| Tour | Datum | |
|---|---|---|
| 12.08.2009 | Erster Versuch von Brig aus - Abbruch 50 m unter dem Gipfel | |
| 19.08.2009 | Zweiter Versuch von Brig aus - Steinschlag beim Roten Turm | |
| 10.09.2011 | Zermatt - Matterhorn - Zermatt zu Fuss | |
| 01.10.2011 | Brig - Matterhorn - Furi zu Fuss |
Matterhorn im Alleingang von Brig aus - ABER ... (12.08.2009)
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Abbruch der Tour rund fünfzig Meter unterhalb des Gipfels.
Vor ein paar Minuten hatte ich das letzte der dicken Fixseile am Matterhorn Gipfel passiert. Fast neunzehn Stunden sind seit meinem Aufbruch gestern Abend gegen fünf Uhr auf dem Bahnhof Brig
vergangen. Jetzt bin ich auf dem „Dach“ des Matterhorns. Es herrscht viel Betrieb - Leute im Aufstieg, andere im Abstieg. Immer wieder rieseln Schnee und kleinere Eisbrocken von oben herab. Es
herrschen gute Bedingungen. Neben einer Seilschaft, die sich ordentlich an einem der einbetonierten Stifte gesichert hat und jetzt eine Seillänge hochklettert, steige ich die guten Tritte bis zu
einem zweiten Stift hoch, dann zu einem dritten. Hinter mir geht es tausendfünfhundert Meter zum Furgggletscher hinunter. Und vor mir liegt der Gipfel des Matterhorns. Doch die Tritte beginnen
eisig und abgetreten zu wirken. Fünfzehn Meter bis zum letzten Stift. Doch der Entscheid ist bald gefällt - Abbruch der Übung und Abstieg.
Als Ajatollah Ruhollah Chomeini am 1.2.1979, um 9:39 nach 14-jährigem Exil in Teheran landete, um dort die Staatsgewalt zu übernehmen, wurde er von einem Journalisten gefragt, was er fühle, und
er sagte: nichts. Und so ähnlich ging es mir auf dieser Tour. - Und doch, einen gewaltigen Adrenalinausschub habe ich schon erlebt, aber nicht am Matterhorn.
Meine Tour ist noch keine dreiviertel Stunden alt, als auf der Strasse von Brig nach Visp plötzlich ein kläffender und wie verrückt bellender Hund auf mich zuspringt, und dann noch ein zweiter.
Habe keine Ahnung, ob die jetzt mit mir spielen oder mich zerfetzen wollen. „Der macht ihnen nichts“, ruft jemand von weiter weg - oder ist es: „Der macht aus ihnen nichts.“ In meiner Aufregung
kann ich es nicht verstehen. Ich erinnere mich daran, wie ich vor Jahren an der fast gleichen Stelle einer ähnlichen Bestie wegen fast in den Hochwasser führenden Rotten gefallen bin. Und schon
sind die Hunde an meiner Tourenhose. Vorerst wehre ich mich mit Händen und Füssen, und dann läuft der Mechanismus ab, den ich mir auf meinen nächtlichen Touren schon oft ausgemalt hatte: Ein
Griff nach dem Pickel hinter meinem Rucksack, und ich bin Herr der Lage und finde sogar mein Gefallen daran. Dann setze ich meinen Weg wortlos fort. Sorry, liebe Hundeliebhaber, nichts gegen eure
Lieblinge, aber woher nehmen sich einige von euch das Recht, immer wieder unschuldige Passanten zu tiefst zu erschrecken? Eine halbe Stunde lang ist in der Folge mein Puls derart hoch, dass ich
ein ganzes Kapitel meines Hörbuches verpasse.
Die Nacht ist eine Nacht ohne Gedanken und ohne Gefühle, denn mein Schädel brummt. Stundenlang nur Kopfdruck und Übelkeit, wie ich sie in schöner Regelmässigkeit schon seit Jahren und Jahrzehnten
immer wieder geniessen darf. Auf meiner Dom Tour vor Tagen wollte man mir in St. Niklaus keine Batterien geben, diesmal verweigert mir der dortige Apotheker Einlass in seinen Laden, heftig
gestikulierend und auf seine Armbanduhr zeigend. „Ja, ja schon gut, ich weiss, dass es spät ist. Ich habe ja um nichts gebeten“ - In St. Niklaus soll seit ein paar Wochen eine Jugendbande ihr
Unwesen treiben. Und tatsächlich sitzen auch in dieser Nacht ein paar Teenager vor einer Kneipe. Man verdächtigt gleich jedermann. Immer wieder 360 Grad Rotationen um meine Körperachse
ausführend, um ja sicher zu sein, dass mich niemand verfolgt, setze ich meinen Weg bis Zermatt fort.
Sonst verläuft der lange Anmarsch zur Hörnlihütte problemlos. In Zermatt tönt noch Musik aus einigen Tanzlokalen. Vielerorts ist aber schon aufgestuhlt. Ein paar Jugendliche mit den üblichen
Bierdosen in der Hand blödeln noch durch das „Dorf“. Dort ist ein anderer, auf einer Treppe sitzend und den Kopf auf beide Hände gestützt, damit beschäftigt, überflüssigen Alkohol loszuwerden.
Portugiesische Fremdarbeiter sind laut diskutierend nach einem langen Arbeitsabend auf dem Heimweg. Sonst ist die Bahnhofstrasse menschenleer.
Schon seit Stunden steht für mich fest: nie und nimmer werde ich das Matterhorn besteigen. Mit jedem Schritt zeichnet sich in meinem Hirn ein ständig furchterregender werdendes Bild dieses Berges
ab. Nur mal so von Brig zur Hörnlihütte aufsteigen, ist ja auch cool! - „Matterhorn ade!“ - wird der Titel meines HIKR-Berichtes lauten, denn ein zweites Mal werde ich diesen Weg sicher nicht auf
mich nehmen. Wer wirklich Ambitionen auf eine Besteigung des Matterhorns von Brig aus hat, müsste den langen Anmarsch ganz anders hinter sich bringen, in leichtem Tenue und mit kleinem Rucksack.
Doch jetzt trage ich 30 Meter Seil, Pickel, Steigeisen, Helm, Klettergurt, drei Karabiner, eine Repschnur, zwei Bandschlingen, und nicht zuletzt die recht schweren Bergschuhe. Man gewöhnt sich
erstaunlich rasch an das Gewicht. Doch die immer flache Strasse macht der stärksten Zehe zu schaffen. So bin ich denn sehr froh, als ich nach 8 Stunden und vierzig Minuten endlich den mir viel
sympathischeren Bergweg nach Furi, Schwarzsee und zur Hörnlihütte hinauf betreten kann.
Von nun an geht’s bergauf. Mache dann noch einen etwas unnötigen Umweg über Furgg. War wieder einmal zu bequem, die Karte herauszunehmen. Dann plötzlich sehe ich das Funkeln der ersten Lichter
hoch oben am Hörnligrat. Diese unscheinbaren Lichter an diesem mit jedem Schritt mächtiger werdenden Berg, krempeln alles in dir um. Plötzlich beginnst du die Silhouetten der anderen Bergriesen
rund um dich wahrzunehmen, die herrlichen Sterne am Himmel. Und alles ist mit einem Schlag so ganz anders. Nichts mehr von Kopfweh und Übelkeit, nur noch Freude. Ich bin nicht mehr Eugen - oder
bin es jetzt erst recht? Wie es schon tausenden vor mir ergangen ist, ergeht es auch mir: voll und ganz bin ich jetzt dem Anziehungsfeld dieser majestätischen Pyramide ausgesetzt. War ich bisher
noch Täter, weil ich mich selber aktiv auf den Weg zu diesem Berg gemacht habe, werde ich jetzt zum Opfer. Wie andere fast unwiderstehlich von den Tiefen einer Schlucht angezogen werden, wird der
Alpinist von diesem Idealbild eines Berges angezogen. Und ich weiss, dass ich von nun an der inneren Logik eines Weges folgen werde, der da hinauf führt zur Hörnlihütte, an ihr vorbei und
weiter. Opfer - oder Täter - ist man auch, weil man der Verwirklichung seiner lang gehegten Pläne und Projekte nicht widerstehen kann. "Die, welche da hinaufgehen und herunterfallen sind doch
alle selber schuld!" hört man oft sagen - ist, glaube ich, gar nicht so einfach. Wie kann ein Bergfreund an allem, das er aus einem unbekannten Antrieb heraus macht, schuld sein? - Es gibt aber
sicher auch eine gewisse Eigenverantwortlichkeit.
