Mittlebärg, Holzerspitz, Holzjihorn, Grosses Fülhorn, Chlis Fülhorn (21.06.2010)

Oh, wie schön! - Jetzt sind bald wieder Ferien, und ich kann viel Zeit meinem Hobby, dem Bergsport, widmen. Und viel schöner noch: jetzt läuft die Fussball WM. Das bedeutet, ich kann noch unbeschwerter in die Berge ziehen, weil ich weiss, dass ich im Fernsehen und in den Medien sowieso nichts verpasse. Ich habe mir vor ein paar Tagen ein Herz gefasst und mich unter gewaltigen Anstrengungen kurz auf den Match Deutschland versus Australien konzentriert. War nichts zu machen - schon nach drei Sekunden, jedenfalls vor dem Anpfiff, schlief ich ein und wachte genau drei Sekunden nach dem Schlusspfiff wieder auf. Wenn wenigstens Deutschland gegen den Homo Australopitecus oder Deutschland gegen den Homo Neanderthalensis oder entsprechend Schweiz gegen Deutschland oder sogar Hannover gegen Pullover spielen würde - aber Deutschland gegen Australien ... Und überhaupt ist mir Fussball viel zu kompliziert. Da laufen 22 Mann neunzig Minuten lang einem Ball hinter her. Während im Bergsport nur ein Mann vielleicht 900 Minuten keinem Ball hinter her läuft. Schon Bergsport ist ja sehr kompliziert, und es gibt unendlich viel darüber zu berichten. Wenn du meinst, es sei einfach, einen Berg zu besteigen, dann schau dir doch mal eine richtige Tourenbeschreibung mit all den Waypoints an. Da links durch, da rechts, da über einen Turm, da abseilen, beim letzten Baum abzweigen, durch ein steiles Couloir hinauf, und orographisch links zum Gipfelkreuz. Auf dem Heimweg alles umgekehrt: wo vorher rechts da nun links durch, von hinten nach vorne, das Couloir hinab, statt abseilen aufseilen, und zurück in die warme Stube. Was den Fussball andrerseits relativ einfach macht, ist dass es nur einen Waypoint gibt, nämlich das gegnerische Tor. Was ihn wieder unglaublich kompliziert macht, ist, dass alle anderen Waypoints sehr variabel sind und sich keinen Moment lang still halten können - mit Ausnahme des relativ stabilen Goalies natürlich. Soll da einer mal eine Tourenplanung machen! Ohne GPS undenkbar! Da aber nicht einmal mehr Rauchpetarden und Gummigeschosse erlaubt sind, werden wohl auch Kompass und Höhenmeter verboten sein. Dagegen ist es sehr leicht, sich mental eine Karte des Fussballfeldes vorzustellen. Blöd ist natürlich auch wieder das Alkoholverbot in den Stadien, das auf unseren Gipfeln glücklicherweise immer noch nicht gilt. Was wäre eine Tour ohne einen Schluck Absinth auf dem Gipfel - oder ohne das obligate Bier danach? Was bei uns Bergsteigern etwas komplizierter ist, ist natürlich die Ausrüstung. Dafür reissen wir uns beim Erreichen unseres Ziels nicht gleich Faserpelz, Hemd und Unterhemd vom Leib um zu jubeln - wie es der Fussballspieler beim Erzielen eines Goals tut. Die Gewohnheit einiger, sich auf dem Gipfel quasi zwanghaft losseilen zu müssen, ist vielleicht ein instinktiver Überrest dieses Fussballergetues. Auch grölen und schreien wir in aller Regel nicht wie verrückt, bloss weil wir den Gipfel erreicht haben. Und es gibt zum Glück auch nur wenige Bergsporthooligans, die nach einer missglückten Matterhornbesteigung Schaufensterscheiben und Restaurantsbestühlungen in Zermatt demolieren. Zusammenfassend kann nicht ohne Stolz gesagt werden, dass Bergsteiger den Fussballern sicher in allen Bereichen überlegen sind. Und ich bin stolz, Teil jener evolutionären Entwicklungslinie zu sein, die da heisst: Einzeller - Mehrzeller - Fisch - Frosch - Reptil - Wirbeltier - Jäger - Kokosnussfussballer - Sammler - Philosoph - ... - Bergsteiger. Ein einziger Blick vom Bildschirm weg und zum Fenster hinaus, beweist mir, das dies alles wahr ist - ich wohne nur 200 Meter vom Stapfen, dem Fussballfeld des FC Naters, entfernt. Verglichen mit unseren T1-Wanderungen, ist es doch vergleichsweise einfach, sich auf einem total ebenen, grünen Rasenplatz, der in der Regel auf geringer Meereshöhe angelegt wird, zu bewegen. Ein Sturz endet im Rasen; verletzt man sich dabei, kommt der Sanitäter gesprungen; hat man Hunger gibt’s Bratwurst in der Kantine; und zuletzt gibt es noch eine warme Dusche.

