Pizzo Osbarino und Cima degli Uccelli (29.05.2010)
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In der Schweiz kräht der Hahn „kikeriki“.
In Frankreich macht er „cocorico“.
In Spanien „quiquiriqui“.
Auf Polnisch ruft er „kukuryku“.
Auf Chinesisch „ger ger ger“.
Nur der englisch Hahn kräht etwas aus der Reihe: „cock-a-doodle-doo“.
Dies alles habe ich im Gugel-gugel-gu nachgelesen.
Doch weisst du, wie der Kuckuck in Italien ruft? Ich weiss es, denn ich habe gestern meinen ersten Berg bestiegen, der ganz auf italienischem Gebiet liegt - da Briga. Falls auch du es erfahren willst, muss du halt selber hinfahren.
Das schöne Fräulein von Meteo Schweiz hat mich zu dieser Tour verführt. Als Schönwettertourist wollte ich sie, die Tour, auf später verschieben, weil die Wetterlage nicht voll überzeugte. Doch dann plapperte sie, die Meteofee, derart verlockend daher, schwärmte von einem kleinen Zwischenhoch und lächelte äusserst charmant zu allem was sie sagte, dass ich nicht mehr wiederstehen konnte und kurzentschlossen nach Italien aufbrach.
Mein Kollege würde am morgen von der Deutschschweiz anreisen, mit dem Auto über den Simplonpass fahren und mich in Altoggio treffen. Vielleicht würde ich unterwegs und per Handy noch meine Frau überzeugen können, doch auch gen Italien zu fahren.
In den letzten zwei Jahren bin ich nachts schon oft über den Stockalperweg auf den Pass gestiegen. Eine eigenartige Stimmung herrscht der Taferna entlang - das tosende Wasser, die knacksenden Bäume begleiten dich stundenlang. Zwei-dreimal zucke ich zusammen, weil meine Goretex Schuhe aneinander reiben und ein eigenartiges Geräusch von sich geben. Dann reisst mich ein lautes, klares „Kling“ aus meinen Gedanken, ich drehe mich blitzschnell um und schaue mit weit offenen Augen das dunkle Tal hinunter. Bin dann froh, dass alles seine natürliche Erklärung findet, vorerst wenigstens noch - mein Pickel hatte an einen viel Eisen enthaltenden Felsbrocken geschlagen. Eine halbe Stunde später gurgelt und quietscht es plötzlich hinter meinem Rücken. Bin überzeugt, dass es jetzt schon an meinem Rucksack hängt und mir gleich von vorne gequält in die Augen schauen wird. Wie vom Kuckuck gebissen lasse ich den Rucksack fallen und kann erleichtert feststellen, dass das Geräusch von der nun halbleeren Thermosflasche herrührt.
Solche Nachtwanderungen fallen einem viel leichter, wenn man weiss, dass man nach ein paar Stunden jemand treffen wird, um gemeinsam einen Berg zu besteigen. Elf Uhr, mein Kollege, Fenek, wird jetzt bestimmt tief schlafen. Um vier Uhr wird er aufstehen müssen, um mit dem Zug vom Emmental ins Wallis zu fahren.
Ansonsten bin ich in bester Gesellschaft mit vielen Waldschnecken, die in dieser feuchten Nacht auch unterwegs sind. Welches ihr Ziel ist, kann ich nicht enträtseln. Haben sie überhaupt ein Ziel oder geniessen sie nur das für sie schöne Wetter? Irgendeinen Grund muss es für dieses nächtliche Herumkriechen doch bestimmt geben. Ich meine, ich habe ja auch ein konkretes Ziel, den Pizzo Osbarino, und komme ihm mit jedem Schritt näher. Der Schnecken hat es viele, und ich bin total alleine. Bin erstaunt, dass in dieser Nacht nicht auch andere Menschen den Weg über den Simplon eingeschlagen haben, um den an und für sich lohnenden Pizzo anzustreben. Dann mache ich überschlagsmässig eine Berechnung der Wahrscheinlichkeit, auf dem Stockalperweg heute Nacht noch einen Artgenossen zu treffen - nicht sehr wahrscheinlich. Dies umso mehr, als ich höchst wahrscheinlich der erste Zweibeiner bin, der je von Brig auf den Pizzo Osbarino gestiegen ist.
