Strahlhorn - Saas (02.04.2011)
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Einleitung
Fakt ist, dass das Strahlhorn in der Regel nicht direkt von Brig aus zu Fuss bestiegen wird - und falls doch, dann eher selten. Ob es von Bewohnern unseres Kantonsteils in grauer Vorzeit auf diese Art angegangen wurde, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Was hätten sie da oben auch anstellen wollen! Abgesehen von einer grandiosen Aussicht auf viele im Umkreis versammelte Berggrössen bietet das Strahlhorn nämlich auch uns modernen Menschen nur Schnee, Kälte und Eis. Die Ruhe auf dem Allalingletscher und seine nicht enden wollenden Weiten bis auf den Adlerpass hinauf wirken aber schon sehr beruhigend und meditativ. Mir gelang die eher unübliche Besteigung des Strahlhorns nur dank der tatkräftigen Hilfe von Fenek, einem lieben HIKR Kollegen. So bewahrheitet sich einmal mehr, dass man im Hochgebirge auf Gletschern mit oft dünnen Brücken nicht alleine unterwegs sein kann. Auch Ötzi wird damals mit einem Kollegen gewandert sein. Falls nicht, wird er zu den unvorsichtigen Berggängern gehört haben und vielleicht gerade deswegen gestorben sein. Doch alle Vorsicht hätte ihm schlussendlich nichts genützt, denn gestorben wäre er sowieso schon vor vielen, vielen Jahren.
Routeninformation und Bedingungen
Der Routenverlauf kann in jedem vernünftigen Tourenführer nachgelesen werden. Er braucht nicht einmal nachgelesen werden, denn er ergibt sich nach einem Blick auf die Karte. Zudem wird der Aufstieg meistens gespurt sein, weil das Strahlhorn ein bekannter Modegipfel ist. Der Weg zum Adlerpass wird auch benutzt um die Monte Rosa Hütte vom Saastal aus zu erreichen. Er ist also Teil der ersten Etappe der bekannten Haute Route.
Die Bedingungen waren sehr gut. Es gibt eine gute Spur bis ganz hinauf. Einzig die letzten dreissig Meter bis zum Gipfelkreuz hinauf ist es mit Skis etwas heikel. Hier geht man am besten zu Fuss. Der Gletscher scheint gut eingeschneit zu sein. Niemand kann aber je wissen, wie dick und tragfähig die Brücken tatsächlich sind. Wir benötigten nirgends Steigeisen. Beim Adlerpass steigt man links die Flanke hoch.
Es waren sehr viele Leute unterwegs, so dass einige Überhohlmanöver nötig waren.
Leider kann das Saastal nicht gut erwandert werden. Und dies ist schade, denn die Gegend ist dünn besiedelt und darum nur schwach lichtverschmutzt. Der nächtliche Wanderer, der gerne Sterne beobachtet, käme daher voll auf seine Rechnung. Bei Stalden (Chinegga) zweigt zwar der alte Talweg ab, doch dieser findet schon kurz nach Resti ein jähes Ende. Er wurde hier wohl beim Strassenbau verschüttet. Es heisst also für etwa hundert Meter die Strasse zu nehmen. Ich wollte es trotzdem wissen und bin den alten Wegspuren gefolgt. War nicht die beste Idee, und vor allem bedeutete diese Abkürzung eine beträchtliche Verlängerung meines Weges. Ich hatte wohl mehr Fun benötigte aber auch bedeutend mehr Zeit. Der erste Teil war noch mit einem Seil bergseits gut gesichert, doch dann hiess es, sich voll auf Hände und Füsse zu verlassen – und dies in recht ausgesetztem Gelände.
Ab „Zen Eisten“ muss man durchwegs der Strasse bis Saas Balen folgen. Von da weg geht es wieder über Wege bis Saas Fee. Zuletzt folgt man dem „Maultierweg“ via Kapelle St. Joseph bis hinauf zum Weltkurort.
Schnee
Die Hänge sind jetzt ziemlich ausgefahren. Pulver eher selten. Ab und zu Bruchharst. Man konnte aber im Allgemeinen recht gut abfahren.
