Fletschhorn, Gamserchopf, Senggchuppa, Jegihorn (25.07.2009)
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So bin ich heute auf meine Fletschhorntour aufgebrochen: neue Schuhe, neue Socken, neue Steigeisen, ein neuer Pickel, kein Helm dafür ein zusätzlicher Cervelat, Regenschirm und vieles mehr, doch eines sollte mir sehr fehlen. Dazu aber erst später und zuerst das Wichtige.
Wir haben das Fletschhorn über seinen NW-Grat von der Fletschhornhütte aus über den Gamserchopf und die Senggchuppa bestiegen und sind über die Normalroute zum Kreuzboden abgestiegen. Es
herrschten nicht ganz ideale Wetterbedingungen - ein bissiger W-Wind „wehte“ und machte einem das Leben auf dem Grat zeitweise schwer. Sonst war aber der Himmel tiefblau.
Die Fletschhornhütte (Studentenhütte, „Gletscherhitti“) ist klein aber fein. Teilweise in den Felsen gehauen bietet sie für sechs Personen Platz. Jedermann in Staldenried kennt sie dem Namen
nach, doch nur wenige sind je dagewesen. Am besten wird sie von Gspon aus in einem vier-fünf stündigen Marsch erreicht. Gleichzeitig kann man auch das Simeli- und Mattwaldhorn „mitnehmen“.
„Studentenhütte“ heisst sie darum, weil sie damals von den Bethlehem Missionaren für ihre Studenten errichtet wurde. Vor ein paar Jahren war sie Zeugin eines schlimmen Bergdramas. Eine JO-Gruppe
versuchte, sie vom Simplon aus im Winter zu erreichen, erreichte sie aber nie. Ein Teil der Gruppe kam in einem Schneebrett um, der Rest starb aus Erschöpfung oder an Kälte. Heute waren drei
Bergsteiger in der Hütte, mein wartender Kollege und eine Zweierseilschaft. Die letzteren waren Anfänger in den Bergen und hatten ebenfalls vor, das Fletschhorn über den Grat zu besteigen, waren
sich aber nicht so recht schlüssig. Ich riet ihnen ab. So wollten sie schlussendlich nur an der Senggchuppa ein wenig Eistechnik üben. Später sahen wir sie am Fusse des Berges. Und als wir viel
weiter oben waren, kreiste plötzlich ein Heli über der Stelle und flog hin und her. Wir waren besorgt und hofften nichts Schlimmes für die beiden.
Der Grat ist nach altem SAC-Führer mit ZS- bewertet. Einigermasse schöne Kletterstellen gibt es nur kurz nach dem Abstieg von der Senggchuppa, wo zwei-drei Türme zu überklettern sind. Später
folgt ein Aufschwung mit viel losem Gestein. Und am Schluss ist noch der Gratrücken bis hinauf zum Fletschhorngipfel zu bewältigen.
Interessant und nervenkitzelnd ist vor allem der einmalige Blick in die bekannte N-Wand. Bin da vor zehn Jahren auch hochgestiegen. Heute komme ich schon fast ins Schwitzen, wenn ich nur daran denke. Vor allem den Ausstieg werde ich nie vergessen. Damals sind wir über den NW-Grat abgestiegen, und zwar mit Skischuhen - auch dies ist für mich heute nur noch schwer nachvollziehbar.
Gamserchopf (nicht lohnend) und Senggchuppa (Pflicht) nimmt man im Vorbeigehen mit. Die Senggchuppa kann schon mal blank sein. Doch jetzt herrschen ideale Bedingungen, wie übrigens auf der ganzen
Tour.
Auch die Normalroute ist im Augenblick noch problemlos machbar. Die Spalten sind gut eingeschneit.
Auf dem Gipfel halten sich drei Seilschaften auf, die zum Lagginhorn traversieren wollen. Meines Erachtens ist es zu spät dazu (11:30 Uhr). Da ich im Leben auch schon manchen Blödsinn gemacht
habe, interessiert es mich natürlich, warum sie sich alle losgeseilt haben und nun im Begriffe sind mit geschultertem Seil ins Fletschjoch abzusteigen. Gut, man nimmt halt immer unnütze Dinge in
die Berge mit - für mich war dies heute der Regenschirm. Ohne ihn hätte ich locker einen zusätzlichen Cervelat oder eine situationsgerechtere Saaser Wurst einpacken können. Aber eben, beim
Aufbruch um zehn Uhr in der Nacht in Brig sah es wirklich nach Regen aus.
