Tossenhorn und Klettersteig Gabi (25.04.2010)

Übermorgen werde ich der Sektion Bern des SAC mein Gipfelprojekt vorstellen. Um dann nicht etwas Abgedroschenes erzählen zu müssen, habe ich gestern und vorgestern eine Beispieltour unternommen. Extra für die Berner habe ich das Tossenhorn zuhinterst im Laggintal bestiegen. Auf die Idee und den Geschmack zu dieser Tour hat mich Manuel, alias Zaza, gebracht. Manuel ist ein sehr eifriger Bergsteiger; er ist oft auf einsamen Pfaden im Wallis unterwegs; er publiziert seine Tourenberichte jeweils unter www.hikr.org. Auf dieser Plattform pflege auch ich Berichte zu schreiben.

 

Das Tossenhorn bietet viel, was das Bergsteiger Herz begehrt. Vor allem findet diese Tour in einer Gegend statt, in der man kaum je auf eine Menschenseele trifft. Am Ende des Laggintals ist eine Steilstufe von 400 Höhenmetern zu überwinden - dies ist das eigentliche pièce de résistance. Dann wird die Tour einfach, aber lang, lang, lang. Wegen seiner steilen Seitenhänge darf das Laggintal nur bei sicheren Schneeverhältnissen begangen werden. Im Hochwinter lässt man davon am besten die Hände. Und im Frühling müssen unter Umständen die Skis lange das Tal hinein und wieder hinaus getragen werden - eben bis zu besagter Steilstufe. Dann wartet vorerst mal lange viel schlechter Schnee auf einen, weil man sich am Ende des Tales erst auf 1660 m ü. M. befindet. Dies alles verlangt ein gutes Timing.

 

Die Tour hat für mich Beispielcharakter.

 

- Aufstehen am Samstag Morgen um sieben Uhr
- Mühsame Korrektur eine Mathetestes - stundenlang
- Zwischendurch TV: Einlauf Patrouille des Glaciers in Verbier - motivierend
- Zwischendurch eine Stunde Jäten in unseren Reben - Gewissen beruhigend
- Um 16:00 Abfahrt mit PW Richtung Gabi, um dort ein „Basislager“ zu errichten
- Klettersteig Gabi - halbe Stunde rauf und halbe Stunde runter - Wartezeit füllend
- 19:00 Rückfahrt mit Postauto
- 19:50 Abmarsch in Brig


Die Tour ist also ökologisch nicht sinnvoll. Ich habe den Simplonpass in kurzer Zeit viermal überschritten. Zweimal mit dem Auto, einmal mit dem Bus und einmal zu Fuss. Wobei gerade die ökologischste Art am meisten Energie ins Leere setzte - ich war alleiniger Fahrgast in einem für mich sechzigmal überdimensionierten Bus.


Den Aufstieg zum Simplonpass habe ich in den letzten zwei Jahren schon öfter zu Fuss bewältigt. Auch diesmal bot er emotional alles was eine nächtliche Wanderung im dunklen Tal und finsteren Wald bieten kann. Im Hintergrund lief diesmal DRS Drü mit seinem World Music Special. Genau der richtige Sound, um sich in Stimmung zu bringen. Meine eh schon gute Laune verbesserte sich mit jedem Schritt.

 

Schon kurz vor dem Ort „Taferna“ stosse ich auf die ersten Schneeflecken. Dies hatte ich erwartet. Bis zum Pass sind jetzt noch vierhundert Höhenmeter zu überwältigen. Es würde heavy werden. Also fasse ich einen beherzten Entschluss und schlage einem Feldhasen gleich einen rechten Winkel nach links, d.h. Richtung Osten ein. Sonnenhänge haben auch nachts einen entscheidenden Vorteil gegenüber Schattenhänge: sie sind zu dieser Jahreszeit auch in der Finsternis aper. Schön ist auch, dass ich mich auf mein Gefühl verlassen kann, denn nach einiger Zeit treffe ich wie erhofft auf die Passstrasse, die sich vorerst jedoch meinen Schritten entzieht, weil sie hier über weite Strecken in unzugänglichen Galerien verläuft.