Empfehlung
Die Tour braucht nicht mehr weiter empfohlen zu werden. Es gehen ja schon sehr viele dorthin. Die Hütte war bis auf den letzten Platz gefüllt. Wie sich die Verhältnisse in nächster Zeit entwickeln werden, entzieht sich leider meiner Kenntnis.
Ein Wehmutstropfen
Ich wusste, dass mich dies im Nachhinein beschäftigen würde: Haben wir das Strahlhorn überhaupt bestiegen? - Wir waren, wie übrigens alle anderen auch, wohl beim Gipfelkreuz, jedoch nicht auf dem höchsten Punkt des Strahlhorns, der ein-zwei Meter höher am Ende eines vielleicht dreissig Meter langen und sehr ausgesetzten Grates liegt. Ein paar Meter weit war eine Spur zu sehen, doch von den vielen Leuten beim Kreuz machte niemand den Anschein, den eigentlichen Gipfel besteigen zu wollen. Und so liess auch ich es sein, jedoch mit einigen Zweifeln. Heute muss ich sagen, dass mit Seilsicherung auch das letzte Stück zu schaffen gewesen wäre. Fazit: Ich habe das Strahlhorn nur mit Fragezeichen bestiegen, und der Wunsch bleibt bestehen, die Sache irgendwann nachbessern zu wollen.
Wetter
Während der ganzen Woche eiferte und fieberte ich mit unserem Wetterpropheten Bucheli wegen des Wetters um die Wette. Anfangs war klar, dass sich im Verlaufe der Tage einige Hochs und Tiefs, ja sogar Zwischenhochs und reversive Hochs folgen würden. Und dann zeigte er plötzlich für den Samstag nur noch Sonne und viel Wärme an. Sich jetzt nicht gleich zu viel freuen, um dann am Schluss nicht bitter enttäuscht zu werden! - war die Devise, denn Propheten täuschen sich hin und wieder. Aber die Vorfreude begann doch langsam in meiner Brust zu keimen und zu wachsen, und war schlussendlich das Hauptthema der ganzen Woche - gut, neben ein paar beruflichen Verpflichtungen.
Das Wetter hielt was es versprach. Es war der bisher wärmste Tag des Jahres. Der Himmel war vollkommen wolkenlos, und dies bis weit nach Italien hinunter. Bei den hohen Temperaturen hiess es, frühzeitig wieder daheim zu sein. Wir verpassten das angestrebte Ziel, den Gletscher noch vor zwölf Uhr mittags wieder zu verlassen, um zehn Minuten.
Für eine Abfahrt zum Stausee hinunter wäre es uns etwas zu warm gewesen - und der Schnee zu weich. Einige wagten dieses zur Mittagszeit etwas riskante Unterfangen tortzdem.
Weniger Wichtiges
Dies ist ein Tourenbericht, den ich grösstenteils schon vor der Tour geschrieben habe. Wieso auch nicht? - Es ist doch besser, wenn man sich im Voraus schon intensiv mit allen Eventualitäten auseinandersetzt. Nachher bringt das alles eh nicht mehr viel. Und viele, wenn auch nicht alle, Touren laufen tatsächlich so ab, wie man sie sich im Kopf zurecht gelegt hat. Zudem kann man sich intensiver auf die Tour freuen. Ob aber mein Tourenbericht durch das vorzeitige Verfassen der Wirklichkeit näher gekommen ist, bleibt mindestens zu bezweifeln.
Zwei Tage vor der Tour wurde das ständige Bangen um gutes Wetter abgelöst von einem zweiten nicht minderen Bangen: von einer Minute auf die andere, das heisst praktisch aus heiterem Himmel, begann mich plötzlich ein Nerv an nicht näher zu definierender Stelle zu schmerzen, und der Schmerz dauerte an. Würde mir jetzt jemand noch einen Knüppel zwischen die Füsse werfen, so dass ich die heissbegehrte Tour schlussendlich gar nicht würde durchführen können? Das mag dich wenig jucken - umso mehr juckte es mich, denn, wer verzichtet schon gerne dort, wo doch Freude und Genuss in grossen Massen angesagt ist.
