Gärsthorn oberhalb von Mund (25.06.2011)

Ich habe das Gärsthorn oberhalb von Mund bestiegen. Es handelt sich hier um einen relativ leichten Fast-Dreitausender, der in der Regel von Brischeru aus angegangen wird. Bei gutem Wetter kann man vom Gipfel eine sehr gute Aussicht geniessen. Ich hatte das Gärsthorn im Rahmen meines Projektes schon im Jahr 2008 bestiegen. Doch eine kleine Rechnung war seither offen geblieben: ich hatte damals nur den unteren, etwas weniger hohen Gipfel - derjenige, der das Gipfelkreuz und eine Wetterstation trägt, besucht. Tatsächlich liegt weiter nördlich noch eine Erhebung, die rund 37 Meter höher ist als die südliche. Im Winter steigt man mit Ski oft via Birscheruchumma auf diesen nördlichen Gipfel. Der Hauptgrund für meine Tour war jedoch, dass Charly ein paar Lehrerkollegen zu einem fröhlichen Zusammensein bei seiner heimeligen Alphütte auf Brischeru eingeladen hatte.

 

Während meine Kollegen mit Mountainbikes hochgefahren sind, habe ich einen Fussmarsch vom Bahnhof Brig aus vorgezogen. Dabei habe ich, in Birgisch angekommen, kurzfristig einen sehr unkonventionellen Weg gewählt - wohl denjenigen, den die Steinzeitmenschen vor Jahrtausenden eingeschlagen haben, um solche und ähnliche Erhebungen zu besteigen. Wobei es die Steinzeitmenschen um einiges besser hatten als heutige Bergsteiger: aufgrund der starken tektonischen Bewegung der Kontinentalplatten und der daraus resultierenden raschen Aufschichtung der Alpen seinerzeit, mussten sie einfach geduldig an einem Ort ausharren, um sich eine gewissen Zeit später auf einer Bergspitze zu befinden. Von Birgisch bin ich zügigen Schrittes über die „Obersta“ bis auf 1540 Meter über Meer im Gredetschtal aufgestiegen. Von dort ging es dann steil das Couloir von Howang hoch. Dieser „Weg“ ist nicht zu empfehlen. Mit 1500 zu bewältigenden Höhenmetern bis zum Gipfel nimmt die Geschichte kein Ende. Immer wieder tut sich vor einem eine neue Rinne auf. Ab und zu sind die grasbewachsenen Partien auch recht glitschig. Aber eine gute Übung ist es auf alle Fälle, auch wenn ich mir meiner Geschwindigkeit wegen teils wie ein B-Post-Träger vorkomme. Das Gipfelcouloir ist felsiger und damit viel griffiger und besser zu begehen. Schlussendlich kommt der Gipfel dann aber doch überraschend schnell auf einen zu. Und überraschend ist auch die hingelegte Zeit für diesen Aufstieg - ich hatte um einiges länger als vor drei Jahren auf der Normalroute. Abkürzungen sind halt nicht immer der kürzeste Weg.

 

Nach kurzem Gipfelaufenthalt steige ich über den Mälchgrat und die Gärsthalte ab. Dabei verweile ich noch lange bei einer Ziegenherde - so lange, dass sich meine Kollegen bereits Gedanken über meinen Aufenthalt zu machen beginnen.

 

Als ich die straffen Schenkel meiner Kollegen sehe, wird mir bewusst, dass ich schon irgendwie anders als sie bin. Passe ich als reiner Wanderer überhaupt in diese Biker-Gesellschaft? Sie sind gerade in eine Diskussion über die neuesten Pulsmesser verwickelt. Bei einem Puls von 220 sei man praktisch tot - von diesem Wert müsse noch das Alter in Jahren abgezogen werden. Plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich überhaupt noch lebe. In Gedanken schwebt mir eine Pulsuhr mit vollständig integriertem Blasen Kontent Management vor. Sie müsste override kompatibel sein und mit einem Urin Overflow Alarmsystem ausgestattet sein. Letzeres müsste frei und individuell programmierbar sein. Mindestens sollte es mit einem Blasen Level Indikator ausgestattet sein. Auf diesem sollte abgelesen werden können, wie lange es bis zum nächsten Müssen noch dauert. Hin und wieder ist es nämlich spannend zu wissen, ob eine heikle Kletterpassage noch ohne auf halbem Weg dann plötzlich zu müssen passiert werden kann. Internetkonnektivität wären in einem Nachfolgertyp zu implementieren, so wären auch betreuender Sportarzt und eventuell daheimgebliebene Partnerin via Facebook oder Twitter stets über Urinstand und -zustand stets informiert. Ein dazugehörendes Grafikmodul würde u.a. bei der Beantwortung der sehr wichtigen Frage, ob eine Urinrekuperation bei unterdrückter Flüssigkeitszu- und -abfuhr überhaupt möglich ist, beantworten. Derart in technischen Details verstrickt und entsprechend gedankenabwesend ist mir stark bewusst geworden, dass jemand, der so intensiv von seinem Projekt überzeugt ist, von seinen Kollegen gar nicht mehr besonders geschätzt wird. Ich verdrücke ein paar Bratwürste und mache mich nach etlichen Stunden an den Abstieg von Brischeru nach Brig. Werde von zwei Fahrzeugen mitgenommen. Damit bleibt in meiner Gipfelliste nur noch der Makel "Strahlhorn" auszumerzen, wo mir immer noch zwei Meter bis zum wahren Gipfel fehlen.

