Herdhorn (16.07.2011)
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Auf der Suche nach dem eignen Ich und nach der eigenen Zweckbestimmung auf dieser Erde habe ich gestern noch lange gegoogelt. „Ego-Googeln“ heisst das, wenn man seinen eigenen Namen eingibt und
dann mit grosser Verzückung feststellt, dass man 1345 mal gefunden wird. Bei dieser Aktivität bin ich auf das folgende Dokument gestossen.
Mein Gott, war ich damals ein anderer und guter Mensch! - Lange vorbei sind leider die Zeiten, wo man noch versuchte, die Welt zu retten oder mindestens zu verbessern. Heute vergeude ich 99.99 Prozent meiner Energie mit ziellosem Herumlaufen in meinen sinnlos geliebten Bergen. Aufgrund dieser grossen Erkenntnis trieb es mich einmal mehr hinaus aus dem Haus, hinein in das Baltschiedertal und hinauf auf das Herdhorn - in der Hoffnung, vielleicht dort endlich den letzten Sinn des Lebens finden zu können. Wobei ich jetzt nicht einmal mehr weiss, was „Herd“ bedeutet. Ist es der Herd wie im Küchenherd, oder in Haus und Herd, oder hat das bestiegene Horn seinen Namen von „Härd“, was in unserem Dialekt soviel wie „Erde“ heisst. Auf dem Weg dorthin und zurück war ich der Meinung, dass letzteres zutreffen würde, doch jetzt beginne ich zu zweifeln. Moral der Geschichte: Nach dieser Tour habe ich einmal mehr Fragen als Antworten, oder mehr ungelöste Fragen als vor der Tour.
Vor der Tour sagte ein lieber Arbeitskollege im Vorbeigehen noch, dass Bergsteiger nicht alt würden. Das hat mir auch auf der Tour sehr zu denken und grübeln gegeben, zumal dieser Kollege als ein
sehr logisch denkender Mensch bekannt ist, und sich sehr oft mit Mathematik abgibt. War die Aussage als Kompliment an mich gedacht, in dem Sinne, dass er sagen wollte, dass ich noch extrem jung
aussehe, oder sah er in mir einfach die Ausnahme einer mir unbekannten Regel.
Derartige Aussagen spornen einen zu zusätzlicher Vorsicht an. Jeder Stein wird doppelt auf seine Festigkeit geprüft, jeder Griff doppelt so stark angepackt. Vielleicht habe ich darum heute einen
Muskelkater wie ich ihn schon lange nicht mehr hatte.
Natürlich ist auch das Herdhorn ein wunderbares Horn. Wunderbar auch darum, weil es im Baltschiedertal ist, und dieses Tal für mich sowieso eines der schönsten im Oberwallis ist. Es ist sehr
urtümlich, sehr weiträumig und abgeschieden. Und nirgends hört man Wildbäche rauschen wie dort. Da kann ich unterwegs immer wieder irgendwo sitzen bleiben, um die gewaltige Atmosphäre auf mich
wirken zu lassen. Nur schade, dass sich das Bietschhorn auch dieses Mal wieder nicht blicken liess.
Kurz zur Route. Man verlässt den Bahnhof Brig wie immer am genau gleichen Ort - so wie es mein Ritual verlangt. Dann geht es Richtung Brigerbad, blablabla, blablabla ... Schlussendlich kommt man
jedenfalls im Baltschiedertal am Orte genannt „Matischipfa“ an. Dort zwingend nicht über die Brücke und über den tosenden Bach sondern dem Weg rechts hoch Richtung Strahlhorn folgen. Dieses weder
anpeilen, noch überschreiten, noch versuchen zu bezwingen, sondern ihm am Westhang folgen. Irgendwo gibt es einen Wegweiser (<--- Baltschiederklause). Den weiss-blau-weissen Markierungen bis
an den Westgrat des Herdhorns folgen. Und dann, sich stets eher links haltend, diesen Grat hoch. Dieser Teil ist weglos aber gut machbar. Nach erreichter Höhe geht es noch vielleicht zweihundert
Meter über einen recht zackigen, hin und wieder ausgesetzten waagerechten Grat. Wahrscheinlich müsste man dem Grat nicht bis zur Erhebung mit dem kleinen Steinmann folgen, um den Gipfel gemacht
zu haben. Gipfel ist nicht unbedingt offensichtlich.
