Die wundersame Welt von Zermatt oder Brig - Furgghorn im alten Stil (10.02.2011)
Die Bildergalerie benötigt mindestens Flash Version 9.0.28!
Bitte den aktuellen FlashPlayer installieren.
Welcher Hikr und andere Bergsteiger kennt es nicht, dieses unbeschreiblich schöne Gefühl? - Seit Tagen und Wochen hatte man sich auf diese Tour gefreut; hatte seinen Traumgipfel immer wieder vor
Augen gesehen und hatte oft von ihm geträumt. Doch nun ist es nur Schweisstreiben und ein ständiger Kampf gegen sich selbst und die überall präsente Schwerkraft. Würde man es überhaupt bis ganz
hinauf schaffen? Und wozu denn all dieses Leiden? - täte man nicht gescheiter etwas anderes im Leben? Doch dann wird einem zum x-ten Mal bewusst, dass dies die Gedanken der Stubenhocker und
Sonntagsspaziergängler sind. Und so beisst man halt ein weiteres Mal auf die Zähne und zieht das Ding bis ganz oben durch. Und dann eben dieses einmalige Gefühl, das man mit keinem Geld der Welt
erkaufen kann, und das die besagten Stubenhocker nur erahnen können. Als Berggänger hast du längst erahnt, wovon ich schreibe. Das höchste der Gefühle jeder einigermassen vernünftigen Bergtour:
nach unglaublichen Entbehrungen und körperlichen Anstrengungen, streckt man seine vier Glieder ein letztes Mal von sich und lässt sich fallen ... ins wohltuende Bett. Und geniesst eine Wonne, die
es sonst im Leben nicht zu geniessen gibt. Welches wunderschöne Gefühl, einfach loslassen, sich recken und strecken und nur noch geniessen. Doch zu schnell ist diese Lust vorbei, und man fällt
wie ein Engel ins schönste Reich der Träume und geniesst einen tiefen Schlaf. Diese eigenartige und im gewöhnlichen Arbeitsleben kaum je erreichte Intensität des abendlichen Zu-Bett-Gehens nach
einer ausgiebigen Tour wird es mir wohl auch in Zukunft wert sein, noch manchen Gipfel oder Berg unter etlichem Ächzen und Krächzen zu besteigen.
Die Dichte dieser eben beschriebenen Freuden wird auch kaum je erreicht, geschweige denn getoppt, von einem anderen Highlight mancher Tour ... dem Zum-Munde-Führen und anschliessendem
Hinunter-Schlucken der ersten paar Milliliter kühlen Biers. Wobei es hier wahrlich nur der erste Schluck ist, der einem (mir) so gut schmeckt wie ein Göttertrunk.
Und dann gibt es halt da noch das eigentliche Gipfelerlebnis, das einen gefühlsmässig auch ganz gehörig kitzeln kann und andere schon zu Tränen gerührt hat. Wobei Weinen an exponierten Stellen
nicht immer angebracht ist und demzufolge im einen oder anderen Falle sicher auch schon den Absturz verursacht haben mag.
Wer das Furgghorn erklimmt, wie ich gestern, kommt bei der Ankunft auf der obersten Spitze tatsächlich nicht um einige Ahs und Ohs herum. Ein letzter Schritt noch, und der Blick auf ein
atemberaubendes Panorama tut sich auf. Das landein, landaus bekannte Matterhorn erhebt sich mit seinem Furggrat direkt vor der eigenen Nase. Zudem hat man hier tiefgründige Blicke in die sonst
weniger bekannte Matterhorn Südwand. Es ist ausgesprochen schön, im Kreise all der anwesenden Viertausender zu stehen. Und wenn man nicht in den Bergen aufgewachsen und von all der Schönheit von
jung auf verwöhnt worden wäre, würde man vielleicht auf die Knie sinken und seinem Gott für all die Natur danken - sowie es vielleicht Moses damals im Sinai getan hat. Aber auch als quasi
Einheimischer habe ich eine grosse Ehrfurcht vor den Wundern der Schöpfung bis auf den heutigen Tag bewahren können. Und sie können mich bezaubern, so wie mich vor ein paar Minuten gerade ein
grosser, von meiner Frau bestens zubereiteter Topf, geschickt zurechtgebogener Eierteigwaren verzaubert hat.