 

In Anlehnung an die kürzlich im Hikr stattgefundene Diskussion betreffend Wanderwegbewertung noch dies: Auf meinem ausgedehnten Marsch ins Gredetschtal bin ich einem virtuellen Schafhirten begegnet, mit welchem sich nach ein paar belanglosen Sätzen tatsächlich eine längere Diskussion über die Bewertung des von uns gerade beschrittenen Weges entwickelte. Er plädierte für eine T1-plus, und ich war der festen Überzeugung, dass es sich um eine T2-minus handelte. Fast wären wir einander in die Haare, respektive Wolle geraten, wenn ich nicht ein paar stichhaltige Argumente für meine Beurteilung gefunden hätte. Er meinte lediglich, dass der Weg weder ausgesetzt, noch steil noch glitschig sei. Mir war aber direkt aufgefallen, dass viele Steine im Weg beträchtlich aus dem Boden ragten, jedenfalls viel mehr als für eine T1-plus-Bewertung zulässig. Da ich mir in Sachen Schwierigkeit der von mir begangenen Wege stets hundertprozentig sicher sein will, führe ich auch stets ein Meterband mit. Tatsächlich ergab eine Messung von zehn willkürlich gewählten Wegsteinen, dass acht von ihnen mehr als zwei Zentimeter aus dem Boden ragten. Während der Schafhirte nur noch den Kopf schüttelte und nach neuen Argumenten für seine Einschätzung zu ringen schien, war für mich klar: T2-minus oder sogar eine knappe T2. Nachdem ich auch noch die Feuchtigkeit der obersten Wegschicht grob ermittelt und den entsprechenden Glitschfaktor in meiner mitgeführten Tabelle nachgeschaut hatte, war für mich die Bewertung T2 quasi sicher. Während sich der Schafhirte noch am Bart kratzte und über die modernen Methoden der Schwierigkeitsbestimmung wunderte, fiel mir auf, dass vom Wegrand recht viele Grashalme zur Wegmitte hinüber ragten. Es war mir bewusst, dass auch dieser Faktor, besonders bei nassen Verhältnissen, die Begehung eines Weges zusätzlich erschweren kann. All dies und der überall auf dem Trassee herumliegende Schafskot liessen nun in meinem Hirn alle Alarmglocken läuten. Während ich mich anschickte, meinen Weg mit jetzt zugegeben etwas wackligen Knien fortzusetzen, ermahnte ich noch eindringlich meinen Zufalls-Bekannten zur Vorsicht, und schärfte ihm ein, dass er für sein Tun auf dem noch vor ihm liegenden Weg auf alle Fälle selbst verantwortlich sei, dass ich in keinster Weise irgendwelche Verantwortung übernehmen würde, und dass er für alle durch einen möglichen Sturz von ihm verursachten Schäden an sich selbst oder an der Natur selber aufkommen müsse, und dass ich mir bei irgendwelchen Klagen via persönlichem Advokaten schon zu helfen wüsste. Nachdem wir uns darüber einig geworden waren, nachdem er im Verlaufe meines juristischen Exkurses sowieso schon lange nur noch „ja, ja, ja“ und gelegentlich "wele hüero Narr" gesagt hatte, fanden wir beide, und vor allem ich, zur Überzeugung, dass jeder Wanderer mit irgendeinem Handicap wie im Golf gekennzeichnet sein müsste. Ein T3-Wanderer mit Handicap 6 würde dann heissen, dass ein solcher Wanderer auf einem entsprechenden Weg innerhalb einer Wegstrecke von einem Kilometer durchschnittlich höchstens sechsmal stolpern würde. Die sichersten Wanderer, aber sicher auch die langweiligsten, wären dann die T1-Handicap 0-Wanderer. Andrerseits müssten T5-Handicap 6-Wanderer schon mit „jugendlichem Draufgänger“ bezeichnet werden. Diesen könnte eine gewisse Lebensverachtung sicher nicht abgesprochen werden. Handicap hin oder her ist das Wandern doch auch eine Frage des Stils. Wer auf unseren Bergpfaden unterwegs ist wie ein Geschäftsmann in der Zürcher Bahnhofsstrasse, wandert viel zu aufrecht - schlechte Stilnote. Ihm sieht man von weitem an, dass er nicht in den Bergen aufgewachsen ist und diese Tatsache ein Leben lang nicht mehr verbergen kann. Uns hat man in Kursen eigebläut, dass sich in den Bergen richtig fortbewegt, wer sich so bewegt wie ein Bauer aus dem Emmental oder sonst wo her. Auch ihm sieht man in der Zürcher Bahnhofstrasse an, dass er dort fremd ist. Zusammengefasst heisst das, dass man sich in den Bergen am ehesten so wie ein Maulesel fortbewegt, das heisst mit vorübergebeugtem Körper und wippendem Kopf, oder so ähnlich ...

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