Hockenhorn (07.03.2011)
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Motivation
Von meiner Veranlagung her bin ich ein Stubenhocker. In meiner Kindheit war mein liebster Aufenthaltsort im Winter am oder hinter dem warmen Stubenofen. Und auch heute noch umarme ich diesen fettleibigen, rundlichen Gildsteinofen daheim in der Wohnung meiner Mutter liebend gerne. Welche Wonne, wenn es draussen schneit und stürmt, sich an diesen warmen Gesellen zu schmiegen! Bei einer solchen doch eher lebensverkürzenden, weil bewegungshemmenden, Veranlagung, braucht es natürlich jeweils beträchtliche Energien, um den entscheidenden Schritt vom warmen und pelzigen Hauspantoffel in die so kalten und groben Bergschuhe zu machen. Und diesen Spagat schaffe ich jeweils nur dank intensivem mentalem Training. Man muss sich das in etwa so vorstellen - und dies sei als Insider-Tipp verstanden: während ich gehe, stehe oder liege, denke ich an meine lieben Berge; während ich esse, trinke oder in der Arbeit versinke, träume ich von Touren auf die entlegensten Gipfel, und auch während ich einschlafe oder aufwache, ist da nur eines: Skitouren, Klettertouren, kombinierte Touren, Bergtouren im Allgemeinen. Gut, auch ich lebe vom Arbeiten und habe noch ein paar andere Verpflichtungen - muss die Sache also ein wenig relativieren, aber die folgenden "Mental-Werte" kommen der Realität doch sehr nahe: Die zehn Prozent Freizeit, die mir neben den neunzig Prozent Arbeit als Lehrer noch verbleiben, verbringe ich zu neunzig Prozent mit Gedanken an meine Liebste und zu zehn Prozent mit Tagträumen zu Gunsten meiner Hobbies. Von diesen zehn Prozent nehmen Gedanken an das allgemeine Weltgeschehen etwa neun Tausendstel ein, während neunhundertneunzig Tausendstel für Berge, Hörner, Spitzen und Viertausender reserviert sind. Fehlt noch ein Tausendstel, während dem ich mich anderen Bergsteigern widme - und, obwohl ich ein verheirateter Bergsportler bin, muss ich nicht ohne Scham zugeben, dass der Löwenanteil in diesem Bereich Gedanken an Bergsteigerinnen ausmachen. Diese sind aber im Augenblick drauf und dran, aus meinem Blickfeld zu treten, da ihre Position in letzter Zeit mehr und mehr von ein paar sehr sympathischen türkischen oder auch bulgarischen Sängerinnen eingenommen wird - ich denke da an Gulsen, Esil Duran oder Andrea. Fazit: all die Gedanken und das Träumen von Bergen und Hörnern helfen einem schon sehr stark bei der Realisierung seiner Bergsteigerziele. Probier es selber mal aus!
Das Lötschental, eine liebliche Gegend
Ein Traum ist für mich mit dieser Tour in Erfüllung gegangen - ich habe mir das Lötschental von Brig aus zu Fuss erschlossen. Es ist gar nicht so weit weg. Ich liebe dieses Tal sehr, weil ich prägende Jahre meiner Jugend dort verbracht habe. Ich bin 1963 sogar zwei Monate lang in Goppenstein in die Schule gegangen. Dies darum, weil mein Vater als Bauvorarbeiter dort eine Grossbaustelle hatte, meine Mutter in der Baukantine als Köchin tätig war, und wir Kinder einfach mitgenommen wurden. Mein Vater hat in Goppenstein Lawinenverbauungen und die bekannte Rotlauigalerie gebaut. Damals war das enge Tal für mich sehr faszinierend. Die tosende Lonza und die sich zu Tal stürzenden Wildbäche waren ein grossartiges Naturschauspiel. Auch die Züge, die direkt über unserem Kantinendach hinweg donnerten, waren etwas Besonderes. Oft habe ich mit meiner Schwester die Wagen der langen Güterzüge gezählt. Viele Kindheitserinnerungen binden mich heute an Goppenstein. Wie kann man diesen an sich hässlichen Ort überhaupt lieben? - werden sich viele fragen. Später habe ich zur Sommerszeit ein paarmal auf dem Bauch in Blatten aber auch in Wiler gearbeitet. Das Lötschental ist natürlich schon lange nicht mehr das, was es einst war. Hier wie andernorts ist die Landwirtschaft, von der es einst lebte, am Verschwinden. Schon seit langem wird der Tourismus eine viel wichtigere Rolle spielen. Meine Aufmerksamkeit schenke ich heute mehr den grossartigen Bergen, die das Tal umgeben. Dominant ist das aussergewöhnliche Bietschhorn. Das Lötschental ist am Rande des UNESCO Weltnaturerbes. Naturfreunde kommen in diesem „Tal der Täler“, wie es im Prospekt heisst, voll auf ihre Rechnung. Das Skigebiet der Lauchernalp ist sehr gut gelegen und schneesicher. Mit der neuen Gletscherpiste wurden phantastische Pisten erschlossen. Da hat es etwas für jeden Geschmack. Und zudem kann man ständig den einmaligen Blick aufs Bietschhorn und auf andere zackige Berge geniessen.