Die Hörnlihütte ist jetzt um halb sechs Uhr noch hell erleuchtet. Draussen geniesst eine Frau die klare Sternennacht. Sie sei am Vortag extra hochgestiegen, um einmal die sagenhafte Stimmung hier
am „Horu“ zu geniessen. Später werde sie wieder nach Zermatt absteigen. Nein, Frühstück gibt es erst um acht Uhr wieder, sagt mir der Hüttenwart. - Gut, zwei Cocas, bitte. - Macht vierzehn
Franken. Sage ihm, dass ich ein wenig am Matterhorn hochsteigen werde, falls ich mich bis Tagesanbruch genügend erholen könne. Kurz später: eine erste Seilschaft kommt zur Hütte zurück.
Einer der drei Alpinisten fühle sich nicht wohl, habe ich verstanden. Vielleicht war es auch etwas anderes.
Eine Stunde Zeit. Aktives Erholen ist angesagt. Beine hochlagern. Coca trinken. Turnschuhe aus-, Bergschuhe anziehen, Klettergurt anziehen, Klettergurt mit allerlei Zeug behängen, Rucksack
umorganisieren - Sonnenbrille, Sonnencreme, Geld, iPod bleiben hier - alles zu schwer. Ach, noch schnell auf die Toilette! Bergschuhe ausziehen, Klettergurt ausziehen, Hosen runter - schon falsch
- "Wo ist hier die Toilette?" - schon wieder falsch - Hosen hochziehen - "Dove il bagno? eh, er, la toilette?" - Die drei Italiener kennen sich diesbezüglich bestens aus. Es gäbe eine gute im
ersten Stock und eine schäbige hinter der Hütte. Einer hält mir den Helm seines Kollegen hin und sagt, es gehe auch so. Anscheinend haben die drei ihren Humor nicht verloren. Toilette aufsuchen,
und jetzt definitiv Hosen runter ... Dann wird es schnell hell, und die Sonne geht auf. Und ich bin erholt. Bis an zehn Minuten bin ich genau in meinem fiktiven Timing.
Meine Idee war von allem Anfang gewesen, bei Tageslicht - und nicht morgens um vier Uhr wie die anderen - aufzubrechen. So würde die Routenfindung viel leichter sein. Schnell bin ich beim
Einstieg. Herrlich bescheint die Sonne den kalten Felsen. Ein paar Klimmzüge an den bekannten Seilen an der steilen Wand und ein seit zwei Jahren gehegter Wunsch beginnt Gestalt anzunehmen -
Matterhorn im Alleingang zu Fuss von Brig aus. Ich kann es nicht fassen. Am Ende der ersten Steilwand begegnet mir eine zweite Seilschaft. Wrong equipment! sei der Grund ihrer Umkehr. Sehe zwar
nicht ein, was da „wrong“ sein soll, denn die beiden Alpinisten sind sehr schön mit allerlei Kletterutensilien behangen. Aber an diesem Tag werde ich noch vieles nicht verstehen.
Ich komme gut voran. Jetzt gibt es die erste halbe Stunde hoch sogar grüne Markierungen. Vorsicht ist das Tagesthema. Von allem Anfang an setze ich jeden Fuss betont konzentriert. Es wird wärmer
und wärmer. Trage nur noch Unterhemd und Jacke. Ein Inder kreuzt mich im Abstieg. Er wolle sicher sein, dass er wieder hinunter finde. Darum steige er immer ein Stückweit hoch und wieder runter
und wieder hoch und ... Ich fühle mich sehr wohl, gewöhne mich rasch an die Umgebung. Jetzt klettere ich irgendwo, schon lange nicht mehr am Matterhorn. Nur ab und zu leichte Bedenken über meine
Tun. Um halb acht werde ich meine Frau anrufen, so war es vereinbart. Die soll dann aus genau zwei Möglichkeiten auswählen: mir sagen, steig ab - oder mir sagen, tu was du für vernünftig hältst.
Die Verbindung hat dann erst viel später geklappt.
Du steigst und steigst, und plötzlich bist du dann halt doch weit oben. Ich überhole eine erste Seilschaft. Zähle, wie viele ich überholen kann. Verzähle mich. Am 31. August 1991 hatte ich mit
einem Kollegen für den gesamten Aufstieg 3:23 und für den Abstieg 2:45 benötigt. Diesmal würde es viel länger dauern. Stau am Matterhorn. Nicht nur das. Kurz unter der Solvay Hütte nehme ich auch
mein Seil heraus und fixiere es an einem Haken. Klettere hoch. „Merde, ich kann das Seil nicht nachziehen!“ Klettere wieder ab. Klettere wieder hoch. „Merde, ich habe den Pickel unten vergessen!“
Und so weiter. Komme mir wie ein Anfänger vor. Andere mache ich wütend, weil ich nicht immer die Geduld zum Warten habe.
Kurz unter der Solvay begegne ich den ersten Führern, die mit ihren Gästen wieder absteigen. Die machen alles viel eleganter. In der Regel kurzes Seil und hopp, hopp. Ansonsten kann man alles
beobachten, was falsch gemacht werden kann. Viele sind an diesem Tag wieder total. Viele sind viel zu langsam. Viele kehren um.
Oberhalb der Solvay heisst es bald einmal Steigeisen anschnallen. In der Zwischenzeit hat man sich an vieles gewöhnt. Vor allem auch an die Ausgesetztheit. Ständig präsent ist die über tausend
Meter abfallende Ostwand. Später bist du dann ganz Nordwand. Mensch, ist das eine Topographie! So steil kann es doch gar nicht hinunter gehen! Und so ausgesetzt kann man doch als Mensch fast
nicht stehen. Herrgott, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Sechshundert sollen sich da schon ins Jenseits befördert haben. Ausrutscher, Steinschlag. „Er fiel fünfhundert Meter die
Ostwand hinunter - der Unfallhergang ist unbekannt, wird aber noch abgeklärt“. - liest man oft. Schlechtwetter Einbruch, falsche Route, ungesichert, unerfahren, überfordert, ...
Ich meine, die Schwierigkeiten stets im Griff zu haben und Herr der Lage zu sein. Kam mir ebenso sicher vor, wie diejenigen, die da so unsicher am Seil gehen. Pech kann man natürlich überall
haben und sterben tut man auch daheim. Doch wer denkt schon ständig an so etwas, wenn er am Matterhorn unterwegs ist. Und denkst du beim Autofahren ständig an den Tod, in jeder Kurve an einen
Betrunkenen, der dir auf deiner Seite entgegenkommt?
Das Matterhorn ist nicht leicht. Wenn du hinwillst, nimm dir einen Bergführer oder jemanden, der sich da auskennt. Auch der Schlussaufstieg mit den Seilen hat es an sich. Jetzt ist es bedeutend
kälter und der Wind bläst dir unbarmherzig um die Ohren. Übe vorher ein paar Klimmzüge oder mach mal den Gemmi Klettersteig, dann bist du gut vorbereitet. Eine Stelle ist mehr als senkrecht. Dort
hältst du dich mit der rechten Hand am Tau und mit der linken versuchst du eine weiter oben hängende Kette zu erreichen. Dies alles auf 4300 Meter über Meer - mit wunderbaren „Aussicht“ und
Tiefsicht, versteht sich. Dies alles ginge noch, wenn da nicht ein ständiger Gegenverkehr herrschen würde. Hier kannst du erfahren, ob dein Helm etwas taugt und auch die Steigeisenzacken der
Mitstreiter erträgt. Da machst du mit letzter Anstrengung einen Klimmzug, und oben angekommen merkst du mit Verwunderung, dass da noch irgendein Japaner, Schweizer oder Walliser auf deinem
Rucksack sitzt - Zappelnd, strampelnd und schreiend wie ein Kleinkind, weil er, die Höhe fürchtend, so schnell wie möglich wieder runter möchte.
Der Abstieg. Zu vernünftiger Zeit wieder daheim sein wollen, konnte ich mir schon lange ausreden. Eine Seilschaft ist so umständlich unterwegs, dass man immer wieder warten muss. Und an Überholen
ist auch lange nicht zu denken. Dass man am Matterhorn abseilt ist eher die Ausnahme, heute sind aber viele ständig am Abseilen. Und da vergeht die Zeit wie im Fluge, und man ist immer noch weit
oben. Das einzige, was man tun kann, ist abwarten und die eindrücklichen Tief- und Weitblicke geniessen, und sich bewusst machen wo man ist. Zwischenzeitlich bin ich mit einem Mann aus den
Pyrenäen unterwegs - der einzige, der auch alleine am Berg ist. Sein Französisch ist absolut unverständlich, und sein Seil ist viel zu kurz. So lasse ich ihn das meine benutzen. Schlage ihm dann
vor, dass wir zusammen am kurzen Seil absteigen könnten. Bereue dies aber in Anbetracht seines Stehvermögens schon nach wenigen Metern. Kein unnötiges Risiko! Schlage ihm vor, doch wieder
getrennte Wege zu gehen. Zwei Tiroler sind auch ständig in meiner Umgebung - ihr Deutsch, für mich absolut unverständlich. Sie sorgen aber für etwas Unterhaltung während dem langen Abstieg.
