Ferien in Sharm el Sheikh mit Besteigung eines Berges

Hier ein paar Bilder in zufälliger Reihenfolge und ohne Kommentar. Für nähere Auskünfte stehe ich gerne zur Verfügung.

Im Vollbildmodus sind die Bilder eventuell schöner.

29.12.2010 bis 05.01.2011


Ferien in Ägypten

 

Irgend jemand von uns beiden - meine Frau oder ich - hatte seid längerem den Wunsch, im hier so kalten Winter einmal in ein wärmeres Land zu reisen und ein paar Tage dort zu verbringen. Heuer war es nun endlich so weit: über Weihnachten sollte es für eine Woche nach Ägypten, genauer nach Sharm el Sheikh am südlichsten Zipfel der Sinai Halbinsel, gehen. Meine Frau wollte dort vor allem unbekannte Korallenriffe erschnorcheln und so neue Einblicke in eine uns beiden unbekannte Natur gewinnen. In der Tat ist die Gegend ein weltbekanntes Gebiet für Taucher, Schnorchler und sonnenhungrige Wintermuffel. Da ich meinerseits nicht unbedingt der Typ bin, der gerne seine Nase ins salzige Meerwasser steckt und als Bergler sowieso von Natur aus eher wasserscheu bin, äusserte ich mich schon Wochen vor unserem Abflug scherzend dahingehend, dass ich meine Zeit da unten wohl eher in irgendwelchen Bars verbringen würde, wenigstens dann, wenn meine Liebe Schwert- und anderen Fischen nachjagen würde. Insgeheim hoffte ich aber vor allem, dass ich meine hier für künftige Bergtouren in letzter Zeit mit soviel Mühe und Fleiss antrainierte Kondition da unten am Roten Meer nicht vollends verlieren würde. Mancher Wunsch geht nicht in Erfüllung, und oft kommt es leider sowieso anders, als man denkt. So liess die Aussicht darauf, dass wir unsere Ferienzeit in einem Fünfsternhotel mit riesigem Buffet morgens, mittags und abends und reichhaltigen Snacks zwischendurch und zu jeder Tageszeit, kombiniert und dekoriert mit allerlei möglichen Drinks und Shakes, Bier und Wein, alles à discrétion und frei, weil irgendwie im voraus bezahlt, verbringen würden, nichts Gutes für die Entwicklung meiner Figur und der davon direkt abhängenden Kondition und Kletterkünsten erwarten. Schlimmer noch: in der ganzen Gegend war schon seid Tagen und Wochen ein allgemeines Schwimm-, Schnorchel- und Tauchverbot wirksam, dies nachdem drei Russen von Haien attackiert wurden, und eine Frau von einem solchen Biest derart heftig gebissen worden war, dass sie auf der Stelle verblutete. Wir sahen uns also vor Ort mit einem regelrechten HAI-ALARM konfrontiert. Während ich mich bei Lawinen Warnungen noch einigermassen auskenne, und wahrscheinliche auch bei Tsunami Gefahren spontan das einzig Richtige tun würde, nämlich möglichst schnell den erstbesten Berg hochlaufen, war ein Hai-Alarm für uns beide etwas total Neues. Weder hatten wir einen solchen Fisch je in unseren Bergseen und anderen Tümpeln beobachtet, noch wurde diese Tierart im Biologieunterricht der Primarschule, ja bis hinauf zur Universität in Fribourg je durchgenommen. Also taten wir das einzig Richtige, was in solcher Lage in einem fernen und erst noch muslimischen Land, fernab von der Heimat, zu tun war: wir hielten Familienrat, steckten unsere Köpfe zusammen und diskutierten die Lage ausgiebig. Nach sorgfältigem Abwägen von allen Pros und Kontras kamen wir zum einhelligen Schluss, dass es in diesem Falle wohl besser sein würde, erst gar nicht im Meer baden zu gehen. Vorerst versuchte ich zwar noch dahingehend zu argumentieren, dass sehr gründliches Tuschen und Waschen, das heisst eigentlich Entfernen aller Körperdüfte vor dem Sprung ins Meer ein durchaus probates Mittel gegen Haie sein könnte, weil letzterer einen dann gar nicht riechen und aufspüren und dementsprechend in der Folge auch nicht fressen könne. Doch schlussendlich waren wir uns der ganzen Sache nicht sicher und verzichteten weise auf jedes vermeidbare Risiko. Ein eigentlich gar nicht so schwer zu fällender Entscheid, zumal unser Hotel mindestens vier wunderbar gestaltete Freiluftbäder mit Palmen, Liegestühlen und all der anderen Infrastruktur anbot. Meiner Meinung nach - zu der ich nach kurzer Inspektion der Wassertemperatur mit der äussersten Spitze meines kleinen linken Fingers gefunden hatte - sollte Schnorcheln doch auch hier, wenn vielleicht auch in etwas reduziertem Masse, durchaus möglich sein. Zudem war eines der Bäder sogar geheizt, und zudem bedurfte es seitens des Gastes nur eines kleinen diskreten Zeichens und schon wurde man mit Drinks wie Pina Colada oder Cleopatra und einigen anderen mehr bedient - wie schon gesagt frei und à discrétion. Da meine Frau doch auch eher haiversüchtig ist, konnte sie sich mit unserem Entscheid bald einmal anfreunden, was heissen will, das dieser einstimmig gefällt wurde. Ich musste aber meinerseits ganz fest versprechen, keine Versuch anzustellen, da irgendwie übers Meer laufen zu wollen. Aufgrund meiner Bibelkenntnisse war ich nämlich der festen Überzeugung, dass dies hier irgendwie möglich sein müsse. Ja, damit konnten unsere Ferien eigentlich losgehen. Und auf die latente Haigefahr wurden wir von praktisch jedem Engländer, den wir kreuzten mit einem freundlichen „Hai“ erinnert. Für Asienanfänger, die wir eigentlich vor einer Woche auch noch waren: die freundliche Antwort darauf ist: „Hai, nice weather, isn’t it?“.