Der technische Teil der Tour ist freilich schnell erzählt. Benutze die technischen Anlagen von Zermatt, um auf den Furggsattel zu gelangen. Von dort aus geht es in rund zwanzig Minuten leicht bis
zum Gipfel. Zermatt kann von Visp aus mit der MGB erreicht werden. Zermatt liegt zu hinters im Mattertal. Das Mattertal ist im Wallis. Und das Wallis ist die Sonnenstube der Schweiz. Die Schweiz
ist wegen der Schokolade bekannt. Und auf fast jeder Tafel Schweizer Schokolade ist das Matterhorn mit dem Furggrat abgebildet. Mehr Druckerschwärze braucht zum Thema Bergsteigen hier nicht
vergossen zu werden.
Meine Absicht war natürlich gewesen, im gleichen Wurf auch das naheliegende Theodulhorn mitzunehmen. Denn - so dachte ich mir - kein vernünftiger Mensch läuft stundenlang von Brig nach Zermatt,
nur um das Furgghorn zu besteigen. Ob ein vernünftiger Mensch von Brig nach Zermatt läuft, um das Furgg- UND das Theodulhorn zu erklimmen ist eine andere (berechtigte) Frage. Diese steht hier
aber im Augenblick nicht zur Diskussion. Auch das Theodulhorn wäre vom besagten Furggsattel aus leicht, in nicht mehr als einer viertel Stunde, zu besteigen gewesen. Doch einmal siegten
Bequemlichkeit, wegen meiner Schuhe mangelnde Leidensbereitschaft und eine nicht abzustreitende Weisheit und Abgeklärtheit über die mir sonst so heilige Statistik. Und: Was nützt es dem Menschen
überhaupt, die ganze Bergwelt zu gewinnen? Irgendwie ist es doch sehr doof, irgendwo hochzusteigen, nur um einmal oben gewesen zu sein. Ebenso einfältig ist es ja, irgendetwas zu machen, nur um
es einmal gemacht zu haben. Man kann doch genau gleich, einmal nicht hochsteigen, um damit einmal mehr unten geblieben zu sein.
Und so fuhr ich dann halt, nicht ohne mir vorher die Frage der Besteigung des zweiten Gipfels gründlich überlegt zu haben, die lange Piste nach Zermatt hinunter. Ich machte mir natürlich auch
Sorgen darüber, ob der Verzicht auf das Theodulhorn nicht irgendwelche psychische Nachwirkungen haben und mich in absehbarer Zukunft dann total ärgern würde. Bis vor der Abfassung dieses
Berichtes war dies jedenfalls nicht so gewesen. Eine Abfahrt in einem Skigebiet wie Zermatt hat natürlich auch so seine Tücken. Kam ich mir beim Aufstieg noch so vor wie „Einer-gegen Hundert“,
schwamm oder wedelte ich jetzt plötzlich mit dem allgemeinen Skifahrerstrom zu Tale. Tatsache ist, dass viele im Verhältnis zu ihren skifahrerischen Fähigkeiten mit zu hoher Geschwindigkeit
unterwegs sind und damit sich und die anderen gefährden. Nicht nur einmal zischte jemand haarscharf vor mir durch und zwang mich zu einem Bremsmanöver.
Was noch? - Das Wetter war eine Pracht. Ein dünnes Hemd und nichts darunter reichte mir bis weit hinauf in diese an sich eisige Gletscherwelt. Derweil die Skifahrer vermummt waren wie zu Zeiten
des Propheten.
Und noch dies und das zu dieser langen Tour:
Auf meiner ersten Skitour der Saison vor zwölf Tagen hatte ich mir an den Fersen riesige Blasen geholt. In der Zwischenzeit hatte ich meine Schuhe im Fachgeschäft neu anpassen und vor allem
ausdehnen lassen. Und gestern war es wieder dasselbe. Bereits der erste Schritt schmerzte. Und in der Folge half alles Neu-Binden, Loser-Binden und Fester-Zudrücken der Schnallen nichts - es rieb
einfach weiter, dort wo es nicht hätte reiben sollen. Mit der Zeit versuchte ich aus der Not eine Tugend zu machen, und hoffte, dass mich diese Not früher oder später wenigstens von meiner
unsäglichen Bergsucht befreien würde. Wohl nichts damit gewesen, denn schon ein paar Stunden später waren alle Unpässlichkeiten vergessen.