Ich habe diese Tour vor allem auch meinem Begleiter, dem liebenswerten Bergfreund Fenek aus Langnau, zu verdanken. Er hat ganz tüchtig als Sherpa gewirkt. Schon am Freitag hat er Seil und im Doppelpack Pickel und Steigeisen zur Hütte hochgekarrt. Dabei hat er sich nicht etwa in die Felskinnbahn gesetzt, sondern ist den ganzen Weg von Saas Fee aus hochgelaufen. Ein Tag später auf dem Allalingletscher hat er einen derart angenehmen Rhythmus vorgelegt, dass auch ich es bis auf den Gipfel des Strahlhorns schaffte. Und nicht zu vergessen: er hatte am Freitag auch noch mein Auto ins Saas gefahren. Ich hätte unmöglich dorthin laufen und gleichzeitig noch das Auto mitnehmen können. Fenek sei Dank! Es war beruhigend zu sehen, wie gut er sich von seinem Unfall erholt hatte.
Dreimal bin ich auf dieser Tour ganz gehörig an meine Grenzen gestossen. Das erste Mal war es beim Suchen des Autos auf den ausgedehnten Parkplätzen von Saas Fee. Zwar habe ich systematisch an einem Ende mit Suchen angefangen und bin dann Reihe für Reihe auf der orografisch rechten Seite hochgelaufen, doch wie dem bei solchen Aktionen so ist, das Auto befindet sich immer viel näher dem anderen Ende. Und damit setzte ich halt ein paar Meilen in den Sand. Die zweite Hürde war in der Britanniahütte zu nehmen, wo ich stundenlang im ungeheizten Schuhraum die Weckzeit abwarten musste. Interessant und erheiternd war hier nur das nicht enden wollende Defilee der in der Hütte übernachtenden Berggänger, die aus Vorfreude oder aus sonst einem Grund ihren Urin nicht zurückhalten oder nicht schlafen konnten, und daher unaufhörlich auf dem Weg zur Toilette waren. Dabei musterte mich manch einer auf sonderbare Art. Alles in allem war es wie ein grotesker Gratzug in buntesten Unterhosen oder anderen hüttentauglichen Nachtkostümen auf dreitausend Meter über Meer. Die dritte zu nehmende Hürde war der schweisstreibende Gegenanstieg auf dem Rückweg zur Hütte hinauf. Die Sonne brannte einem derart heiss auf dem Schädel, dass man am liebsten wieder daheim bei Mama gewesen wäre.
Positives gab es auf der Tour wieder viel mehr zu erleben. Doch sind die grossen Gefühle des Bergsteigers nur schwer hinüberzubringen. Man muss sie einfach selber erlebt haben. Und wer sie einmal erlebt hat, geht einfach immer wieder hin. Die Sprache des Berglers ist zudem schwer zu verstehen. Und, wer im Tal bleibt, versteht sie nicht. Daher liegen uns die grossen und langen Worte nicht …
Ganz eindrücklich war für mich die Beleuchtung des Allalinhorns mit Scheinwerfern während der ganzen Nacht (wohl wegen der bekannten Volksabfahrt). Was mich auch sehr erstaunt hat waren die vielen Pistenfahrzeuge, die bis in die frühen Morgenstunden hinein gearbeitet haben, um dem Gast am folgenden Tag wieder tadellos präparierte Pisten bieten zu können. Da wird schon ein gewaltiger Aufwand getrieben. Ob er sich rechtfertigen lässt? - Der heutige Skifahrer ist einfach verwöhnt. Am Ende der Tour konnten aber auch wir von diesen wunderbaren Pisten profitieren, und wir haben die klasse Abfahrt vom Felskinn hinunter sehr genossen.