Dreimal werde ich an diesem Tag gefragt, ob ich früher Bergführer gewesen sei. Wohl gemerkt, alle haben gesagt: „gewesen sei“. Komme mir unglaublich alt vor, obwohl ich meine, an diesem Tag eine
flotte Leistung zu erbringen. Was kann ich dafür, dass mein Haarwuchs an der Brust so spärlich und am Haupt schon so grau ist! Ironie des Schicksals: es ist dies eine der wenigen Touren, auf
denen ich einen Kamm mitführe, um mein Haar nach dem langen Tragen des Helms wieder in Ordnung zu bringen. Eitelkeit geht hier vor Gewichtsersparnis. Als Bergführer komme ich mir gar nicht vor,
denn wieder gelingt es mir nicht, überall den idealen (offiziellen) Abstiegsweg zu finden. Die Zermatter Bergführer kennen an ihrem Horn nach 250 Besteigungen natürlich jeden Stein.
Ganz unten sind viele unterwegs, um den Weg für den folgenden Tag nach oben auszukundschaften. Einem der das Matterhorn am folgenden Tag auch alleine machen will, gebe ich einige „Tipps“. Gemäss
BAFU (Bundesamt für Umwelt) nimmt die Wildschweinpopulation in der Schweiz rasant zu, weil sie sehr gut in harten Wintern überleben kann - Wildschweine werden aber oft von Autos überfahren -
stand heute in der Zeitung.
Ich möchte niemandem empfehlen, Touren wie diese alleine zu unternehmen. Rate sogar sehr davon ab. Nimm doch einen Bergführer - der führt dich für vierzehn grosse Geldscheine (entspricht 194
Flaschen Coca in der Hörnlihütte, 1245 im Tal) im 4x4 Tempo (4 Stunden rauf und 4 Stunden wieder runter) bequem auf den Gipfel. Arbeiten wirst du aber auch mit ihm müssen. Meine Reue kam erst,
beim gemütlichen Abstieg nach Zermatt. Auf „sicherem“ Boden wird einem bewusst, wie viel hätte schief gehen können. In einem ersten Anflug vorgenommener Besserung versprach ich mir sogar,
inskünftig nur noch Idiotenhügel zu besteigen.
Nachmittags ist die Hörnlihütte wieder voll besetzt. Die Sonnenterrasse ist vollgepackt mit potenziellen Matterhorn Besteigern. Wieso wollen nur alle da hinauf? Das Matterhorn ist doch eher etwas
zum genüsslichen Anschauen. Und dies ist eine Kunst, die die vielen Touristen, die bei meiner Ankunft in Zermatt genüsslich die Bahnhofstrasse hinauf und hinunterschlendern wohl viel besser
beherrschen als wir Bergsteiger.
Dass ich den Gipfel nicht erreicht habe, war für mich in keinem Moment ein Problem. Es war einfach an der Zeit umzukehren. Und das war für mich so klar wie das Amen in der Kirche. Mit etwas gutem
Willen (Stufen schlagen, Seilsicherung) wären die letzten Meter wohl auch noch machbar gewesen. Aber eben: Wo kein Wille, da kein Weg.
| Datum | 12.08.2009 |
| Weglänge | 69 km |
| Höhenmeter | 3775 |
| Marschzeit | 27:50 |
Matterhorn - Glück und Pech (19.08.2009)
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Mein "Abstieg"
Holz angreifen, in meinem bisherigen Leben bin ich von grösseren Verletzungen auf wundersame Art verschont geblieben. Ich habe mich drei Jahre lang im tiefsten afrikanischen Busch aufgehalten und bin nicht an Malaria gestorben. Gott sei Dank! Und alle Strecken aufaddiert habe ich mit dem Fahrrad die Erde mehr als umrundet - ohne je einen Knochen gebrochen zu haben. Und auf all meinen Touren bin ich nur von wenigen Bergen heruntergefallen. Dies alles ist nicht selbstverständlich und erfüllt mich oft mit Dankbarkeit. Schön, dass nach all den Laufkilometern auch mein Knochengerüst und meine Gelenke noch intakt sind. Dagegen leide ich häufig unter Kopfweh, viel seltener unter Bauchweh und fast nie unter Zahnschmerzen. Und was sind schon die Kurzsichtigkeit auf dem linken und die Weitsichtigkeit auf dem rechten Auge oder umgekehrt? Schön, dass die Heuschnupfenallergie mit den Jahren ab- und die allgemeine Weisheit zunimmt. Gut, Zähne und Haare fallen mit den Jahren aus, damit wird man aber merklich leichter.
In den Bergen macht jeder früher oder später Erfahrungen mit Steinschlag. Die Gesetze des Zufalls wollen es Gott sei Dank, dass die Steine in den meisten Fällen in mehr oder weniger grosser
Distanz an einem vorbeisausen. In meinem Leben bin ich viermal von Steinen getroffen worden. Gut vor ein paar Jahren war es ein Schlitten und kein Stein, der herrenlos die Piste herunterschoss,
während ich ahnungslos mit Tourenskis hochstieg. Ohne zu überlegen versuchte ich, den Schlitten mit meinen Stöcken zu stoppen. Was nicht sehr schlau war, denn ohne mich zu fragen, spickte er in
mein Gesicht. Als Jugendliche machten wir uns einmal ein Spiel daraus, uns gegenseitig einen Pflasterstein beträchtlicher Grösse zuzuwerfen, diesen aufzufangen und wieder zurückzuwerfen. Nach
einer gewissen Zeit muss ich wohl zu träumen begonnen haben - oder hatte sich mein Blick an einem der Brig umgebenden Berge verloren? Jedenfalls war ich just in dem Moment nicht bei der Sache als
Xaver mir den Stein zuwarf. Der Stein traf mich an der Stirne und hinterliess (k?)einen bleibenden Schaden.
Später, zu Beginn meiner Kletterjahre, löste einmal der Seilerste einen kleinen Stein aus, der mich genau auf den Zahn traf. Und heute war es halt wieder soweit. Auf meiner Matterhorn Tour traf
mich ein Ei-grosser Stein auf dem Handrücken. Ein blöder Zufall, wie ihm niemand ausweichen kann.
Nichts hatte heute auf einen solchen Vorfall hingedeutet. Ich war sehr gut unterwegs. Das Wetter war ausgezeichnet. Und ich genoss das Matterhorn. Eigentlich war ich mir sicher, den Gipfel
erreichen zu können.
Schon bin ich wieder beim „Unteren Roten Turm“. Plötzlich vernehme ich dieses unheimliche Sausen, das einen in den Bergen urplötzlich aufschrecken lässt. Mein Blick ist auf meine Hand gerichtet,
die sich irgendwo festhält. Während einer Millisekunde oder weniger sehe ich den eiergrossen Stein auf meinem Handrücken. Der Spuk ist äusserst schnell vorbei. Es ist wie ein Blitz aus heiterem
Himmel. Ein Liebesgruss von oben (von anderen Bergsteigern) Das Blut spritzt heraus, und ich sehe bald wie ein Metzger aus. Meine, der Stein hätte mir irgendeine Arterie durchtrennt.
Ich habe in mancher Hinsicht Glück. Der Stein hätte grösser sein können, er hätte schneller unterwegs sein können. Er hätte mich im Gesicht treffen, oder er hätte mich in heiklerem Gelände
überraschen können. Und dann ist da nur gerade zehn Meter vor mir ein Arzt unterwegs, der mir einen fachmännischen Verband verpasst.
Ich hätte Probleme, alleine mit dieser Handverletzung abzuklettern, immerhin halte ich mich auf über 4100 m ü. M. auf. Man kann zudem nicht genau wissen, ob etwas gebrochen und ob eine Sehne
verletzt ist. So empfiehlt man mir, den Heli zu bestellen.
Es ist genau so, wie man es vom Fernseher kennt. Der Heli schwebt hoch ob dir und lässt einen Retter herab. Du wirst an die „Longline“ geheftet. Und schwupp, zieht es dich aus der Ostwand hinaus.
