Unterrothorn, Oberrothorn, Fluehorn (06.08.2010)
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Wer von Zermatt hochsteigt und nach drei Stunden auf dem Unterrothorn ankommt, ist überwältigt von der Pracht der Berge, die sich ihm rundherum auftut. Tief gerührt von der Schönheit der versammelten Viertausender kann er seine Gefühle kaum unterdrücken. Die Aussicht und Rundsicht ist eindrücklicher als auf dem weltbekannten Gornergrat.
Für mich ist klar: wenn mich dies einmal alles kühl lassen wird, werde ich mit Bergsteigen sofort aufhören, denn dann werde ich reif sein fürs Paradies. Doch davon bin ich im Augenblick noch weit
entfernt. Obwohl ich sie schon oft erlebt habe, gerate ich ob der Berge in Zermatt immer wieder ins Staunen. Vielleicht muss man vorher lange durch eine selbstgewählte „Hölle“ gegangen sein, um
dies alles mit allen Sinnen geniessen zu können. Tausend einmalig schöne Bilder werden mich an diesem Tag begleiten. Und jedesmal, wenn ich vom Weg aufblicke, wird sich eine andere Bekanntheit in
diesem unverkennbaren Rund kundtun: Zinalrothorn, Weisshorn, Dom, Täschhorn, ... Derweil machen diejenigen, die mit der Bahn hochgefahren sind, einen relativ unbeteiligten Eindruck auf mich. Es
ist halt schon nicht das gleiche, wenn man morgens im Viersternhotel erwacht, dort ein Frühstücksbuffet serviert bekommt und dann in kurzer Zeit in diese Arena transportiert wird. Im Leben
wird einem wenig, jedenfalls nicht alles, geschenkt. Doch ist es nicht eine Anmassung, sich Vorstellungen über die Gefühlswelt zu machen, die sich hinter den für uns schwer lesbaren Gesichtern
der vielen anwesenden Asiaten verbirgt?
Nach vollendeter Tour werde ich mich nachmittags in Zermatt nochmals kurz auf ein Bänklein setzen, um das Matterhorn zu betrachten. Fast unrealistisch wird es mir vorkommen. Ist es wirklich da,
oder stellen wir es uns in unserer Phantasie nur vor? Ich meine, so unwahrscheinlich ist es doch, dass ein Berg mit solch vollkommenen Zügen an solcher Stelle so ganz abgehoben von allen anderen
Bergen steht, dass es ihn eigentlich gar nicht geben dürfte. Und doch ist er da - ein Zufallsprodukt von Jahrmillionen-langen Prozessen der Plattentektonik und Erosion. Wird sind privilegiert,
denn immer hat dieser Berg nicht so ausgesehen, und in unabsehbarer Zeit wird er nicht mehr so schön sein wie er jetzt ist. Wie alles so ist auch das Matterhorn vergänglich. Staunen kann man
allemal, welche Kraft im Zufall steckt, und welch unfassbare Schönheit er zu schaffen weiss.
Zur Tour
Die Begehung von Unterrothorn, Oberrothorn und Fluehorn ist leicht. Das Unterrothorn ist per Bahn erreichbar. Vom Unterrothorn zum Oberrothorn folgt man einem breiten Wanderweg. Ein paar
„Kunstwerke“ stehen am Wegrand - der Versuch des Menschen ... (ich weiss nicht zu was). Bei all der Schönheit der Berge sind sie auf alle Fälle an diesem Ort höchst unnötig.
Etwas anspruchsvoller ist der Übergang vom Oberrothorn zum Fluehorn. Schon beim Aufstieg konnte ich eine Seilschaft im Verbindungsgrat beobachten. Dieser macht einen recht zackigen und
ausgesetzten Eindruck. Um ihn zu vermeiden, bin ich bis rund 3200 m ü. M. abgestiegen, um dann auf der Südseite des Kammes zum Punkt 3225 zu gelangen. Es lagen einige Tierspuren vor -
wahrscheinlich Gämse, Schneehase oder Gebirgsente. Vom besagten Punkt geht es noch über ein paar leichte Platten und am Schluss über eine etwas ausgesetzte Gratkante zum Gipfel empor.
Diese Variante der Umgehung des Grates wird in meinem SAC-Führer nicht beschrieben. Meine Vermutung, dort einen flotten Durchgang finden zu können, war aber richtig. Und überhaupt lese ich die
Führerliteratur jetzt mehr und mehr nach der Tour, denn dann versteht man die Beschreibung der Routen viel besser und kann sich ein gutes Bild machen, von dem, was eigentlich gemeint war. Auf die
Schwierigkeitsangaben kann man sich sowieso nur selten verlassen - viel besser kann entschieden werden, wenn man sich das Ding vor Ort anschaut.
Am Schluss bin ich über recht viele Steine nach „Flue“ ab- und dann am „Stellisee“ vorbei wieder nach „Blauherd“ aufgestiegen.
