Tschajetuhorn, Nuseyhorn, Kleines Schneehorn, Schneehorn, Rothorn (14.10.10)

Zu dieser herbstlichen Jahreszeit wachen die Bewohner des Mittellandes oft unter einer dichten Nebeldecke auf. Die Druck- und Feuchtigkeitsbedingungen in der dortigen Atmosphäre sind so beschaffen, dass die Nebeldecke oft während des ganzen Tages bestehen bleibt. Dergestalt, dass die dortigen Bewohner ihre Existenz in einer Art Suppe verbringen müssen. Unter solchen Bedingungen tritt ein oft zu beobachtendes Phänomen auf: der Mensch gewöhnt sich an die Situation und fühlt sich ohne sie nach einer gewissen Zeit nicht mehr wohl. Auf der anderen Seite leiden wir hier im Wallis auch in dieser Jahreszeit oft unter strahlend blauem Himmel und der daraus folgenden intensiven UV-Strahlung. Nebel dort und Sonne hier hat für den hiesigen Tourismus also schlussendlich durchaus negative Konsequenzen, in dem Sinne, dass die gerngesehenen Touristen jetzt mehr und mehr ausbleiben. So ist man denn mancherorts froh über die von der Tourismusbranche laut verkündete gute Nachricht: Es gibt jetzt auch im Wallis landauf und landab eine dichte Nebeldecke. Liebe Touristen, kommt also durchs lange NEAT-Loch, ihr werdet euch bei uns auch jetzt wohlfühlen. Mehr noch: oberhalb der dichten Nebeldecke werdet ihr den gewohnt strahlend blauen Himmel vorfinden. Somit kann jeder und jede seine oder ihre optimale Nebeldichte wählen und sich entsprechend seinen und ihren Bedürfnissen vertikal am Berg hinauf oder hinab begeben, bis er oder sie sein oder ihr optimales Biotop gefunden hat.

 

Meine heutige Tour fand hälftig oberhalb und hälftig unterhalb der Nebeldecke statt. Diese hielt sich den ganzen Tag über stabil auf rund neunzehn hundert Meter über Meer. Darunter war die Stimmung eher trist, und darüber herrschte strahlend blauer Himmel mit sehr angenehmen Temperaturen. Oberhalb dem Nebel war es so warm, dass man es bis auf 3100 m ü. M. sehr gut in kurzen Hosen aushielt. Der Abstieg abends nach Aminona hinunter und das abermalige Eintauchen ins Nebelmeer stand in krassem Gegensatz zu den schönen Stunden in den Bergen.

 

Die Tour hatte durchaus etwas an sich: deutlich mehr als 62 Lauf- und Gehkilometer, mindestens 3145 Meter im Aufstieg, viele Höhenmeter im Abstieg und fünf schöne Berge, 17 Stunden und 22 Minuten unterwegs gewesen. Mit der Zeit musste ich mir sagen: Wenn du jetzt nicht langsamer gehst, wirst du viel zu spät an deinem Bestimmungsort ankommen. Somit war halt wieder einmal alles eine Frage des Rhythmus. Es ist eine bekannte Tatsache, dass gerade in den Bergen die bekannte physikalische Gleichung „Weg = Geschwindigkeit mal Zeit“ nicht gilt. Das Gesetz lautet vielmehr: Wer schnell geht, hat länger – wer langsam geht, kommt früher an. Eine Korrektur am Marschplan war schlussendlich aber doch nötig. Vom Rothorn zum Schwarzhorn hinüberblickend musste ich mir eingestehen, dass eine Besteigung des letzteren und ein Abstieg über die Gemmi nach Leukerbad hinunter aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit nicht mehr drin liegen würde. Stattdessen zog ich es vor, den nicht minder langen Weg nach Aminona unter die Füsse zu nehmen. Dort war ich dann sehr froh, dass mich ein Bergsteigerpaar in seinem Auto direkt bis zum Funiculaire in Montana mitnahm. Wieder mal Glück gehabt.

 

Ab Raron führt ein recht schöner Weg dem Rotten entlang bis nach Susten hinunter.

 

Dann geht es durch das in der Nacht schön beleuchtete Städtchen Leuk.

 

Imposant ist die Dalabrücke zwischen Leuk und Varen.

 

Dann hört die gute Laune auf, weil es nun satte 2138 Höhenmeter zum Tschajetuhorn hinauf geht. Man passiert Orte wie Palete, Taschonieren, Preggontji, Pfarschong, Plammis und Tschjete. Aufgrund der Bezeichnungen hat man den Eindruck, auf irgendeinem anderen Planeten unterwegs zu sein – vielleicht auf „Gliese 581 g“. Der Wanderweg ist aber durchaus schön und nicht sehr steil ansteigend. Und wenn man dann eben bei „Chäller“ (1875 m ü. M.) aus dem Nebelmeer tritt, ist das schon ein sehr spezielles Erlebnis. Der blaue Himmel macht einen nur glücklich. Man geht kurz in die Kapelle und dankt seinem Gott für dies und das.

 

Die Traverse vom Tschajetu- zum Nuseyhorn südlich am Trubelstock vorbei ist eine der mühsamsten weltweit, und sicher die mühsamste je erlebte. Gescheiter wäre es wohl, nach „Chumme“ ab und auf der anderen Seite wieder hoch zu steigen. Die Bodenbeschaffenheit hier, und das gilt für den ganzen anschliessenden Weg, ist gar nicht wandererfreundlich. Das Gebiet ist übersät mit unzähligen Steinen, und zwar nicht etwa grossen Steinen, über die man bequem hüpfen könnte, sondern mit kleinen bis höchstens faustgrossen Schottersteinen. Und das ganze ist sehr locker und liegt auf harter Unterlage. Somit ist ein ständiges Ausrutschen unvermeidlich, und manch einer wird sich fragen, was ein Mensch in dieser Gegend will. Die Steinfarben und –formen können aber durchaus überraschend und ungewöhnlich sein. So kommt es etwa vor, dass man ein paar hundert Meter weit über eine Art Steinnadeln läuft, die mit ihrer länglichen Form wie Holzscheite aussehen.

 

Das Nuseyhorn sieht man sich von allen Seiten an, bis man die Aufstiegsroute auf der SW-Seite entdeckt (II und etwas ausgesetzt).

 

Der Abstieg nach „Les Outannes“ hinunter ist deswegen noch mühsamer, weil nun der Schotteruntergrund gefroren ist. Man läuft oder geht wie ein Anfänger. Bald wird der Weg, der zum Trubelstock hinauf führt, gekreuzt.

 

Dann geht es wieder viele Meter und abermals über unzählige Steine zum Kleinen Schneehorn hinauf. Ein Highlight für mich war mein erster Blick auf die Plaine Morte und den grossen Gletschersee – ein mir völlig unbekanntes Gebiet. Von den Schneehörnern und dem Rothorn hat man eine sehr gute Sicht auf das Gebiet von Wildstrubel und Gemmi.

 

Der Abstieg vom Rot- zum Schwarzhorn ist wohl nicht offensichtlich. Sonst ist aber die ganze Überschreitung Kl. Schneehorn – Rothorn leicht. Wie gesagt, habe ich die Tour hier abgebrochen und bin nach Aminona abgestiegen.

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