Zwei Stunden später erreiche ich mein „Basiscamp“ unterhalb von Simplon Dorf. Es ist ein Uhr in der Früh. Für einen Aufbruch definitiv zu früh, und der mit Wolken verhangene Himmel will mir nicht so recht gefallen. Also ziehe ich mich in mein Auto zurück und versuche meine Gedanken zu ordnen. Der Ort gefällt mir nicht. Als ich im vergangenen Herbst hier vorbeikam, war die Rettungsstation gerade damit beschäftigt, einen toten Mann, der unweit von dort verunfallt war, in den Helikopter zu hissen. Die Bilder tauchen wieder vor mir auf. Und die Gegend sieht noch geisterhafter aus, als sie sowieso schon ist. Wahrscheinlich werde ich noch etwas ausharren und dann unverrichteter Dinge umkehren. Meine Frau wird froh sein.


Muss wohl ein paarmal eingenickt sein, denn plötzlich ist es halb vier Uhr. Und jetzt ist der Himmel sternenklar. Nun gibt es keine Auswahl mehr. Wenigstens mal das Laggintal hineingehen und dann schauen.


Immer wieder müssen die Skier getragen werden. Ein reines Katz und Mausspiel. Diese Schneepassage wird wohl nur kurz sein. Also lasse ich die Skier auf der Schulter. Falsch - der Schnee nimmt kein Ende. Das Stapfen wird mühsam. Also schnalle ich die Skier an. Falsch - schon ist wieder aper. Skier wieder tragen. Dann kommt wieder ein Schneefeld. Diesmal lasse ich mich nicht foppen. Schnalle die Bretter gleich an. Falsch - das Schneefeld ist nur dreissig Meter lang. Und so geht es weiter bis zum Ort Laggin. Immer fälle ich den genau falschen Entscheid. Noch einmal sage ich mir: So nicht mit mir! Von Laggin fort mache ich jedes Mal genau das Gegenteil von dem, was ich denke, fühle und mir errechne. Und wieder bin ich jeweils genau falsch. Später fasse ich den Entschluss, bei jedem vor mir auftauchenden Schneefeld stur und ohne zu denken und wehrweisen die Skier anzuschnallen. Bald erreiche ich mit dieser Taktik eine Erfolgschance von fünfzig Prozent. Auf dieser Tour ein gutes Ergebnis. Liebe Leute, wie löst Ihr überhaupt das Schneefleckenproblem? Mir ist schon aufgefallen, dass ich auch in der MIGROS jeweils an der falschen Kasse anstehe. Und dies obwohl ich Länge der Schlange, Einkaufswageninhalt der Kunden, Augen- und Haarfarbe der Dame an der Kasse und einiges mehr in meine Erwägungen einbeziehe.

 

Nach mehr als einer Stunde ist dieses zermürbende Spiel mit den Launen der Natur zu Ende. Ich bin unweit der Steilstufe. Bald werde ich die Tour abbrechen. Der Schnee ist einfach zu weich und durchnässt. Irgendwo hätte ich hundertmal gescheiter über einen abenteuerlichen Steg auf die rechte Seite des Lagginbaches hinübergewechselt. Stattdessen folge ich der Spur irgendeines Idioten, der, wie ich jetzt, links aufgestiegen war. Viele Felsbrocken, fast kein Schnee mehr, Stauden und Unterholz und links von mir der laute Bach. Wer gewillt ist, seine Skier nicht zu schonen, schafft es querfeldein noch ein paar hundert Meter. Dann ist aber definitiv Schluss, und es heisst traversieren. Da endlich eine Untiefe. Wunderbar! - Mein rechter Fuss ist bis zwei Zentimeter oberhalb des Schuhrandes im kalten Wasser. Instinktiv versuche ich diesen fatalen Irrtum mit dem linken Fuss zu korrigieren. Wunderbar! - Mein linkes Bein verschwindet bis zum Knie im Gletscherwasser. Ich traversiere den Bach ein paar Meter weiter unten. Meine Füsse quietschen auf eine Art, die jeder kennt. Das war also meine Tour aufs Tossenhorn! - So kann man nicht weitergehen. Heute weiss ich selber nicht, wieso ich gleichwohl weiter ging. „Wird sicher bald trocknen!“ - war, glaub ich, mein Argument.