Meine Schuhe waren mit ein Grund dafür, dass ich von Zermatt weg unglaublich langsam unterwegs war. Sechseinhalb Stunden benötigte ich bis ganz hinauf. Mein Kollege von vor zwölf Tagen hatte die
gleiche Strecke vor Kurzem in zweieinhalb Stunden geschafft. Ich glaube nicht, dass ein Hikr je langsamer einen Berg hochgekraxelt ist als ich. Irgendwie glaubte ich, die Hausaufgaben für diese
Tour nicht gemacht zu haben. Sie förderte jedenfalls einige Schwächen, an denen es noch zu feilen gilt, zu Tage. Doch auch hier das Positive: Mein Körper macht immer noch das, was ich will oder
wünsche. In einer Zeit, wo sonst jeder macht, was er will, und wo auch Lehrer oder Familienoberhäupter sich kaum mehr durchsetzen können, ist dies doch eine gute Nachricht. Da ist wenigstens
einer noch, der deine Anweisungen befolgt.
Ich hatte meine Skis wieder ein paar Stunden vorher mit der Bahn nach Zermatt gebracht und war dann nach einer Stunde Aufenthalts in diesem Weltkurort mit dem letzten Zug wieder nach Brig
gefahren. Mag logistisch zwar nicht ganz logisch sein, es entspricht aber der Logik meiner Touren. Schöner wäre sicher, wenn du nächstes Mal mit mir kommen und gleich das ganze Pack nach Zermatt
mitnehmen würdest. Ich würde mich an deinen Fahrkosten beteiligen, und du kämest zu einer flotten Tour. Eine wahre Win-win-Situation - bisher hat es niemand bereut. Die verbrachte Stunde im
Kurort hat mir gefühlsmässig sehr gut getan. Dort erlebt man noch Winter- und Weihnachtsstimmung pur - eben wie in einem echten Winterkurort. Überall brennen Lichter. Und in den Strassen spricht
man russisch, was einen unwillkürlich ins kürzlich besuchte Sharm-el-Sheikh zurückversetzt.
Dann ist da noch der Witz vom autofreien Zermatt. Von Brig nach Visp und St. Niklaus und weiter nach Randa und Täsch waren Autos überhaupt kein Problem, obwohl ich über weite Strecken auf der
Hauptstrasse lief. Dies hatte aber auch mit der Tageszeit meiner Reise zu tun. Und zwischen Täsch und Randa war dann plötzlich der Teufel los. So viele Autos, dass man als Fussgänger wahrlich auf
falschem Posten war. Zudem fuhren viele recht aggressiv und unbeherrscht. Die Strasse ist auch so eng, dass für morgendliche Abenteurer zu Fuss fast kein Platz mehr ist. Man kämpft förmlich für
das bisschen Rest-Leben, das auch im biblischen Alter von 57 noch in einem pocht. Wahrscheinlich müsste man hier als Fussgänger eine vernünftigere Zeit wählen, und nicht die nach sieben Uhr in
der früh.
Sonst war der Weg von Brig nach Zermatt, den ich mit vielem Joggen hinter mich brachte, okay. Wegen der kalten Temperatur, die letzthin hier herrschten, muss man vorab auf Nebenstrassen oft mit
starker Vereisung rechnen. Einige Streckenabschnitte sind gesperrt, weil man hier tagsüber von herunterfallenden Eisbrocken bedroht wird. So sollte die alte Talstrasse zwischen Ackersand und
Stalden im Moment nicht begangen werden. Auch beim neuen langen Tunnel kurz nach Stalden steht bei der ehemaligen Strasse eine Verbotstafel. Fussgänger und Velofahrer dürfen aber auch nicht durch
den Tunnel - was eigentlich Abbruch der Tour heissen würde.
Um besser über die Runden zu kommen, hatte ich mein Basislager schon in unserem Lehrerzimmer in Visp eingerichtet. Dort gab es zu mitternächtlicher Stunde Brot, Käse, Wurst und Eier und heissen
Kaffee. Die nächtliche Kälte, die ich im Vorfeld der Übung noch etwas befürchtet hatte, war kein grosses Problem. Es geht darum, ständig ein Mittel zwischen zu viel und zu wenig Kleidern, oder
zwischen Schwitzen und Schlottern zu finden. Längere Pausen, wie ich sie im Wartesaal zu Randa und dann in Zermatt gemacht habe, sind aber nicht zu empfehlen, weil der Aufenthalt in der kalten
Nacht im Anschluss daran für einige Zeit ein kleiner Horror ist.












Kommentar schreiben
Kommentare: 0