Sattelhorn, Vorderes Zenbächenhorn, Rothorn (20.06.2011)

Ich weiss, dass man hier nur Links-rechts-gerade-aus-Tourenberichte publizieren sollte, das heisst solche, die genaue Wegbeschreibungen wiedergeben und damit anderen Alpinisten bei der Tourenvorbereitung dienen oder ihnen Ideen für künftige Unternehmungen liefern. Stark gefragt sind auch Kalt-warm-steil-ausgesetzt-eisig-Tourenberichte, dass heisst solche, die über die aktuellen Bedingungen informieren. Nun bin ich leider nicht nur ein Freund alternativer Touren sondern auch alternativer Berichte. Da die meisten Berichte den dritten Mausklick sowieso nicht überleben, das heisst recht nutzlos sind, will ich wenigstens solche schreiben, die schon beim ersten Klick ins Jenseits befördert werden.


Zudem wird man, wenn man länger alleine unterwegs ist, manchmal derart in politische Monologe und Zwiegespräche mit sich selber verwickelt, dass man nach vollendeten Tourentaten ein ausgesprochenes Mitteilungsbedürfnis hat. Wie schön, dass es heute das Internet gibt, das es einem ermöglicht, seine Ideen der ganzen Weltöffentlichkeit zu offenbaren. Erlaubt mir also, dass ich hier etwas über Politik schreibe und nicht über den zweiten innerhalb von zwei Jahren von mir erlittenen Hundebiss - über diesen darf ich ja auch nicht schreiben, weil er schon wieder auf einer Biketour (zur Arbeit) und nicht auf einer Hiketour getätigt wurde.


Als ich an diesem wunderschönen (wettermässig recht schönen) Tag auf meiner Wanderung von Brig hinauf zum Sattelhorn, zum Vorderen Zenbächenhorn und zum Rothorn zum x-ten Mal aus meinen süssen Tagträumen aufgeschreckt wurde, und zwar von über meinem Kopf hinweg donnernden Kampfflugzeugen der Schweizer Armee, sagte ich mir lautstark „Jetzt längt’s aber!“, das heisst deutsch und deutlich „Jetzt ist genug!“. Wieso müssen wir Naturliebhaber uns immer wieder über diese Spielzeuge einiger Armeefanatiker ärgern? Am Tag meiner Wanderung dem grossartigen Aletschgletscher entlang, der für sich alleine ja schon ein Heiligtum eines jeden wahren Patrioten darstellt, hatten sie ausgerechnet diesen Ort als Playground gewählt. Schon als Kind in der Primarschule von Staldenried, als man im Geografie Unterricht Prospekte von bekannten Kurorten im Oberwallis, die man selber nur dem Namen nach kannte, bestellte, konnte man lange über Bildern dieser Gletscherwelten träumen und staunen. Stell Dir vor, jetzt will man für x Milliarden Franken neue Kampfflugzeuge kaufen, und dabei sind diese doch so etwas wie nutzlos. Wie nutzlos diese Dinge sind, zeigt doch wieder einmal der Fall Lybien, wo quasi die gesamte Nato schon seit Wochen mit hunderten Maschinen bombardiert und gegen den Diktator doch sehr wenig ausrichten kann.
Da wird noch viel Wasser unter dem Grossen Aletschgletscher hinunter fliessen, bis die Menschheit endlich mal zur Einsicht gelangt. Nichtsdestotrotz kann ich die Wanderung vom Hotel „Belalp“ auf der Belalp ins „Aletschi“, dann über „Driest“ ins „Inners Aletschi“ und hinauf zum Punkt 2516 wärmstens empfehlen. Am Schluss geht es da lange weglos über einsame Wiesen aber mit dem ständig eindrücklichen Blick auf den Gletscher hinunter oder hinauf zum Geisshorn oder Gross Fusshorn. Irgendwann sieht man dann auch die von mir bestiegenen drei Hörner sowie das nicht bestiegene Zenbächenhorn.

 

Apropos Wasser - da fliesst halt schon noch viel Wasser nutzlos die Berge hinunter (ich füge ein Bild vom Gletscherbach des Oberaletschgletscher bei). Vielleicht könnte da auf sanfte Art noch einige Energie abgesaugt werden. Wobei neue Projekte in unberührter Natur dem Naturliebhaber wie ein Messerstich ins Herz vorkommen müssen. Mit dem vom Menschen (mit)verursachten Klimawandel zerstören wir aber Natur schon auf gigantische Art und bringen ganze Gletscherwelten, wie eben den Grossen Aletschgletscher zum Verschwinden. Wenn jetzt aber viele danach schreien, alle Atomkraftwerke möglichst rasch abzuschalten, ist das auch recht kindisch. Wie wenn schon morgen wieder eines irgendwo explodieren würde. Viel wichtiger wäre es doch, viel sparsamer mit unseren Ressourcen umzugehen. Dazu sind wir verwöhnte Mitteleuropäer leider nicht bereit. Also müssen wir längerfristig halt den entsprechenden Preis zahlen.


