Mont Lachaux (16.05.2010)
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Eine unglaubliche Vorahnung ...
... und sie hat sich bestätigt. Doch dazu erst am Schluss.
Nacht der Nachtigallen
Endlich scheint der Frühling im Wallis eingekehrt zu sein. Auf meiner Wanderung das Oberwallis hinab, wurde ich oft vom wunderschönen Gesang dieser Vögel begleitet. Gehört das schlechte Wetter
jetzt für lange Zeit der Vergangenheit an? In letzter Zeit sind wir ja von Petrus nicht gerade verwöhnt worden. Doch „schlecht“ war das Wetter nicht. Ist alles Ansichtssache - die Natur hat vom
Dauerregen enorm profitiert. Und, wenn es dann wärmer wird, wird die Vegetation mit enormer Kraft erwachen.
Mont Lachaux
Wer den Mont Lachaux von meiner Gegend aus besteigt, kann kaum als Bergsteiger bezeichnet werden. Er ist höchstens ein Mont-steiger. Aber auch dies nur bedingt. Im besten Fall ist er ein
Dauerwanderer.
Der Mont Lachaux ist nicht „schön“. Doch man geht doch nicht der Schönheit der Berge wegen zu Berge sondern sich selbst zu liebe. Am Mont Lachaux gibt es fast nur Lifte und Pisten, und im Sommer
sieht dies alles hässlich aus.
Der Mont Lachaux ist eine kleine Erhebung oberhalb von Montana Vermala. Er kann leicht auf Wanderwegen erreicht werden. Sogar breite Strassen, auf denen die SkifahrerInnen winters hinunterkurven
führen da hoch. Kaum jemand wird je von weitem kommen, um ihn als Ziel anzupeilen. Seine genauen Koordinaten: 2140 Meter über Meer und .603419/130814.
Den Mont Lachaux besteigt man am besten der Statistik wegen - ein netter Zweitausender.
Wetter
Immer schön ein paar Schritte der Wetterfront voraus bin ich das Wallis hinunter marschiert. Erst in Varen werde ich von ein paar Regentropfen betupft. Und später ist dann endgültig Schluss mit
dem Gesang der Nachtigallen. Mensch, ist das ein verrückter Winter und Frühling! Der Winter war vielerorts charakterisiert durch wenig Schnee, und eben dieser wenige Schnee will jetzt, da er
verschwinden sollte, nicht wegschmelzen. Es ist einfach zu kalt dazu. Und somit muss es nicht erstaunen, dass ich mich nur wenig oberhalb von Vermala, sagen wir mal ab 1800 m ü. M. an diesem
verrückten Tag im Schnee wiederfinde. Und zwar liegen da nicht nur Kunstschneereste vom vergangenen Winter, nein, es gibt sogar frischen, von Gott gemachten Neuschnee. Und es beginnt bald einmal
zu schneien und stürmen wie im Hochwinter. Weit zieht der Wanderer seine Mütze über die Ohren und steckt seine mit Handschuhen bekleideten Hände in die Hosentaschen. Bei Cry d’Er, was zu Deutsch
wohl nichts anderes heissen wird als „sein Schrei“ kann ich es mir an diesem Tag gar nicht vorstellen, dass sich die Leute dort winters auf der Sonnenterrasse aufhalten. Es herrschen erbärmliche
Zustände, so dass ich bald einmal wieder absteige.
Gegen zehn Uhr morgens fallen sogar auf 1500 m ü. M. einige Schneeflocken.
Nachtwandern
Wer nachts lange alleine unterwegs ist, darf sich vor seiner Phantasie- und Gedankenwelt nicht fürchten. Gehen einem da hin und wieder komische Dinge durch den Kopf! Über aufkommende Gefühle der
Einsamkeit hilft einem in solchen Stunden oft nur Mat Kaplan vom „Planetary Radio“ hinweg. Oder man lauscht und bewegt sich im Rhythmus der wunderbaren Musik von „World Music Special“. Auf ihre
Art sind solche Wanderungen so oder so spannend.
Da führen andere Leute schon ein viel langweiligeres Leben. Kürzlich mussten meine Schüler im Englischunterricht das „go abroad“ in den folgenden Sätzen mit ihren eigenen Ideen ersetzen.
I want to go abroad. - Schüler: I want to go home.
I’d like to go abroad. - Schüler: I’d like to be in bed.
I’m looking forward to going abroad. - Schüler: I’m looking forward to going to bed.
I hope to go abroad. - Schüler: I hope to be at home.
I enjoy going abroad. - Schüler: I enjoy sleeping.
I’d love to go abroad. - Schüler: I’d love to stay at home.
Und so weiter.
Piste nationale
Am Schluss geht meine Wanderung die „Piste nationale“ nach Montana hinunter. Die ist so steil, dass dem Wanderer leicht schwindlig wird. Und im Winter brausen unsere Skihelden dort wie der Wind
hinunter, und unten im Zielgelände spricht Bernhard Russi dazu Gescheites ins Mikrofon. Zeit, dass ich mir auch wieder mal ein paar Gedanken zum Sport mache. Immerhin fängt ja in ein paar Tagen
die Fussball WB in Südafrika an.
