Wängerhorn, Frilihorn, Hirsihorn, Burgihorn, Turtmannspitze, Meidhorn (31.07.2011)

Jetzt ist mir auch einmal eine Monstertour im heiker’schen Sinne gelungen. Man kann auch sagen: eine grosse Tour oder eine Mega Tour. Tönt alles in etwa gleich. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob auf Asphalt zurückgelegte Kilometer überhaupt auch zählen, oder ob man sich zur Festlegung der Tourlänge auf die im freien, ja sogar weglosen Gelände zurückgelegten Kilometer zu beschränken hat. Wenn dem so wäre, ist meine Tour natürlich in keinster Weise eine Monstertour. Überhaupt wäre dann die Berechnung der Wegstrecke noch viel schwieriger - unter Umständen gar nicht möglich. Wobei diese Berechnung sowieso schon sehr schwierig ist. Du weisst ja, was ein mäandrierender Fluss ist: eben einer, der wie eine Schlange im Gelände dahinfliesst. Die Form des Flussverlaufs ist der Bewegung eines Berggängers nicht ganz unähnlich, vor allem wenn er sich über den Routenverlauf nicht sicher ist. Diese Schlangenbewegung ist sicher nicht ganz ideal, lässt sich aber oft nicht vermeiden. Idem - was ich sagen will, ist, dass die Länge des im Gelände zurückgelegten Weges sicher um einiges grösser ist, als die des im Nachhinein auf der Karte eingezeichneten. Bei mäandrierenden Flüssen ist es im Durchschnitt so, dass seine Länge 3.1415-mal, also pi-mal, grösser ist als der direkte Weg von der Quelle bis zur Mündung. Dies lässt sich mathematisch und naturwissenschaftlich leicht begründen, und ist durchaus verständlich. Ich erspare mir hier aufgrund mangelnden Interesses der Berichtleser eine Erklärung. Die Tatsache sollte jedenfalls manchen Tourengänger hoffen lassen, dass vielleicht auch er oder sie, bewusst oder unbewusst, schon manche Megatour ins Gelände gelegt hat - eben, weil wir uns eher wie ein Betrunkener als eine Klosterfrau fortbewegen.

 

Megatouren sind zu ernsthaft, als dass man sich im Bericht darüber auch noch über jede Gefühlsduselei äussert. Überhaupt hat Romantisches und Ähnliches in solchen Berichten keinen Platz. Und man hat gefälligst auch sonst jeden erlebten oder erdachten Unsinn in der Berichterstattung wegzulassen. Megatouren haben daher den Vorteil, dass man beim Berichteschreiben viel schneller ist. Die am Sonntag bei der Tour vergeudete Zeit kann also gut am Montag bei der Verarbeitung der Tour wettgemacht werden.

 

Das Wetter an diesem Sonntag war sehr gut. Nur einzelne Nebelschwaden zogen hin und wieder auf, aber in der Regel nicht dort, wie wir durchzogen. Wir sagten uns oft, dass man an solchen Tagen einfach etwas unternehmen MUSS, und dass es gilt, solche Tage möglichst gut auszunützen. Überhaupt kann ich nur schwer nachvollziehen, dass in letzter Zeit so viele Leute über schlechtes Wetter munkeln. Seit einer Woche bin ich aus Deutschland zurück, und schon zweimal konnte ich ohne eine grosse (wettermässige) Anstrengung sehr flotte Touren unternehmen. Und heute lacht schon wieder die Sonne. Ich meine, mit ein bisschen gutem Willen ist doch vieles möglich. Da kommt schon der Verdacht auf, dass das Wetter in aller Regel viel besser ist als der Wetterbericht, und dass da jemand versucht, dem Walliser Tourismus zu schaden - das denken jedenfalls einige Leute.

 

Ein paar Daten zur Tour:

  •  Aufbruch: um 23:45 Uhr
  •  Ankunft in Gruben im Turtmanntal: 5 Stunden und 33 Minuten später
  •  Dort gab es für uns dann auch schon Kaffee
  •  Weitermarsch bis zum Stausee
  •  Und dann über „Wängeralpu“ hinauf zum Wängerjoch
  •  Dann Wängerhorn, Wängerjoch, Frilihorn, Frilijoch, L’Omen Roso, Forcletta, Hirsihorn, Brugihorn, Col de Vijivi, Turtmannspitze, Gälus Häupt, Meidhorn, Mittlere Stafel, Meiden, Gruben
  •  Gesamtstrecke: 55 Kilometer
  •  Gesamtzeit: 19 Stunden und 19 Minuten

 

Zur Gesamtzeit ist noch zu sagen, dass sie nur 19 Stunden und 18 Minuten betragen hätte. Um eine bedeutend schönere Schlusszeit zu erhalten, habe ich den Schritt auf den letzten zehn Metern deutlich verkürzt. Wenn ich mir das ganze jetzt im Nachhinein so durch den Kopf gehen lasse, muss ich sagen, dass das schönste schon der Col de Vijivi ist - noch nie habe ich eine Wort mit so vielen „i’s“ auf so engem Raum gesehen. Leider bin ich mir heute nicht mehr sicher, ob ich um fünf Uhr dreiundreissig in Gruben angekommen bin, oder ob es fünf Stunden und dreiundreissig Minuten nach meinem Start in Brig waren. Das macht natürlich einen signifikanten Unterschied von 15 Minuten aus. Der aufmerksame Leser möchte mir hier die mangelnde Präzision bitte entschuldigen. Überhaupt war ich mir an diesem ansonsten fast perfekten Tag oft nicht im Klaren, ob meine Uhr nun die Tages- oder die Laufzeit anzeigte. Diese sorgte für einige Missstimmung. Um so was zu vermeiden, werde ich mein Projekt optimieren und inskünftig nur noch zur vollen Stunde aufbrechen. Das Problem stellt sich halt am heftigsten, wenn man kurz vor oder nach Mitternacht aufbricht. Ich schreibe dies hier nur, um dich vor ähnlichen Sorgen zu warnen.

