Torrenthorn (15.02.2010)
Das Torrenthorn ist ein „leichter“ Berg. Vor zwanzig Jahren bin ich sogar mit einem Altersheimbewohner auf diesen Gipfel gestiegen. Oben angekommen geniesst man eine prächtige Aussicht in alle
Himmelsrichtungen. Prädominant ist das majestätische Bietschhorn.
Zum Anekdotischen
Es lässt sich nicht vermeiden: auf langen (Nacht)touren erlebt man allerhand, und noch viel mehr geht einem durch den Kopf. Auf den mir in der Zwischenzeit fast auf den Meter genau vertrauten Strassen das Rhonetal hinauf und hinunter folgt man stundenlang selbstverliebt dem eigenen Schatten oder dem Schein seiner Lampe. Und ist diese gut geschnürt, kitzelt sie allerlei Fantasien zwischen den Ohren desjenigen heraus, der sie trägt. Doch beginnen wir mit Anfang!
In der Vergangenheit habe ich mich hin und wieder kritisch, ja sogar ironisch, zu Hunden und deren Haltern geäussert. Das hat mir im Nachhinein jeweils extrem leid getan. Darum habe ich mich auf
dem letzten Berggipfel lauthals für all diese Sünden entschuldigt und meine Reue in alle Himmelsrichtungen hinausgeschrien. Doch Ironie des Schicksals: Nur ein paar Tage nach dieser
Kurzschlusshandlung und zum ersten Mal in meinem Leben hat mich nun tatsächlich ein Hund gebissen. Wir, meine Frau und ich, waren auf dem Heimweg von einem ausserordentlichen Vortrag von Evelyne
Binsack, der bekannten Schweizer Bergsteigerin. Gemütlich der Rhone entlang radelnd, diskutierten wir die vielen Eindrücke. Plötzlich, und ohne sich irgendwie anzumelden, sprang ein mittelgrosser
Hund aus der Hecke direkt auf mich zu. Ich erschrak derart, dass ich so laut wie ein männlicher Wolf auf Brautschau aufschrie. Und dann biss mich der Vierbeiner noch in die linke Wade. Natürlich
sein, bin, gewesen - war ich nachher total verwirrt. Nie haben, hatte, gehabt - hätte ich vermuten, vermutete, vermutet - vermutet, dass mir sowas passieren, passierte, passiert - passieren
können, konnte, gekonnt - könnte. Auf schnellstem Weg fahren, fuhr, gefahren - fuhren wir nach Hause. Dort lassen, liess, gelassen - liess ich die Hosen runter. Es war nicht viel zu sehen, sah,
gesehen -sehen. Nur zwei kleine blaue Flecken, und kein Blut. Wahrscheinlich haben, hatte, gehabt - hatte der Hund all mein Blut saufen, soff, gesoffen - gesoffen.
Jetzt ein paar Tage später habe ich mich von diesem Schock aber derart gut erholt, dass ich wieder einigermassen vernünftig über allerlei nachdenken kann. So auch über die Tieranwaltsinitiative.
In der Schweiz soll bekanntlich bald darüber abgestimmt werden, ob die hier ansässigen Tiere spezielle Anwälte erhalten sollen oder nicht. Mein Herz schlägt auch für Tiere, und wenn ich an all
die bedauernswerten Schweine und Hühner denke, so bin ich eigentlich für die Initiative. Oder dann sympathisiere ich oft mit all den armen Füchsen, Rehen und Gämsen, die den harten Winter in
unseren lebensfeindlichen Bergen verbringen müssen. Aber Hunde und Katzen brauchen nun wirklich keinen Anwalt. Da sorgt Papa und Mamma schon dafür, dass keine Pfote schmutzig wird. Und die Halter
wären auch zu bedauern, wenn sie mit ihren Lieblingen nun nicht mehr nur zum Coiffeur und Psychologen, sondern auch noch zum Anwalt springen müssten. In meiner Fantasie sehe ich mich auch schon
auf der Anklagebank vor irgendeinem Bezirksgericht. Auf der anderen Bank den mich anklagenden Hund kann ich mir auch gut vorstellen. Aber wie muss man sich einen Hundeanwalt vorstellen? Und wie
wird er mit dem Gericht kommunizieren.
Zurück zu weniger Ernstem!
Vor der Tour hatte ich allerlei Bedenken. Wie werden die Gehwege sein? Werde ich den langen Weg schaffen? Welche nächtlichen Temperaturen werden im Tal herrschen? Darf ich die Tour bei
„erheblich“ machen? Eines nach dem anderen!
Von den Medien hat man in letzter oft vernommen, dass der Schweiz in diesem kalten Winter langsam das Salz zum Auftauen der eisigen Strassen ausgehe. Nicht besser stehe es mit dem Aromat für die
Fussgängerstreifen und mit dem Pfeffer zum Auftauen der Pfeffersteaks. Nun, eisige Strassen und Wege bereiten mir in dieser Nacht überhaupt keine Probleme. Anscheinend verstehen sich die Walliser
darauf, es dort schneien zu lassen, wo der Schnee gebraucht wird, auf den Pisten und nicht auf den Strassen. Das will aber nicht heissen, dass die Salzstreuer nicht auch bei uns ständig im
Einsatz sind. Verständlich, wenn man bedenkt, dass Lastwagenfirmen mit dieser netten Winteraktivität ein paar flotte Franken verdienen können.