Viele Schnecken haben die gleiche Richtung wie ich eingeschlagen. Es ist zu vermuten, dass auch ihnen bekannt ist, dass bergaufwärts Kriechen viel gelenkschonender ist als bergabwärts. Bergabwärts wird es per Schlammlawine viel kraftschonender gehen. Und auch ihnen ist, wie mir bekannt, dass vor allem die Asphaltstrasse vom Pass hinunter nach Crevoladossola stark an die Substanz gehen kann.
Damals am Matterhorn habe ich Seilschaften gezählt, die ich überholen konnte. Heute zähle ich überholte Waldschnecken - 35, 36, 37. Diese Zahlen geben mir ein unglaubliches Gefühl der Stärke und lassen meine Schritte mit jedem Schritt leichter werde. Und dies obwohl über meinen iPod gerade der Song erklingt „One step forward, two steps backwards“. Ich sage mir, lieber hier unter den Schnecken der Schnellste, als nur unter den ersten 17%, das heisst siebzehnter von 102, wie 2003 am Zermatt Marathon. Überhaupt fühlt man sich in solchen Stunden eins mit allen Lebewesen und erfährt eine Art Gesamtschau von allem - genau so wie Hesses Steppenwolf - vorausgesetzt man strengt sich ein wenig an.
Es ist an der Zeit, sich ein paar Gedanken zum Leben zu machen. Man muss nicht Wissenschaftler sein um zu begreifen, dass wir alle aus einem hervorgegangen sind. In der Tat besteht kaum ein Unterschied zwischen einem Wildschweinhaar, einem Menschenhaar und einem Schafhaar. Ich vermute sogar, dass ein Schneckengedanke im wesentlichen einem Menschengedanken ähnelt. Der Mensch hat rund 23000 Gene, die Maus hat deren 25000, und die winzige Fruchtfliege hat noch mehr davon. Gibt es Leben auch anderswo im Universum? - Eine Frage, die heute viele beschäftigt. Auf der Erde bestehen für das Leben ideale Verhältnisse. Wenn das Leben bei uns aber nur einmal entstanden ist, heisst dies, das die Wahrscheinlichkeit für dessen Entstehen sehr klein ist. Dass somit die Wahrscheinlichkeit für Leben auf anderen Himmelskörpern auch sehr klein ist. Kein schöner Gedanke. Die Wissenschaft weiss heute jedoch noch nicht mit letzter Gewissheit, ob es auf der Erde mehr als eine Schöpfung gegeben hat. Es ist durchaus möglich, dass im Reich der Bakterien, oder vielleicht tief unter dem Meer Lebewesen existieren, die nichts mit unserer Biologie zu tun haben. Schlimm für unsere Art wäre auch, wenn es nirgends im All intelligenteres Leben gäbe als das unsere - unter der Voraussetzung, dass das Leben etwas Normales im Universum ist. Dies würde nämlich vermuten lassen, dass Intelligenz nicht überleben kann, wenn sie eine gewisse Stufe einmal überschritten hat. Unsere Art ist wohl das beste Argument für diese Annahme.
Auf dem Stockalperweg ist man nachts dem Leben und dem Tod nahe. Bald einmal treffe ich auf einen Dachs, der direkt am Wegrand geschlafen haben muss. So nahe war ich dieser Tierart noch nie. Im Scheine meiner Lampe huscht er durchs dichte Unterholz, und ich hinten her. Der Mensch ist nicht für solche Spässe gebaut. Und so gebe ich auf. Doch mein Jagdtrieb ist geweckt. Kurz unter dem Schallberg blicken mich zwei hell leuchtende Augen von zwanzig Meter oberhalb des Weges herab an. Und deren Besitzer scheint nicht flüchten zu wollen. Also kraxle ich den steilen Hang hinauf, wissend, dass ich weiter oben wieder auf den Weg stossen werde. Einigermassen mühsam gewinne ich im Dickicht an Höhe, und das Augenpaar ist immer noch am gleichen Ort. "Ein dreister Kerl!" - denke ich mir. Bevor ich weitergehe, stelle ich meine Canon auf Blitzautomatik. Fotografiere weiter oben aber dann doch nicht, weil ich selten Rückstrahler von Strassenbegrenzungspfosten fotografiere. War ja auch doof anzunehmen, dass sich jetzt gleich hinter jedem Augenpaar ein Wolf verstecken würde.