 

Und damit sind wir beim Wetter. Ja, es ist um diese Jahreszeit da unten tatsächlich sehr schön. Viele Leute liegen den ganzen Tag über auf Liegestühlen in der warmen Sonne. Meiner Meinung nach war es deutlich über zwanzig Grad warm. Und dem Vernehmen nach ist die Wassertemperatur durchaus erträglich. Einmal habe ich meinen Körper nach einem längeren Lauf auch in einen der Poole geworfen und bin gefühlte 177 Runden hin und her geschwommen. Ich fühlte mich wirklich wie ein Hai(fisch) - zumindest aber sehr high. Dieser Pool war aber etwas geheizt. Bei unserer Ankunft hat es erstaunlicherweise in Strömen geregnet. Dies sei im Sinai die grosse Ausnahme. Dem Vernehmen nach regnet es dort pro Jahr nur gerade 60 mm, an nur 6 Tagen. Und damit ist es dort fast so trocken wie bei uns im Wallis ... Schwimmen im Meer ist auch jetzt bei der Haigefahr in beschränktem Perimeter möglich - und auch Schnorcheln.

 

Für wasserscheues Gesindel gibt es übrigens auch Boote mit Glasboden. Für fünfzehn Euro wird man rund eine Stunde in der Bucht herumgefahren. Die Unter-Wasser-Welt, die sich einem schon nach ein paar Metern offenbart, ist schon sehr schön. Man hat den Eindruck, man gucke in ein überdimensionales Aquarium. Die Farbenpracht der Korallen und Fische ist unbeschreiblich. Ja, wenn ich länger da wäre, würde ich wohl auch mit Schnorcheln und Tauchen anfangen. Erstaunlich ist auch, wie die Fische ständig in Bewegung sind, zum Teil alleine, zum Teil in Schwärmen. Und doch wird eine grosse Ruhe ausgestrahlt. Wenn man diese Schönheit sieht, die man fast nicht für wirklich hält, frägt man sich, wie schön unser Planet einmal ausgesehen haben muss. Und wie schön wohl andere, für uns nie erreichbare Planeten, im Universum aussehen müssen. Auch landschaftlich habe ich in diesen paar Tagen viel Schönes sehen dürfen. Und dann gibt es um Sharm el Sheikh auch viel Hässliches, für uns Schweizer unvorstellbar Hässliches.

