Lagginhorn (14.07.2009)
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Tourenberichte Schreiben ist wie damals in der Schule Aufsätze schreiben: man findet einfach den Anfang nicht. „Liebe Ingrid, gib mir doch bitte ein Stichwort“. - „Schweinegrippe“ - „Schweinegrippe? mmh, o.k. ...“
Die Schweinegrippe zieht immer weitere Kreise um sich, und immer engere um mich. Schon ist sie in Verbier. Und jetzt kommt auch noch die Tour de France nach Verbier und wird sie sicher noch
weiter verbreiten. Höchste Zeit für ein Flucht. Aber wohin? - In die Berge natürlich! - Sie wissen, dass Wissenschaftler herausgefunden haben, dass das Ansteckungsrisiko umgekehrt proportional
zur Tourlänge und -dauer ist. In diesem Zusammenhang ist meine heutige Tour zu sehen ...
... Ich flüchte in der Regel nicht vor irgendetwas oder irgendjemand in die Berge. Für mich ist es eher ein Suchen und Finden. In den Bergen finde ich die Grösse und Schönheit der Schöpfung und
des Schöpfergeistes. Man staunt, wird berührt und beginnt zu philosophieren und zu lieben. Dies ist mein tiefes religiöses Empfinden. Keine andere Lehrerin als die Natur kann es mich lehren. Es
gibt dann Momente, in denen man mit allem und allen versöhnt ist. Man ist eins mit der belebten und unbelebten Natur. Das ist dann der Zustand, wo man meint, jedem Regenwurm, der sich auf den
tödlichen Asphalt verirrt hat, über die Strasse helfen zu müssen. Ach wann tritt im Genom dieser uralten Lebewesen nur endlich eine Mutation ein, die sie für alle Zeiten davon abhält, unsere
schnell trocknenden Strassen zu bekriechen? Später finde ich mich auf meiner Tour in einem Blockfeld wieder, wo von tausenden grossen und kleinen Spinnen tausende Netze von einem Stein zum
anderen gezogen worden sind. So gut es geht, versuche ich auszuweichen. Das eine oder andere Kunstwerk muss leider daran glauben. „Nein, dieser ist mir etwas zu gross“ - quietscht die eine Spinne
zur anderen hinüber, als ich wieder in ein Netz trete. Ich bin bestrebt, die gefallenen Tierchen, so gut es geht, an ihren angestammten Ort zurückzuschaffen. Doch oft sind diese im Steinengewirr
gar nicht mehr auffindbar.
Spinnennetze schönste Kunstwerke für uns Naturschwärmer, tödliche Fallen für andere ebenso lebensfrohe Kreaturen. Wer sie, die Netze, aus Nachlässigkeit zerstört, zerstört behagliche Behausungen
grosser Künstler, schafft aber auch todbringendes Machwerk aus dieser ach so zwiespältigen Welt. Oder tut etwas gegen die weit verbreitete Spinnenarbeitslosigkeit.
Auch die Berge sind wie alles widersprüchlich - Glück für den einen, Tod für den anderen. Darum stelle ich mir die Frage, warum man in die Berge geht erst gar nicht mehr. Es treten nur immer wieder die gleichen Antworten auf.
Etappen und Zahlen zu meiner (Geburtstags)tour.
• Brig, Bahnhof (673 m ü. M.) ab 23:12
In Begleitung meiner lieben Ingrid. geht es über Asphalt bis nach Visp. Die Zeit vergeht schnell. Dieser Abschnitt ist ohne Begleitung nicht spannend. Nicht empfehlenswert. Alle weiteren
Abschnitte meiner Tour sind aber sehr schön.
• Visp, Vispa (647 m ü. M.) 1:39 (für die gesamte Tour bis da) / 1:29 (für den letzten Abschnitt)
Ich biege ins Vispertal ein. Von nun an begleitet mich nur noch der eben aufgegangene Mond. Ich folge vorerst auf gutem Weg dem Trassee der MGB. Dann geht es bei der Autobahn Baustelle über eine
kleine Brücke auf das linke Vispa Ufer hinüber. Man folgt dem Planetenweg bis Neubrück. Hier über die historische Brücke wieder Uferwechsel. Dann passiere ich Peters Häuschen, der jetzt, wie ich
damals, mit Interteam im fernen Afrika im Einsatz ist.
Rund 200 Meter nach den beiden markanten Brücken zweigt der Weg nach Staldenried ab. Im Scheine der Stirnlampe folgt ein Gedanke dem anderen. Dies war vor zig Jahren der Arbeitsweg meines
Grossvaters. Wie oft muss er diesen Weg gegangen sein! Damals gab es weder Strasse noch Seilbahn, so dass die Leute immer zu Fuss unterwegs waren. Sie mussten - ich kann. Meine Mutter war hier
oft mit dem Maultier hochgestiegen. Das war in den vierziger Jahren.
