Ulrichshorn, Balfrin, Gross Bigerhorn, Klein Bigerhorn (01.08.2010)
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Am Schweizer Nationalfeiertag haben wir folgende Berge der Reihe nach von der Bordierhütte aus bestiegen: Ulrichshorn, Balfrin, Grosses Bigerhorn und Kleines Bigerhorn. Drei von ihnen kann ich als im Rahmen meines Projektes von Brig aus bestiegene Gipfel zählen - nicht jedoch den Balfrin, weil er nicht die Bezeichnung „Berg“, „Horn“, oder ähnliches trägt.
Doch so einfach ist das alles nicht, denn Professor Ivar Werlen schreibt in einer lesenswerten Publikation (http://www.ortsnamen.ch/Texte/Werlen_Gipfelnamen.pdf):
„... Auf der Dufourkarte von 1843 ist Balferinhorn verzeichnet, also mit dem Grundwort Horn verbunden, was verdeutlicht, dass sich Balfrin auf das darunterliegende Gebiet bezieht und nicht primär auf die Gipfel ...“
Weiter ist zu „Berg“ und „Horn“ zu lesen:
„Bäärg. Dieses Lemma wird in den meisten Fällen nicht für einen Gipfel verwendet, sondern bezeichnet generell ‚etwas an oder auf einem Berge Befindliches‘, spezifisch dann auch in der
Alpwirtschaft eine Bergweide ...
Horn. In unserer Datenbank befinden sich auch einige wenige Belege, die keinerlei Zusammenhang mit einem Gipfel haben. Vor allem Diminutive vom Typ Hiri, Hirrli, Hirili und ähnlich bezeichnen
meistens nicht Gipfel, sondern kleinere Felsspitzen oder spitz zulaufende Felsbrocken auf Alpen und Ähnliches. ...“
Habe ich also Berge und Hörner gezählt, die gar keine sind? Oder hätte ich Dinge zählen müssen, die früher noch Hörner waren? Und was passiert mit unseren Hörnern in Zukunft? Balfrinhorn wurde zu
Balfrin - wird aus dem Matterhorn bald Matter und aus dem Ulrichshorn Ulrich? Werden andere nur noch Rot, Schwarz oder Schreck heissen? Und was wird aus dem bekannten „Horn“ oberhalb von Embd?
Zur Tour
Der Weg von Stalden hinauf nach Hohtschugge/Grächen ist interessant weil recht steil. Man gewinnt einen guten Überblick über das vordere Vispertal. Und bald ist man in Grächen.
Der Hüttenweg zur Bordierhütte hinauf ist ein typischer Hüttenweg - lang im Aufstieg und im Abstieg nicht-enden-wollend. Markant sind die riesigen Randmoränen des Riedgletschers. Dessen
Traversierung bei Nacht und alleine hat es an sich. Uns, die wir sonst in warmen Stuben auf weichen Polstermöbeln hocken, müsste das Gurren des Wassers, das Tosen des Gletscherbaches und das
Krachen des weiter weg herabstürzenden Eises bezaubern oder erschüttern. Wenn da nicht die Parallelwelt von Radio DRS drü wäre, wo gerade Lieder von Sa Dinding wiedergegeben werden oder auf
Verkehrsstörungen auf dem Hauptbahnhof Zürich hingewiesen wird. Es ist gut, sich nicht allzu sehr von der Realwelt bezaubern oder einschüchtern zu lassen, die so real ja auch nicht ist. Später
kommt man an einer Gletschermühle vorbei. Beim Abstieg sieht man dann, dass es so günstig nicht gewesen wäre, wenn man da hineingefallen wäre. Doch der Hüttenwart hat sich grosse Mühe gegeben und
den Weg sehr gut mit Katzenaugen markiert. Auch der Weg zum Dürrenhorn und andere sind sehr gut gekennzeichnet. Katzenaugen sind sehr gut, verleiten mit der Zeit aber dazu, alles Leuchtende als
Katzenauge anzusehen. Ein Schafsauge für ein Katzenauge haltend bin ich aus Versehen eine Zeitlang rechts statt links gelaufen, bis ich den feuchtwarmen Atem eines dieser Tiere in meinem Gesicht
spürte, und von einem freundlichen „Bäää“ aufgeschreckt wurde. In der Folge merkte ich, dass sich variabel in der Gegend bewegende Katzenaugen in der Regel keine Katzenaugen sind. Vorsicht ist
allemal geboten bei still und stumm vor sich hin kauenden Schafen, deren Schafsaugen sehr leicht als Katzenaugen missinterpretiert werden können. In Gegenden, wo Tierfreunde in letzter Zeit Wölfe
angesiedelt haben, ist dreifache Vorsicht geboten. Wer dort gutgläubig Katzenaugen folgt, erreicht selten eine warme Hütte in den Bergen und muss froh sein nicht von einem kühnen Jäger, der auf
den Wolf schiesst, der ihn, den Wanderer, vorher gefressen hat, im nachhinein auch noch erschossen zu werden.