Vom vorher erwähnten Punkt geht es ins grosse Becken von „Unnerbäch“ hinauf. Auch hier findet der aufmerksame Wanderer noch einige Wegspuren. Schafe hatte es an diesem Tag schon viele. Auf Menschen stösst man in dieser Gegend aber mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit auf keine. Mein Gott, sind diese Schafe blöd und laufen einfach jedem Idioten hinter her, und nicht nur ein paar Meter sondern hunderte davon. Zeitweise und lange wurde ich von rund zweihundert Schafen verfolgt, die wie wirr herum blökten, und mir ein konzentriertes Hören meiner IPod Podcasts verunmöglichten. Es handelte sich um eine eigenartige Schafsrasse - langbeinig, hochgewachsen, kurz frisiert, sehr wendig und beweglich. Ich versuchte alles, um sie abzuschütteln um meinen inneren Frieden wieder herzustellen. Schon als sie als doppelte Hundertschaft von weitem vom Sattelhorn herunter auf mich zuzurennen begannen, ahnte ich nichts Gutes. Ich lief geschwind eine einigermassen steile Felsplatte hoch - war nichts zu machen, einige waren schon vor mir oben und schrien noch lauter nach SALZ. Ich ging immer steiler hoch, doch die Guys waren einfach nicht loszuwerden. In Anbetracht mir selber drohender Verblökung lief ich schnurstracks in ein riesiges Steintrümmerfeld hinein. Auch hier folgten mir die meisten noch weit und der Verwegenste, eine Art Alpha-Tier, fast bis an den Schluss. Ich kletterte noch schnell eine steile Felspartie hoch und war endlich Herr der Lage. Fast das gleiche Spektakel bot sich mir auf meinem Heimweg an. Bis fast zum Hotel Belalp hat es überall Schafe. Wobei paradoxerweise, die welche noch näher der menschlichen Zivilisation grasen scheuer sind und vom Wanderer weglaufen, während die am Ende der Zivilisation im „Inner Aletschi“ einem nachlaufen und kaum mehr abzuhängen sind. Zeitweise kam ich mir so vor wie damals im Militär, wo man als Soldat von Kindern auch alle paar Meter gefragt wurde: „Händ Sie no as Biskuit?“.


Wobei wir unwillkürlich wieder bei einem politischen Thema angelangt sind. Ich bin mir fast sicher, dass mir die Schafe nur deshalb mit derart grosser Hartnäckigkeit gefolgt sind, weil ich nicht einmal mehr während der Freizeit meine Lehrerrolle abstreifen kann. Ich armer Kerl! - in der Schule laufen die Auszubildenden einem ständig hinterher, wollen etwas von einem oder bewundern einen, und jetzt sind es die Schafe. Wir Lehrer haben in der Tat keinen leichten Job. Woher auch der Lehrermangel rührt. Was hat man nicht schon alles dagegen versucht - längere Ferien, höhere Löhne, spitzere Bleistifte, künstlich aufpoliertes Prestige. Ich sage Dir, dies wird alles nichts zur Lösung des Problems Lehrermangel beitragen. Was viele in der Wirtschaft tätige Manager davon abhält, Lehrer zu werden, um damit endlich zu einem wohlgeregelten Lebensstil zu finden, ist ihre Angst vor den langen Ferien. Eine Angst, die daher rührt, dass sie nie gelernt haben, vernünftig mit langen Ferien umzugehen. Wenn mir jemand sagt: „Du mit Deinen langen Ferien!“ fasse ich das immer als Kompliment oder als Zeichen der leisen Bewunderung auf, weil er staunt, wie weise und gleichmütig ich mit acht Wochen Ferien umzugehen weiss. Dem Lehrermangel wird man also nur Herr, wenn man die Ferienzeit drastisch verkürzt, damit sich auch andere in diesen zugegebenermassen fordernden Job wagen. Ich wäre schon lange politisch für kürzere Ferien aktiv geworden, wenn da nicht die Kinder wären, die halt naturgemäss längere Ferien brauche.


