Chli Dirruhorn, Dirruhorn, Hohbärghorn, Stecknadelhorn, Nadelhorn (10.08.2011)
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Stranger than fiction
Die folgende Geschichte ist ebenso eigenartig wie wahr. Mit German bin ich früher etliche Male in die Berge gegangen. Heute tut er es für Geld - das heisst, er ist Bergführer. Daher haben sich unsere Wege vor Jahren getrennt. Am 24. Juli 1993 waren wir am Stockhorn im Baltschiedertal unterwegs. Wir sind die bekannten fünf Türme des Südgrates hochgeklettert. Es war anstrengend, ich war in groben Schuhen, und wir brauchten sechs Stunden und sechsundfünfzig Minuten. Mehr sagt mein Tagebuch nicht. Der Stockhorn Südgrat ist und bleibt etwas sehr Eindrückliches. Am 21. Juni dieses Jahres war German wieder im gleichen Gebiet mit einem Gast unterwegs. Wie üblich hatten sie sich im eigenartigen Biwak eingenistet. Abends ging German noch zur Wasserstelle, die sich ein paar hundert Meter vom Biwak weg befindet. Bei dieser Gelegenheit sah er irgendwo im Geröll etwas Helles. Zuerst an eine WC-Papier-Rolle denkend, stellte er bei näherem Hinsehen fest, dass es sich um ein verwittertes Buch handelte. Es war nichts anderes als das Gipfelbuch vom Stockhorn. German hob das Buch mit Interesse auf, und sah mit grossem Erstaunen, dass die nach unten zeigende Seite unseren Eintrag von damals enthielt. Sonst war kaum noch etwas lesbar. Der letzte Eintrag datierte vom Jahr 1994. Über sechshundert Meter war das Buch vom Gipfel heruntergefallen. Siebzehn Jahre hatte es im Schneegestöber, Regen und Wind im Geröll überstanden und zeigte nun genau unseren Eintrag. Wenn das jetzt nicht etwas Besonderes, fast Esoterisches ist! Spiritistisch angehauchte Zeitgenossen würden da einen Fingerzeig von irgendjemandem auf irgendetwas vermuten. „Geh nicht mehr in die Berge, sonst endest du wie dieses Buch im Geröll!“ - oder: „Geh weiter in die Berge - du bist unverwüstlich.“ Ich kann dich beruhigen - das Ereignis ist wie jedes andere Ereignis Zufall. Unser Leben ist von lauter Zufälligkeiten bestimmt. Habe kürzlich gelesen, dass es für uns Menschen sehr unwahrscheinlich ist, einmal zu einem Fossil zu werden. Und, dass man von einem Paläontologen in ferner Zeit wieder gefunden wird, ist noch viel unwahrscheinlicher. Unser Leben ist ganz von Wahrscheinlichkeiten bestimmt. Wobei wir jede Sekunde von höchst unwahrscheinlichen Ereignissen „heimgesucht“ werden. Geh mal durch die Stadt. Wenn dir nur hundert Menschen begegnen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dir genau diese Menschen begegnen, verschwindend klein. Sie ist vielleicht so gross, wie die Wahrscheinlichkeit, eine Milliarde Sechser im Zahlenlotto in ununterbrochener Folge zu erzielen. Und doch ist genau dieses Ereignis eingetroffen. Vor zwanzig Jahren, war ich drei Jahre lang in einem Einsatz in Sambia, Afrika. Meine jetzige Frau lehrte ich erst nach meiner Rückkehr kennen. Und doch hatte ich mich dort im afrikanischen Busch eines Tages entschieden, meinen kahlen Schrank in meinem einsamen Zimmer mit einem schönen Bild aus einer dieser für mich damals sehr interessanten Missionszeitschriften zu zieren. Tausende Male hatte ich dieses Bild bewusst oder unbewusst angeschaut, ohne zu wissen, dass es meine künftige Frau zeigte. Sicher ein Zufall, wenn auch ein grosser und schöner, dass ich genau diese Frau acht Jahre später heiratete. „Dass ist doch kein Zufall, das ist doch Fügung und Schicksal, alles sehr schön und romantisch verpackt!“ - werden Leute mit schwachem Nervenkostüm gleich sagen. Und doch war es nichts als Zufall, sogar der reine Zufall. Die Romantik ist schnell zerstört. Ich hatte das Bild einer Frau wegen angeschlagen, die ich damals kannte, und die mich sogar in Afrika besucht hatte. Welch ein Zufall und welche Enttäuschung: als ich zurück in die Schweiz kam, hatte sie sich für sonst jemanden entschieden, den sie dann später zufälligerweise auch nicht heiratete. Ich hatte nach meiner Rückkehr unabhängig davon zufälligerweise die andere Frau auf dem Bild kennengelernt und diese nicht zufälligerweise sondern streng berechnend und hoch verliebt geheiratet. Solche und ähnliche Geschichten gäbe es sicher noch mehrere zu erzählen. Fazit: Unser Leben wird eher von den Gesetzen der Mathematik (hier die Wahrscheinlichkeitsrechnung) als von Feen und Kobolden geregelt.