Auch am Jegihorn Klettersteig herrschen ideale Bedingungen. Recht viel Volk ist unterwegs. Der Klettersteig hat zwei-drei knifflige Stellen, und dann ist da natürlich das finale Vergnügen mit dem
Hochseil und dem Netz und der senkrechten Wand. Da ich aber nicht mehr so genusssüchtig bin, verzichte ich darauf und steige die leichtere, aber längere Variante über den Sattel hoch. Mir geht es
in erster Linie um den Gipfel. Die Aussicht und das Klettern geniesse ich aber ebenfalls voll und ganz. Und zudem empfehlen Spezialisten, längere Bergtouren mit der Begehung eines Klettersteiges
zu beenden, weil dies gut für die Feinmotorik ist - die meiste Zeit ist man ja mit dem (lästigen) Ein- und Aushängen von Karabiner beschäftigt. Ich habe zwei Stunden und zwei Minuten für den
Aufstieg und dann noch 58 Minuten für den Abstieg bis zur Kreuzboden Bergstation. Die letzte Bahn fährt um 16:45 - bin ich froh, dass ich auch noch um 17:10 einsteigen darf.
He, Wanderer, weisst du, was Einsamkeit ist? - Falls nicht, empfehle ich dir, einmal in dunkelster Nacht durchs sehr lange Nanztal hoch zu steigen. Schon nach kurzer Zeit wirst du begreifen,
warum die Menschheit früher voller Sagen und Geschichten um Elfen und Geister war. Jeder Baumstrunk nimmt bizarre Formen an, beginnt sich im Scheine der Lampe und vorbeziehenden Nebelschwaden zu
bewegen und zu tanzen. Dann das Ächzen und Krächzen der Bäume! - in einer windigen Nacht wie der gestrigen - ein ständiges Wehklagen und Seufzen. Da findest auch du dich bald im Reich der armen
Seelen und Geister wieder, und alte Walliser Sagen beginnen aufzuleben. Während dein Schritt unwillkürlich schneller wird, durchschreitest du unbekannte Gefühlswelten, die einem in der heutigen
technisierten und lärmigen Welt, in der man ständig abgelenkt ist, vollkommen fremd sind. Ich kann mein Leben nie so gut reflektieren wie in solchen Augenblicken. Vieles, was man im Alltag tut
oder versäumt, beginnt man, in Frage zu stellen, zu bereuen. Dann schliesse ich viele Bekannte in mein Herz, einer nach dem anderen, eine nach der anderen und schicke ihnen gute Gedanken und
Wünsche nach. Und auch die Toten müssen „dran glauben“, und ich reflektiere, wer oder was sie waren, als sie noch über diese Erde wandelten. Einsamkeit, die nur vom heimeligen Schein der
Stirnlampe, von der Venus am Himmel oder vom Lärm eines hoch vorbeifliegenden Flugzeuges gemildert wird. Und sie ist auch viel leichter zu ertragen, wenn man weiss, dass hoch oben in einer Hütte
jemand schläft, mit dem man dann bei Tagesanbruch eine Bergtour unternehmen wirt. Alleine unterwegs, freut man sich nur auf eines, auf den Morgen.
Inzwischen weiss ich auch, dass die dem nächtlichen Anmarsch folgende Bergtour in der Regel nicht mehr so intensiv und spannend ist. Man könnte die Unternehmung bei Tagesanbruch abbrechen,
heimgehen und sich ins Bett legen. Der Geist und das Gefühl erleben in der Nacht so viel, dass die folgenden Gipfelerlebnisse nur noch ein Nachspiel sind.
Im hinteren Drittel des Nanztales ist der Weg schwer zu finden, weil es ihn streckenweise gar nicht mehr gibt. Auf der Karte ist er nur mit Strichlein angedeutet. Wie vermisse ich da mein GPS,
das ich ausgeliehen hatte! Mit GPS wäre die Sache einfach. Ohne Gerät weiss ich zeitweise nicht einmal, wo ich genau bin. Jetzt hat die Dunkelheit und die Nacht ihren Höhepunkt erreicht, zudem
ist der Nebel dichter geworden. „Da, ein wenig Schafmist - der Weg kann nicht weit entfernt sein! Schafe halten sich meist nicht in unwegsamem Gelände auf.“ - geht es mir durch den Kopf. „Doch
was, wenn das Steinbock Mist ist? - Sch..., so ein Mist!“ Irgendwie finde ich den Weg wieder, um ihn später nochmals zu verlieren. Dann glotzt mir plötzlich ein helles Augenpaar von weiter oben
im Gebüsch entgegen. Von Tierfilmen weiss ich, dass Tiere mit breitem Augenabstand (Kuh, Ziege, Schaf) nicht gefährlich sind, dass indes die Gefährlichkeit eines Tieres indirekt proportional zum
Augenabstand ist. Dieses Tier hat einen verdammt kleinen Augenabstand! Nochmals wird der Schritt schneller, die Hand umschliesst kraftvoller den Pickelschaft. Je schneller ich mich vom Tier
fortbewege, dest näher ist es, umso grösser wirkt es, umso kleiner sein Augenabstand. Der Phantasie jetzt Einhalt gebieten, cool bleiben und vorerst mal eine Liste möglicher Raubtiere erstellen!