Zum langen Weg: Da ich in letzter Zeit sehr träge gewesen bin, würde ich bei dieser Tour auf meine Grundkondition zurückgreifen müssen. Nach der Tour bin ich nun sehr froh, dass sie für den
langen Weg und für den recht zackigen Aufstieg gerade ausgereicht hat. Zwischendurch kam mir hin und wieder ein in der dritten Primarschulklasse gelerntes Lied in den Sinn:
Hüaho, alter Schimmel, hüaho, get’s bergab sind wir alle beide froh, geht es aber dann bergauf, hört die gute Laune auf, hüaho, alter Schimmel, hüaho.“
Wobei es bei mir gerade umgekehrt ist: bergauf bekunde ich immer viel weniger Mühe als bergab. Am Ende schien unser damaliger Lehrer dann aber doch wieder recht zu behalten: im Schlussaufstieg
zum Torrenthorn wollte ich alter Schimmel nicht mehr so recht wollen. Auch das in der ersten Primarschulklasse gelernte Lied „Weisst du, wie viel Sternlein stehen dort am blauen Himmelszelt?“ hat
sich in dieser wunderschönen Nacht wieder voll bewahrheitet.
Die kalten Temperaturen waren kein Problem. Die Extrahosen und Extrajacke kamen nicht zum Einsatz. Auch hier gilt: bergauf heizt der Körper viel besser als im Flachland. Nach vergeblichen Versuchen in Gampel und Steg fand ich in Niedergampel dann doch noch eine nichtverschlossene Kirche, wo ich mir in der Wärme ein paar fromme Gedanken machen konnte.
Zur Lawinengefahr: Ich meinte, mein in letzter Zeit wegen sportlicher Passivität beträchtlich angewachsener Bauch würde mich vor dem Verschüttet-Werden bewahren, und ich würde auf der
Schneeoberfläche schwimmen, wie ein Walfisch im Wasser schwimmt. Alle Freerider, Triebtourer und anderen Nachahmer seien hier jedoch vor dieser eventuell tödlichen Annahme gewarnt. Nirgends in
der Literatur wird auf einen Zusammenhang zwischen Verschüttungsrisiko und Bauchumfang hingewiesen. Andrerseits zeigen aber die Statistiken deutlich, dass gerade extrem Übergewichtige bei
Bergsportaktivitäten extrem selten umkommen. Welcher Statistik kann man also schlussendlich noch Glauben schenken? Heute kann ja wirklich jeder behaupten, was er will. So möchte ich mal die These
in den Raum stellen, dass vor allem gute Skifahrer und schlechte Alpinisten auffällige Kleiderfarben tragen. Erstere möchten auf der Piste gesehen werden, letztere haben Angst, dass sie in den
Bergen verloren gehen. Hier aber noch eine Zahl, für die ich die Hände ins Feuer legen kann. Bei meinem heutigen Aufstieg über die Piste habe ich mal die Anzahl Snowboarder und Skifahrer gezählt.
Man staune: auf hundert Skifahrer fielen nur gerade vier Snowboarder. Ähnliche Zählungen vor Jahren ergaben ganz andere Werte. Was die Lawinengefahr anbelangt, habe ich mich vor Ort noch bei
einem einheimischen Skilehrer erkundigt. Dieser liess mich wissen, dass man die Tour jetzt ohne Bedenken machen könne. Später im pistenlosen Gelände hatte ich tatsächlich nie ein schlechtes
Gefühl. Mich erstaunte jedoch der „Mut“ anderer Alpinisten (?), die vor Tagen sehr steile Hänge in der Gegend befahren hatten.
Gross war meine Freude auf dem Gipfel. Ich fühlte mich fast so gut wie Skispringer Simon Ammann, der nach seinem Olympiasieg kurzentschlossen auf unsere Bundespräsidentin Doris Leuthard zusprang,
diese umarmte und in die Luft hob. Leben wir hier in der Schweiz nicht in einem herrlichen Land! Warum hat Simon aber nicht die Micheline und warum auch nicht die Eveline hochgehoben? War es der
schönen Augen, des sympathischen Lächelns oder der grossen Ausstrahlung wegen? Ich hätte mich für die Eveline entschieden, denn diese ist bestimmt noch ein paar Kilos leichter als die anderen.
Aber eigentlich habe ich Freude an allen unseren drei „lightweight“ Bundesrätinnen. Und Simon kann froh sein, dass er nicht im Uganda Idi Amin Dadas Skispringer war, denn diesen hätte er weder
umarmen noch anheben können. Zu Staats- und Regierungschefs fällt mir noch ein, dass die deutsche Angela Merkel genau drei Tage jünger als ich ist. Ich staune, wie weit man es in meinem Alter
schon hätte bringen können. Und der venezuelanische Präsident Hugo Chavéz ist genau vierzehn Tage jünger als ich. Dieser ist für mich aber zu weit weg. Jedoch staune ich auch bei ihm, wie weit
man in meinem Alter schon sein kann.
Zum Schluss: Die Tour war von der Logistik her aufwändig und wenig nachhaltig, weil ich am Vortag erst mal die gesamte Skiausrüstung mit dem Auto nach Albinen transportieren musste. Dies wurde aber mit einer netten Wanderung verbunden, die bei einem flotten Z’Vieri bei einem Lehrerkollegen endete, der uns per Zufall per Anhalter mitgenommen hatte. Und was die Nachhaltigkeit anbelangt, wage ich zu behaupten, das Bergsteigen sowieso nie sehr umweltfreundlich ist, egal ob man mit dem Auto, dem Zug oder dem Velo hinfährt, man hinterlässt ja immer seine Spuren, scheucht wilde Tiere auf oder trägt zur Erosion unserer Alpenwelt bei. Zu meinen, es sei nicht so, ist doch pure Augenwischerei.
















Kommentar schreiben
Kommentare: 0