 

Kaum hat man ein paar Schritte ausserhalb des sehr gepflegten Hotels getan, offenbart sich einem eine ganz andere Seite des Tourismus - die Abfallentsorgung nach Sharm el Sheikh‘scher Art. Neapel ist ja bereits schlimm, aber hier ist es sicher noch viel schlimmer. Alles wird einfach weggeworfen. Neben den Häusern türmen sich die Abfallberge. Und das Hinterland ist einfach voll davon. Ich bin in dieser Woche viel gejoggt - zwei-dreimal auch bis weit in die Wüste hinaus. Da sind in den vergangenen Jahren einfach tausende Lastwagen voll Petflaschen, Glasscherben und ich weiss der Teufel nicht was alles hin gekippt worden. Der Wind sorgt dann für die Feinverteilung. Joggen war damit schon etwas Spezielles. Der Unrat hat mich mit der Zeit aber nicht einmal mehr gross gestört. Im Gegenteil: er wurde zu einem „schönen“ Fotosujet. Vielleicht zehn Kilometer nördlich von Sharm el Sheikh fangen die bekannten Berge der Sinai Halbinsel an. Fast bis da muss man laufen, um dem Schmutz zu entfliehen.

 

Die Berge haben mich natürlich vom ersten Augenblick an gelockt. Der erste Versuch war ein Abtasten. Hyänen und Wölfe sollen ja da Leben. Und bei den Beduinen war ich mir auch nicht ganz sicher - ich gehöre noch zu den Leuten, die in ihrer Jugend Karl Mai gelesen und verschlungen haben. Den zweiten Lauf ein paar Tage später habe ich aber dann bis an die Bergkette durchgezogen. Zehn Kilometer Joggen durch die Stadt zuerst, dann hinauf in die Wüste, vielleicht zuerst noch einer Teerstrasse folgend, dann querfeldein. Ab und zu gibt es noch Wagenspuren. Locker geht es lange durch allerlei Abfall hindurch. Nur nicht auf eine Glasscherbe treten. Lange, lange später gewinnt die Natur über den Abfall. Und dann beginnt Wunder Natur. Ich befinde mich in einem ausgetrockneten Flusstal, einem Wadi. Alle zwanzig-dreissig Meter wächst eine Pflanze. Ihre Namen kenne ich nicht. Einige tragen Früchte, so rund und gelb wie Tennisbälle. Noch eh ich mich für einen der Gipfel entschieden habe, fühle ich mich angezogen von noch weiter oben wachsenden Akazien. Diese sind wie alle Pflanzen hier Überlebenskünstler. Also, wenn es hier Leben gibt, so muss es doch auch auf Mars Leben geben - zumindest sehr primitives. Dann meine ich, von einem Skorpion gestochen worden zu sein. Schon ist der Schuh ausgezogen, und zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass sich der Stachel einer Wüstenpflanze tief in meine Zehe geboren hatte. Halb so schlimm also! Ich kriege das Ding fast nicht mehr aus dem Schuh heraus. Die Hikr-Diskussion betreffend Bergtouren in Turnschuhen kommt mir unmittelbar in den Sinn. Dann entscheide ich mich für einen Gipfel - nicht den höchsten, aber auch nicht den kleinsten. Die Berge tragen hier nicht alle Namen. So weiss ich heute nicht, was ich eigentlich bestiegen habe. Vorerst muss ich nochmals in ein kleines Tal absteigen, dann geht es ein schönes Couloir mit festen Steinblöcken hoch. Berge und Steine sind wie überall auf der Welt - schön. Dann befinde ich mich in einem Sattel, von wo es in schöner Kletterei im zweiten und dritten Schwierigkeitsgrad weiter geht. Der Fels - Granit und Sandstein - macht einen sehr soliden Eindruck, und er ist auch solid. Und