Hülsenhorn (12.06.2011)

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Pfingstsonntag


Jede Tour hat etwas Besonderes. Kürzlich habe ich meine Kletterfinken nach dem Klettern an der „Roten Wand“ erst daheim im Wohnzimmer wieder ausgezogen - hatte ich vorher noch nie gemacht. Heute war ich zum allerersten Male auf dem Hülsenhorn, habe zum allerersten Male meinen Klettergurt mit allem Drum und Dran daheim vergessen; nach getaner Tour gab es bei meinem Bergkollegen auf der Belalp einmalig grosse Bratwürste und heimgefahren bin ich zum ersten Mal nach einer Tour im Kofferraum.


Mit meinem Lehrerkollegen Silvan habe ich also am Pfingstsonntag das oberhalb der Belalp liegende Hülsenhorn bestiegen. Dieses ist 3178 Meter hoch und liegt (Luftlinie) 9.9 Kilometer vom Bahnhof Brig entfernt. Es sollte also von dort aus sichtbar sein - falls nicht Nebel und Wolken die Sicht versperren. In letzter Zeit hat es sich vom Tal aus selten blicken lassen, so dass ich mir über die Verhältnisse daselbst vor der Tour nicht ganz im Klaren war.


Interessant (?): das Hülsenhorn war der zweitletzte von 41 Gipfeln, die weniger als zehn Kilometer vom Bahnhof Brig entfernt sind, den ich von dort aus bestiegen hatte. Damit bin ich aber natürlich noch weit von meinem ursprünglichen Ziel, alle innerhalb eines Kubiklichtjahrs liegende Berge besteigen zu wollen, entfernt.


Das Hülsenhorn wird nicht einer der bekanntesten Walliser Erhebungen sein. Ich fand kaum Informationen über die zu wählende Route. Im Internet stand, dass es zuerst durch ein Couloir und dann am Schluss über eine 25 Meter hohe Wand auf den Gipfel gehe.


Eigentlich hatte die Tour gut angefangen. Ich war pünktlich um drei Uhr aufgestanden und um vier Uhr vom Bahnhof Brig Richtung Blatten losmarschiert. Es ist immer so, dass einem im Verlaufe der Wanderung irgendwann in den Sinn kommt, was man alles Daheim vergessen hat. So ging mir auch diesmal erst nach rund zwei Stunden durch den Kopf, dass ich sämtliches Klettermaterial, dass ich am Vortag fein säuberlich in der Garage ausgelegt hatte, vergessen hatte. Mein Trost: ich würde mich wenigstens auf meinen Kollegen verlassen können, der Seil und ein paar Klemmkeile schon am Tag zuvor mit auf die Belalp genommen hatte. Und so war ich der Meinung, dass es schon irgendwie gehen würde. Nötigenfalls würde man ja immer noch kurz unterhalb des Gipfels umkehren können.


Es war schön, seinen Bergkollegen pünktlich am vereinbarten Ort treffen und gemeinsam Richtung Ziel weitermarschieren zu können. Nach rund zwei Stunden kamen wir am Ende der Skilifte in Kontakt mit dem zum Teil noch haufenweise herumliegenden Schnee. Erstaunlich, dass ich trotz der mutmasslich kleineren Sohlenoberfläche immer wieder knietief einsank, während mein Kollege über die trügerische Schneefläche schritt wie damals Jesus übers Wasser. Das vermeintliche Couloir war schon von weitem sichtbar und so schritten wir denn halt auch zielstrebig darauf zu. Wir erreichten seinen Fuss frohen Mutes und machten uns für den weiteren Aufstieg flott. Bald war auch ein behelfsmässiger Klettergurt gebastelt und angeseilt schritten wir den mit der Zeit steiler werdenden Kamin hoch. Fein säuberlich wurde verdrängt und auch bald vergessen, dass mich ein Sturz in diesen „Klettergurt“ wohl in ein paar nicht mehr zusammensetzbare Teile zerreissen würde. Umso froher war ich, dass uns das Couloir keine nennenswerten Hürden in den Weg stellte ... bis wir an eine mit allerlei Eiskerzen verzierte und ungefähr zwei Meter hohe Steilstufe gelangten. Das Ding war zudem ganz schön vereist. Man hätte wohl all seinen Mut mobilisieren müssen, um den entscheidenden Kletterzug mit letzter Konsequenz auszuführen. Dies war ich nach einigem sinnlosen Zögern leider nicht bereit, zumal die Handschuhe nass und die Hände kalt waren, und mein Kollege sehnsüchtigen Blickes ins Tal hinunter zu schauen schien. So liessen wir den Gipfel Gipfel sein und machten uns schweren Herzens für den Abstieg bereit, wohlwissend, dass die gegenseitigen Beteuerungen, dass das doch keine Rolle spiele, dass man noch nie Probleme mit dem Umkehren gehabt hätte, und dass das gesunde Heimkehren doch viel wichtiger sei, im Grunde nicht ernst gemeint waren. Das gegenseitige Zähneknirschen wohlwollend überhörend gelangten wir weiter unten zu einer Stelle, wo sich nach rechts ein zweites, engeres aber auch steileres Couloir nach oben auftat. Dieses war zudem schneefrei und trocken. Nach zwei Seillängen im zehnten oder elften Schwierigkeitsgrad standen wird zwei Glückspilze tatsächlich an einem Ort, von dem das Gipfelkreuz nur noch ein paar Meter entfernt zu sein schien. Eine Drittperson würde in diesem Moment festgestellt haben, das aus dem bis knapp hinter die Ohren gehenden Grinsen auf unseren Gesichtern zu entnehmen war, dass wir uns des Gipfels nun sicher waren. In der Tat ging es nun nur mehr darum, zwei-drei Meter in eine Scharte hinunter abzusteigen um von dort eine Seillänge hoch zum Gipfelkreuz zu gelangen. An diesem Tag war dieser Gipfel ganz unser, nur einmal schwebte ein paar Meter weiter unten eine Dohle vorbei. Schade, dass die Aussicht an diesem Tag etwas zu wünschen übrig liess.

 

Der Abstieg vollzog sich mit umgekehrten Vorzeichen wie der Aufstieg. Uns zum Teil abseilend liessen wir das Couloir schnell hinter uns. Im weichen Schnee weiter unten sanken wir nun nicht mehr knietief sonder hüfttief ein. Es war uns bewusst, dass auch dies für etwas gut sein würde. Die dabei gewonnene Kraft wird uns bestimmt auf der nächsten Tour zugute kommen. Auf eine Art war der Abstieg wie Wassergymnastik. Wissend, dass andere Leute dafür viel Geld bezahlen, liess uns diese Aktivität zusätzlich geniessen.


Nach vollendeter Tour genoss ich ein paar friedliche Stunden mit meinem Berg- und Lehrerkollegen und dessen Familie auf der Belalp. Die genossene Gastfreundschaft mit Bier und Bratwurst und an unserer Tour sehr interessierten Kindern war der Höhepunkt der Tour.

Fazit: das Hülsenhorn ist ein sehr schöner Aussichtsberg. Vernünftigerweise wird es wohl über den SSO-Grat bestiegen. Darüber kann ich aber nichts aussagen. Soll dem Vernehmen nach nicht zu schwierig sein. Das Schlusswändli hat gute Griffe, ist aber auch ausgesetzt (2. Schwierigkeitsgrad)

Klettergurt

Man könnte einen Klettergurt auch selber korrekt knüpfen.

Siehe WERNER MUNTER - Bergsteigen 1 - Bergwandern und Felsklettern - Hallwag Verlag - 3. Auflage 1988

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