- ein Hund, ein Rudel Hunde, ein Wolf, ein Bär, eine Riesenratte? - was haben Tierschützer noch mehr in unserer Gegend ausgesetzt? - Hunde sind viel gefährlicher als Wölfe, beissen mehr, töten
eher, hat man gelesen. Aus Tierfilmen und -geschichten ist mir nur zu bekannt, was jetzt passieren wird: diese Räuber wählen immer das schwächste Opfer und trennen es von seinen Artgenossen. Da
ich alleine unterwegs bin, bin ich logo das schwächste Opfer. Oh Schreck! - ich kann auch von keinem anderen getrennt werden - mein Schicksal scheint auf doppelte Art besiegelt zu sein. Doch
weiss das Raubtier überhaupt, was in einem solchen Fall ohne offensichtlich anwesende Herde zu tun ist? Bei einer sich im hintersten Nanztal mühevoll abrackernden Zweier-Seilschaft wäre der Fall
sonnenklar: den letzen beissen, auch bei einer Dreier-Seilschaft - aber was ist mit einem Bergsteiger, der das Nanztal mitten in der Nacht solo begeht, anzustellen? - „keine Ahnung!“ - wird sich
der Räuber sagen. Langsam beginne ich, eine Art Mitleid mit meinem momentanen Gegner zu verspüren. Und was soll’s überhaupt? - das ist das Gesetz der Natur, und du liebst ja die Natur. Und sei
bloss nicht so heuchlerisch - hast nicht auch du heute morgen noch Walliser Trockenfleisch genossen? - und die Wurst in deinem Rucksack? ... Ja, die Wurst, das ist die Lösung! - wer immer der
Angreifer sein mag, demütig werde ich sie ihm anbieten, ihn bitten, zwischen ihr und mir zu entscheiden. Und während ich so sinniere, hüpfen die Augen in weiten Sprüngen von dannen und aus meiner
Fantasie. Bemerkung: als ich mit meinem Kollegen einmal in der Nacht Richtung Balfrin hochstieg, wurden wir tatsächlich von zwei grossen Hunden belästigt, und wir hatten fast ... Angst. Ein
anderes Mal ....
Ein Problem in der Nacht ist auch der Aufstieg zum „Heido“, der dortigen Suone. Habe vorerst keine Ahnung, wo es lang geht. Entscheide mich, dem Wildbach zu folgen, getreu der Maxime: wo es das
Wasser hinunter schafft, werde ich es hoch wohl auch noch schaffen. Lautes Freudengeschrei meinerseits dann kurz später, als ich tatsächlich auf den mir bestens bekannten Weg treffe. Beginne, mir
was einzubilden auf meinen Spürsinn und auf die Fähigkeit, Wege in der Nacht zu finden. „Die Mächtigen stürzt der Herr vom Throne.“
Im Orte genannt „Obers Fulmoos“ passiert mir ein Jahrhundertflopp, den ich mir heute kaum erklären kann. Richtung „Simelipass“ schlage ich einen derart falschen Weg ein, wie man ihn falsch nur
einschlagen kann, und ich bemerke meinen Irrtum erst lange, lange später. Er sollte mich mindestens zwei Stunden kosten, und meinen in der Hütte wartenden Kollegen langsam nervös werden lassen.
Die Leute der Region sagen, dass die Gegend Simplon-Nanztal-Gspon im Nebel gefährlich sei. Und schon einmal hatte ich mich in dieser, von mir seit langen Jahren bevorzugten, Gegend auf klägliche
Art geirrt. Heute war es wieder einmal soweit. Und dabei hatte ich die Tour einigermassen gut vorbereitet, mir Fotos angeschaut und auch intensiv die Karte studiert. Es war wieder eine Art
Nachlässigkeit - diese Gegend kenne ich doch bestens, also bloss nicht den Kompass herausnehmen - und die Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein. Und alles stimmte mit dieser Überzeugung
überein, die Topographie, die Konturen der Berge ... Dass der Wind plötzlich aus der falschen Richtung blies, verdrängte ich einfach - und auch anderes. Die Lichter von Törbel, die ich später in
Wirklichkeit sah, wurden einfach zu den Lichtern von Saas-Fee. Dass ich die Hütte nicht auf Anhieb fand, erklärte ich mir mit der Tatsache, dass diese Hütte im Felsen schwer zu finden ist. Erst
das fehlende Fletschhorn brachte mich zum Zweifeln, bevor die Morgendämmerung mir endlich letzte Klarheit verschaffte. Statt nach O war ich einfach nach W gelaufen und dies auf der falschen Seite
des Simeli- und Mattwaldhorns. Hatte einfach ein falsches Couloir erwischt. Die dunkle Nacht und der Nebel tragen nur einen kleinen Teil der Schuld.