 

Ich bin früh aufgebrochen zur heutigen Tour, um 00:51 Uhr schon. Es galt, aus diesem längsten Tag des Jahres das Maximum herauszuholen. Der Wetterbericht war einigermassen gut - jedenfalls im Vergleich zu den vergangenen Tagen und Wochen - aber so ganz über alle Zweifel erhaben war er auch nicht. Als ich losmarschierte, war der Mond im Begriffe, tief im Westen unterzugehen. Nur einzelne Wölklein begleiteten ihn. Meine mir vorgenommene Strecke war: Brig - Bitsch - Mörel - Grengiols - Binn - Mittlenbärghütte - Mittlebärg - Holzerspitz - Holzjihorn - ... den Rest je nach objektiven und subjektiven Verhältnissen.


Allzu gross war meine Motivation in dieser Nacht nicht. Wieder einmal dachte ich, dass dies wohl die letzte, oder mindestens eine der letzten derartigen Touren sein würde. Im Rudel würde eine solche Wanderung sicher bedeutend mehr Spass machen. Abgesehen von meinen ständigen Schritten war wenig zu beobachten. In Mörel begegnete mir mitten in der Nacht ein ganzer Zirkus - x Lastwagen und andere Vehikel waren daran, sich von irgendwo nach irgendwohin zu verschieben. Dann sah ich in dieser Nacht noch zwei Dachse - und das war schon alles. Aber aufgepasst, nicht etwa einen Dachs hier und dann eine Stunde später ein anderer Dachs dort. Nein, zwei Dachse am genau gleichen Ort. Sie befanden sich unmittelbar am Wegrand und waren derart miteinander beschäftigt, dass sie mich vorerst gar nicht wahrnahmen. Während ich mir noch überlegte, was in einem solchen Fall zu unternehmen sei, hatten sie mich natürlich schon längst als nächtlicher Wanderer erkannt, und stoben zeternd und laut reklamierend das Feld hinunter. Und mir blieb nur die Erinnerung an diese schöne Begegnung.

 

Mit dieser Erinnerung schritt ich weiter nach Grengiols, Binn und Fäld. In der Zwischenzeit war der Himmel dunkel geworden und dichter Nebel hing im Tal. Und meine Stimmung wurde zusehends besser. Das Rauschen des Wildbachs, das Singen der Vögel, die ganze Natur - was braucht es mehr im Leben! - Eventuell wird dies doch nicht meine letzte Tour sein. Weiter oben waren die Pflanzen vom nächtlichen Frost schön verziert. Im dichten Nebel zog sich der Weg hinauf zur Mittlenbärghütte lange hin. Noch nie war ich vorher hier unterwegs gewesen. Dann stand ich vor der Hütte und war freudig überrascht, dass sich die Türe öffnen lies. Noch grösser war die Überraschung, als ich von innen Radiomusik hörte. Die Hüttenwartin Pia war am letzten Freitag hochgestiegen. Seither hatte sie keinen Menschen mehr gesehen. Sie war gerade aufgestanden und war im Begriffe, Feuer zu machen. Für mich gab es Kaffee, Coca, eine heisse Suppe und vor allem einen warmen Petroleumofen. Da draussen nichts als Nebel war, und zudem Kälte, nahm ich mir über zwei Stunden Zeit, meine Kleider und Schuhe zu trocknen. Was gibt es bei Hundswetter Heimeligeres als eine warme Hütte auf einem Berg! Nachmittags sollten noch ein paar Helikopterflüge Nachschub für den Sommer bringen. Ich kann die Hütte wärmstens empfehlen. Gemäss Prospekt sind von dort aus folgende Skitouren machbar: Ofenhorn, Hohsandhorn, Blinnenhorn, Schinhorn (alles leicht) und Turbhorn, Rappehorn (mittel).


Trotz Nebels bin ich dann Richtung Mittlebärg aufgebrochen und fand diesen nach kurzem Aufstieg relativ leicht. Und dann tat sich zum ersten Mal auch der Himmel auf. Doch vorerst liessen sich die schönen Berge nur für kurze Zeit blicken. Später war das Wetter dann doch bedeutend besser. Wenn da nur nicht dieser etwas lästige Wind gewesen wäre. Und wie beim Velofahren kam er immer vorn vorne - unabhängig von meiner Bewegungsrichtung. Ist ja logisch: morgens Bergwind, abends Talwind, oder vielleicht auch umgekehrt.

 

Die Tour ist „leicht“, und das Binntal ist wunderschön. In dieser ausgedehnten Gegend trifft man wohl nur selten auf eine Menschenseele. Um so überraschter war ich, als es plötzlich in nächster Nähe von mir redete. Ich tastete nach meinen Elektrogeräten - Handy, iPod, Funk, Digitalkamera, bevor ich zwei Menschen hinter einem Stein entdeckte. Ich hüstelte, um sie nicht zu erschrecken. Sie waren am Strahlen, ich meine Steine suchen. Binn ist ein Paradies für Strahler.


Etwas schwieriger war der Aufstieg zum Holzjihorn vom Norden her. Der Grat ist sehr ausgesetzt und mit lockerem Gestein versehen. Wenn kein Schnee liegt, gibt es bessere Varianten.