Speziell ist auch jeweils der Weg durch den Grund unterhalb des Schallbergs. Hier handelt die von Ines Mengis selig geschriebene wahre Geschichte „Gully-Marie. Die Geschichte einer „Kindsmörderin““. Die Erzählung handelt von der 1824 in Visp enthaupteten Anna Maria Christen. Ines hat bis 2005 an der gleichen Schule wie ich unterrichtet. Sie ist eines plötzlichen Todes gestorben. Google „Gully Marie“, wenn du mehr zur Erzählung erfahren willst. Für mich ist der Weg durch diese Gegend und über die reissende Ganter jeweils mit etwas mulmigen Gefühlen verbunden. Vor allem auch wenn ich an die sozialen Verhältnisse von damals denke, an die Rolle der Kirche, der Justiz, ...
Dann gilt es, den Ort „Taferna“ zu passieren. Schauplatz einer Walliser Sage. Hier soll die damalige Wirtin Wein mit Wasser vermischt und den Passanten verkauft haben. Seither haust ihr Geist in den alten Gemäuern. Wenn ich den zeitlichen Verlauf meiner Touren irgendwie vorbereite, so ist es, dass ich peinlich genau darauf achte, diesen Ort nicht um Mitternacht passieren zu müssen. Noch recht weit unterhalb der Taferna, wo der Weg über viele Holzbrücken führt und ein paar Mal die Talseite wechselt, versuche ich mir vorzustellen, was ich machen würde, wenn ich genau bei den alten Gebäuden den Fuss verrenken würde und zur Immobilität verurteilt wäre, das heisst, Mitternacht quasi im Einflussbereich der verstorbenen Wirtin abwarten müsste. Einem Kind gleich würde ich wohl den Kopf tief in meinen Händen vergraben, vor allem um nicht gesehen zu werden, und noch viel mehr um nicht zu sehen.
Vor zwei Jahren, als ich den Weg hinauf auf den Simplon für das „Gondo Event“, einen bekannten Lauf, markierte, hatte ich an besagtem Ort schwere, kugelrunde Steine vom nahen Bachbett heraufgeschafft, und darauf, um den Läufern Mut und Ausdauer zuzusprechen, mit blauer Farbe gesprayt:
Go
go
go
Go-ndo
Do
do
do
Gon-do
Es sind genau diese Steine, die mir heute die nötige Kraft verleihen, um den Ort in Windeseile zu passieren. Ich weiss aber zu genau, dass die Sache erst getan ist, wenn man die weiter oben von mir so getaufte „schaukelnde Brücke“ überschritten hat und sich wieder auf der anderen Bachseite befindet.
Mitternacht findet eine halbe Stunde unterhalb der Passhöhe statt. Und einmal auch dieses Schlüsselereignis überstanden, setzte ich mich auf einen alten Baumstrunk, betrachte die alten Bäume und schlürfe heissen Tee. Gerne würde ich in dieser Vollmondnacht meine verstorbenen Ahnen, angefangen mit Grossvater, Grossmutter und Vater und Onkel und Tante treffen. Und sei es nur, um ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Doch, wer das so will, dem zeigen sie sich nicht.
Der Rest der Reise ist natürlich weniger romantisch. Er findet vorerst über viele Kilometer Asphalt statt. Einige davon lege ich joggend zurück. Schnecken sind jetzt natürlich leider keine mehr von der Partie. Psychisch ist es aber schon genugtuend, einen Kulminationspunkt überschritten zu haben. Auch Autos sind nur wenige unterwegs. Die weitaus meisten fahren Richtung Italien. Ich stelle mir so etwas wie Autos voller Fluchtgelder vor, die unser sowieso schon schwächelndes Banken- und Finanzsystem zusätzlich schwächen.
Simplon Dorf, Gabi, und dann die steilen Wände der Gondoschlucht. Bei Gondo sind sie hell erleuchtet - vom sich selten blicken lassenden Mond und von den Scheinwerfern der Zollstation. Auf einer Mauer bei der schmucken Kirche geniesse ich meinen ersten Sandwich und mache mich schön für den Grenzübertritt - iPod versorgen und ja nicht negativ auffallen.