Tourenbeschrieb
Das Hockenhorn ist einfach zu besteigen. Vor allem jetzt, wo die Gletscherbahn bis 3111 Meter über Meer hinaufführt, ist es ein Katzensprung bis zum Gipfel. In weniger als einer Stunde erreicht man ihn nach einer Traverse des Milibachgletschers über den leicht zu begehenden NW-Grat. Das Skidepot errichtet man am Fuss desselben. Es gibt - den Spuren gemäss zu urteilen - auch Leute, die die Skis auf den Gipfel mittnehmen und dann über die Westflanke abfahren. Ob man das tun will, muss man wohl selber an Ort und Stelle entscheiden. Von Gandegg, dem ehemaligen Ausgangspunkt aus, dauert der Aufstieg rund zwei Stunden. Die Aussicht vom Gipfel ist grandios. Man geniesst auch einen schönen Tiefblick ins Gasteretal hinunter. Ich habe vorher nicht gewusst, dass es auch in der „Ausserschweiz“ so hässliche, weil tiefe und enge, Täler wie im Wallis gibt. Gemäss meiner Karte liegt der Gipfel auf Gebiet der Gemeinde Kandersteg. Nach Norden sieht man vom Gipfel weit ins Flachland hinaus, in Gegenden, die mir völlig unbekannt sind, weil ich noch nie so weit weg von der Heimat gewesen bin.
Schnee- und Wetterverhältnisse
Heuer liegt in den Tälern sehr wenig Schnee - und auf den Bergen auch nicht viel mehr. Es gibt Leute, die schon Sorgen wegen eines zu befürchtenden Wassermangels im Sommer haben. Die Abfahrt von der Lauchernalp der Strasse entlang nach Wiler hinunter ist gesperrt, weil zeitweise kein Schnee mehr vorhanden ist und auch mit Glatteisgefahr zu rechnen ist. Auf dem Gipfel und den Pisten war es frühlingshaft warm. Die Skifahrer konnten richtigen Frühlingssulz geniessen.
