ein Wildschwein zu grunzen, oder wie ein Affe zu rülpsen. Bei Missachtung dieser Ratschläge, könntest du auf einer deiner Touren von einem der vielen herumschleichenden Jäger leicht als eines der erwähnten Tiere gehalten und hinterhältig erschossen werden. Du würdest dann im Verlaufe des Prozesses fein säuberlich in deine Teile zerlegt und als köstlichen Rehpfeffer serviert werden. Schleiche in dieser Zeit also wie ein Wolf durch die Gegend - dann bist du geschützt und vor allen in Sicherheit.

 

Stufen der Menschheitsentwicklung: Kannibalismus, Karnivore, Vegetarier, Veganer, Gel-Schlürfer, Hungerkünstler, Erlösung

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