Ich erzähle diese lange Geschichte nicht per Zufall, sondern weil ich mit German genau diese Tour, aber im Uhrzeigersinn, am 1. August 1993, von der Mischabelhütte aus gemacht hatte. Der Reihe nach hatten wir bestiegen: Lenzspitze (die bekannte Wand), Nadelhorn, Stecknadelhorn, Hohbärghorn, Dirruhorn. Damals sind wir durch das berüchtigte Dirrujoch abgestiegen. Damals, in schon nicht mehr ganz jungen Jahren, konnte man eine solche Tour in schwindelerregender Zeit abwickeln. Gestern waren wir natürlich nicht aus irgendwelcher Rekordsucht unterwegs - das Hauptmotiv war der Genuss, der reine Genuss und nichts als der Genuss. Wobei ich meine Partnerin, oder besser gesagt: sie mich, auch wieder aus Zufall kennen gelernt hatte. Sie hatte einige meiner Bergberichte gelesen und gefunden, ich wäre etwas für sie - ich meine: meine Touren wären etwas für sie. Unterwegs hatten wir zudem noch zwei-, dreimal davon gesprochen, ob man nun dereinst per Zufall, aus Vorsehung, fremd- oder selbstbestimmt enden werde. Darum eben diese lange Einleitung.
Aber eigentlich ging es auf dieser Tour um etwas ganz anderes. Ich hatte vor zwei Tagen einen neuen Bergschuh gekauft, und diesen wollte ich nun testen. Wohl aus diesem Grund ist die Unternehmung etwas länger geworden. „Ein guter Bergschuh hält zwei Saisons“, liess mich der Verkäufer wissen. Nicht gerade lange, wenn man an die heutigen Preise denkt. Alpinismus ist ein teures Hobby. Die Hardware leidet noch stärker, wenn man stunden- und stundenlang in Steigeisen klettert. Leider hat meine Partnerin beim Abstieg vom Ulrichshorn zur Bordierhütte eines ihrer Steigeisen verloren. Bitte, unbedingt bei mir melden, falls es jemand finden sollte.
Einige werden finden, dass es unklug oder dreist sei, eine solche Tour, die wirklich einiges an sich hat und eine erste alpinistische Angelegenheit ist, mit jemand zu machen, den man nicht kennt. Zudem gibt es bei dieser Überschreitung keine netten Ausstiegsmöglichkeiten. Ich habe aber Emely, meine Partnerin, schon wenigstens einmal vor der Tour getroffen. Sie ist extra am Vortag mit ihrer Tochter von Grächen nach Naters herunter gefahren, um meinen schweren Bergrucksack nach Gasenried zu fahren. Und bei dieser Gelegenheit haben wir ein Glas Fruchtsaft miteinander getrunken. Das ist doch so ungefähr die Zeit, die es braucht, um sich gegenseitig ein Bild voneinander zu machen. In der Tat hat Emely während unserer rund zwanzig Minuten dauernden Unterhaltung nicht ein einziges Mal darauf hingewiesen, dass es in unserem Haus ja gar keinen Fahrstuhl gäbe. Sie schien nicht im Entferntesten nach einem solchen gesucht zu haben und hat die dreiundreissig Stufen zu unserer Wohnung hoch scheinbar mühelos überwunden. Und genau so erging es auch ihrer Tochter. Damit hatte sie den Eingangstest für die Tour Chli Dirruhorn-Dirruhorn-Hohbärghorn-Stecknadelhorn-Nadelhorn-Ulrichshorn mit Bravour bestanden. Hätte sie auch nur ein Sterbens Wörtchen über den fehlenden Lift verloren, wäre sie, die Tour, für mich gestorben. Emely ihrerseits mag als Eintrittstest folgendes genügt haben. Just, als ich noch mit Rucksackpacken beschäftigt war, klingelte es an der Tür. Der Kartoffelbauer vom Parterre war da, und hatte im Kofferraum seines Autos einen vollen Sack Kartoffeln für uns bereit. Ich dachte mir: Wie schön, wenn man seinen letzten Lebensabschnitt mit dem Anbau von Kartoffeln und Ähnlichem verbringen kann. Mit Denken war es in diesem Augenblick nicht getan - ich musste den 25 (fünfundzwanzig) Kilogramm schweren Sack in unsere Wohnung hoch schaffen. Da mir dies mit recht wenig Mühe gelang, wenngleich ich im Anschluss an diese Aktion einen vielleicht etwas erschlafften Eindruck gemacht haben muss, war nun doch auch Emely überzeugt, dass ich ein valabler Tourenpartner sein dürfte. Und genau so überzeugt war auch ihre Tochter. Abends stellte sich natürlich heraus, dass der schwere Sack in unserer Wohnung nichts zu finden habe, und dass sein logischer Aufenthaltsraum der Keller sei. Also trug ich ihn zu später Stunde wieder hinunter, diesmal drei Stockwerke.