 

Im Verlaufe des Tages staunten wir schon oft über die Länge der Unternehmung. Wegen des anhaltend guten Wetters war in keiner Phase Eile angesagt. Dies will aber nicht etwa sagen, dass wir nicht schnell vorwärtsgekommen wären. Machten wir uns nach den ersten zwei-drei Gipfeln ab und zu noch insgeheim Gedanken über die Länge des noch vor uns liegenden Weges, staunten wir dann im Verlaufe des Tages immer mehr über das, was wir schon hinter uns gebracht hatten - „Was, da sind wir schon überall gewesen!“. Wir waren uns fast sicher, dass diese Überschreitung noch nicht mancher Mensch gemacht hatte. Bei der Menge der Gipfel und Auf- und Abstiege streckte ich bald einmal alle Viere - das heisst bei der Vorbereitung. Schlussendlich gab ich es auf, die Routenbeschreibung verstehen wollen und sagte mir, dass es im Gelände sowieso immer darum gehen würde, selber den idealen Weg zu finden. Und den haben wir dann auch jeweils gefunden. Wenn man fast alles überschreitet, ist die Route nicht immer ganz leicht. Auf alle Fälle tut man gut daran, Seil und alles andere mitzunehmen. Es würde zu weit führen, hier jede Passage beschreiben zu wollen. Es wäre ja auch sinnlos, weil wir uns einig waren, diese Route nie im Leben noch einmal zu begehen. Ich werde bei den Bildern noch ein paar hilfreiche Bemerkungen anfügen. Im Führer wird oft von II-er Stellen berichtet.

 

Recht aufgewühlt war ich bei der Besteigung des Meidhorns, weil da ein Lehrerkollege vor einem Jahr tödlich verunfallt war. In der ganzen Kette ist das Meidhorn wohl das einfachste. Ein schmalerer Weg, der mancherorts mit heimtückischem Splitt bedeckt ist, führt hinauf. Wer fällt, fällt ganz weit in freiem Fall hinunter. Mein Kollege war auf einem Schneefeld ausgerutscht.

 

Wer auf dem Meidhorn steht hat noch einen langen Abstieg vor sich. Niemand hat Freude an langen Abstiegen im Sommer. Von hoch oben erblickt man bald einmal die Strasse, die ins Tal führt. Obwohl ich an diesem Tag schon eine Wette verloren hatte (wegen des L’Omen Roso), wäre ich mit meinem Kollegen die Wette eingegangen, dass uns jemand mit dem Auto mitnehmen würde. Mit voller Kraft konzentrierte ich mich darauf: jemand nimmt uns mit, jemand nimmt uns mit … . Auch wenn an einem mittleren Sommertag durchschnittlich nur zwei Autos hier zu Tale fahren, wusste ich doch, dass hier sehr freundliche Leute leben. Diese sind stets für einen Dienst zu haben. Man glaube es oder nicht: Kaum hatten wir die Strasse erreicht, kroch ein Auto langsam die steile und staubige Alpstrasse von oben herab und direkt auf uns zu. Ein kleines Daumen-Zeichen genügte, und der Mann am Steuer hielt an. Aus seinem geräumigen und praktisch leeren 4-Wheel-Drive herausschauend liess er uns wissen, dass er leider keinen Platz habe. Und seine Frau meinte, dass wir in 45 Minuten unten sein würden, und dass der Wanderweg sehr schön sei. Sie hatte recht - der Wanderweg war schön. Und ich hatte recht: in diesem Tal wohnen sehr nette Leute. Inzwischen schreite jede Faser in uns nach Flüssigkeit - jedes Getränk mit Ausnahme von Wasser hätten wir jetzt mit grosser Dankbarkeit angenommen. Ich erzählte Marc, dass ich schon in Gebieten gewandert sei, wo mir alle paar Kilometer etwas angeboten worden sei. Also schritten wir voller Erwartung und guten Mutes dem Mittleren Stafel zu. Bald waren wir in ein nettes Gespräch mit einem der Alphüttenbesitzer verwickelt. Ob es hier ein Restaurant gebe? - Oder: wir sind schon so viele Stunden unterwegs - Oder: wir seien total müde. Alle Psychologie nützte nichts. Der Mann schien hier nur von der schönen Aussicht zu leben, und sein Kühlschrank schien total leer zu sein. So vermieden wir es mit allen Mitteln, das Gespräch abzubrechen und warteten weiter auf das erlösende „Chummet do ga as Bier trichu.“ Indes hatte seine liebenswürdige Frau schon zum dritten Mal gesagt: „Das sind ja Walliser.“ - Ich sagte noch, dass sie mir von irgendwo bekannt vorkomme. Bevor wir die letzte Etappe unseres Abstieges in Angriff nahmen, gab uns ihr Mann noch eine detaillierte Beschreibung des Weges zum Wasserbrunnen. Die besten Dinge im Leben sind frei …

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