Meine neuen Schuhe - eine weitere Geschichte. Vor einem halben Jahr hatte ich einen neuen Goretex Schuh gekauft. Die Werbeprospekte jauchzen, und auch die Verkäuferin im Geschäft jauchzte laut
und helle: Das beste, was es je gegeben hat. Nur ich hätte lieber einen Lederschuh gehabt. Schon nach zwei-drei Touren zeigte der neue Goretex Schuh seine Eigenschaften deutlich und klar. Er
hatte nicht nur die Fähigkeit, Wasser nicht nicht hereinzulassen, er hielt es dann auch aktiv zurück und liess es den ganzen Tag nicht mehr hinaus. Ich sage dir ein, ganztägiges gratis Fussbad
war im Preis inbegriffen. So marschierte ich mit dem teuren Bergschuh zurück ins Geschäft und sagte, dass ich eigentlich einen Schuh ohne Schwammeigenschaften gewünscht hätte. Er wurde
angeschaut, es wurde gefachsimpelt, und dann entschied der Chef, den Schuh zurück in die Fabrik zu schicken. Dort würde er mit Wasser unter Druck gefüllt. Kommt das Wasser irgendwo heraus, hat
der Schuh ein Leck, und ist eine Nuss. Mir war im Augenblick nicht ganz klar, wieso dann etwas faul sein müsse - Goretex soll ja das Wasser nach aussen abgeben, folglich muss es ja irgendwo ein
Leck geben, folglich muss ja immer etwas faul sein, u.s.w. ... . Wieder Erwarten wurde der Schuh ersetzt. Allgemeines Entsetzen im Geschäft, dass ich nicht gewusst hatte, dass mit dem Schuh ein
besonderer, nicht weniger technisierter Strupf getragen werden müsse ... und dass der Strumpf mit einem besonderen Waschmittel, das an einem besonderen Ort unter besonderen Temperatur- und
Feuchtigkeitsbedingungen aufzubewahren ist, gewaschen werden müsse. Bisher hatte ich immer auf die von meiner Mutter liebevoll gestrickten Wollsocken geschworen. Ich habe noch viele davon, und
Dank ihnen habe ich schon manchen Berg „bezwungen“. Nun galt es aber vorerst noch zu entscheiden, ob ich einen Socken mit oder ohne Silberfaden wünschte (Fr. 36.- oder Fr. 24.-). Ein Blick auf
den Preis und der Entscheid war gefallen. Auch meine liebe Frau, die auf solche Sachen schwört, war überrascht, dass ich die Eigenschaften dieser Silberfäden nicht kannte. Für alle, die das noch
nicht wissen, falls es solche Leute überhaupt noch gibt: der Silberfaden leitet den Geruch aktiv vom Fuss nach draussen. An meine potentiellen Seilpartner denkend, winkte ich ab und blieb
standfest: Ich nehme den ohne. Heute habe ich noch mit Verwunderung gelesen, dass auf einem Socken steht: „L TREK LIGHT“ und auf dem anderen „R TREK LIGHT“ - hat man mir unpaar Socken verkauft,
oder ist es so, dass man bei diesen Hightec-Wundern nicht einmal mehr zwischen links und rechts unterscheiden kann. Dies zur Vorgeschichte.
Jetzt bin ich wieder zuhinterst im Nanztal, auf dem bekannten Höhenweg von Gspon auf den Simplon. Zu meiner Jogging-Zeit hatte ich ihn oft laufend zurückgelegt. Darum weiss ich, was hier gilt.
Doch jetzt ist tiefe Nacht, und beim Schwarzbach kommt diesmal soviel Wasser herunter und läuft gleich noch knietief über den Weg, dass ich vorerst nicht weiss, was zu tun ist. Es gibt nur eine
Lösung: Du musst da durch! Später dann das allbekannte Quietsch-Geräusch von meinen Schuhen hoch. Bei solchen Bedingungen konnte der Schuh natürlich nichts dafür oder dagegen, und auch der
Strumpf war unschuldig. Ob sie, der Schuh und der Strumpf es aber dann gemeinsam schafften, das Wasser aktiv nach draussen zu befördern, lesen Sie vielleicht in einem nächsten Bericht ...
| Datum | 25.07.2009 |
| Weglänge | 32 km |
| Höhenmeter | 4077 |
| Marschzeit | 18:57 |












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