Auf dem Gipfel geht es vorerst darum, den weiteren Verlauf der Tour zu planen. Irgendwie kehrt bei mir Feierabendstimmung ein - wohl, weil ich im abgelaufenen Schuljahr montags immer früh nach Hause gehen durfte. Andrerseits schreit dieser längste Tag des Jahres nach weiteren Taten und will sinnvoll genutzt sein. Und wenn ich nach Hause ginge, würde ich mir wohl das Fussballspiel Schweiz-Chile anschauen, und damit viele wertvolle Alpinzeit vergeuden. Variante eins: Richtung Rappehorn absteigen, weiter zum Chumme- und Grathorn und hinunter nach Selkingen. Der Abstieg über meine Aufstiegsroute ist mir zu riskant, und kein Otto-Normal-homo-sapiens-sapiens begibt sich alleine auf einen Gletscher. Also steige ich den SW-Grat hinunter. Beim Punkt 2793 tun sich weitere Varianten auf. Variante zwei: Zum Fäldbach absteigen und auf dem schnellsten Weg nach Hause. Ist doch schade, diesen Tag so schnell zu einem Ende zu führen! Variante drei: Ins Rappetal absteigen, weiter zum Chumme- und Grathorn und hinunter nach Selkingen. Nach meiner Beurteilung wäre dieser Abstieg möglich, er würde aber einen langen Aufstieg zur Folge haben. Bin zu bequem.
Also entscheide ich mich schlussendlich für Variante vier und folge dem unendlich langen Grat zum Eggerhorn. Lieber Wanderer, es ist eine Genusswanderung mit herrlichem Blick auf die Berge im Binntal. Es geht ab und zu etwas hinauf und hinunter, aber dies ist doch nur gut für die Kondition.


Am Schluss geht es dann noch lange vom Eggerhorn hinunter nach Ernen. Bei der Alpe Frid hängt ein Radio am Kuhstall, und ich vernehme, dass Schweiz-Chile 0:0 steht. Mit grosser Zuversicht steige ich die Alpe mit den wunderschönen Wiesenblumen nach Egga hinunter. Dann geht es noch über einen schönen Waldweg bis Ernen. Die erste Person, die ich treffe, eine Frau mit Kinderwagen, informiert mich, dass die Schweiz verloren habe. Welch ein denkbar unglückliches Ende meiner sonst so flotten Tour! Ein ungerechtfertigter Platzverweis, eine miese Schiedsrichterleistung und dann noch eine Abseits-Tor hätten zu diesem Desaster geführt. Ich bedaure all die sportbegeisterten Kinder, die diese Niederlage nur schwer werden bearbeiten können. Der Sohn unseres Nachbars hat jetzt auch so eine Fussballtröte und trötet in unregelmässigen Abständen zum Fenster hinaus, was mich beim Berichte-Schreiben enorm stört. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob sein Tröten etwas mit dem Geschehen auf irgendeinem Spielfeld zu tun hat, und ob es Zeihen seines Glücks oder Unglücks ist. Mal angenommen, es hat mit seinem Glück zu tun, und die Schweiz bleibt bis am Schluss dabei, dann stehen schöne Tage vor mir. Wie gesagt, die Kinder schmerzt so eine Niederlage enorm, und uns Erwachsenen ist sowas eigentlich gleich, weil wir die Schweizer Mannschaft schon seit früher Kindheit her nie haben siegen sehen. Darum wohl spielt der Vater des erwähnten Sohnes Handorgel und nicht Tröte, was mich andrerseits beim Abfassen von Tourenberichten in die genau richtige Stimmung versetzt.


Natürlich musste auch ich mir die betreffende Szene abends am Fernsehen rund siebzehn mal in Zeitlupe vor und rückwärts anschauen, um mir ein kompetentes Urteil bilden zu können. Ist doch klar, wenn wir in den Bergen derart mit unseren Händen am Gesicht des anderen herumfummeln würden und derart schubsen würden, würde das auch zu nichts führen. Zu bedauern sind schlussendlich immer die Schiedsrichter und die Trainer, die an allem schuld sind. Stell dir vor: anlässlich unserer Sportwoche musste ich kürzlich einen ganzen Nachmittag als Fussballschiedsrichter fungieren. „Ich werde nur die Zeit stoppen und die Goals zählen!“ - sagte ich mit Bestimmtheit. Bei einem Match zählte ich fünf, und nicht vier Treffer, so dass es am Schluss meiner Meinung nach 5 : 4 und nicht 4 : 4 stand. Mir war vorher gar nicht bewusst gewesen, wie schlimm so etwas sein kann. Ich hatte immer gemeint, dass die gemeinsame körperliche Ertüchtigung oder das Gemeinsame-hinter-einem-Ball her-Rennen den Reitz dieses Spiels ausmache, und dass es den Zuschauern doch gleich sei, in welches Netz der Ball falle - Hauptsache es läuft etwas. Diese Annahme war nicht ganz richtig.

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