Als ich in Saas Fee mit dem Aufstieg begann, ertönte aus dem nahen Festzelt gerade die bekannte Musik: „Ich fühle mich dort so alleine - ich will heim nach Fürstenfeld …“. Da werden auch beim nächtlichen Wanderer allerlei Sehnsüchte wach …
Einige Zahlen zur Tour
Zeit von Brig nach Saas Fee: 4:40
Zeit von Saas Fee zur Britanniahütte: 3:52
Zeit von der Britanniahütte bis zum Strahlhorn: 4:08
Zeit für die ganze Unternehmung: 21:28
Länge in Kilometer: 52
Höhenmeter: 3‘746
Die Lust am Wandern (körperliche und psychische Hintergründe)
Bis zum Zeitpunkt des Abmarschs in Brig, am Freitag, um 16:45 Uhr, war die Sorge um den schmerzenden oder irgendwie eingeklemmten Nerv tatsächlich verschwunden. Froh gelaunt beginne ich in Richtung Visp zu joggen. Nur schwach machen sich die seit der letzten Tour etwas eingerosteten Fuss- und Hüftgelenke bemerkbar. Wegen sowas hört bei uns die Lust noch lange nicht auf. Klar, dass sich kurz nach dem Einbiegen ins Vispertal, das heisst nach den ersten zehn Kilometern, auch einige Muskeln zu verhärten beginnen. Ist doch normal bei solchen Touren, und auf die Zähne beissen wird man doch wohl noch ein wenig können. Letzteres verursacht bei mir zwar immer gewisse Zahnschmerzen, die wohl auch ein wenig auf den sich in letzter Zeit vermehrt einstellenden Rückgang des Zahnfleisches zurückzuführen sind. Wenn man dann - vielleicht beim ersten Aufstieg in Stalden - versucht, sich einen dieser trockenen und mit allerlei harten und nicht minder scharfen Bestandteilen durchsetzten Riegel einzuverleiben, kann es schon vorkommen, dass man auch mitten in der Nacht vor Schmerz laut aufschreit und das Ding der Mutter Natur zurückgibt. So versuche ich es halt im nächsten Flachstück bei Eisten mit einem „Cervelat“ oder „Landjäger“. Die Dinger schmecken auf langen Läufen sehr gut, verursachen aber in der Folge meistens Bauch- und Magenschmerzen, was sich bei mir später und vor allem beim nächsten Aufstieg mit heftigem Rumoren in der Gallensteingegend bemerkbar macht. Da mich diese sowieso quasi auf der ganzen Strecke - wie die Sandkörner und trockenen, aber spitzen Tannennadeln in den Schuhen - drücken, drücke ich während des Joggens oft beide Augen zu. Dabei kommt es recht häufig vor, dass ich in der Dunkelheit mit meinem Kopf an irgendeinem harten Felsvorsprung oder sogar an einer Hauskante anschlage. Es ist dann recht unangenehm, wenn einem danach das mit Schweiss von der Stirne durchmischte Blut in die Augen rinnt. Bin ich froh, dass man in solchen Momenten als Gipfelstürmer nie zimperlich ist. Stets sein Ziel vor Augen nimmt man beim Aufstieg nach Saas-Fee den letzten Schluck Wasser zu sich und stellt beim anschliessenden Wassermachen fest, dass der Urin schon total gelb verfärbt ist, was auf einen fortschreitenden Grad der Dehydrierung schliessen lässt. Beim Wassermachen im finsteren Wald kommt es übrigens immer wieder vor, dass irgendeine dieser grossen, roten Waldameisen wie per Zufall von einem Baum herunter gerade auf mich fällt, mir den Rücken hinunter krabbelt und mich an allen nur erdenklichen Stellen beisst. So bin ich denn sehr froh, schlussendlich in Saas-Fee zu mitternächtlicher Stunde anzukommen und mich frisch verpflegen zu können. Nach schnellem Retouchieren der an den Füssen entstandenen Blasen steige ich in die gefrorenen, und leider etwas harten Tourenschuhe. Bei jedem Schritt reiben sie an den beim Joggen entstandenen offenen Stellen. Schön, dass mich dies jetzt den heftigen Schmerz in der bis dahin doch schon recht stark beanspruchten Bein- und