so nehme ich - wie nicht anders zu erwarten - auch den Steilaufschwung in Angriff. Der Turnschuh hält, wie er besser nicht halten könnte. Eine wunderbare Kletterei. Und dann bin ich auf dem Gipfel und kann eine einmalige Aussicht geniessen. Im Norden gibt es noch tausend und mehr Gipfel. Da müsste man einmal hin! Im Süden erblickt man das Meer. Gerne wäre ich noch lange auf dem Berg geblieben, doch die Zeit eilt leider. Überraschenderweise wage ich auf dem Abstieg eine Stelle auch nach mehreren Versuchen nicht mehr. Ich suche links und rechts und komme nochmals zurück und wage es wieder nicht. So entscheide ich mich für eine ganz andere Abstiegsvariante, die mich dann auch relativ einfach hinunterführt. Wieder folge ich einem tief eingeschnittenen alten Flusstal, dass schliesslich in die Ebene mündet. Frische Tierspuren im Sand mahnen mich zur Vorsicht. Zehn Minuten später bietet sich mir ein Anblick wie zu Abrahams Zeiten. Mit einem Schlag werde ich an Bilder in unserer farbigen Jugendbibel von damals erinnert. Ein paar hundert Meter von mir entfernt führt eine auf einem Esel sitzende Frau eine grosse Schafherde an. Ihr folgen drei weitere Frauen in bunten Gewändern, nach Beduinenart gekleidet. Eine von ihnen sitzt ebenfalls auf einem Esel. Das Bild berührt mich sehr tief. Hier ist die Zeit wirklich still gestanden. Wären da nicht zwei bös bellende Hunde gewesen, die sich mir zu nähern versuchten, es aber dann doch nicht ganz wagten, hätte ich mich sehr gerne zu dieser Gruppe begeben. Wenn ich mir jetzt die mit dem Teleobjektiv aus beträchtlicher Distanz geschossenen Aufnahmen anschaue, stelle ich fest, dass die Frauen bei meinem Anblick ihre Schleier noch tiefer ins Gesicht zogen. Man sagt, dass Beduinen Frauen sehr scheu seien. Später stosse ich unweit der ersten Häuser auf eine Gruppe Kinder auf Fahrrädern. Bald finden sie im lockeren Wüstensand einen Weg zu mir. Wie so oft kommt man mit Worten nicht über das übliche „What’s your name?“ und „How are you?“ hinaus. Die Kinder machen einen sehr zufriedenen Eindruck und sind sehr fröhlich. Und dies, obwohl sie sozusagen nichts haben - oder eben gerade deswegen. Mein Lauf geht weiter Richtung Stadt. Bei der ersten Baustelle mache ich halt. Überhaupt gibt es in der Gegend sehr viele Baustellen. Ganze Komplexe, die angefangen aber noch nicht fertiggestellt worden sind. Man weiss jeweils nie genau, ob da noch gebaut wird, oder ob das Projekt abgebrochen wurde. Hier helfe ich einem Arbeiter lange beim Ausnageln von Schalungsbrettern. Er staunt, dass ich das so gut tun kann. Bald sind noch vier andere Arbeiter, einschliesslich dem Vorarbeiter, zur Stelle. Mein Arbeiten scheint ihnen sehr lustig vorzukommen. Ich sage ihnen, dass ich früher auch oft auf dem Bau gearbeitet habe. Was man einmal gelernt hat, ist gelernt. Die Tour hat mir gezeigt, dass Bergsteigen auf dem Sinai ein grossartiges Erlebnis sein müsste. Ein Fahrrad sollte man mit dabei haben, um etwas tiefer ins Landesinnere dringen zu können. Dort muss die Natur phantastisch sein. Und auch der Fels ist stellenweise ausserordentlich schön. Doch auf die Nase fallen, oder sich sonst wie verletzten, sollte man hier auf alle Fälle vermeiden.