Unter dir ist nur noch Leere, und der Wind bläst dir durch alle Glieder. Doch die Aussicht ist okay. In solchen Fällen ist man froh, einen einigermassen neuen Klettergurt anzuhaben - während
Minuten hängst du da nur an einer einzigen Bandschlinge, und in tausend Meter Höhe geht es über Gletscher, Felsen, …
Und der ersehnte Gipfel entschwindet dir viel schneller, als du dich ihm genähert hast.
Grosser Dank gebührt der Air Zermatt und ihrer Crew. Das Team leistet sehr gute Arbeit. Und die Leute sind sehr freundlich und hilfsbereit. Bei solchen Rettungen kann man heute auf viel Erfahrung
zurückgreifen. Meine Rettung war für das Team Routine, keine grosse Sache. Man ist sehr froh, in solchen Fällen die Dienste der Air Zermatt in Anspruch nehmen zu können - also ist es eigentlich
nur logisch, dass man ihr auch ein paar Gebirgslandeplätze zugesteht, wo die Piloten nötige Erfahrungen sammeln können.
Die Retter sagen mir, dass bei den derzeit guten Bedingungen jeden Tag rund zehn Leute zu Tale geflogen würden. Und derjenige, welcher fast gleichzeitig wie ich ins Tal geflogen wird und
schlussendlich von der gleichen Ärztin in Zermatt behandelt wird, meint: Wem die Stunde schlägt, dem schlägt sie halt. Der Spruch hat schon etwas Wahres an sich. Noch gestern Abend bin ich das
schöne Vispertal hinein „gewandert“. Der Wanderweg zwischen Stalden und Kalpetran hat vor Wochen auch meiner Frau sehr gut gefallen. Ein Weg für jedermann - easy! Und genau auf diesem Weg haben
sich gestern, weniger als zehn Meter vor mir, drei-vier recht grosse Steine ins Tal gestürzt. Daraus ableiten: nie mehr wandern gehen, wäre ja auch nicht angebracht.
Ich hatte die Tour sehr gut vorbereitet, weil ich unbedingt den Gipfel erreichen wollte. Die Ausrüstung wäre perfekt gewesen. Am Tag zuvor war ich derart voller Spannung, dass ich einfach
aufbrechen musste. Auf meinem Weg nach Zermatt glaubte ich wieder lange nicht an die Möglichkeit der Besteigung des Matterhorns von Brig aus. Das Ziel ist so weit weg, und so unrealistisch, dass
man sich am besten erst gar nicht damit beschäftigt. Auf dem langen Weg bis Zermatt wird man müde. Und wenn man dann in der Nacht während rund vier Stunden alleine zur Hörnlihütte aufsteigt,
nimmt das Horn aller Hörner recht absurde und abstossende Züge an. Abwarten ist angesagt.
Erstaunliches und Beängstigendes erlebt man im Aufstieg zur Hütte. In Schwarzsee stosse ich um Mitternacht auf zwei osteuropäische Bergsteiger. Sie seien überfordert gewesen, hätten den Gipfel
nicht geschafft und seien darum jetzt erst hier. Ob ich ein Hotel in Zermatt kenne, oder ob ich eine Taxitelefonnummer hätte - wozu? - wir sind doch in Schwarzsee, zwei Stunden von Zermatt weg.
Und um ein Uhr früh entdecke ich am Horn zwei Lichter, die sich zögernd den Berg herunter bewegen. Eine, zwei, drei Stunden später sind sie wohl etwas tiefer, aber immer noch sehr hoch. Dann
sieht man nur noch ein Licht.
Um zwei Uhr früh erreiche ich die Hütte. Alles schläft . Zwei brechen aber schon kurz nach meiner Ankunft nach irgendwohin auf. Ich nehme es gemütlich und will mich vor allem erholen. Das gelingt
mir in der Folge dann auch sehr gut. Nach einer Stunde hätte ich gut aufbrechen können. Um drei Uhr früh kehrt dann Leben in manch einen Bergsteigerkörper ein. Kurz später ist der ganze, noch
nicht beleuchtete Speisesaal mit Leuten besetzt. Sie müssen aber noch lange auf ihren heissen Kaffee und ihr Brot warten, denn geweckt wird erst um vier Uhr. Auch im Zeltlager sind in der
Zwischenzeit viele Lichter angegangen. Es ist sehr interessant, dem Geschehen von einer Ecke aus zuzuschauen. Jetzt habe ich mich entschieden: auch ich werde rund eine Stunden nach den letzten
Richtung Gipfel aufbrechen.
Trotz verschobener Aufbruchszeit komme ich bald einmal in den bekannten Stau. Jetzt heisst es, ruhig Blut bewahren. Ab und zu ist Überholen möglich. Man sieht vieles, was Gott verboten hat. Viele
steigen ohne Seil auf. Andere schleppen zwanzig Meter Seil hinter sich her. Nach nunmehr fünf Besteigungen bekomme ich die Route langsam in den Griff. Wenn man sich in der Route bewegt, ist der
Fels gar nicht so schlecht. Zwei-dreimal heisst es aufpassen (III Stellen vielleicht). Ich überhole 33 Leute, bis ich in der Solvayhütte auf ein regelrechtes Bergsteiger-Nest stosse. Da sieht es
wie in einem stinkenden Hühnerstall aus. Übernachten daselbst ist eigentlich gegen Androhung einer zünftigen Strafe verboten. Es freute mich auch, dass ich einigen den guten Weg weisen kann. Der
Rest der Geschichte ist bekannt.
Wenn man solche Touren alleine macht, ist man dem Leben näher, als man ihm sonst ist. Und man beschäftigt sich auch mit einem wichtigen Aspekt des Lebens, den man sonst eher ausschaltet - dem
Sterben. Seine Lieben daheim hat man sonst nie so intensiv gerne wie auf solchen Touren. Doch wenn man dann wieder Zuhause ist, ist man bald ganz der Alte. Und nochmals zum Alter: Der Bergführer,
der die Rettung anrief, teilte der Person am anderen Ende des Drahtes mit, ein älterer Mann hätte sich am Unteren Roten Turm verletzt. Es ist aber im Leben schon so, dass wir alle schnell älter
werden …
| Datum | 19.08.2009 |
| Weglänge | 57 km |
| Höhenmeter | 3542 |
| Marschzeit | 17:35 |
Zermatt BH - Matterhorn - Zermatt BH (10.9.2011)
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Im Juni hatte ich für die Schule eine Wanderung geplant, und zwar mit der vielsagenden Ankündigung „Matterhorn - Hörnligrat - die ersten fünf Meter“. Der Anlass konnte nicht stattfinden, weil es noch zu viel Schnee hatte, und damit der Weg Schwarzsee-Hörnlihütte gesperrt war. Hier noch die Ausschreibung der Wanderung, für all jene, die sich unter dem Matterhorn nicht viel vorstellen können.