Hüftmuskulatur vergessen lässt. Was jetzt jedoch schlimmer ist, ist die Kälte - vor allem die auf eine mangelnde Blutzirkulation zurückzuführende Kälte in den Händen und Füssen. Bei langem gebückten Gehen die monotonen Pisten hinauf spürt man auch je länger desto mehr, wie der damals nicht operierte Wurmfortsatz gegen den ebenfalls damals sehr schlecht abgebundenen Nabel drückt. Man hat also durchaus auch gegen frühkindliche ja sogar angeborene Schäden zu kämpfen. Bei mir hat zum Beispiel eine angeborene und von meinem Grossvater vererbte starke Hornhautverkrümmung zur Folge, dass ich auf dem einen Auge kurz- und auf dem anderen weitsichtig bin. Dies hat den gewichtigen Nachteil, dass ich die Karte in der Nacht oft kaum lesen kann und mich daher öfter im Gelände verlaufe. Es hat aber den Vorteil, dass ich tags oft nicht sehe, wie weit der Gipfel noch entfernt ist und damit guter Laune bleibe. Gut, ich muss vielleicht ergänzen, dass ich mit dem weitsichtigen Auge tags und mit dem kurzsichtigen nachts nicht gut sehe. Was ich eigentlich nur sagen wollte, ist, dass auch eine angeborene Organminderwertigkeit ihre Vorteile haben kann. Im weiteren Verlauf der Tour und mit zunehmender Höhe bin ich immer sehr zufrieden, dass all die bisher aufgetretenen Schmerzen durch das mit zunehmender Höhe stark in den Vordergrund tretende Kopfweh verdrängt werden. Immer positiv denkend, stelle ich dann bald einmal beruhigend fest, dass sich dieses Weh auf die vordere und hintere Hirnhälfte und auf den ganzen Bereich zwischen den nun eiskalten Ohren beschränkt und sich nur äusserst selten bis ganz hinunter zur kleinen Zehe fortsetzt. Einer vor zehn Jahren eingetretenen Netzhautablösung zufolge, kann es sich aber auch in den Augen, vor allem dem rechten, bemerkbar machen und von migräneartigen Anfällen begleitet sein. Jetzt auf Höhe Felskinn entschädigt die einmalige Bergwelt für vieles und lässt einen vieles vergessen. Komischerweise tut jetzt aber auch der Oberschlundganglion und sogar der untere weh, was mich jeweils sehr erstaunt, handelt es sich hier doch um Organe, die es nicht beim Menschen sondern nur bei den Insekten gibt. Glücklicherweise stellt man erst auf dem letzten Flachstück bis zur Britanniahütte mit Verwunderung fest, dass nun auch der Rücken und die Halspartie wegen des wohl einige Kilogramm zu viel wiegenden Rucksacks zu schmerzen beginnen. So ist man dann schlussendlich dann doch sehr froh, in die warme Hütte treten zu können, um sich daselbst wieder auf Vordermann zu bringen. Beim Blick in den erstbesten Spiegel stellt man fest, dass wegen der beträchtlichen Anstrengung das Gesicht in der Nacht total rot angelaufen ist. Auch ist die Nasen- und Mundgegend wegen der ständig fliessenden Nase jetzt total entzündet. Doch in Anbetracht der nun bald anstehenden Gipfelfreuden, vergisst man auf dem zweiten Teil der Reise zum Adlerpass und Strahlhorn hinauf auch dies und all die kleinen Leiden und gibt sich ganz der Natur hin. Und man ist frohen Mutes, denn die Hälfte des Aufstieges und der Unannehmlichkeiten ist schon geschafft. Erst abends bei der Velofahrt vom Briger Bahnhof zurück nach Naters meint man, ab und zu gewisse körperliche Veränderungen zu spüren. Und macht sich leise Sorgen, dass dies wegen des Alters sein könnte. Dabei habe ich ganz vergessen, dass bei solchen Wanderungen durchaus auch psychische Unregelmässigkeiten auftreten können, seien sie nun schnell vorübergehender oder andauernder Art. So meinte ich schon, am Strassenrand tausend Stimmen zu hören, die mir frenetisch zuriefen: „Hopp, hopp, ...