Der damalige Wirt vom Restaurant bei Gabi hat uns einmal einen Becher gezeigt, aus dem Napoleon, glaube ich, getrunken haben soll. Und nach der damaligen Katastrophe weilte Bundesrat Ogi mehrmals in Gondo und hat dem Dorf Unterstützung und Prosperität versprochen. Und jetzt um Viertel vor drei in der Nacht sitze ich hier mitten im Dorf und keiner nimmt mich wahr. Mal schön abwarten von wem von uns dreien man in tausend Jahren noch spricht.
Der Grenzübertritt vollzieht sich ohne Schwierigkeiten - schlicht und ergreifend, weil keine Zöllner Dienst haben. Erste Hürde genommen. Die Italiener werden bestimmt viel strenger sein. Schon von weitem ist feststellbar, dass tatsächlich Beamte anwesend sind. Ich rücke nochmals meinen Rucksack zurecht, knüpfe meine Jacke ordentlich zu und nähere mich pochenden Herzens dem Grenzposten. Kaum wage ich einen Seitenblick und marschiere sachte geradeaus. Die beiden Beamten sind derart ins Pokerspiel vertieft, dass sie mich nicht einmal im gleissenden Scheinwerferlicht wahrnehmen. Auf Zehenspitzen geht es weiter Richtung Süditalien. Erst nach zweihundert Meter wage ich einen ersten Blick zurück. Gehe jetzt bestimmt und schneller weiter und blicke nochmals und nochmals zurück. Ich komme mir vor, als hätte ich eben die deutsch-deutsche Grenze mitten im kalten Krieg überschritten.
Später dann diese Gedanken: was ist vom volkswirtschaftlichen Standpunkt überhaupt besser - schlafende oder pokernde Zollbeamten? Als Absolvent der ersten eidgenössisch anerkannten Maturität wirtschaftlicher Richtung des Kollegiums Spiritus Sanctus in Brig versuche ich, sämtliches bezüglich dieser Frage relevante Wissen von damals zu reaktivieren und ein paar Szenarien durchzurechnen.
Vereinfachend gehe ich davon aus, dass an beiden Posten fünf Beamte arbeiten, und dass diese für ihre Arbeit bezahlt werden. Nachts sind nur zwei Leute im Einsatz, weil es nachts weniger zu tun gibt. Daher bekommen sie nachts für weniger Arbeit mehr Lohn. Wobei das tagende Parlament bei den Beratungen zum entsprechenden Besoldungsreglement noch mit in Erwägung ziehen musste, dass ganz allgemein nachts mehr Schmuggler als tags unterwegs sind. Diejenigen Parlamentarier, die in der sechsten Primarschulklasse den doppelten Dreisatz nicht derart gut wie wir damals eingeübt hatten, waren schon bei dieser ersten Frage total überfordert. Sie nahmen bei der Detailberatung zu diesem Paragraphen ein Nickerchen (Schweiz) oder begannen mit ihrem Banknachbarn zu raufen (Italien). Dies alles nur so nebenbei.
Nehmen wir jetzt an dass der Passant Schmugglerware im Wert von w Franken mitführt, und dass die Schweizer Zöllner in besagter Nacht tatsächlich alle schlafen und die zwei wachen Italiener pokernd arbeiten. Es ist anzunehmen, dass die Schweizer Zöllner von irgendeinem wachen Bürger per Handy geweckt und darauf hingewiesen werden, dass sich ein verdächtiger Wanderer der Grenze mit grossem Tempo nähert. Die italienischen Staatsbürger werden sich weniger um Staatsangelegenheiten kümmern und werden ihre Zöllner in aller Ruhe weiterspielen lassen.