Hier mein aktueller Ernährungstipp: Aufmerksamen Lesern wird nicht entgangen sein, dass diese Begebenheit einen starken Hinweis darauf liefert, wie sich ein Bergsportler vernünftigerweise ernährt. Und schon bist du mit deiner Mutmassung vollständig daneben. Es kommt nämlich gar nicht darauf an, was man ist. In meiner Jugend war es oft so, dass ich im Zimmer am Lesen war, während meine Mutter mit viel Liebe das Mittagsmal vorbereitete. „Öügen, chänntisch mer nit ambri inu Chäller äm paar Härpfil ga reichu?“ - - „Eugen, könntest du mir nicht unten im Keller ein paar Kartoffel holen?“ - Und nach dem dritten „Öügen, chänntisch mer nit ambri inu Chäller äm paar Härpfil ga reichu?“ folgte in mir ein ebenso langgezogenes „Jaaaa“. Vor- und Nachteile des Gehorchens oder Nichtgehorchens sorgfältig abwägend, spurtete ich in der Folge wie ein Sprinter die zwei Stockwerke in den Keller hinunter, und kam schwerbeladen mit den gewünschten Kartoffeln wieder herauf. Wohlgemerkt: meine damalige Leistungsfähigkeit rührte nicht vom Produkt „Kartoffel“ her sondern von der Tatsache, dass ich es jeweils in mühsamer Arbeit tragen musste. Ich wäre nicht minder stark geworden, wenn ich Äpfel oder Weinflaschen hochgeschafft hatte. Wobei ich mir beim Wein nicht so sicher bin, weil dieser in den sechziger Jahren in den Walliser Seitentälern noch sehr sauer war. „Öügen, chänntisch mer nit ambrüf ins Unnertach äm paar Hüswurschtjini ga reichu?“ - „Eugen, könntest du mir nicht oben im Estrich ein paar Hauswürste holen?“ - Du merkst: eine total andere Situation! Die Würste galt es, zwei Stockwerke weit hinunterzutragen. Daher möchte ich zusammenfassend festhalten: Geht die Tour über weite Strecken bergab, isst der kluge Berggänger am besten Würste, und sonst halt Kartoffeln. Bei anderen Unternehmungen (starke Steigung, dann Gefälle, dann wieder Steigung) kommt das Schichtenprinzip des Langlaufskiwachsens zur Anwendung - trennkostmässig zuerst eine gehörige Portion Kartoffeln zu sich nehmen, dann Würste, und so weiter. Die Methode bewährt sich bei relativ einfach strukturierten Touren. Bei Touren wie bei der gestrigen, wo es darum ging, sechs Gipfel zu besteigen, Gipfel, die in ihren Gräten zudem enorm strukturiert sind, kommt das Schichtenprinzip bald einmal total durcheinander. Ich hab es trotzdem versucht. Die 137 Steigungswechsel des Tages bedingten ein 137-Gang-Menü. Die ganze Vorbereitung wurde dergestalt inszeniert, dass mir meine Frau diese Speisen schön der Reihe nach und standesgemäss vornehm servieren musste. Kartoffel - Wurst - Kartoffel - … Dabei hielt ich mich stets an das vor mir auf dem Mittagstisch liegende Höhenprofil der Tour. Doch nach rund der Hälfte der Gänge ging uns, und vor allem meiner Frau, die ganze Übung derart auf den Keks, dass wir aufgaben, und ich sie bat, mir den Rest der Speisen schön püriert zu servieren. Du magst es glauben oder nicht, und es mag Zufall sein oder nicht, aber genau wegen dieses Systembruchs während der Vorbereitung habe ich auf dem zweiten Teil der Bergfahrt enorm an Schwung verloren. Auf alle Fälle werde ich inskünftig weniger komplizierte Touren wählen, um mich wieder an meinen Ernährungsplan halten zu können. Du wirst meinen, dass dieser Ernährungstipp ungefähr genau gleich viel wert sei, wie der Tipp eines Börsenspezialisten in dieser schwierigen Zeit. In der Tat können Schimpansen, und auch schon ganz gewöhnliche Affen die Entwicklung der Börse ebenso gut voraussagen, weil eben alles zufallsmässig abläuft. Und so geht es halt auch den studierten Ernährungsberatern. Wenn du mich jetzt aber auf die Position des Schimpansen oder Affen legst, bist du jetzt schon wieder falsch, denn die gestrige Tour beweist doch nichts als das Gegenteil.