Überlegungen zum Sport
Wer Bergsteigen mit anderen Sportarten vergleicht, stellt fest, dass wir im Grunde eine ganz sinnvolle Freizeitbeschäftigung ausüben. Nehmen wir zum Vergleich eine ganz harmlose Sportarten, wie -
sagen wir mal - Sportfischen. Welch sinnlose Freizeitbeschäftigung! Da werden unschuldige Fische ins Wasser geworfen, nur um sie hundert Meter flussabwärts wieder mit der Angel herauszuziehen und
in die erstbeste Bratpfanne zu werfen. Oder Fussball! - Zweiundzwanzig Millionäre laufen wie vom Aff gebissen einem Ball hinter her, um ihn auf umständlichen Pfaden ins gegnerische Tor zu
befördern. Täten es die beiden Mannschaften den Bergsteigern in einer Seilschaft gleich, und würden sie besser zusammenarbeiten, wäre all der Aufwand und all das Rennen nicht nötig. Jeder
vernünftige Bergsteiger würde doch schnurstracks aufs Tor zugehen - mal angenommen, sein Ziel wäre das Tor. Aber auch die Tennisspieler haben noch nicht viel begriffen. Wieso nur muss Roger den
Ball immer so heftig und so hinterlistig zurückschlagen, dass ihn sein Gegner nicht mehr erwischen kann? - Keine Spur von Kooperation. Und dabei könnte ja gerade dieses Spiel so schön sein, wenn
Rücksicht auf den Schwächeren in der Ballschaft genommen würde. Wir Bergsteiger können uns auch keinen Reim aus dem Verhalten der Marathonläufer machen. Bin sicher, dass die nichts von der
Schönheit der Landschaft mitbekommen, wenn sie so bekloppt dahin rennen. Und der, welcher am schnellsten läuft und als erster ankommt, verliert all die gewonnene Zeit bestimmt im Zielgelände, wo
er sich seiner Taten rühmt und tausend Hände schüttelt.
Da kommt Briefmarkensammeln unserem geliebten Bergsteigen doch weitaus am nächsten. Ja, Briefmarkensammeln. Genau wie sich der Bergsteiger gezielt auf jede Tour vorbereitet, und seiner
körperlichen Fitness, seiner Ausdauer, seinem sicheren Gehen in jedem Gelände, seiner Kletter- und Alpintechnik viel Beachtung schenkt, darf auch der Briefmarkensammler in keinem Fall unbesonnen
ans Werk gehen und sich beispielsweise ohne sich gehörig aufzuwärmen auf die zu sammelnden Briefmarken stürzen. Gerade bei diesem Hobby ist eine ausgewogene, kalorienarme aber kohlenhydratreiche
Ernährung wichtig. Darum rennt heute nicht nur der Profibergsteiger sondern vermehrt auch der Spitzenbriefmarkensammler regelmässig zur Ernährungsberaterin. Eigentlich nichts Revolutionäres,
pflegten Briefmarkensammler, die was von sich hielten, doch schon zu meiner Jugendzeit am Abend vor der Ausübung ihres Hobbys an Spaghettiparties teilzunehmen. Klar, dass heute nicht einmal der
Freizeitbriefmarkensammler um eine geschickte Auswahl seiner Bekleidung herumkommt. Goretex scheint sich auch in diesem Bereich vermehrt durchzusetzen. Wobei es mit teurer Hose und Jacke in
keinster Weise getan ist. Diese moderne Faser wirkt nur bei entsprechender funktioneller underware. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn auch nur eine Schweissperle den mit modernster
Technologie berechneten Weg nach aussen nicht fände und - sagen wir - beispielsweise, auf einer wertvollen Briefmarke landen würde. Wie beim Bergsteigen gilt auch hier: Helm zwar nicht unbedingt
obligatorisch, aber doch sehr dringend empfohlen. In jüngerer Vergangenheit sind weltweit einige Fälle bekannt geworden, wo Briefmarkensammler mitten in Ausübung ihres Hobbies eingenickt und
eingeschlafen sind und in der Folge heftig mit dem Kopf an der Tischkante aufgeschlagen haben. Darum ist die Gönnermitgliedschaft bei der Schweizerischen Rettungsflugwacht in solchen Kreisen
heute eigentlich ein Must. Womit auch Briefmarkensammler nicht mehr gegen Heliskiing sein dürften, sammeln unsere Gletscherpiloten doch gerade bei solchen Flügen die bei Rettungsaktionen dringend
benötigte Erfahrung. So wie man in der Regel nicht alleine ins Gebirge geht, grenzt es auch beim Briefmarkensammler an Leichtsinnigkeit, ja fortgeschrittenen Schwachsinn, wenn er meint, sein