Fünf Schweizer Zöllner werden also in aller Hast aus ihren warmen Betten hüpfen und gestresst ihre Uniformen zuknöpfen, der Organigrammhierarchie folgend die entsprechenden Befehle säuberlich nach unten weiterreichen. Zwei werden ins Wärterhäuschen springen. Einer wird fragen: „Haben Sie etwas zu verzollen?“ - Ich werde antworten: „Nein“. Einer wird das „Berichtsformular zu besonderen Vorfällen“ ausfüllen, ein zweiter wird es unterzeichnen, ein dritter ordentlich ablegen. Alle werden sie den Arbeitsrapport ausfüllen. Und ich werde weiter Richtung Italien marschieren. Summa summarum rechne ich mit rund fünfzehn Mannstunden Arbeit auf Schweizer Seite - nicht mit eingerechnet nicht berzifferbare Sekundärkosten, die von Stress am Arbeitsplatz herrühren können. Derweil nimmt in Italien alles seinen gewohnten Lauf.
Dies also der Fall: w = 0. Ich überlasse es dem aufmerksamen Leser, die Fälle w > 0 und w >> 0 durchzurechnen.
Irgendwie schlussfolgernd kann doch gesagt werden, dass für eine Volkswirtschaft in erster Linie zufriedene und nicht streikende Staatsbeamte von grosser Wichtigkeit sind. Daher könnte eine politische Forderung sein, dass in Italien Zöllner mit der Vorliebe „Pokern“ angestellt werden und in der Schweiz solche mit der Vorliebe „Schlafen“. Es ist aber anzunehmen, dass dies heute noch kein Anstellungskriterium ist, dass bei beiden Zöllnerpopulationen also Leute mit Vorliebe a und Leute mit Vorliebe b vorkommen, und dass beide Vorlieben quasi normalverteilt sind. Somit wird es in beiden Systemen jeweils zufriedene und unzufriedene Leute geben. Und damit lässt sich die eingangs gestellte Frage mathematisch gar nicht beantworten, und dies nimmt eine grosse Bürde von meinen Schultern .
Zweite Schlussfolgerung: Schmuggeln ist heute aufgrund der von mir gemachten Erfahrungen wohl kein Problem mehr. Man marschiert mit einer vollen Packung Walliser Käse einfach mir nichts dir nichts über die Grenze. Damit besteht für die Regierungen diesseits und jenseits der Grenze auch kein Grund, viel Geld in die Instandhaltung der alten Schmugglerpfade zu stecken. Und wenn ich schmuggeln würde, würde ich so schmuggeln, wie derjenige der damals Esel über die Grenze schmuggelte. Er traversierte die Grenze jeweils mit einem Esel ohne Last, und niemand konnte sich einen Reim daraus machen. Ich würde natürlich nicht Esel nach Italien schmuggeln sondern jeweils neue Rucksäcke, Steigeisen, Pickel, Walliser Roggenbrot, …
Jetzt ist kurz nach vier, und ich schicke mich an, meinen Kollegen im Emmental zu wecken. Internationaler Weckdienst - heute kein Problem. Ich halte mich in einem äusserst schmucken Dorf unterhalb von Gondo auf. Ein erster Blickfang ist die wunderschöne, heute wohl nicht mehr benutzte Zementfabrik. Geziert wird der Ort von einer sehr eleganten Umfahrungsstrasse. Das Strassentrassee liegt auf wundervollen Betonpfeilern auf. Ich tue, was zu tun ist, und geniesse dann noch während zwei, höchstens drei Nanosekunden diesen Ort.
Bis Crevoladossola heisst es, weiter der Strasse folgen. Mittlerweile begehe ich sogar die Autobahn. Werde wohl für einen Mondsüchtigen gehalten. Nur dass zu dieser Tageszeit der Mond nicht mehr scheint, und dass die Mondphasen erwiesenermassen keinen Einfluss auf biologische Abläufe haben. Jetzt kommt auch mein Regenschirm für ein paar Kilometer zum Einsatz. Bei Crevoladossola erreiche ich mit 305 m ü. M. den tiefsten je von Brig aus zu Fuss erreichten Ort.
Dann geht es hinüber nach Pontetto und den Wanderweg hinauf nach Altoggio. Die italienische Wanderweglogik noch nicht ganz verstehend, verliere ich den Weg ein paarmal. Es ist ein sehr schöner Weg, der wirklich lohnenswert ist. Die vielen Häuserruinen drücken ein wenig auf meine Stimmung. Früher wird hier vieles bewohnt gewesen sein, was jetzt verlassen ist. Es werden aber auch neue Häuser gebaut. Vieles weist darauf hin, dass die Leute an diesem Berg kein leichtes Leben hatten.