Vielen, die sich an einem wolkenlosen Tag nach Zermatt begeben, fällt ein markanter Steinhaufen in südwestlicher Richtung des Dorfes auf. In Tat und Wahrheit handelt es sich dabei um das weitherum bekannte Matterhorn. Es besticht nicht nur durch seine beträchtliche Höhe, sondern vor allem auch durch die einmalige Eleganz seiner Linien und durch die Tatsache, dass es da hoch oben praktisch alleine in der Gegend herumsteht. Seinetwegen sind schon viele nach Zermatt gereist, und andere haben es in einem Anflug dreisten Abenteuergeistes zu besteigen versucht. Sein Abbild ziert heute viele Schweizer Produkte, und ist somit nicht minder bekannt als die Schweizer Armbrust. Das Matterhorn ist schon lange ein Symbol für schweizerische Qualität geworden. Bis heute ist nicht bekannt, ob das ‚Horu‘, wie es die Einheimischen liebevoll nennen, seinen Namen von Zermatt übernommen hat, oder ob es gerade umgekehrt ist. Man hat es also auch in diesem Falle mit einem dieser bekannten „Huhn-Ei-Probleme“ zu tun. Es ist aber durchaus auch möglich, dass sowohl Zermatt wie das Matterhorn ihren Namen von irgendeiner unscheinbaren und banalen ‚Matte‘, das heisst Wiese, oberhalb des Dorfes erhalten haben. Dies zeigt wieder einmal, dass Namen im Prinzip nur Schall und Rauch sind und oft viel mehr versprechen, als sie halten. Was auf der anderen Seite sicher ist, ist, dass wir das Matterhorn an diesem Tag nicht in seiner Vollständigkeit besteigen werden. Dazu ist es uns ganz einfach zu steil, zu ausgesetzt und an bestimmten Stellen seines Eises wegen schlicht und einfach zu glatt. Wir werden uns ihm aber auf quasi schon historischem Weg von Schwarzsee hinauf wandernd nähern. Dabei wird vielleicht manch einem das Schicksal manch eines Bergsteigers durch den Kopf gehen, der sich frohen Mutes und voller Tatendrang diesen Weg hoch begeben hat, ihn aber nie wieder heruntergestiegen ist, weil er sich, wieder schlicht und ergreifend, einer Unaufmerksamkeit oder einer fatalen Koinzidenz böser Ereignisse wegen selber ins Jenseits befördert hat. Mit fortschreitender Wanderzeit wird sich das Horn zunehmend vor uns aufbäumen und wir werden weiterwandern, an de Hörnlihütte vorbei, bis wir quasi mit der Nase an den steilen Hörnligrat stossen werden. Damit wird das Ziel der Wanderung erreicht sein. Der eine oder andere wird vielleicht noch ein paar Klimmzüge an den auf den ersten paar Metern angebrachten Fixseilen machen, um echte Bergsteigergefühle in sich hochkommen zu lassen. Die anderen werden einfach staunend und in sich gekehrt diesen grossartigen Berg betrachten und sich fragend sagen: ‚Wie ist so etwas um Himmelswillen nur möglich?‘. Die Schlaueren unter uns werden Papier und Bleistift zur Hand nehmen und sich ein paar Notizen zu Statik und Dynamik dieses einmaligen Berges machen. Anderen wird die Intensität des Augenblickes zu stark sein - sie werden ihr Smartphone herausnehmen und irgendeine soziale Belanglosigkeit in einem der social networks in die Welt hinausposaunen. Die Exquisität des Ortes wird uns spätestens dann bewusst, wenn wir in besagter Hörnlihütte ein Coca bestellen und dafür sieben Franken hinblättern müssen - dies war zumindest bei meinem letzten Besuch vor zwei Jahren der Preis für ein solches Getränk. Das ist mit ein Grund, dass wir uns an diesem Tage vor allem aus dem Rucksack verpflegen werden. Der Besuch wird für viele zu kurz sein, denn schon nach einer Stunde oder zwei wird es heissen ‚Abschied nehmen‘. Den Abstieg werden wir wie üblich mit dem Tal zugewandten Gesicht in Angriff nehmen. Er wird uns leicht fallen, weil wir nicht wie sonst beim Bergsteigen üblich auch noch Seil, Pickel, Steigeisen und vieles andere mehr mitschleppen müssen. Spätestens in der Zermatter Bahnhofstrasse wird uns bewusst werden, dass auch dieser Tag in der freien Natur wieder einmal viel zu schnell vorbeigegangen ist. Die welche der herrlichen Bergwelt weniger zugetan sind, werden in diesem mondänen Kurort bestimmt noch vor manch einem Schaufenster stehen bleiben und für ihre Lieben daheim ein paar Golduhren, Silberringe oder mit Diamanten verzierte Juwelen erstehen. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit ist dies stets ein gutes Ding zu tun.“
Aus der Wanderung damals wurde nichts, weil die Hörnlihütte im Juni wegen Schnees noch nicht zugänglich war. Höchste Zeit also, von unserer neuen Matterhorntour zu berichten.
Wer mich kennt oder zu kennen meint, weiss, dass Bergsteigen und Bergsport in meinem Leben eine sehr sekundäre Rolle spielen. Klettern, und auch das von mir vor ein paar Jahren formulierte Gipfelprojekt sind für mich marginale, um nicht zu sagen: unbedeutende Erscheinungen. Viel wichtiger sind mir: Ausschlafen am Sonntagmorgen, ausgedehnte Aperitifs vor dem Mittagessen und am Nachmittag: Schlafen, Schlafen und nochmals Schlafen. Da mag manch einer überrascht sein, wenn Mutters Gemüsegarten in mir immer wieder helle Begeisterungsstürme auszulösen vermag. Dies alles mag erklären, dass mir bei der Vorbereitung der letzten Tour etwas sehr Komisches, um nicht zu sagen: Dummes, ja sogar Peinliches passiert ist. Zum Teil wird dies auch meinem hohen Alter und der damit einhergehenden Tendenz zur Vergesslichkeit zuzuschreiben gewesen sein. Nach 109 Projekttouren wusste ich plötzlich nicht mehr mit Sicherheit, ob ich alle Gipfel vom Bahnhof Brig aus zu Fuss bestiegen hatte, um dann mit der Seilbahn und dem Zug heimzufahren, oder ob ich jeweils vom Gipfel zurück zum Bahnhof Brig gelaufen war, nachdem ich per Bahn oder Auto an den Fuss des Berges gefahren war. Allen Ernstes meinte ich, letzteres sei der Fall gewesen, und so plante ich meine Matterhorntour halt wie folgt: mit dem Fahrrad zum Bahnhof Brig, von dort mit dem Zug nach Zermatt, und dann per Seilbahn hinauf nach Schwarzsee - von dort dann zu Fuss hinauf zur Hörnlihütte, weiter zum Gipfel des Matterhorns, wieder hinunter zur Hütte, und weiter und alles zu Fuss hinunter nach Zermatt und hinaus nach Visp und Brig - und zuallerletzt mit dem Fahrrad heim. Derart war ich in all die mir vorliegenden Tourenbeschriebe und anderen Instrumente einer seriösen Tourenvorbereitung vertieft, dass mir der fatale Irrtum gar nicht auffiel. Erst bei der Fahrt hinauf nach Zermatt begann es in mir zu dämmern, und es schrie in mir auf: „Oha, lätz!“, was auf Hochdeutsch nichts anderes heissen will wie: „Oha, total falsch!“. Der Irrtum war in kurzer Zeit nicht zu korrigieren, und so entschied ich, das Ding trotzdem wie geplant durchzuziehen und aus der peinlichen Situation das Beste zu machen. Da ich aber jetzt am Fusse des Berges nicht wie üblich schon total müde war, kam mir das ganze schon sehr gewöhnungsbedürftig vor, und so entschied ich mich, quasi aus der Not eine Tugend machend, den sich vor mir auftürmenden Berg möglichst schnell zu besteigen, mich also hurtig aus der etwas peinlichen Lage zu befreien. Und nach erfolgter Matterhornbesteigung hatte ich allen Ernstes vor, wieder zurück nach Brig zu laufen.
Nach dieser ausnahmsweise etwas langen Einleitung möchte ich zusammenfassend festhalten: Wir haben das Matterhorn vom Bahnhof Zermatt aus (das tönt ganz gewöhnungsbedürftig) bestiegen, sind zu Fuss vom Gipfel absteigend dorthin zurückgekehrt, um dann mit dem Zug heimzufahren. Es ist möglich und „relativ leicht“ (obwohl ich es noch nicht geschafft habe und vielleicht auch nie schaffen werde), das Matterhorn zu Fuss von Brig aus zu besteigen. Den umgekehrten Weg, den ich geplant hatte, kannst du aber vergessen. Beim Abstieg im Furi war ich zwar noch der halbfesten Überzeugung, mich nach der Ankunft in Zermatt erst mal richtig zu verpflegen, um dann relativ leichten Fusses nach Brig zu joggen. Kurz später war die Motivation dafür aber gänzlich gestorben. Auch begannen jetzt ein paar nicht näher zu bezeichnende Körperteile ganz gehörig zu ächzten. Mit der alleinigen Motivation, ein paar lange Stunden später in mein weiches Bett in Naters springen zu können, hätte ich den langen Weg nie geschafft. Psychisch liegt eine solche Tourvariante gar nicht drin, weil man ein gehöriges Motivationsproblem hat. Umgekehrt geht es „vom Kopf her“ aber wie schon gesagt „relativ leicht“, weil man ständig ein grandioses, fast übermenschliches Ziel vor Augen hat. Und wenn der Kopf stimmt, marschiert auch der Körper in aller Regel munter und ohne zu murren locker mit. Moral der Geschichte …
Jetzt zum „Wesentlichen“: Die Verhältnisse am Matterhorn sind im Moment sehr gut. Sie hätten vielleicht noch etwas besser sein können, weil man schon relativ bald nach der Solvayhütte die Steigeisen anziehen musste. Dafür war aber das „Dach“ sehr gut begehbar - von blankem Eis keine Spur. Auch das Wetter präsentierte sich tadellos. Auf dem Gipfel war es angenehm warm. Ich habe den ganzen Weg hoch und zurück ohne Handschuhe und ohne Jacke zurückgelegt.