Plötzlich kreuzt ein Fuchs meine Gedanken und verschwindet ebenso schnell, wie er aufgetaucht ist, im steilen Dickicht unterhalb des Weges.
Jetzt bin ich in den „Rohren“. Hier hatten wir früher unsere Reben. Nicht sentimental werden. Hier hat man früher oft in der Sonne gebraten. Für uns Kinder war das nicht nur fun. Früher musste
alles getragen werden. Auf dem Hinweg war es Mist, auf dem Rückweg waren es Trauben, und dazwischen tat die Sonne ihre Arbeit. Heute gibt es hier einen befahrbaren Weg.
Ein Dachs taucht im Scheine meiner Stirnlampe auf. Zwei, drei Meter vor mir faucht er mich an und scheint sich dem Kampf stellen zu wollen. Wenn es nicht ein Dachs wäre, würde ich ihn als
„Frechdachs“ beschimpfen. Wie benennt man überhaupt einen Dachs, der sich wie ein Frechdachs benimmt? - Ein paar Augenblicke der Verwirrung im gleissenden Licht und mein nächtlicher Freund
scheint den Ernst der Lage erfasst zu haben. Zweimal rechts um, ein paar unverständliche Äusserungen und schon huscht er murrend in Richtung Lagginhorn davon. Er müsste wohl auch schmunzeln, wenn
er sich mit seinen kurzen Beinen und dem witzigen Schwänzlein hinten dran durchs hohe Weggras vor mir flüchten sähe.
Dann passiere ich das in wilder Natur platzierte Freizeit-Häuschen meines Jahrgängers U. Er war ein Einzelgänger und starb leider viel zu früh. Dann werde ich ernst. Es ist Zeit, die iPod Stöpsel
herauszunehmen. Ich komme am Ort vorbei, wo alle meine Vorfahren ruhen. Übermorgen vor zwölf Jahren haben wir dort auch meinen Vater beerdigt. Schon so lange her, und doch ist er noch so präsent.
Nein, sterben tut man nie. Vom Kirchturm schlägt es halb Drei.
Mein Weg führt nur zwei Meter am Eingang zu unserer Schulstube vorbei. In den sechziger Jahren wurde wir hier von unserem Lehrer W. gut unterrichtet und regelmässig verprügelt. Ab und zu flossen
Blut und Tränen. Tat gut und härtet ab für spätere Bergtouren.
Jetzt komme ich in „Zur Tanne“ an. Hier wohnt meine körperlich betagte, geistig jung gebliebene Mutter. Ich mache eine Zusatzschleife. In diesem Haus bin ich am heutigen Tag vor fünfundfünfzig
Jahren geboren. War ein grosses Ereignis für meine Eltern. Weiss nicht mehr, wie es für mich war.
• Staldenried, Zur Tanne, Seilbahn (1154 m ü. M.) 3:29 / 1:50
Wenn ich heute das Lagginhorn von Brig aus schaffe, dann werde ich es auch von Visp und von meinem Geburtsort aus geschafft haben.
Interessanter Gedanke. Hat diese Tour schon je jemand gemacht? - Jede Tour, auch die banalste, ist einmalig, kann nicht wiederholt werden. Nur in der Unendlichkeit wiederholt sich alles. Dort gibt es alles, was man sich vorstellen kann, beliebig oftmals.
Jetzt folge ich dem Weg nach Findeln hinauf. Ein guter Weg. Noch im letzten Winter bin ich mit meinem Kollegen Marc hier mit Skis hochgestiegen. Man passiert vor allem auch das „Bildji Kapälli“.
Ein Ort der Besinnung und Kraft.
• Oberfinilu (2040 m ü. M.) 5:00 (für die gesamte Tour bis da) / 1:31 (für den letzten Abschnitt)
Jetzt bin ich auf dem weitbekannten und oft begangenen Höhenweg Gspon - Saas-Grund. Zeit für eine erste, zehnminütige Pause. An jedem Brunnen fülle ich meine Coca Flasche. Trinken ist kein
Problem, das Essen muss hinuntergewürgt werden. Auf meinen ersten Bergtouren als Teenager war die Gipfelrast mit dem reichlichen Essen jeweils der Höhepunkt der Tour, und heute muss man sich zum
Essen zwingen. Wie doch alles ändert!
In der Folge geht der Weg immer wieder nach rechts und nach links, hinauf und hinunter, wie dies eben für Bergwanderwege typisch ist.