Ich erreichte die Hütte viel früher als ursprünglich errechnet und war dann sehr froh, mich noch ein wenig auf dem Holzboden ausstrecken zu können. Der Spass dauerte aber nicht lange, weil die zu
Weckenden viel früher aufwachten als der Weckende, und erstere dann rund eine halbe Stunde ungeduldig und auf mir herum trampelnd auf letzteren und auf das Frühstück warteten. Die Situation
beruhigte sich erst, als schliesslich der Weckende selbst von den zu Weckenden geweckt wurde. Was zur Folge hatte, dass der Weckende zum Geweckten wurde und diesem ganz gehörig die Laune verdarb.
Indes war ich sehr froh, dass mein Bergkammarad in diesem Wirrwarr von Wecken und Geweckt-Werden nicht die Übersicht verlor und selbsttätig realisierte, dass es um halb drei Uhr Zeit zum
Aufstehen sei.
Meine Bergkammarad hatte mich über HIKR oder über www.berge-wallis.org kennengelernt, was beweist, dass das Internet so schlecht doch gar nicht sein
kann. Vorgesehen hatten wir eine Kennenlerntour. Wir verliessen die Hütte mit den letzten. Die ersten wiesen bald einmal einen Vorsprung von einer halben Stunde auf, verhaspelten sich aber in der
Spaltenzone bei Punkt 3376 derart stark oder vertrödelten enorm viel Zeit beim Anseilen und Steigeisen-Anziehen, dass wir dann wieder die Spitze des Feldes übernahmen. Wir verdankten es unserem
Gespür, dass wir die erwähnte Spaltenzone ohne jedes Problem passieren konnten, während andere noch lange mit dem Schicksal zu hadern schienen. Kurz vor dem Gipfel des Ulrichshorns hätte wenig
gefehlt und wir wären doch noch von einer Seilschaft überholt worden.
Grandios war die Aussicht auf dem Gipfel. Es wäre durchaus im Rahmen unserer Möglichkeiten gewesen, auch noch das Nadelhorn zu besteigen. Stattdessen gaben wir Balfrin und Bigerhorn den Vorzug,
nicht ohne vorher noch ein wenig am Gemshorn zu schnuppern. Dessen Besteigung hätte einen unsanften Abstieg bedingt, so dass wir schlussendlich und ohne lange zu zögern verzichteten. Die
Verhältnisse an den von uns bestiegenen Gipfeln waren sehr gut. Morgens lag noch etwas Frühreif, jedoch war die ganze Überschreitung ohne Steigeisen möglich. Zur Mittagszeit waren wir wieder in
der Hütte.
Ich ziehe diese Tour dem Nadelgrat vor, weil man auf ihr ständig einen wunderschönen Blick auf den Nadelgrat hat. Zudem ist sie viel leichter, und sie kann stressfrei genossen werden. Derweil am
Nadelgrat viele überfordert sind und erst spät in die Hütte zurückkehren. Uns gelang eine quasi perfekte Tour. In der Seilschaft gab es vom Hintersten bis zum Vordersten keine Probleme. Nur ein
kleines Missgeschick passierte uns. bei einer Kletterstelle wurde ein Fotoapparat verloren, was von keinem von uns bemerkt wurde. So hiess es später halt dann: nochmals abklettern und das Ding
suchen. Und - Gott sei Dank! - fanden wir es wieder. Was wäre die Tour ohne schöne Erinnerungsbilder gewesen?
Am Rande notiert
Wir werden hin und wieder gefragt, wie solche Unternehmungen überhaupt möglich seien. Sie sind möglich, wenn man ein paar grundsätzliche Verhaltensregeln im Gebirge und in der Ebene beachtet. So
werden längere Touren am besten auf zwei Tage verteilt, denn damit verlieren sie deutlich an Schärfe. Dies ist der Grund, warum ich den ersten Teil dieser Wanderung am 31. Juli vor Mitternacht
und den zweiten Teil an unserem Nationalfeiertag morgens und nachmittags gemacht habe.