Unsere Zeiten waren relativ gut:
2 Stunden, 59 Minuten vom Bahnhof Zermatt bis zum Einstieg des Hörnligrates
4 Stunden, 9 Minuten für den Hörnligrat
5 Stunden, 1 Minute für den Abstieg zur Hörnlihütte
2 Stunden, 44 Minuten für den Abstieg von der Hütte bis zum Bahnhof
Zwei Kleider- und Ausrüstungs-Wechsel-Pausen einbegriffen haben wir also für den Weg hoch 7 Stunden und 8 Minuten benötigen. Jemand mag „wau“ sagen, aber so grandios ist das gar nicht, nicht einmal verglichen mit anderen persönlichen Zeiten von vor ein paar Jahren an diesem Berg. Und wenn man sich mit dem jungen Zermatter Bergführer Steindl vergleicht, der den Weg vom Zermatter Zollhaus hoch bis auf den Gipfel vor kurzem in unter drei Stunden geschafft hat, so muss man doch sagen: Alles im Leben, und was man tut, ist sehr relativ. Wir haben die Tour aber quasi aus dem Stand heraus gemacht und sind somit auch zufrieden. Und nächstes Mal wären wir auch schneller, denn dann müssten wir nicht noch mal 4321 Fotos schiessen.
Auf dem Gipfel machten sich wieder eigenartige Gefühle der Sentimentalität bemerkbar - so eine Mischung zwischen lautem Heulen und Zähneknirschen. Wird wohl an der Besonderheit des Ortes liegen, dass da oben selbst bärenstarke Männer plötzlich reagieren wie kleine Kinder. Damals hatte ich auf dem Gipfel des Matterhorns einmal sogar eine Schlägerei zwischen Zermatter Bergführern und italienischen Touristen erlebt. Letztere hatten die Idee gehabt, aus einem Helikopter zu springen, der ein paar hundert Meter oberhalb des Gipfels kreiste, um dann mit Gleitschirmen auf dem Matterhorn zu landen. Alles wurde von einer italienischen Fernsehstation gefilmt. Was uns diesmal aufgefallen ist, ist dass ein paar Profiseilschaften weder grüssten, noch sich mit einem „Merci“ bedankten, wenn wir ihnen schön den Weg freimachten.
Da mein Bergkollege Marc ein begeisterter Gipfelsammler ist, haben wir diesmal auch noch dem italienischen Gipfel einen kurzen Besuch abgestattet. Hatte ich noch nie gemacht.
Was am Matterhorn interessant ist, ist, dass der Weg im Aufstieg ganz anders aussieht als im Abstieg. Der Aufstieg findet halt grösstenteils im Scheine der Stirnlampe statt. Zudem folgt man am Morgen in der Regel seinem Herdentrieb, während man im Abstieg dann eher alleine ist. Es ist ja bekannt, wie schwierig die Wegfindung an diesem Berg ist. Nachdem ich nun sechsmal am Matterhorn unterwegs gewesen bin, kenne ich vieles gut. Im Abstieg gab es aber im untersten Drittel schon wieder zwei-drei Fragezeichen. Wir hatten uns aber nie mehr als zehn Meter neben der Ideallinie bewegt. Was mich sehr erstaunt, ist, dass über die vielen Jahre und mit den vielen Leuten am Berg, mit der Zeit nicht ein markanter Weg von zuunterst bis zuoberst entstanden ist.
Unser Timing ging vorerst nicht ganz genau auf. Just in dem Moment, als wir beim Einstieg am Schuhewechseln waren, trafen am selben Ort die rund vierzig Seilschaften von der Hütte ein. Stau war angesagt. In der Folge wurde man von den vielen Leuten aber kaum behindert. Nur hin und wieder hiess es, etwas auf die Bremsen stehen. Erstaunlich war, wie schnell die meisten Leute unterwegs waren. Da musste man ganz gehörig zulegen, um der grossen Herde überhaupt folgen zu können.
Einmal mehr kann gesagt werden, dass das Matterhorn ein Berg ist, der nicht unterschätzt werden darf, der dem Alpinisten aber sehr viel bietet. Der Fels ist auf dem richtigen Weg ausgezeichnet.
Matterhorn zu Fuss vom Bahnhof Brig aus (01.10.2011)
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Alle Fotos stammen von Bennos Kamera. Sie wurden zum Teil von ihm und zum Teil von mir gemacht.
Diese Besteigung hat eine Vorgeschichte. Es sei vorausgeschickt, dass ich Lehrer bin. Dies dürfte bekannt sein. Mein Beruf macht eine Matterhornbesteigung doppelt so schwer. Nicht, dass man für eine solche Unternehmung als Lehrer weniger geeignet wäre als beispielsweise ein Maler und Gipser - für uns ist es aber enorm schwierig, im Jahresplan einen geeigneten freien Tag für so was zu finden. Du wendest jetzt ein, dass wir ja die langen Sommerferien hätten. Da magst du bis zu einem gewissen Grad recht haben, aber eben, bei dem Sauwetter, das man in den letzten Jahren ausgerechnet im Sommer immer wieder hat, zählt dieser Einwand nicht viel. Und zudem hat unser Berufsstand gerade während dieser Hoch-Zeit des Alpinismus sehr viel zu tun, von dem du keine Ahnung hast. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Stunden und Tage ich jeweils mit dem Spitzen der während des vergangenen Schuljahrs bis auf das Holz abgestumpften Blei- und Farbstifte verbringe. Dies alles, während sich andere faul am Strand in der Sonne recken, oder weniger faul schöne Kletterpartien unternehmen. Dieser Teil meiner Arbeit ist allgemein als Nachbereitung - oder um ein in Mode gekommenes Fremdwort zu brauchen: als Evaluation - bekannt. Wobei es mit dem blossen Spitzen, wozu zugegebenermassen ein wenig Handfertigkeit genügt, bei weitem noch nicht getan ist. Was meinst du denn! Man muss sich auch Fragen stellen wie: Warum ist dieser Bleistift überhaupt nicht abgenutzt worden? - oder: Worin liegt der Grund, dass beispielsweise blau weniger abgenutzt wurde als rot? - oder: Was kann ich auf der kognitiven und emotionalen Ebene im nächsten Schuljahr besser machen, damit alle Stifte in etwa gleich stark abgenutzt werden? - Diese letzte Frage ist typisch für den Bereich „Planung des neuen Schuljahres“. Zu all dieser Arbeit (die übrigens von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, weil sie mehrheitlich im stillen Kämmerlein stattfindet, und die deshalb vom Arbeitgeber nicht im geringsten honoriert, geschweige denn mit einer kleinen finanziellen Gratifikation unterstütz wird) kommt dazu, dass man sich über neue Methoden des Bleistiftspitzens auf dem Laufenden halten muss. Auch dies muss während der Sommerferien geschehen, weil einem während des Schuljahres schlicht und ergreifend die Zeit dazu fehlt. Während des Jahres kommt man halt oft auch dermassen müde nach Hause, dass einem die Kraft nur noch gerade dazu reicht, sich erschöpft in den erstbesten Sofasessel fallen zu lassen. Du wirst vielleicht denken, dass dies nicht gerade weltbewegende Probleme seien, und dass du dich in deinem Beruf mit viel Wichtigerem herumschlagen musst. Wenn du tatsächlich dieser Meinung bist, sagt dies viel mehr über dich als über den Lehrerberuf aus, nämlich, dass du darüber enorm wenig verstehst. Diese lange Einleitung war nötig, um dir das folgende verständlicher zu machen.