Die drei von mir bestiegenen Hörner sind vielleicht nicht ganz leicht zu besteigen. Ich würde mal sagen: Nichts für reine Wanderer. Schon das Sattelhorn, weist einen recht zackigen und ausgesetzten Gipfelgrat auf. Da ich wusste, dass mich niemand beobachten würde, war ich zeitweise sogar auf allen Vieren unterwegs. Vom Sattelhorn geht es nicht schön gerade weiter zum Rothorn. Wenn man ein Seil mit hätte, könnte man eventuell in den dazwischenliegenden Sattel abseilen, und sonst muss man halt, wie ich, wieder den Südgrat zurück, bis man zu einer Stelle kommt, wo man rechts herum Richtung Zenbächenhorn hoch kommt. Ich bin ein begehbares Couloir nördlich des Gipfels des Vorderen Zenbächenhorns auf dieses hochgestiegen (einige Kletterstellen). Von dort zum Rothorn geht es über einen leichten leicht abfallenden Grat. Dann war die Entscheidung fällig: gleicher Weg zurück oder den Südgrat des Rothorns absteigen? - Ich entschied mich für letztere Variante, stieg aber mehrheitlich in der Flanke links des Grates ab (gute Griff- und Trittmöglichkeiten, aber ausgesetzt). Am Schluss führt ein Couloir nach rechts in sichereres Gelände zurück.


Vom Gipfel hat man einen einmaligen Tiefblick ins Becken des Mittelaletschgletschers. Auch das Aletschhorn müsste sichtbar sein, wenn es nicht in Wolken eingehüllt ist. Auf einem derart schönen Gipfel kommt man unverzüglich ins Schwärmen und Philosophieren. Ob all der Pracht droht das Herz des Naturliebhabers dahin zu schmelzen. Oh Schöpfer, bin ich dir dankbar, dass ich dies alles erleben kann! Und in solchen Phasen der Verzückung denke ich wieder an unsere Politiker, vom kleinsten Gemeindevertreter bis hinauf zum hohen Bundesrat, und hoffe inständig, dass sie endlich die Kraft und den Mut haben, sich für einheitliche Staubsaugersäcke einzusetzen. Was habe ich schon gelitten, weil ich im Einkaufszentrum schon wieder nicht mehr wusste, welches Modell Staubsaugersack ich für meinen Staubsauger im Chalet „Sunnuschy“ in Gspon benötige - dies nachdem mir meine geliebte Frau sicher schon zehnmal erklärt hatte, um welches Modell es sich handelt. Für mich, der ich auch daheim oft mit dem Staubsauger unterwegs bin, wären einheitliche Säcke wirklich eine enorme Erleichterung. Derart in Gedanken verloren geht mein Blick erneut hinüber zum Geisshorn, zum Rotstock und zum Grossen Fusshorn. Nicht zu übersehen sind auch die einmaligen dreizehn Fusshörner. Plötzlich eine Eingebung, wie man sie nur im Anblick solcher Grossartigkeit haben kann: Wieso setzen sich unsere Politiker nicht dafür ein, dass die Strassenabwasserschächte nicht mehr am rechten Strassenrand, wo sie unnötigerweise Fahrradfahrer beim Kreuzen entgegenkommender Fahrzeuge auf engen Strassen gefährden, angebracht werden. Strassenabwasserschächte gehören doch ganz eindeutig in die Mitte der Fahrbahn - Autos und andere Vierräder kommen doch quasi breitbeinig daher und würden von solchen Einrichtungen im Gegensatz zu Fahrradfahrern in keinster Weise belästigt. Wieder einmal war die Zeit auf dem Gipfel leider viel zu kurz bemessen, um all diese Gedanken zu Ende zu spinnen. Es hiess, Abschied nehmen, um den unbekannten Grat hinabzusteigen.

 

Beim Abstieg bin ich an eindrücklicher Stelle auf eine Steinbockfamilie gestossen. War das wieder ein schöner Anblick! Die Ruhe der Tiere war eindrücklich und ansteckend. Lange sass ich da, um wenigstens vorübergehend Teil dieser Familie zu sein. Als Ort ihrer Siesta hatten sie sich das schönste Plätzchen, das man sich vorstellen kann, ausgesucht - wunderbarer Tiefblick auf den Aletschgletscher, imposante Felsformationen, und von Felsen geformter Unterstand für schlechtere Zeiten. Schon machte ich mich auf Sprüche gefasst wie: „Küm wird’s steil, brüchunt‘sch as Seil.“ Doch von keinem der stämmigen Gesellen war etwas zu vernehmen. Sie setzten ihre Siesta fort, bewegten sich kaum oder schienen mich mit Nichtbeachtung bestrafen zu wollen. Vor allem „His Coolness“, der kapitale Steinbock, schien sich um nichts und niemandem auf der Welt zu kümmern.


Auf dem langen Heimweg war noch eine Gämse und ein Fuchs zu beobachten. Interessant war das Fluchtmuster der Gämse: zuerst lange in horrendem Tempo bergab, dann nach links hinüber, um von dort wieder schnell aufzusteigen - im Prinzip wurde ein grosser, geschlossener Kreis um mich herum beschrieben.


Einiges wäre noch zu berichten - damit mein Bericht aber nicht so lang und ermüdend wie die Tour wird, breche ich ihn hier ab.

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