Mein neuer Stil
Dank einer später einmal noch zu publizierenden Anzahl Laufkilometer, die ich seit vergangenem 19. November abgespult habe, und dank einer noch zu publizierenden Anzahl Klimmzüge und Liegestütze, die ich seit vergangenem 14. November 2010 gemacht habe, ist mein alpinistischer Stil jetzt komplett anders geworden. Ich kann die Sache heute viel schneller angehen, und am Berg selber ist vieles nur noch ein Spiel meiner Muskeln. In Zahlen ausgedrückt heisst dies - bitte, halte dich fest - dass ich die Strecke Brig, Bahnhof bis Steg, Lonzabrücke bis deutlich vor zwei Uhr morgens zurücklegen konnte. Dort fragte ich jemanden, der gerade auf dem Heimweg war, ob ich ein paar Minuten in seinem Treppenhaus verbringen dürfe, um mich etwas umzuziehen und mit Nahrung und Getränk für den weiteren Verlauf der Reise zu stärken. Er willigte bereitwillig ein und stellte mir sogar seine Toilette zur Verfügung. Es ist schöne, solche Gastfreundschaft mitten in kalter Nacht geniessen zu dürfen, dies umso mehr, als man sonst keine Freunde in seinem Leben hat und somit in seinem Projekt vollkommen auf sich selber angewiesen ist. Diese Tatsache macht bei Touren wie der vorliegenden eine total stumpfsinnige Logistik erforderlich: Skis mit dem Auto ins Lötschental fahren, dort noch gerade knapp den letzten Bus nach Goppenstein erwischen - mit dem „Lötschberger“ zurück nach Brig fahren, nur um dort wieder, aber diesmal zu Fuss, ins Lötschental zu laufen. Aber dies - so unter sternklarem Himmel und in stiller Nacht - geschieht dann natürlich schon sehr lustbetont. Leute, die das gleiche wie ich taten, waren wieder äusserst selten bis nicht anzutreffen. Umso erstaunter war ich, nur wenige Meter oberhalb von Gampel einen wahrhaft grossen Steinbock anzutreffen, der zufälligerweise meines Weges kam. Wahrscheinlich handelte es sich um irgendeinen solitären Bock auf der Suche nach besserer Nahrung. Die leuchtenden Augen der Wildtiere in der Nacht sind immer schön anzusehen. Die Wanderung nach Goppenstein hat mir sehr gut gefallen. Da der (in der Nacht sowieso nicht vorhandene) Verkehr jetzt durch einen langen Tunnel geführt wird, war es sehr still, und der Sternenhimmel über dem engen Tal zeigte sich auf eindrückliche Art. Ganz speziell war es für mich auch, den von meinem Vater gebauten Tunnel, und damit viele Kindheitserinnerungen, zu passieren. Das man auf dieser Erde im Grunde alleine ist, zeigte mir auch meine Ankunft auf dem Bahnhof in Goppenstein. Der dort in der Nacht diensttuende Stationsbeamte erschrak sehr, als ich auf der Suche nach etwas Wärme den SBB Wartesaal betrat. Er verkroch sich in den hintersten Winkel des von meiner Warte aus nicht einsehbaren Stationsführerbereichs, während ich etwas Speise und Trank in mich aufnahm. Später hörte ich, dass er jemand sonst, wahrscheinlich den diensttuenden Beamten auf der anderen Seite des Lötschbergs, telefonisch avisierte. Erst viel später späte er aus einem anderen Winkel in den Wartesaal herein, wahrscheinlich um in Erfahrung zu bringen, was es mit mir überhaupt für eine Bewandtnis habe. Indes teilte ich ihm mit, dass es mir leid tue, in derart erschrocken zu haben, und mutmasste, dass es wohl nicht sehr häufig sei, dass hier Wanderer mitten in der Nacht auftauchten. Er bejahte und meinte, dass meine Anwesenheit so schlimm nicht sei, und dass er sich so schnell nicht erschrecken lassen würde. In Wiler angekommen, begab ich mich vorerst mal zur Seilbahnstation, um chronologisch festzuhalten, wie lange ich vom Bahnhof Brig bis dort laufend und wandernd gebraucht hatte, dann verkroch ich mich für längere Zeit in mein Auto. Hatte vorerst keine Lust, Skischuhe anzuziehen und Skis anzuschnallen, um den weiten Weg zum Hockenhorn hinauf in Angriff zu nehmen. Um sechs Uhr früh, als es dann deutlich heller zu werden begann, konnte mich aber nichts mehr zurückhalten, und ich stürmte hinaus in den kühlen Morgen. Derweil kursierten noch allerlei Gerüchte und Phantasien in meinem Kopf herum - welche Berge und wie viele überhaupt