Vom Gipfel hat man einen sehr schönen Tiefblick ins Gredetschtal. Und auch sonst sieht man alles, was es zu sehen gibt - wenn in diesem doofen Tal nur nicht immer alles in dichten Nebel gehüllt
wäre. Die Steine und Felsen, an denen man sich festhält, sind zum Teil messerscharf. Man muss nicht erstaunt sein, wenn nach bestandener Tour die Hände zerschunden, die Waden aufgeschnitten und
die Knie malträtiert sind. Da aber auch dies zu unserem Hobby gehört, ändert sich nichts an der ganzen Geschichte. Die Wade, in die mich vor drei Wochen auf dem Arbeitsweg ein Hund gebissen
hatte, ist jetzt von einem spitzen Stein aufgeritzt worden. Wobei zu sagen ist, dass ich und nicht der Hund auf dem Arbeitsweg war, dass ich auf der Tour recht kurze Hosen und nicht Berghosen
trug, und dass für mich der Fall damit eigentlich erledigt ist.
Wer nicht dieser Wegbeschreibung folgt, sondern sich ein paar hundert Meter weiter Richtung Baltschiederklause bewegt, um dann dort den Grat rechts hoch zu klettern, stellt auf dem Gipfel mit
Überraschung fest, dass er nach grosser Anstrengung auf dem Grüebhorn und nicht auf dem Herdhorn angekommen ist. Dies ist dem Schreibenden auf seiner vorletzten Tour passiert. Moral der
Geschichte: traue niemand und verlass dich auf die eigene Eingebung.
Grösste alpinistische Leistung
Meine grösste alpinistische Leistung in letzter Zeit war ohne Zweifel das Jäten Mutters Garten in Staldenried auf 1140 Meter über Meer. Sieben ein halb Stunden brauchte ich, um die Erde
umzuwühlen und alles Unkraut fein säuberlich herauszuziehen und an den oberen Rand des Grundstücks zu tragen. Und ich musste kämpfen, dies umso mehr, da einmal in der Zeitung stand, ich hätte
Kraftreserven und eine gute Kondition - wenigstens beim Wandern. Und so wollte ich halt nicht klein beigeben. Und wie es in einem Dorf so üblich ist, gab jede Person, die des Weges kam,
irgendeinen Kommentar ab oder wollte irgendetwas wissen oder sagte, wie es am besten zu tun sei. Das ist auch das Schöne in einem Dorf: man kommt mit allen ins Gespräch, und alle interessieren
sich hier im Wallis für die Arbeit. Da war es damals in Afrika ganz anders. Auch da arbeitete ich oft auf dem Feld. Und auch dort fingen die Passanten immer ein Gespräch an. Doch niemand gab je
einen Kommentar zur Arbeit ab oder schien sich im Entferntesten dafür zu interessieren. Das hat mir dann oft zu schaffen gemacht - „bin ich denn hier niemand?“. Statt sich für meine Arbeit zu
interessieren, wurde nach meinem Befinden gefragt, oder nach jenem meiner Tante, meines Uronkels, meiner Schwiegermutter, ... Beim Jäten in Staldenried musste ich am Schluss aufgeben, das heisst,
ich schaffte den Gipfel nicht, ich musste die letzten paar Quadratmeter für ein anderes Mal aufheben. Derart kaputt und müde war ich nach der mühseligen Arbeit. Vielleicht auch darum, weil der
Boden dieses Jahr so trocken ist wie sicher nie zuvor war. Und nach getaner Arbeit schmerzten mich neben dem Rücken die Finger an beiden Händen derart, dass ich ein paar Tage lang auf sogar auf
alle Kletteraktivitäten verzichten musste.
Moral der Geschichte: WORK LESS - CLIMB MORE
Der Höhepunkt der Tour: In Eggerberg, wo der Spass an der ganzen Unternehmung aufzuhören begann, wurde ich von einem deutschen Ehepaar im Auto bis Brig mitgenommen. Waren das freundliche und liebe Leute! - Wenn wir Schweizer auch so freundlich wären, würde unsere Tourismusbranche noch viel besser laufen.












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