Jetzt habe ich schon mehr oder weniger alles zu dieser Tour niedergeschrieben, und ich muss hart überlegen, was es sonst noch zu berichten gibt. Vielleicht noch zum Wetter? - Der Himmel war, glaube ich, quasi wolkenlos. Es wehte aber ein ganz kalter Wind, und auch die Lufttemperatur war sehr kalt. Da ich Kälte nicht so gut ertragen kann, wurde ich auf dem Dirruhorn von einem wahren Schüttelfrost heimgesucht. Ich stellte mir ernsthaft die Frage, wie das bis zum Schluss weitergehen sollte. Ich kletterte fast ständig in Handschuhen und ruinierte zwei Paar davon. Im Tal soll es an diesem Tag angenehm warm gewesen sein. Derweil hielt das stürmische Wetter auf der ganzen Tour an. Da ich Schüttelfrostsymptome bei sonst niemandem feststellte, muss es sich da meinerseits wohl um eine starke Wettersensibilität handeln.
Wie gesagt, ist diese Tour in keiner Weise zu unterschätzen. Vor Jahren, als ich beim SAC Tourenleiter war, hatten wir die Balfrinüberschreitung geplant. Bei dieser Tour kann man von einem einmaligen Blick auf den Nadelgrat profitieren. Ein paar Unverbesserliche, denen der Balfrin zu wenig war, wollten unbedingt den Nadelgrat machen. Das Dirrujoch schafften sie, am Hohbärghorn waren sie aber total überfordert. Wir waren schon lange von unserer Tour in die Hütte zurückgekehrt, und mussten dort einige Stunden des Wartens verbringen. Etliche Schnapskaffees erleichterten uns die Sache etwas. Bei unseren Nadelgrataspiranten handelte es sich um geübte Berggänger und Kletterer.
Die Kletterstellen sind nicht von grosser Schwierigkeit. Ab und zu muss man sich aber schon etwas verrenken - vor allem, wenn man mal die falsche Passage wählt. Oft klettert man auch an sehr exponierten Stellen. Dies ist aber in den Bergen üblich. Beeindruckender ist die Länge der Tour. Der Hüttenwart, der den Grat wie seine Hosentasche kennt, sagte, dass er den ganzen Weg einmal in neun Stunden geschafft hätte. Man kann aber sehr leicht auch bedeutend länger haben. Auch wir hatten länger - wohl auch darum, weil wir so gerne in den Bergen sind. Es liegt halt noch viel Schnee, und das Klettern mit den Steigeisen erleichtert die Sache halt auch nicht. Die relativ späte Heimkehr war an diesem Tag nicht tragisch, weil der Schnee auf dem Riedgletscher noch nachmittags gefroren war. Obwohl auch wir langsam und bedächtig unterwegs waren, hatten wir eine achtköpfige Gruppe, die kurz vor uns aufgebrochen war, schon auf dem Dirruhorn um rund eine Stunde abgehängt.
Meine Partnerin war durchaus erstaunlich. Mehr als achtzehn Stunden später, in Gasenried wieder, zeigte sie noch kaum ein Zeichen der Ermüdung. Das ein Mensch aus dem flachen Deutschland konditionell so stark in den Bergen unterwegs sein kann, gab mir an diesem Tag oft zu denken. Unmittelbar nach der Tour war ich der Meinung, dass ich jetzt für ein paar Tagen, Wochen oder sogar Monate genug getourt sei. Beim langen Abstieg von der Hütte ins Dorf wurden aber schon auch einige mögliche künftige Tourenziel ins Auge gefasst. Und heute nach einer langen Nacht im weichen Bett mit all den lieben Plüschtierchen? - Schon heute sieht die Welt wieder ganz anders aus. Da man körperlich keine Nachwirkungen verspürt und selber auch nicht glaubt, dass man gerade fast dreissig Stunden (29 Std 52 Minuten) unterwegs gewesen ist, beginnt sich der Geist schon wieder mit anderen Zielen zu beschäftigen. Köstlich war die Reaktion meiner Mutter. Die ist zu einer Zeit aufgewachsen, als sich in unseren Walliser Dörfern noch kaum „Fremde“ blicken liessen. Das sei doch gefährlich, so mit wildfremden Leuten in die Berge zu ziehen. Die hätte mich ja von einem Berg schupsen und mit meinem Geld davonlaufen können. Als wenn die Welt nicht sonst schon schlecht genug wäre.
Schreibe mir, falls du mehr zur Tour wissen möchtest. Ich werde langsam müde vom Schreiben.











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