 

Nur sieben Tage in Ägypten, und schon meint man ein Buch schreiben zu müssen. Die Eindrücke sind gewaltig. Unbegreiflich ist, wie schnell man heutzutage von einer Kultur in die andere, vom Sommer in den Winter und umgekehrt wechseln kann. Gestern noch im Wüstensand herumgejoggt oder die Pyramiden bewundert und heute Schnee auf unserer Terrasse geschaufelt. Vorgestern noch das chaotischen Treiben in Kairo vom Bus aus bewundert, und heute schaue ich das höchst langweilige winterliche Wallis hinab.

 

Ein grosses Thema während diesen paar Tagen war der Tourismus in Ägypten. Schon die Tatsache, dass man so weit fliegt, ist ökologisch ja höchst bedenklich. Mit dem dabei verbrannten Kerosin könnte ich hier bestimmt ein Jahr lang in aller Ruhe mit dem Auto zur Arbeit fahren und müsste mich nicht ärgern wegen des Verhaltens einiger Bahnreisender. Ägypten lebt aber zu einem grossen Teil vom Tourismus. Alle paar Minuten landet oder startet ein Flugzeug in Sharm el Sheikh. Und es gibt sehr viele Hotelanlagen mit allem Drum und Dran. Wenn man aber nur schon die oben beschriebene Abfallbewirtschaftung anschaut, stehen einem die Haare zu Berge. Zu meiner Entwicklungshelfer Zeit (Helfer mit ?) hätten wir uns nie erlaubt, in einem Hotel in Afrika zu leben. Wir wollten immer bei den einfachen (armen mit ?) Leuten sein. Auf Touristen schaute man gar nicht mit Bewunderung. Als Tourist kümmert man sich ja in aller Regel auch keinen Deut um die Probleme des Landes. Man will einfach seinen dicken Bauch in der heissen afrikanischen Sonne bräunen, der Rest ist doch Wurst. So hat sich mein Gewissen diese Tage ein paarmal ganz gehörig gemeldet. Und es liess sich nur mit dem Blick auf andere Touristen, die sich noch viel unpässlicher verhalten als wir Schweizer und Deutsche, etwas besänftigen. Schon bald einmal begann ich das grosse Buffet, das praktisch zu jeder Tageszeit präsent war zu hassen. Was da an Nahrungsmitteln verschwendet wird, geht auf keine Kuhhaut. Und dies während Leute unweit von dort nur so vor sich hin vegetieren. Vor allem Leute eines grossen östlichen Landes fallen durch ihre Esslust auf - nein, es wird nicht einmal gegessen - es wird einfach aufgetischt und aufgetischt, daran geschnuppert und dann liegen gelassen. Und die Angestellten bedienen die Gäste mit nie endender Geduld und erfüllen einem jeden Wunsch. Stets sind sie sehr zuvorkommend und freundlich. In unserem Hotel arbeiten sie jeweils zwölf Stunden hintereinander, und dies drei Wochen lang ohne Unterbruch. Dann geht es für eine Woche zurück nach Kairo oder Luxor. Von dort kommen nämlich die meisten. Der Verdienst ist nicht gross und die Arbeit hart. Sharm el Sheikh ist eine reine Angestellten Stadt. Kinder und Frauen gibt es da sozusagen keine. Ja, der Tourismus hat wirklich seinen Preis. Und er steht auf sehr wackligen Füssen. Eine kleine Veränderung im Rubelkurs, oder ein paar Haie mehr im Meer, und schon bleiben die Touristen aus, und das Land leidet noch mehr. Dementsprechend gibt es auch eine grosse Konkurrenz zwischen allen am Tourismus beteiligten Betrieben.

 

Die Sylvester Party im Hotel war gigantisch. Es war quasi eine Generalstabsübung auf allen Stufen. Die Angestellten bemühten sich sehr rührend, uns verwöhnten Touristen noch mehr zu bieten, als sowieso schon geboten wird. Einige Angestellte hatten einen Vierundzwanzig-Stunden-Einsatz und noch mehr. It was just too much ...