Wie du vielleicht weisst, habe ich im Jahre 2009 zwei Versuche unternommen, das Matterhorn in einem Zuge aber nicht mit dem Zuge sondern zu Fuss direkt vom Bahnhof Brig aus zu besteigen. Beide Male bin ich kläglich gescheitert. Beim ersten Male wurde ich schon nach wenigen Metern Marsches fast von zwei Hunden gebissen. Und kurz unterhalb des Gipfels musste ich wegen zu starken Gegenverkehrs entnervt aufgeben. Beim zweiten Versuch eine Woche später polterten wenig ausserhalb von Stalden eine Menge grosser Steine vor mir zu Tale, und am Matterhorn selber wurde ich am Orte genannt „Roter Turm“ tatsächlich von einem Stein, der von jemandem ausgelöst wurde, oder der sich selber ausgelöst hatte, an der Hand getroffen. Dieser zweite Versuch endete mit einem Helikopter Flug à la longline. Und auch dieser dritte Versuch, den ich nun hier beschreibe, begann mit einem Desaster, wie man es sich kaum vorstellen kann, und dies schon bevor ich den langen Weg nach Zermatt angetreten hatte. Fünf Minuten vor der dritten Operation „Matterhorn“ machte ich mich noch schnell daran, ein paar Stichworte zur Tour mit Bleistift aufzuschreiben. Und just in diesem Moment geschah es - im Nachhinein muss ich sagen: im dümmsten Moment, in dem es bei einer solchen Unternehmung geschehen kann. Noch keine drei Worte hatte ich aufgeschrieben, als ein plötzliches Zucken durch meinen rechten Arm ging, und die Spitze meines Lieblingsbleistifts an einem nie zu erwartenden Ort vollständig abbrach. Ein Schrei des Entsetzens verliess meinen Mund und mein Zimmer und drang nach furchtbarem Widerhallen an allen Hauswänden ans Ohr meiner Frau. Diese liess nicht lange auf sich warten, sondern eilte sogleich mit grossem Interesse herbei, und sah mich dort an meinem Schreibtisch mit weit offenem Mund auf die eben abgebrochene Spitze starren. Uns wurde nur allmählich bewusst, dass der Vorfall zugleich beruhigend wie beängstigend war - was, wenn mir dies mitten im Schuljahr passiert wäre, und ich plötzlich vor einer ganzen Schulklasse wissbegieriger Jugendlicher ganz ohne Bleistiftspitze dagestanden wäre? - Oder was, wenn es auf einer Bergspitze geschehen wäre, wo ich üblicherweise die exakte Ankunftszeit mit einem Bleistift aufzuschreiben pflege? - Beunruhigend war es insoweit, als ich mich gerade diesen Sommer mit sehr viel Sorgfalt dem Bleistiftspitzen gewidmet hatte. Ein Blick in mein Tagebuch zeigte mir denn auch, dass so etwas schon 769 Tage nicht mehr passiert war. War dies nun ein Zeichen dafür, dass ich älter werde? - Sollte ich den Vorfall sogar als schlechtes Ohmen werten und total auf die anstehende Tour verzichten? - Jedenfalls sah ich mich schlussendlich veranlasst, möglichst rasch Richtung Matterhorn aufzubrechen.
Und damit habe ich das Wesentliche zu dieser Tour eigentlich auch schon fast gesagt. Nur, dass es mit der Tour nicht gerade sehr viel zu tun hat. In Tat und Wahrheit hatte ich diese Einleitung auch schon ein paar Wochen vor der Tour geschrieben. Dies beweist wenigstens etwas: solche Touren macht man nicht einfach so aus dem Handgelenk heraus, sondern man beschäftigt sich damit unter Umständen während Monaten und Jahren im Voraus. Die Tour begann denn auch nicht ganz so wie oben beschrieben, sondern so:
Am Donnerstag habe ich mit meiner Frau das Wannihorn im Binntal bestiegen (siehe meinen entsprechenden Bericht).
In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag konnte ich ab 2:00 Uhr in der Früh nicht mehr schlafen, weil für mich bergsteigerisch einigermassen Grosses in Sicht war.
Am Freitag machte sich wegen des recht langen Auf- und Abstieges vom Vortag (je 1400 Höhenmeter) recht starker Muskelkater bemerkbar.
Am Freitag musste ich acht Stunden unterrichten und war den ganzen Tag über sehr aufgedreht.
Gegen 17:00 Uhr war ich wieder Daheim, ass und trank etwas und traf die letzten Tourvorbereitungen. Da meine Frau nicht anwesend war, schrieb ich ihr auf einen Zettel: „Ich erlebe einen unglaublich intensiven Moment des Glücks, jetzt kurz vor meinem Abmarsch Richtung Zermatt. Das wird mir Motivation genug sein, ein lang erträumtes Ziel zu erreichen. Heute werde ich das das Matterhorn relativ leicht erreichen und auf dem langen Weg dahin kaum je leiden. Und falls es nicht klappen sollte, werde ich die Übung auch diesmal ohne zu zögern abbrechen. Sicherheit wird wie immer Priorität haben.“
Die letzten zwanzig Minuten vor dem Verlassen der Wohnung verbrachte ich noch mit dem Hören meiner Lieblingsmusik. Es war alles einfach nur grossartig und intensiv. Schlussendlich hatte ich aber so viel Zeit vertrödelt, dass ich mich echt sputen musste, um den Briger Bahnhof zur geplanten Abmarschzeit (18:00 Uhr) doch noch zu erreichen.
Alles schien recht locker zu gehen. Keine Beschwerden weit und breit. Ich war mir fast sicher, dass ich den ersehnten Gipfel diesmal erreichen würde. Doch dann machten sich schon nach zwei-drei Kilometern lockeren Joggens eigenartige Verdauungsbeschwerden bemerkbar. Zum Glück gab es den Lidl in Visp mit den sonst nicht immer goutierten verlängerten Öffnungszeiten. Ein paar Bananen genügten mir, um die letzten Lücken in meinem Dispositiv zu stopfen. Ohne Lidl wäre die Tour wahrscheinlich schon in Visp total „durchgefallen“.
Man muss nicht ständig essen und trinken, um längere Touren machen zu können. Ab Visp gab es für die nächsten 24 Stunden nur noch einen Sandwich, zwei Cervolats und zwei Snickers zu essen. Ab Zermatt führte ich an Getränken genau einen Liter Coca mit. Auch mein Kollege Benno gehört nicht zu den Daueressern und -trinkern. Er sagt, dass man das vor der sportlichen Leistung machen müsse. Und darin bin ich mit ihm einig.
Ein paar Zeiten:
Brig – Zermatt: 6:37 Stunden und Minuten
Zermatt – Hörnlihütte: 3:27 Stunden und Minuten
Hütte – Gipfel: 4:38 Stunden und Minuten
Das sind keine betörenden Zeiten. Ich kann aber sagen, dass ich meine bisherigen Zeiten von Brig bis Zermatt doch deutlich unterbieten konnte. Die ganze Tour war ja auch nicht als Speedtour sondern in hohem Masse als Genusstour gedacht. Was mich besonders freute, war, dass alles ohne grosse Mühen und Nöten vonstatten ging. Ein jüngerer Bergsteiger wird dies aber alles in halber Zeit abspulen.
Ein paar Zahlen:
Das Matterhorn ist 4478 Meter hoch.
Es liegt Luftlinie 45.8 Kilometer von Brig entfernt.
Auf der Tour sind mindestens 3832 Höhenmeter zu überwinden.
Es sind mindestens 66 Kilometer zu laufen, marschieren oder klettern.
Das ganze entspricht mindestens 104 Leistungskilometern.
Genug des Unsinns! Das Matterhorn ist natürlich ein sehr, sehr schöner Berg (wenn man ihn von der richtigen Seite anschaut. Er besticht durch Form, Linie und Standort. Seine Farben im aufgehenden Sonnenlicht sind von grosser Schönheit. Die zu geniessenden Tiefblicke sind unvergesslich. Der Fels, aus dem es erschaffen wurde, ist meistens von erstaunlich guter Qualität. Neben der idealen Route gibt es Dreck, Geröll und alles. Die Besteigung ist leicht und schwierig. Die Wegfindung ist immer noch eine Herausforderung. Man fühlt sich sicher, und schon ist man irgendwo weg von der Ideallinie. An diesem Berg fühlst du dich gross und klein. Gross, weil du stolz bist, hier sicher unterwegs sein zu können - klein, weil du merkst, was für ein zappelnder Wurm du bist. Der Abstieg hat kein Ende. Wer sich dort nicht beeilt, kommt unten erst spät an. Wer im Aufstieg zaudert, erreicht den Gipfel nie. Korrekte und speditive Seilführung sind wichtig. Trittsicherheit ist höchstes Gebot. Wer technisch schwach ist, kommt bald einmal ins Schwitzen. Klimmzüge an den dicken Tauen oben sind fehl am Platz - gutes, kraftsparendes Stehen ist angesagt. Beim Abstieg über das steile Dach kann dir schon schwindlig werden. Mit dem Abgrund zugewandtem Gesicht suchen deine Füsse sicheren Halt. Einfädeln und Stolpern wären hier fatal. Und die Hörnlihütte liegt noch so weit unten.
Viele erreichen den Gipfel mit dem Ziel, einmal oben gewesen zu sein. Hier müsste man meditieren, um sich des besonderen Augenblickes bewusst zu werden. Stattdessen heisst es bald: absteigen. Und die Tour beginnt erst auf dem Gipfel. Stunden grosser Konzentration liegen noch vor einem. Alles vergeht wie im Traum. Es gibt keine Zeit, um die exquisite Aussicht auf sich wirken zu lassen. Der eigentliche Genuss folgt erst ein paar Tage später. Auf dem Matterhorn geht es dir genau so wie jenem Indianer, dessen Seele noch nicht angekommen ist.