Jetzt beginnt die Steilstufe, wo sich Zaza vor Wochen hochwühlte. Oft denke ich jetzt an seinen Tourenbericht und an die von ihm geleistete Arbeit. Bald wird die Sonne aufgehen. Mir ist, als hätte ich sie gerade erst untergehen sehen. Die Sonne wird heute mein argster Feind sein. Auf alle Fälle möchte ich dieses Tal noch lange vor Mittag verlassen haben. Timing wird alles sein.


Oben wird der Schnee endlich härter; jedoch ist nur die Oberfläche hart. Das Gelände ist steil. Gleich werde ich die Bretter abschnallen und fünfzig Meter hoch tragen. Bequemlichkeit siegt aber über Vernunft. Ein paar Meter wird es doch mit Ski noch gehen! Man muss härter auftreten. Da sich dies mit der Mechanik meiner Bindung nicht verträgt, und sich diese, ohne dass ich dessen gewahr werde, löst, mein Rhythmus indes nach wie vor ungebrochen ist, mein linkes Bein also wie gewohnt und kurz nach dem rechten nach vorne schnellt und somit seinen physikalischen Impuls ungebremst auf den nun herrenlosen Ski überträgt, verabschiedet sich dieser, nicht etwa nachdem er sich abgemeldet hätte, sondern spontan und blitzschnell vom Ort, an dem ich mich nach wie vor, jetzt aber fast wie angewurzelt aufhalte. Lange bevor ich den Ablauf dieser Dinge im einzelnen nachvollziehen kann, hatte der flüchtige Skis jegliche Demarkationslinie überschritten und war tief in feindliches Gebiet eingedrungen. Mit anderen Worten: er war für uns, das heisst für mich und meinen verbleibenden Ski, in keiner Weise mehr sichtbar. Zuletzt gesehen wurde er hundert Meter tiefer, zu Beginn eines ins Unsichtbare mündenden und wenig Zuversicht ausstrahlenden Couloirs. In der Zwischenzeit war eine bedrückende Stille über dem Land eingekehrt. Und am Laggin- und Fletschhorn geht die Sonne auf. Die Tour ist zu Ende ohne Zweifel. Kein Gipfelerlebnis aber doch ein heroisches Ende für meinen linken Ski. Die Gedanken an die Strapazen eines einskiigen Abstieg sind nur von kurzer Dauer. Meiner Statistik zuliebe schreibe ich die Zeit des Umkehrens auf und steige in Richtung Couloir ab. Sinke gleich einmal bis zu den Hüften ein, und nochmals, und nochmals. So ist also die Schneebeschaffenheit: oben hart und darunter weich und nass. Also so wie ein nasser Schwamm, den man winters vors Fenster stellt - oder wie sonst irgendetwas Ähnliches.

 

Missgelaunt macht man sich einige Gedanken zu Sinn und Unsinn von Skistoppern. Läuft man bergan und stürzt, halten sie nicht - fährt man bergab, halten sie, stürzt man jedoch nicht. Bringt man ein Halteband an, schlägt man sich ein Loch in den Kopf (damals auf der Piste in Gspon) - ohne Band und Stopper verliert man den Ski (damals am Breithorn) oder gefährdet andere Leute (damals in Saas-Fee). Ironie des Tages: ich finde den Ski, wie damals Abraham den Ziegenbock fand, verliere eine halbe Stunde und vor allem viel, viel Kraft und steige wieder auf. Am Vortag musste mein Tourenkollege Beno die Patrouille des Glaciers aufgeben, auf die er sich so lange vorbereitet hatte, weil ein anderer Teilnehmer ausgeglitten und auf ihn gestürzt war, und sich in der Folge einer seiner Skier auf Nimmer-wieder-Sehen verabschiedet hatte.