Schön war auch die Wanderung im Morgengrauen von Zermatt über „Tiefenmatten“ und „Tufteren“ nach „Blauherd“ hinauf. Ich habe den Eindruck, dass viele Wanderwege in Zermatt der Kliente wegen extra
sanft ins Gebiet gelegt worden sind. So erreicht man denn sein Ziel, ohne sich bei jedem Schritt gewaltig anstrengen zu müssen. Einzig der Abschnitt „Blauherd“ - Unterrothorn ist etwas steiler.
Dort kann man unter Umständen froh sein, nicht von einem Stein getroffen zu werden, der von weiter oben grasenden Schafen im falschen Moment losgetreten wird. Somit kann im Wallis eine gewisse
Gefahr nicht nur von Wölfen sondern sogar von friedlichen Schafen ausgehen.
Auf dem zuletzt beschriebenen Wegstück überschreitet man irgendwo die Nationalpiste. Es werden Erinnerungen an jene lang vergangene Jugendzeit wach, wo hier noch grosse Skirennen durchgeführt
wurden. Ortsbezeichnungen wie „Lingeriehang“ oder „Patrullarve“ waren uns damaligen Knirpsen durchaus bekannt. Und wir schnitten aus Zeitungen Skirennfahrer in vielsagender Pose aus und klebten
sie in alte, vollbeschriebene Schönschrifthefte ein. Und das passte uns so durchaus. Niemand hätte Geld gehabt, um sich für dieses Sammeln ein neues, sauberes Heft zu kaufen. Das war aber die
Zeit von Toni Seiler und anderen, und heute ist bekanntlich vieles etwas anderes.
Bei „Tiefenmatten“ fällt der Blick auf die aufgehende Sonne am Matterhorn. Schöne Momente. Jedes Kind hat diese Bergform irgendwie verinnerlicht, fast wie wenn sie ihm als Bild des idealen Berges
von Geburt an mitgegeben wäre. So haben halt auch wir immer wieder Matterhörner gezeichnet. Vielleicht kanten wir seine Form aber auch nur von seinem Bild auf alten Milchpulverdosen.
Am Rande notiert
Zu früh war ich am Morgen in Zermatt eingetroffen. Dies nach einer sehr kalten Nacht. Das Thermometer zeigte nur gerade fünf Grad. Dem Vernehmen nach hatte es zwei Tage zuvor auf Schwarzsee sogar
geschneit. So schlotterte ich vor Kälte während Stunden, und dies mitten im Sommer. In der Zeitung liest man heute, dass es anderorts noch kälter war.
Mein schweres Schuhwerk, Getränke und Esswaren und einiges mehr hatte ich schon am Tag zuvor per Bahn nach Zermatt gebracht. Da ich nicht in Joggingausrüstung von Zermatt zurück nach Brig fahren
wollte, zog ich meiner Eitelkeit wegen die Tourenhosen über und bedauerte dies eigentlich. Doch später war ich dann sehr froh um jedes zusätzliche Kleidungsstück. Es ist zu bedenken, dass man
beim Laufen sehr viel Energie verliert und sich dann plötzlich fast nicht mehr gegen die Kälte zu wehren vermag. So war ich sehr froh, dass in Randa der Wartesaal der MGB offen war, und ich mich
dort ein wenig erholen durfte.
In Zermatt selber gibt es leider keinen Wartesaal, doch kenne ich dort ein warmes Örtchen, wo man sich sehr gut austrecken und erholen kann. Da ich meinte, im Zug sei es noch wärmer, fuhr ich
morgens um halb fünf Uhr mal schnell mit dem Shuttle-Zug nach Täsch und wieder zurück. Die Zugsbegleiterin meinte, ich sei nicht der erste, der das mache. Nur schade, dass im Zug dann anstelle
der Heizung die Klimaanlage lief. Ich war erstaunt ob dem guten Service, den die Matterhorn-Gotthard-Bahn zwischen Täsch und Zermatt während praktisch der ganzen Nacht bietet. Und mein Projekt
erlaubt es auch, dass ich zwischendurch mal eine Runde mit dem Zug absolviere. Es will nur, dass ich die ganze Strecke von Brig bis zum Gipfel zu Fuss zurücklege, ohne dabei getragen, gestossen,
gezogen, katapultiert oder sonst irgendwie transportiert zu werden. Auch jede technische Einrichtung, die mich auf den Gipfel hinaufsaugen würde, ist natürlich nicht erlaubt.
An diesem wunderschönen Tag störte mich etwas der ständige Helikopterlärm. Rundflüge in dieser einmaligen Gegend sollten doch verboten sein. Dies ist aber nur mein eigenes, egoistisches
Bedürfnis. Als ich nachmittags wieder mit dem Zug nach Brig fuhr, setzte ich mich neben eine Berner Frau und ihre Tochter, die gerade einen solchen Flug geniessen durften. Sie machten einen ganz
glücklichen Eindruck.












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