 

Am zweitletzten Tat unseres Ägyptenaufenthalts war ein Trip nach Kairo angesagt. Es sollte also Tatsache werden, dass ich die bekannten Pyramiden sehen würde. Dies hatte ich mir vor Ferienantritt nicht einmal in meinen kühnsten Träumen vorzustellen gewagt. Die Pyramiden von Gizeh, eines der sieben Weltwunder, das die Phantasie jedes gesunden Menschen zu bereichern vermag - ich würde sie wirklich besuchen können! Ein Traum schien in Erfüllung zu gehen. Bis es so weit sein würde, waren aber noch einige hundert Kilometer mit dem Bus vom Süden der Sinai Halbinsel zurückzulegen. Die Abfahrt von Sharm el Sheikh war um zwei Uhr morgens angesagt. Bei verschiedenen Hotels waren noch Mitreisende abzuholen. Eine Stunde später und nach kurzer Begrüssung durch unseren Reiseleiter ging es dann in zügigem Tempo nach Norden. Neben dem Leiter waren noch zwei Chauffeure und ein Polizist an Bord, und etwa 35 Mitreisende. Der Polizist sollte uns die Durchfahrt durch die vielen Checkpoints erleichtern. Vorerst wurde uns noch gute Nacht und süsse Träume gewünscht, bevor es schier endlos in die Wüste ging. Irgendwo am Roten Meer dann Kaffeepause in einem vollständig überlaufenen Restaurant. Die Strasse ist sehr gut ausgebaut. Doch vom Land sah man der Dunkelheit wegen, wie befürchtet, fast nichts. Später geht es dann in einem 1.5 Kilometer langen Tunnel unter dem Suez-Kanal hindurch, und dann ist man in Afrika. Für mich ist es der dritte Afrika Besuch. Und im Osten geht über den unendlichen Weiten die Sonne als feuerroter Ball über dem gelben Sand auf. Ihrer Eintönigkeit wegen nimmt einen die Wüste auf sonderbare Weise in Besitz. Weiter im Westen, und jetzt Kairo schon recht nahe, erheischt der immer stärker aufkommende Verkehr die Aufmerksamkeit des Reisenden. Erste trostlose Häuserblocks werden sichtbar. Und die Dichte des Verkehrs übersteigt bald einmal das Vorstellungsvermögen des durchschnittlichen Westeuropäers. Umso erstaunlicher ist das Stehvermögen unseres Buschauffeurs. Überholt wird rechts und links, Blinken kennt man nicht, und bei den Ampeln ist rot nicht rot, so wie grün nicht grün ist. Man scheint sich aber trotzdem gut zu verstehen. Im Zentrum de Stadt gibt es dann stellenweise praktisch kein Durchkommen mehr. Ein Auto ohne funktionierende Hupe ist hier wertlos. Unser Reiseführer rechnet uns vor, dass in Ägypten der Liter Wasser teurer ist als der Liter Benzin. Nun versucht die Regierung dem Verkehrschaos mit hohen Steuern auf Importautos Herr zu werden. Mit dem „Erfolg“, dass jetzt wieder viel mehr alte Autos im Verkehr sind. Nachts auf der Heimfahrt kann man nur staunen über die Fähigkeit des Verkehrs, sich selbst zu regeln. Autos und Motorräder ohne Licht sind keine Seltenheit. Auch viele Eselsgespanne sind noch unterwegs und suchen sich ihren Weg im Fluss der Autos. Tausend Huptöne später befinden wir uns endlich vor dem Ägyptischen Museum. Der Touristenzustrom ist beträchtlich. Vor Jahren haben elf Millionen Menschen im Jahr diese einmalige Sammlung an Fundstücken aus der Pharaonen Zeit besucht. Die Grabbeilagen von Tut-ench-amun sind weltbekannt. Wenn man weiss, dass alles an die viertausend Jahre alt ist, bleiben nur noch Staunen und Ehrfurcht. Das Museum ist ein absolutes Muss in Kairo. Was vor allem erstaunt, ist, wie gut die Fundstücke erhalten sind. Nur an den Mumien scheint der Zahn der Zeit etwas genagt zu haben. Gegen den Tod war halt damals wie heute kein Kraut gewachsen. Da kann man halt über den Versuch der japanischen