Hobby alleine ausüben zu können. Es gilt auch hier mehr und mehr die weit bekannte Regel: Briefmarkensammeln nur am kurzen, gut gestreckten Seil. Barryvox, Schaufel und Funkgerät sollten eine
Selbstverständlichkeit sein. Wobei natürlich auch hier wie dort ein gewisses Restrisiko bestehen bleibt. Es sind schon Briefmarkensammler von Briefmarken schwer getroffen worden, die andere
Sammlern aus Unachtsamkeit fallen liessen . Häufiger bekannt sind jedoch Verrenkungen des ersten Fingergelenkes, wobei bei Rechtshänder gerade der rechte Zeigefinger betroffen ist. Aus den Medien
bekannt ist auch der „Briefmarkensammlerellbogen“ Ansonsten sind degenerative Erscheinungen im dorsalen Bereich nicht selten. Ottonormalbriefmarkensammler spricht dann von Rückenschmerzen. Was
auf die bei diesem Hobby häufig gebückte Körperhaltung zurückzuführen ist. Darum sei Briefmarkensammlern, wie übrigens auch Velofahrern, wärmstens empfohlen, eine Ausgleichssportart wie
Bergsteigen oder Edelweisssammeln auszuüben. Wobei auch das Edelweisssammeln ein gehöriges Gefahrenpotential in sich birgt. In alten Heften des Schweizerischen Alpenclubs liest man oft: „beim
Edelweisssammeln verunglückt“. Dies ist ein anderes tristes Thema, auf das vielleicht bei nächster Gelegenheit einmal eingegangen werden muss. All dies bewegt mich zu sagen: „Mann, Hände weg vom
Briefmarkensammeln!“ Dies will aber nicht heissen, dass nicht auch ich stundenlang einem guten Briefmarkensammler zuschauen könnte, oder einem Sportfischer, oder einem Sportschützen, oder ...
Zur Vorahnung
Seriös hatte ich diese Tour vorbereitet. Karte und einiges mehr waren dabei. Mit dabei waren auch drei Swiss Map Kartenausschnitte, in denen ich Hin- und Rückweg fein säuberlich eingezeichnet
hatte. Die mentale Auseinandersetzung mit der Tour hatte zur Folge gehabt, dass ich nur die Augen schliessen musste, um ein virtuelles Abbild der örtlichen Geografie zu „sehen“.
Um ja alles recht zu machen, entschied ich vor Ort, früh auf den Grat zu wechseln, diesen von unten nach oben zu begehen und somit den Mont Lachaux zu übersteigen. Auf dem Gipfel angekommen kam
mir eine früher ausgedachte Methode zur Nicht Verpatzung eines angestrebten Gipfels in den Sinn. Dann schoss ich ein paar Fotos und hörte wiederholt jemand „sagen“: „Das ist nicht der Mont
Lachaux“. „Blöder Spielverderber!“ - sagte ich mir - „da drüben ist ja Cry d’Er, und da gehe ich jetzt hin“. Nach nur zwölf Minuten erreiche ich Cry d’Er und finde alles säuberlich auf einer
Ortstafel bestätigt - Cry d’Er - 2258 m ü. M. - Wunderbar! - Die innere Stimme ruft nach der Karte. Mir ist viel zu kalt und zu windig, und es schneit. Frohen Mutes beginne ich abzusteigen. Bald
wird es wärmer. Hundertfünfzig Höhenmeter tiefer meldet sich die Stimme wieder: „Der Gipfel ist da drüben, weit unter dem höchsten Punkt, den du überschritten hast, steige ein paar Meter auf, und
dann bist du da“. - „Blödsinn!“ - sage ich mir. Mache mir dann aber doch ein paar Gedanken darüber, wie es sein würde, wenn man den Gipfeln nach so vielen Strapazen verpasst. Dann beschäftige ich
mich nicht weiter mit diesen Ideen. Die Hirnhälfte der fixen Ideen schaltet auf stur, versorgt meinen Körper mit Glückshormonen und gibt mir das gute Gefühl, eben den 142. Gipfel von Brig aus
geschafft zu haben. Das Glücksgefühl erreicht seinen Höhepunkt, als ich in Montana erfahre, dass ich nur drei Minuten auf den Bus nach Siders warten muss. Bald werde ich wieder daheim sein.
Ein paarmal leer geschluckt wird dann erst im Bus. Ein einziger Blick auf die Karte lehrt mich, dass ich an diesem Tag den Mont Lachaux verpasst habe. Ihn nicht etwa nicht erreicht habe, sondern
weit über ihn hinausgeschossen bin. Und damit zählt er leider nicht für meine Statistik. Moral der Geschichte: nicht immer der höchste Punkt ist der Gipfel. Oder: Höre vor allem auf deine innere
Stimme. Fixe Ideen sind wohl fix aber leider nicht immer richtig.
| Datum | 16.05.2010 |
| Weglänge | 52 km |
| Höhenmeter | 1640 |
| Marschzeit | 12:00 |












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