Und dann ist die Steilstufe geschafft. Jetzt beginnt die Genuss Tourerei. Schön glitzern tausend und abertausend Schneekristalle vor meinen Augen. Weihnachten im April. Ein wunderschönes Gelände breitet sich vor mir aus. Nur schade, dass man jetzt beginnt, müde zu werden. Bald drückt die Hitze gewaltig auf den Schädel und auf die darin verborgene Motivation. Und der Gipfel ist immer noch weit, weit entfernt. Ich zähle Schritte, rufe die Namen aller Heiligen und Scheinheiligen an. Nichts hilft - ich komme nicht vom Fleck und trete an Ort. Den Grat gegenüber benutze ich als Messlatte für die Zunahme der bewältigten Höhenmeter. Mir scheint, als sei ich immer gleich hoch. Und im Hinterkopf ist immer dieses Zeitlimit, das ich nicht überschreiten möchte. Später bietet ein Stein am Wegrand eine einmalige Sitzgelegenheit. Meine Uhr nagt unaufhörlich am engen Zeitbudget. Bald ist das Handy zur Hand und meine liebe Frau am anderen Ende. Ich werde gleich umkehren ist meine Botschaft. Und nach all dem Aufwand wird das das Ende meines Gipfelprojektes sein. Sie will wissen, warum ich mir dies alles antue. Womit wieder mal die Frage der Motivation des Bergsteigers im Raume steht.
Versuch einer Antwort: Ich gehe in die Berge, weil es mir Spass macht. - Nein, das kann so nicht gesagt werden. Immer macht es nicht Spass. Und Spass ist mir zu wenig.


Wer einfach überlegt, wird sagen, dem fehlt etwas, der will sich doch nur bestätigen. - Diese Meinung kommt der Wahrheit auch nicht sehr nahe. Als Lehrer, der ich bin, werde ich von meinen Schülern quasi, nein sogar sehr quasi, von morgens bis abends bewundert und wie ein Idol verehrt.


Dann tut er es halt seiner Statistiken wegen, und diese halten ihn auf Trap und geben ihm Schwung bis auf den Dom hinauf. - Ich liebe Statistiken, doch ihretwegen alleine kommt man nicht weit.


Ja, um Himmelswillen, was ist es denn?


Das weiss ich selber auch nicht so genau. Sicher spielt die Freude eine wichtige Rolle, Freude an den Bergen, an der Natur. Freude ist ein starker Antrieb und kann Berge versetzen. Doch Freude alleine genügt als Erklärung nicht. Freude ist nur ein Aspekt einer ganzen Palette von Gefühlen, die man auf Touren, wie ich sie mache, erlebt. Und die Gefühle sind durchaus nicht nur positiv. Wer eine ganze Nacht alleine in dunklem Wald und wilder Gegend wandert, erlebt alles. Es ist eine Reise durch Wirklichkeit und Phantasie, Gegenwart und Vergangenheit. Mitunter kommt man sich klein und erbärmlich vor, und dann ist es wieder nur Jauchzen. In Augenblicken fühlt man sich dem Schöpfer so nah, wie man es sonst im Alltag nie erfährt. Dann ist man mit allem und allen versöhnt und möchte nur noch ein guter Mensch sein. Ich glaube es ist dieses religiöse Gefühl, das mich motiviert, doch immer wieder aufzubrechen, um innere und äussere Welten zu erleben.


Als ich dem Gipfel schon nahe war, kam mir in den Sinn, dass im Oberwallis nächstens ein Verein der Freidenker gegründet wird. Atheisten und Agnostiker aus den Seitentälern wollen sich vereinen, um sich gegenseitig in ihrem Glauben an das Nichts zu stärken. Sie täten gut daran, mich mal auf einer Bergtour zu begleiten, um selber zu erfahren, was und wie viel sich hinter dem Nichts verbirgt.


Ich habe also den Gipfel an diesem Tag doch noch erreicht. Mein Wunsch nicht mit leeren Händen nach Bern reisen zu müssen, hat mir am Schluss Flügel verliehen. Die erzielte Zeit war aber unter allem Hund - hätte am Vortag wohl nicht den Garten jäten, oder hätte vielleicht auf den Klettersteig verzichten sollen. Viel weiter unten waren am selben Tag noch einer dieser verrückten Einzelgänger und eine Zweiergruppe unterwegs. Ich erreichte das Tal knapp nach der gesetzten Deadline um 12:05 Uhr.

Datum 25.04.2010
Weglänge 32 km
Höhenmeter 3404
Marschzeit 17:07

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