Das war jetzt aber wohl etwas viel Poesie für eine normale Bergtour. Für mich sind auch die vielen Stunden des langen Anmarsches wie im Traum vergangen. In dieser Nacht habe ich nur selten Blicke ins überwältigende Himmelszelt geworfen. Meine Gedanken waren meistens irgendwo. Zwischen Stalden und St. Niklaus glich meine Wanderung eher einem verrückten Spiessrutenlaufen, weil ich stets darauf bedacht war, den Autos möglich geschickt auszuweichen. Zu späterer Stunde wird der Verkehrsfluss dann dünner und dünner, bis er fast ganz ausbleibt. Die Autos, die dann noch unterwegs sind, geben einem ein gutes Gefühl - man ist nicht alleine. Zwischen Täsch und Zermatt ist die ganze Nacht hindurch der Shuttle Zug unterwegs. Zu jeder ganzen Stunde fährt er taleinwärts, zu jeder halben Stunde talauswärts. Der leise in der Nacht dahingleitende Zug mit seinen vielen Lichtern ist wie Balsam auf meine Seele. Gefühle wie zu kalter Winterszeit, wo alles unter tiefem Schnee liegt, und man sich an den warmen Stubenofen schmiegt kommen in einem auf. Ja, ich bin noch mit einem warmen Stubenofen gross geworden und bin dankbar dafür.
In Zermatt gibt es vorerst eine längere Pause. Benno, der Gigathlet, wird um viertel nach zwei mit dem Zug ankommen - Dominik, der Triathlet, schläft noch in einem Hotel in Zermatt. Was habe ich mir da nur eingebrockt. Dann geht es gleich in gehörigem Tempo den Berg hoch. Alles ist anders als letztes Mal, vor drei Wochen. Diesmal sind die Rucksäcke recht schwer. Dreissig Meter Seil sind im Rucksack. Steigeisen sind im Rucksack. Helm ist im Rucksack. Bergschuhe sind im Rucksacl. Vier Karabiner sind im Rucksack. Und auch sonst noch alles, das der modebewusste Mann für solche Anlässe braucht, ist im Rucksack. Ich bin froh, dass ich das Tempo selber machen kann. Im Furi werden lange Hosen und Jacke ausgezogen. Auf Schwarzsee gibt es fünf Minuten Pause für eine ausgiebige Zwischenmalzeit. Der Hüttenweg ist zu dieser Jahreszeit heimtückischer als erwartet. Die Steine sind mit Reif überzogen. Eine dünne Schneeschicht, die sich zum Teil zu Eis verdichtet hat, bedeckt den Boden.
Ich lasse meine Kollegen wissen, dass der Aufstieg hier zu tiefer Nacht und ganz alleine und mit der Aussicht, das Matterhorn alleine besteigen zu wollen, so ganz anders ist, dass man sich das gar nicht vorstellen kann. Der Mensch ist wohl nicht gemacht, um alleine unterwegs zu sein. In Gruppen fühlt er sich so ganz anders. Wer aber diese intensiven Gefühle erleben will, die er sonst im Leben nie erleben wird, muss halt einmal alleine Richtung Matterhorn aufbrechen.
Wir erreichen die Hörnlihütte gegen sechs Uhr - etwas früher als erwartet. Einige Bergsteiger sind schon recht weit oben am Horn, andere schlafen noch in Zelten auf der Terrasse oder im Winterraum. Irgendwann finden wir auch den vierten im Bund - Andi. Für die Matterhornbesteigung hatte ich geplant: Vier Stunden bis zur Hörnlihütte, vier weitere Stunden bis zum Gipfel und vier Stunden für den Abstieg. Bis jetzt waren wir gut im Rennen. Schlussendlich sollten wir für die Etappe Zermatt - Matterhorn fünf Minuten länger als geplant brauchen. Der Abstieg war eine andere Sache.
Aus den vier Stunden für den Abstieg wurde nichts. Als wir schon fast bei der Hörnlihütte waren, hatten zwei Leute beobachtet, wie etwas die Ostwand hinunter kollerte und auf einem schmutzigen Schneefeld stehen blieb. Es war kein Stein. Und sah grünlich aus und hatte die Gestalt eines menschlichen Körpers. Nach einigem Hin und Her alarmierten wir die Rettung, die vielleicht fünfundvierzig Minuten später bei der Hörnlihütte eintraf und sogleich begann, den Gletscher abzufliegen. Ich dirigierte den Helikopter per Handy via Relais der Rettungsstation in Sitten: hundert Meter höher, nein nicht dort, viel weiter rechts, jetzt Richtung Matterhornspitze, ... Schlussendlich landete der Heli bei der Hütte, und Dominique flog mit, um die Crew zum genauen Ort der Sichtung zu führen. Wir alle waren froh, dass es sich beim „leblosen Körper“ nur um eine grüne Matratze gehandelt hatte, die da die Ostwand herunter gepurzelt war. Das es dort einen solchen Gegenstand gebe war der Rettung scheinbar bekannt gewesen. Die ganze Sache war für uns (mich) mit sehr unguten Gefühlen verbunden. Da kollert jemand vom Matterhorn runter, und alles geht so still und leise vor sich. Wir klettern den Hörnligrat runter und unweit von uns eine ganz andere Szenerie, die einem total wirklichkeitsfremd vorkommt. Da ist jemand gerade daran, vom Leben in den Tod überzuschreiten, und niemand kann etwas dagegen tun. Und der welcher stürzt, ist so total alleine und kann auf niemandes Beistand zählen. Sterben wird man total alleine.
Noch etwas zu unserer Gruppe. Benno und ich erreichten den „Traumgipfel“ recht locker. Kurz vor Ankunft reagierte mein Gemüt einigermassen emotional auf den „grossen Moment“. Doch dann war es vorbei. Ein lang erträumtes Ziel erreicht - so what? Mit dem Erreichen des Zieles verliert man halt auch etwas, das man lange gehegt und gepflegt hat. So stellt sich halt auch eine gewisse Leere ein. Bis man ein anderes Ziel gefunden hat. Und so weiter und so fort. Nimmt denn das nie ein Ende? - Lohnt es sich überhaupt, immer wieder neue Ziele anzustreben?
Das Matterhorn war schon ein einigermassen wichtiges Ziel für mich gewesen. Ich konnte den ganzen Sommer über von einer guten körperlichen Verfassung profitieren, und das Wetter konnte in den letzten Tagen für das majestätische Horn nicht besser sein. So fragte ich meinen Lehrerkollegen Benno an, ob er Interesse an einer Besteigung hätte. Da ich an seiner Zusage eher zweifelte, publizierte ich auch noch einen entsprechenden Partneraufruf im Internet. Nach langem meldeten sich zwei Interessenten, die sich gegenseitig kannten. Mit Andi hatte ich im letzten Winter auch schon eine Tour unternommen. Er hat eine enorme Bergerfahrung und hat schon vieles bestiegen, von dem ich nur träumen kann. So war die Zusammensetzung der Seilschaften und die Strategie eigentlich für alle klar. Benno und ich, Andi und Dominik würden zusammen aufsteigen. Benno und ich kletterten langsamen Schrittes die ersten paar Meter auf. Bald einmal hatten wir den Eindruck, dass es unsere Kollegen viel gemütlicher nehmen wollten. So warteten wir bereits nach kurzer Zeit einmal fünf Minuten und kurz später noch einmal zehn Minuten. Ich sah die Verwirklichung meiner Träume in weite Ferne entschwinden. Denn auf diese Art war der begehrte Gipfel nie zu erreichen. Und so fragte ich Andi und Dominik mindestens zweimal, ob es ihnen etwas ausmache, wenn meine Seilschaft im geplanten Tempo weitesteige und sie uns etwa in Sichtweite folgen würden. Alle waren mit meinem Vorschlag einverstanden. Ich hatte mit dieser Variante der Matterhornbegehung keine Probleme, denn es handelte sich bei uns um vier etwa gleicherfahrene Bergsteiger. Ich wollte mir aber sicher sein, dass alle damit einverstanden waren. Auf keinen Fall hätte ich irgendetwas auf Kosten eines anderen unternommen oder entschieden. Leider haben unsere Kollegen den Gipfel nicht erreicht. Die Wegfindung ist halt unter Umständen nicht ganz leicht. Wichtig aber ist, dass wir schlussendlich alle sicher und gesund nach Zermatt zurückgekehrt sind. Mein Angebot an Andi und Dominik ist, diesen Berg mal einzel mit jedem zu besteigen.











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