In Altoggio warte ich rund eine Stunde auf meinen Kollegen. Grosse Freude, unser Auto im Ort einfahren zu sehen. Schön, dass auch meine Frau dabei ist. Altoggio liegt auf 710 Metern. Bis zur Alpe Giovera di Sopra (1640 m ü. M.) folgt man mehr oder weniger der guten Alpstrasse. Viele Leute sind damit beschäftigt, den Strassenrand von Sträuchern und Kräutern zu befreien und heruntergerutschtes Material wegzuschaffen. Dabei wird mit der Natur sehr sorgsam umgegangen. Würden bei uns einige nicht einfach die Chemiekeule einsetzen? Auch viele (die meisten) Berghütten sind im alten Stil liebevoll restauriert worden.
Ab Ende Strasse geht es vorerst eine Zeitlang durchs dicke (nasse) Gebüsch hoch. Auch viele Tierspuren sind auszumachen. Dort scheint man gewühlt und gekämpft zu haben. Mein Kollege Fenek wirft das Stichwort „Wildschweine“ in die Runde. Auch allerlei Kotkügelchen bis -kugeln sind auszumachen. Meine Begleiter scheinen sich noch lange über Form und Urheber zu unterhalten. Ich tippe auf Maus, Ratte oder Fledermaus, im Extremfall auf Elefanten. Damit ist das Thema für mich erledigt, und ich widme meine Aufmerksamkeit lieber der Schönheit der Landschaft. Und überhaupt glaube ich nicht, dass diese Kotform einfach mit „grosse Kugel“ oder „kleine Kugel“ beschrieben werden kann. Wenn ich die Sache näher betrachte, sehe ich eher irgendeinen Rotationskörper vor Augen, vielleicht am ehesten ein Polynom dritten oder vierten Grades, das innerhalb eines näher zu bestimmenden Bereiches um seine x-Achse rotiert wurde. Und überhaupt: was für ein groteskes Thema am Ende dieser wundervollen Wanderung. Ich versuche, mich abzulenken, blicke in die Ferne und sehe bald nur noch Nebel. Wildschweine in dieser Höhe halte ich für eher unwahrscheinlich. Was sicher ist: Noch auf keiner meiner Gipfelbesteigungen konnte ich Wildschweine beobachten. Gut einverstanden, bisher bin ich auch noch nie in Italien unterwegs gewesen, und da mag manches anders sein. So muss ich mir eingestehen, dass immerhin die Möglichkeit von Wildschweinen besteht. Interessanter für den physikalisch Interessierten wäre doch, diese Kügelchen aus variablen Höhen fallen zu lassen und deren plastische Verformung beim Aufprall auf verschiedenen Unterlagen zu studieren - Impulserhaltungssatz. Der geweckte Schüler könnte auch die dabei im Grenzbereich auftretenden Scher- und Zugkräfte untersuchen, oder den Luftverwirbelungen seine Aufmerksamkeit schenken. Schlussendlich kommt mir die ganze Sache zu kompliziert vor, und ich komme zur Überzeugung, dass man dieses Thema am besten an einem sich im Raum bewegenden Massenpunkt anstatt an Kotkügelchen welcher Art auch immer studiert. So ist jedermann in Gedanken versunken und erreicht den Pizzo Osbarino.
Es handelt sich um einen leichten Grat. Einige könnten versucht sein, ihn in Turnschuhen zu begehen. Was aber nicht empfehlenswert ist. Dies, obwohl es auch einige von Schafen herrührende Pfade gibt. Im weiteren Verlauf der Wanderung stossen wir immer wieder auf kleinere Grüppchen von Schafen. Und damit ist auch das Kotproblem einer Lösung zugeführt.
Die Cima degli Uccelli sah von Ferne etwas steiler und unzugänglicher aus als der Pizzo Osbarino. Schlussendlich war aber auch diese leicht und ohne Probleme zu besteigen.
Nur das letzte Ziel, der Monte Larone, hat sich unserer Besteigung entzogen. Um ihn zu erreichen hätte man weit ab- und dann wieder aufsteigen müssen. Wir schlossen unsere Tour ab und kehrten gemütlich über Corte di Dentro zu unserem Auto zurück.
Insgesamt eine coole Unternehmung.












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