würde ich an diesem Tag besteigen? - Würde ich auch noch das Kleinhockenhorn mitnehmen, dann zum Sackhorn hinüber traversieren, um von dort zum Stielti- und Spalihorn hinunterzufahren? - Das Schilthorn unterhalb des Hockenhorns war mir ja sowieso quasi sicher. Beim weiteren Aufstieg zum Gipfel wurde mir bewusster und bewusster, dass man in fortgeschrittenem bis biblischen Alter schon in einer sehr privilegierten Situation ist. Was kümmern mich all die Gipfel und ihre Namen? - Das zwanghafte Sammeln von Touren, Spitzen und Kreten gehört doch schon lange der Vergangenheit an. Die, welche da Viertausender, Kantonshöhepunkte, Rothörner, Höhenmeter und ähnliches sammeln, gehen im Grunde doch einer primitiven Tätigkeit nach. Du, lieber Leser, liebe Leserin, bist sicher auch eine/r von denen, dich nicht umkehren können, die unbedingt oben gewesen sein müssen, die allerlei sammeln. Da habe ich schon grosse Mühe, dich zu verstehen. Ich weiss schon, dass Umkehren-können, oder auf Gipfel-verzichten-können, auf Gipfel, die sich quasi im Vorbeigehen wie reife Früchte anbieten, viel Charakterstärke verlangt. Da braucht es schon die Abgeklärtheit, die man erst in meinem Alter erwirbt. Wobei sie eigentlich nur von den wenigsten je erreicht wird. Und wir, die wir sie erworben haben, sind im Grunde nie stolz darauf, weil direkt mit ihr eine grosse Bescheidenheit verbunden ist. Wir Bergsteiger und Bergsteigerinnen sind doch keine Kinder mehr. Gut, irgendwie verstehe ich dich, dass du immer unbedingt oben gewesen sein musst. Es kann im Nachhinein halt schon wurmen, wenn man statt fünf nur einen Gipfel bestiegen hat. Aber deswegen muss du ja nicht gleich die gute Laune verlieren. Geh doch an einem anderen Tag zurück und versuch es nochmals. Und was sind schon Statistiken! Ehrlich, es juckt mich nur ganz wenig, dass ich sie heute nicht mit drei, vier weiteren erreichten Zielen schmücken kann. Ärgerlich ist halt nur, dass sie leicht zu erreichen gewesen wären. Und, was mich dann immer im Nachhinein tödlich aufregt, ist, dass man seine Ziele während der Tour nicht mit letzter Konsequenz anstrebt. Wie schön wäre es doch heute, wenn ich noch in zehn Jahren sagen könnte: Ich habe siebzehn Berge im Lötschental direkt von Brig aus bestiegen. Und erst die vielen Höhenmeter und Leistungskilometer, die mir wieder entgangen sind ... Was in meinem Alter, im Gegensatz zu deinem, natürlich überhaupt keine Rolle mehr spielt, ist die Zeit, die man bis zum Gipfel braucht. Im Blick auf die Pension, die mit viel geschenkter Freizeit schon fast vor der Türe steht, lässt man sich auf Bergtouren schon jetzt reichlich Zeit. Spielt doch keine Rolle, ob man fünf oder sechs Stunden bis auf das Hockenhorn hinauf hat. Ehrgeiz ist gut, dort wo er nötig ist, aber sicher nicht hier. Gut, bei meiner nächsten Tour ins Lötschental werde ich die Pausen sicher kürzer halten. Auch auf dem Weg zur Lauchernalp hoch muss ich die Route unbedingt noch verbessern. Was nützt es mir, wenn ich wie ein Wilder von Brig nach Gampel laufe, und am Berg dann nicht mehr kann? Ich muss meine Kräfte besser einteilen. Du wirst sehen, nächstes Mal werde ich bestimmt eine Stunde früher ganz oben sein. Der Ärger mit den fünf Minuten und zehn Sekunden, die ich wegen eines Irrtums eingangs des Lötschentales verloren habe, werde ich mir inskünftig sicher ersparen. Dass ich in Goppenstein wieder sage und schreibe dreizehn Sekunden damit vergeude, dass ich die Unterführung zum Wartsaal benutze und nicht in einem günstigen Moment über die Geleis husche, kannst du schon jetzt vergessen. Fast hätte ich es vergessen: zu meinem neuen Tourenstil gehört auch ein Rock’n Roll Kurs, den wir am Tag meiner Tour angefangen haben. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wichtig ein guter, und vor allem ein schneller Rhythmus auch am Berge ist. Das gelernte Kick-Ball-Change hat sich im Talgrund schon bestens bewährt. Nächstes mal werde ich es auch direkt am Berg umsetzen.












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