Zum Laufen und Gehen. Hast du beides einmal perfektioniert, kann es an die Feinheiten gehen. Wie schon mancherorts geschrieben, ist die Ernährung das A und das O. Wobei ich nicht das Was sondern
das Wie meine. Im steilen Aufstieg nach Hohtschuggen verspürte ich plötzlich ein mir im Augenblick immer noch unerklärliches kleines Hungergefühl. Bald war in der Folge eine Wurst in meiner
linken und ein Stück Brot in der rechten Hand. Meine langjährige Erfahrung im Powerwandern hat mich gelehrt, dass es sehr stark auf das richtige Kauen ankommt. Zudem müssen Kauen und Atmen
aufeinander abgestimmt, quasi synchronisiert werden. Das heisst mit anderen Worten, dass beide im richtigen Masse phasenversetzt verfolgen müssen. Unter richtigem Kauen verstehe ich in erster
Linie die optimierte Anzahl Kaubewegungen pro Wurst- und/oder Broteinheit. Langes Kauen wird ohne Zweifel die Resorption der Nahrung im Darm erleichtern. Es kann aber andrerseits durchaus
wertvolle Vitamine und Faserstoffe zerstören und damit für den Organismus wertlos machen. Dies ist eine Tatsache, die vor allem von Alpinisten mit relativ spitzen Zähnen zu beachten ist. Doch
auch durch die Kaubewegung an sich wird relativ viel Energie verbraucht, oder, wenn du willst, regelrecht „verkaut“. Dies ist wertvolle Energie, die den Beinmuskelfasern im vielleicht
entscheidenden Moment dann nicht zur Verfügung stehen wird. Du hast schon bemerkt, dass es sich beim Kauen um ein klassisches Optimierungsproblem handelt. Kurzes, zielstrebiges Kauen reduziert
zwar die Kauenergie, stellt aber die Nährstoffeinheiten dem Körper in derart grossen Brocken zur Verfügung, dass sie in Tat und Wahrheit nicht unmittelbar - also im Augenblick, wo sie eigentlich
gebraucht werden - sondern eventuell erst Stunden später - sagen wir: in der Hütte - verwendet werden können. Dann ist es aber definitiv zu spät. Als kleine, bewährte Merkregel möchte ich dir
folgendes Bild auf deine nächste Wanderung mitgeben. Beim Verzehren einer Wurst von der Grösse deines Zeigefingers solltest du höchstens eine Fingernagellänge der Wurstenergie zum Kauen
verwenden. Dies mag vor allem bei grösseren Würsten eine ganz schöne Menge Wurst sein, aber eben aufgrund meiner obigen Erklärungen hast du jetzt sicher begriffen, dass das Kauen sehr
energieintensiv ist.
Viele andere Optimierungsprozesse sind beim perfektionierten Laufen oder Gehen ständig im Auge zu behalten. Diese können durchaus individuellen Charakter haben. Ein Beispiel: Auf dem steilen Weg
von Stalden nach Grächen genoss ich einen wunderschönen Blick auf Staldenried/Gspon, den Ort, an dem ich seinerzeit aufgewachsen bin. Ein kurzer Blick hinüber machte mich glücklich und
verzauberte meinen Geist mit Bildern einer phantastischen Gegend. Meine Schritte wurden leicht bis federleicht. Längeres Hinschauen liessen in mir Bilder einer schönen Jugend aufkommen.
Melancholie und Schwermut begannen, sich meiner zu bemächtigen, und meine Schritte wurden schwer wie Blei.
Beim Berglaufen muss vor allem auch die Musik, die heute meistens über einen iPod eingespiesen wird, subtil ausgewählt werden. Auf keinen Fall darf man Lieder hören, die in irgendwelcher Art
unsere Bergwelt besingen. Eines solchen Liedes wegen bin ich einmal schon arg in Bedrängnis gekommen. „In der ersten Hütte, da haben wir zusammen gegessen. In der zweiten Hütte, da haben wir
zusammen gesessen. In der dritten Hütte hab ich sie geküsst, keiner weiss, was dann geschehen ist.“ Weil die Männer in den Bergen sowieso immer müde sind, bin ich auf einer Wanderung dieses
Liedes wegen einmal in eine Art Dauermantra gefallen. Einer Schallplatte mit Kratzer gleich hörte ich immer wieder und konnte es nicht mehr abstellen: „In der ersten Hütte, da haben wir zusammen
gegessen. In der zweiten Hütte, da haben wir zusammen gegessen. ... In der siebenunddreissigsten Hütte, da haben wir zusammen gegessen. ... In der achthundertvierundvierzigsten Hütte, da haben
wir zusammen gegessen.“ Der Ohrwurm hatte sich auf feindliche Art meiner bemächtigt und nahm mich spiralenförmig völlig in Besitz. So stark schlussendlich, dass ich vor mir auf einem unendlich
hoch scheinenden Berg tausende Hütten wie auf eine Perlenschnur aneinandergereiht sah. Nicht sehr motivierend, sag ich dir. Schlussendlich musste die Tour zu vieler Hütten wegen abgebrochen
werden.