Ich komme an der Stelle vorbei, wo mein Onkel Bernhard 1974 zu Tode gestürzt ist. Nochmals: wie schnell doch die Zeit vergeht! - Nicht nur auf dieser Tour, im Leben noch viel mehr. Die Inschrift
auf dem Erinnerungsstöcklein ist schon mehr lesbar, zerfressen von Sonne, Schnee,Kälte und Zeit. In Gedenken an meinen Onkel und seinen tragischen Sturz gehe ich unwillkürlich langsamer und
vorsichtiger. Hier kann man doch nicht stürzen! Und doch - es kann immer und überall passieren. Als Kind habe ich mit Onkel Bernhard. auf dem Bau gearbeitet. Er war ein guter Maurer. Ich habe ihm
mit Pflaster und Steinen zugedient. Bernhard hatte die Gewohnheit, Tabak zu kauen. Mich als zartbesaiteter Teenager ekelte dies. Doch sonst war die Welt in Ordnung.
Dann bin ich auf der Schafalpe „Mattwald“. An der Hütte hat mein Vater gearbeitet, und ich habe dort auch schon übernachtet.
• Färiga (2271 m ü. M.) 6:02 / 1:02
Jetzt kann die Stirnlampe endgültig versorgt werden. Der Mond steht zwar immer noch untätig am Firmament herum, doch der Tag wird bald die Überhand gewinnen. Bald werden die Riesen oberhalb von
Saas-Fee in voller Pracht erstrahlen. Der Gsponer Höhenweg ist für seine einmalige Aussicht bekannt.
• Kreuzboden, 1. Bank (2446 m ü. M.) 7:56 / 1:54
Der letzte Teil des Höhenweges bis nach Kreuzboden führt über viele Steinblöcke. Wer dies nicht mag, kann schon früher nach Saas-Grund absteigen. Dies ist auch die traditionelle Route. Die
Variante bis nach Kreuzboden eröffnet die Möglichkeit, das Tal per Bahn zu erreichen. Die Kondition und auch die Stimmung bis hierher waren okay. Schmerzen waren aber einige zu ertragen. Sind es
die Bänder oder die Adduktoren? Ich werde mich wohl oder übel mal untersuchen lassen müssen. Den Gipfel habe ich schon lange in Frage gestellt. Und auch an weiteren Projekten beginne ich zu
zweifeln. Werde diesen Sommer wohl nur noch klettern gehen.
Doch dann, oh Wunder, beim Anblick meines Zieles schwinden alle Schmerzen und sind wie weggeblasen. Und so wird mir nach dem langen Anmarsch nichts anderes mehr übrig bleiben, als mein Ziel mit
Bestimmtheit anzugehen. Folge zuerst ein paar hundert Meter einem markanten Wanderweg, dann geht es lange die Piste hoch. Man passiert die Weissmieshütte und sieht dann kurz später auf einem
Stein ein grosses rotes „L“. Von nun an muss man nur noch den roten Punkten folgen. Ich erreiche den Lagginhorn Gletscher.
Bei den früheren Besteigungen war dieser immer aper und vollkommen ohne Sorgen zu passieren. Doch heuer liegt noch viel Schnee, so dass ich mir einige Gedanken mache. Schlummern da vielleicht
nicht doch einige verdeckte Spalten? Für mich ein Tabubruch - ich begehe alleine einen Gletscher. Später lässt mich ein Bergführer wissen, dass der Gletscher nicht gefährlich sei. Doch beim
Abstieg treten nochmals Zweifel auf, zumal die Verhältnisse in der Zwischenzeit gewechselt hatten. So nehme ich beim Abstieg eine beschwerliche Verlängerung in Kauf.
Jetzt beim Blick auf den Gipfel komme ich mir wie ein Himalaya Bergsteiger auf 8000 m ü. M. vor. Es ist mir, als komme ich nicht mehr vom Fleck. Ich überhole zwar noch eine, zwei Seilschaften,
was aber nichts aussagt. Und dann noch dieser fast schon KO-Schlag: Jemand überschätzt mein Alter um sage und schreibe fünf ganze Jahre. Welch ein Geburtstagsgeschenk! Als in meinem Stolz fast
schon gebrochener Alpinist erreiche ich dennoch den Gipfel.
• Lagginhorn (4010 m ü. M.) 11:57 / 4:01
Eine viertelstündliche Gipfelrast ist gerade lang genug, um mich wieder auf Vordermann zu bringen. Viele Leute besteigen an diesem Tag das Lagginhorn, einige machen die Überschreitung Fletschhorn
- Lagginhorn. Alle sind wir wohl froh, dieses schöne Ziel erreicht zu haben. Wie jemand sagt, wäre ein Helm kein Fehler. Dies nicht nur um seine grauen Haare vor der Öffentlichkeit zu verbergen,
sondern auch um sich vor anderen zu schützen. Der Abstieg verläuft, mit Ausnahme des nun weichen Gletschers, ohne Probleme. Anseilen, dann aber wie eine Schafkolonne, dicht aufeinander laufen ist
aber auch keine Verbesserung der Sicherheit.
• Kreuzboden (2400 m ü. M.) 14:48 / 2:51
| Datum | 14.07.2009 |
| Weglänge | km |
| Höhenmeter | 3563 |
| Marschzeit | 14:48 |











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