Touristen, sich gegen etwelche Mumienbakterien mit Staubmasken zu schützen, um damit ihr Leben um ein paar Jahre zu verlängern, nur schmunzeln. Aber im Grunde tun sie ja dasselbe wie die Pharaonen vor 5000 Jahren: ihr Streben gilt dem Erreichen der Unsterblichkeit. Um sie zu erreichen muss man aber meines Wissens schon sehr vorsichtig leben und - Ironie des Schicksals - verpasst dabei das halbe Leben. Mit der Überfahrt auf die linke Nilseite nähert man sich endlich den Pyramiden. Hier erreicht aber auch die Hässlichkeit der Häuser ihren Höhepunkt. Groteske Baugesetze entwickeln ihre volle Wirkung. Damals war das Gesetz so, dass Mietverträge für sechzig Jahre mit fester Miete abgeschlossen werden mussten. Dies war sicher gut für die armen Leute nicht aber für die Hauseigentümer. Die Mieterträge sinken auf praktisch null ab, und die Häuser werden demzufolge nicht mehr renoviert. Dann gibt es ein Gesetz, wonach keine Steuern zu zahlen sind, solange das Dach nicht fertiggestellt ist. Die Folge ... Zu Wahlzeiten machen die Politiker scheinbar allerlei Zugeständnisse an die Bauherrschaft, was zur hässlichsten je gesehenen Architektur führt. Überhaupt ist es eine Sünde auf dieser Nilseite zu bauen, denn dort befindet sich das fruchtbare Schwemmland, von dem jedes Kind während des Geometrieunterrichts in der Schule gelernt hat. Jetzt siedeln sich auf dieser Seite des Nils vor allem sesshaft gewordene Beduinen an. Eine eigenartige Mischung zwischen traditioneller Lebensweise mit Kamelen und Eseln und modernem Lifestile treibt ihre Blüten. So werden die Hochhäuser so nahe aneinander gebaut, dass wohl noch ein Kamel oder ein Eselsgespann dazwischen hindurch kann aber kein Feuerwehrfahrzeug. Und ein Haus ist sowieso nie fertig, weil es mit der Familie wächst. Wir besuchen hier auch noch die älteste Moschee auf afrikanischem Boden, wo sich Männer gerade zum Gebet versammeln. Das Thema „Islam“ wäre sicher abendfüllend. Doch ist mein Wissen darüber leider nur bruchstückhaft. Wenigstens habe ich aber keine Berührungsängste mit anderen Religionen. Machen wir in der Schweiz nicht zu viel Aufsehen wegen der Burka, da man sie ja nicht einmal in Kairo allzu oft sieht? Und die Minarette sind auch ganz schön. Im christlichen Katharinenkloster, das wir auch besuchten, gibt es sogar eine Kirche mit Glockenturm und mit Minarett ...Später im Tag geben die Pyramiden dann zum ersten Male einen Blick auf sich frei. Durch den Nebel, oder morgendlichen Dunst oder Smog beginnen sich ihre gewaltigen Ausmasse plötzlich direkt hinter den letzten Stadthäusern abzuzeichnen. Meine Geduld wird aber weiterhin auf eine harte Probe gestellt, denn vorerst gilt es noch in einem lokalen Restaurant das Mittagessen einzunehmen. Viel lieber wäre ich direkt zu den Pyramiden hingefahren. Von meinem Sitzplatz geht der Blick direkt auf die Cheops hinauf. Während mich ihre perfekte Form vollkommen gefangen nimmt, scheinen die anderen Reisebegleiter die bekannten Bauwerke kaum mit einem Blick zu würdigen. Es ist ärgerlich, mit solchen Banausen unterwegs zu sein, während man selber eine grosse Faszination spürt. Später warnt uns der Reiseleiter vor all den aufdringlichen Souvenirverkäufern und anderen Halunken. Sich ja nicht photographieren lassen, ja keine Geschenke annehmen, um nicht auf irgendeine Art um den Finger gewickelt oder übers Ohr gehauen zu werden. Während der Besichtigung wollte ich alleine sein, um mich voll auf diesen heiligen Ort konzentrieren zu können. Man muss sich gedanklich