“, oder „Eugene, go, go, ...“ - „Dir geht es wohl nicht mehr so gut, du hörst ja bereits Stimmen!“ - sage ich mir - „Schau doch hin, da ist niemand am Strassenrand!“ - Und wenn ich hinschaue, sehe ich tausend Gesichter, die mir freundlich zulächeln. - „Du bist ja verrückt, jetzt hast du auch noch Halluzinationen, greif doch hin, da steht niemand!“ Und so geht es eine Zeitlang weiter: Habe ich eigentlich Halluzinationen, oder höre ich Stimmen? - Solche Endlosschleifen kann man wie beim Computer nur durch einen gezielten und gestreckten Kinnhacken in Richtung eigener Festplatte durchbrechen. Nach langer Anstrengung können Trugbilder auch beim Erreichen des Gipfelziels auftreten. Strahlend sehe ich meine liebe Frau mit einem grossen Blumenstrauss mir von oben zulächeln, und kussfreundlich wie ich bin, suchen meine Lippen die ihren. Dabei gleiche ich einem Scheibenputzerfisch, der fleissig das sucht, was es in einem sauberen Aquarium nicht zu finden gibt. Mit geschlossenen Augen suchen meine Lippen die Gegend ab. Dies kann auf einem spitzen Gipfel durchaus zu gefährlichen Schräglagen, und - wenn es dumm geht - zu einem fatalen Absturz führen. Habe auch schon gemeint, ich sähe auf dem Gipfel zwei wie bei der Tour de Suisse in gelb gekleidete Damen, die mich bei der Ankunft gnaden- und mittleidlos küssen und umarmen möchten. Da ist man dann schon sehr froh, wenn man einen lieben Bergkollegen mithat, der einen mit einem knappen „Eh!“ wieder in die Realität der Bergwelt zurückruft. Schon deshalb gehe ich nicht gerne alleine in die Berge.
Sommerzeit
Obwohl ich den Schnee nie gerne wegschmelzen sehe, freue ich mich jetzt doch auch am erwachenden Frühling. Und die Sommerzeit ist etwas ganz Tolles - morgens zwar früher aufstehen, aber abends noch lange Zeit für sich und seine Hobbies haben - ganz allgemein: weniger arbeiten und mehr Fun haben - das sind doch die genialen Segnungen der Zeitumstellung. Die Russen werden daher in Zukunft nur noch Sommerzeit haben. Auch wenn Kinder und älteren Leute mit dem Rhythmuswechsel anfangs noch Mühe bekunden mögen, überwiegen die Vorteile dieser Erfindung doch bei Weitem. Und dass die Bauern mit ihren Milch Kühen am Anfang Probleme haben, gilt es halt auch in Kauf zu nehmen. Muhen tun sie ja so oder so, oder wie der Engländer sagt: Evey cloud has a silver lining. Heute denkt ja sowieso jeder nur an seine eigenen Vorteile. Oder hast du etwa an Fuchs, Hase und Reh im Wald gedacht, die die Zeitumstellung anfangs immer arg in Verlegenheit bringt. Plötzlich muss schon morgens um sechs Uhr gehopst werden, während man winters noch friedlich bis sieben pennen durfte. Und plötzlich schlägt die Turmuhr nur noch einmal - zu einer Zeit, wo sie sonst noch zwölfmal schlug. So bin ich auf dieser Tour das lange Tal hinein halt manchem verdutzten Hasen begegnet, der mich so und vor allem um diese Zeit dort nicht erwartet hätte. Der eine streckte seine langen Ohren, schüttelte den Kopf ganz heftig und lief im Zickzack von dannen - und ich tat es ihm gleich. Später auf dem Gletscher machte ich mir ernsthafte Gedanken darüber, ob es sinnvoll sei, wegen des Bischens Energiesparen die Sommerzeit einzuführen. Mit ihr scheint die Sonne noch länger, und die Gletscher schmelzen noch schneller weg - vor allem im Zungenbereich. Dies war mir aufmerksamem Tourengänger auf dem Hohlaubgletscher schon nach wenigen Metern und nach nur wenigen Tagen Sommerzeit nicht entgangen.











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