Dies waren ein paar Gedanken zum Bergauf-Laufen. Auf ganz andere Verhältnisse trifft man natürlich im Flachen von Brig nach Stalden. Hier geht es vor allem darum, in möglichst kurzer Zeit
möglichst viele Kilometer zurückzulegen. Wer schon dort versucht, Höhenmeter zu machen, hat keine Geduld und scheitert bald kläglich. Ich habe in der Vergangenheit welche beobachtet, die als
Kängurus gehalten wurden und in der Folge schon kurz vor Visp von irgendeinem Zoowächter eingefangen wurden. Mein Projekt duldet in der Tat keine Halbheiten. „Von Profis ausgedacht, um von Profis
ausgeführt zu werden.“ - pflege ich zu sagen. Die, welche anfänglich noch darüber gelacht haben, sind in der Zwischenzeit schon lange verstummt. Und, die welche versuchten, es nachzuäffen, sind
heute im Zoo zu beobachten. Andere sind in den unendlichen Weiten des australischen mittleren Westens ausgesetzt worden, oder im Bayrischen Wald.
Dies aber nur am Rande. Wie gesagt, geht es im Flachen darum, pro Zeiteinheit eine möglichst lange Wegstrecke zurückzulegen. Dies erreicht man am einfachsten mit einer möglichst hohen
Geschwindigkeit. Schon die alten Chinesen wussten: v = s/t (mit Worten: Geschwindigkeit gleich Weg geteilt durch die Zeit). Man kann also die dritte, unbekannte Grösse berechnen, wenn man die
beiden anderen kennt. Und doch wird man von Otto-Normalrechner immer wieder gefragt: „Wie lange hat man von Brig nach Grächen?“ - eine dumme Frage, weil sie ohne genauere Angaben nicht
beantwortet werden kann. Ich für meinen Fall hatte mit meiner Geschwindigkeit drei Stunden und fünfundzwanzig Minuten. Diese Zeit hat mich sehr beglückt und auf dem weiteren Weg inspiriert, auch
wenn sie von einem Profi glatt halbiert würde. Obwohl ich schon drei Jahre lang nicht mehr joggen gegangen war, verspürte ich eine grosse Leichtigkeit und erreichte Stalden ohne Müh und Not.
Bereits kurz nach dem Briger Bahnhof legte ich los und joggte mal versuchshalber hundert Schritte. Es folgte eine kurze Gehstrecke. Weiter ging es mit hundertfünfzig Schritten Joggen. Dann wieder
Gehen, und so weiter und so fort, bis ich Stalden erreichte. Die letzte Joggingstecke mass neunhundert Schritte. In Anbetracht dessen, dass ich für fünfhundert Meter vierhundert Schritte nehmen
musste, kannst du die gejoggte Gesamtdistanz jetzt leicht errechnen. Falls du dies nicht auf Anhieb und auf einfache Art schaffst, bis du ein mathematischer Simpelton und solltest dich vielleicht
doch eher mit einfacheren Aktivitäten wie Bergsport anstatt mit Rechnen beschäftigen. Das Schwierige beim Rennen ist das exakte Zählen der Schritte. Später, aber doch auch erst bei der
achthundert Schritte Runde, hatte ich die Idee, acht Steine in die linke Hand zu nehmen und diese nach Massgabe der zurückgelegten Hundertschritteinheiten in die rechte Hand zu verschieben. Auch
hier gilt es einiges zu optimieren. Wer zu grosse Steine wählt, hat unter deren Last zu leiden. Bei zu kleinen Steinen verhaspelt man sich gerne und regt sich furchtbar auf.
Nach der Lektüre all dieser Gedanken zur Technik des ökonomischen Laufens bist du vielleicht geneigt zu denken, dass derjenige, der sie zu Papier gebracht hat, sehr intensiv nachgedacht hat, oder
unter Umständen sogar nicht alle Schrauben im Schrank oder sogar einige Teller locker hat. Dem ist eigentlich nichts mehr beizufügen. Zu meiner Verteidigung möchte ich nur noch sagen, dass in der
Vergangenheit von all dem, was ich geschrieben habe, abgesehen von fast allem, eigentlich fast nichts widerlegt werden konnte.
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