schon um Jahrtausende zurückversetzen können, um die Dimensionen der Pyramiden irgendwie zu fassen. Wie liessen sich Menschenmassen damals motivieren solche „nutzlosen“ Steinhaufen aufzutürmen? - Der soziale Aspekt ist in der Tat sehr interessant. Von was liessen sich die Menschen treiben? Nicht zu vergessen, dass die Pyramiden schon tausende Jahre alt waren, als Jesus unweit von dort über die Erde ging. Wer sich hier keine Fragen stellt, vermag nicht zu staunen und sieht in den Gebilden nur mehr oder weniger belanglose Steinhaufen. Die Souvenirverkäufer sind wirklich sehr lästig und aufdringlich. Kaum habe ich meine ersten paar Schritte auf die Cheopspyramide zu gemacht, ruft mir ein kamelberittener Typ von oben herab „Chuchichäschtli“ zu und streckt mir zu Begrüssung und zum Ausdruck der Freundschaft seine Hand entgegen. Und schon habe ich als Geschenk ein paar farbige Steine in der Hand. Ich muss mich heftig wehren, um nicht noch mehr in einen lästigen Handel verwickelt zu werden, und um den Typ loszuwerden. Unweit von mir sind andere Touristen noch heftiger in irgendeinen Streit verwickelt. Und so scheint es hier ständig hin und her zu gehen, bis ich mich entscheide, niemanden mehr eines Blickes zu würdigen. Bei den komischen Händeln machen Polizisten und die vielen Soldaten, die die Gegend bewachen, wacker mit. Alle haben es in irgendeiner Form auf das Geld der Touristen abgesehen. Von Gesetzes wegen ist dieses „Geschäft“ aber eigentlich den Beduinen vorbehalten.Tatsache ist , dass in Ägypten viele an der Armutsgrenze leben. Analphabetismus ist weit verbreitet und im Zunehmen begriffen. Um zu überleben, muss man sich etwas einfallen lassen, in einem Land in dem die Bevölkerung alle zehn Monate um eine Million zunimmt. Die Misere scheint gross und unüberwindbar zu sein. Ägypten hat über 80 Millionen Einwohner, 22 Millionen davon leben in Kairo. Nur sechs Prozent des Landes ist bewohnbar. Vor ein paar Jahren gab es noch Autarkie bei der Lebensmittelbeschaffung heute aber bei weitem nicht mehr. Man sieht nicht, wie das Land all seine Probleme lösen könnte. Vielen bleibt nur noch das Betteln. Als Besucher möchte man gerne irgendwie helfen, hat aber keine Ahnung wie. Und überhaupt hat man nach einer Reise in ein solches Land wieder mal den Eindruck, dass unsere Zivilisation die Kurve ins nächste Jahrhundert nicht mehr schaffen werde.

 

Der Rückflug mit nächtlicher Landung in Zürich war in seiner Schlussphase sehr eindrücklich. Gott, ist auch die Schweiz dicht besiedelt. Das ganze Mittelland sieht aus der Luft nachts wie ein riesiges Lichtermeer aus. Da kann man nur hoffen, dass sein Räderwerk noch lange gut funktioniert. Schon waren wir zwanzig Meter ob der Landebahn, als unser Flugzeug plötzlich wieder voll durchstartete. Habe noch nie so etwas erlebt - die Bahn schien noch nicht frei gewesen zu sein. Es gibt Schöneres als Fliegen.

 

Zum Beispiel eben Joggen im Wüstensand. Beim Joggen durch die Stadt oder der Strasse entlang war ich anfangs überrascht, dass ständig gehupt wurde. Waren es meine schönen Waden, die es den kaum existierenden muslimischen Autofahrerinnen angetan hatten, oder war es etwas anderes? Dann merkten wir, dass die Taxifahrer mit Hupsignalen auf sich aufmerksam machen wollten, um uns mitzunehmen. Da war ich schon etwas überrascht, dass meine Gewohnheit, Touren jeweils zu Fuss von zu Hause aus zu machen, noch nicht überall in der arabischen Welt bekannt war.

 

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