Wannihorn (29.09.2011)
Die Bildergalerie benötigt mindestens Flash Version 9.0.28!
Bitte den aktuellen FlashPlayer installieren.
Zusammen mit meiner lieben Frau habe ich heute das Wannihorn bestiegen. Gemeint ist das Wannihorn im Binntal oberhalb von Heiligkreuz. Ich bin zwar vor gerade nur zwei Tagen auf diesem Gipfel gestanden - was ist aber schöner im Leben als die Wiederholung von etwas Schönem.
Der Weg auf das Wannihorn ist leicht zu finden. Ich habe ihn in meinem letzten Tourenbericht beschrieben. Auch die Besteigung dieses Gipfels ist keine Hexerei. Von Heiligkreuz aus sind aber immerhin 1408 Höhenmeter zu überwinden, was heisst, dass man konditionell schon einigermassen auf der Höhe sein sollte. Wir haben für den Aufstieg 3 Stunden und 28 Minuten benötigt. Sagenhafte eine Stunde und fünfzig Minuten sind wir auf dem Gipfel mit der wunderbaren Sicht auf die Berner Alpen geblieben. Aus diesen Zahlen lässt sich schliessen, dass es uns da oben gefallen hat. Die Temperaturen waren an diesem Tag auch sehr angenehm, so dass man sich auf dem nicht allzu spitzen Gipfel nach Belieben recken und strecken konnte. Der Abstieg dauerte nochmals 5 Stunden und achtzehn Minuten. Die etwas längere Abstiegszeit ist darauf zurückzuführen, dass uns ein Jäger bei seiner Hütte zu einem Kaffee mit allem Drum und Dran einlud. Zudem lud der romantische Fleschsee auf 2414 Meter über Meer zu einem erfrischenden Bad ein.
Badespass Ende September in den Walliser Berge
Spätestens nach der Lektüre der folgenden Zeilen wird hoffentlich der Hinterste und Letzte gemerkt haben, dass auch bei uns der Klimawandel mehr und mehr Einzug hält. Meine Frau war auf dem langen Abstieg vom Fleschhorn eben mal kurz hinter einem Baum verschwunden, und so benutzte ich die Wartezeit, um mich rasch meiner Kleider zu entledigen und um ... meinem Leben mit einem kühnen Sprung in den kühlen Fleschsee ein Ende zu setzen. Nein, so mutig bin ich natürlich nicht, denn erstens machte der See mit seinen Schneeresten vom vergangenen Winter am Rande einen recht kalten Eindruck, und zweitens bin ich mehr oder weniger Nichtschwimmer. Zudem schien just an dem Ort, an dem sich der See befindet, die Sonne nicht mehr. So entledigte ich mich meiner Kleider nicht sehr rasch, sondern eher langsam, nämlich genau so langsam, wie es manchem Zuschauer hinter den zahlreichen Steinen gefallen hätte - oder auch nicht. Und ich sprang nicht etwa sogleich ins Wasser, sondern fuhr meine Körpertemperatur vorerst mal runter auf die dort herrschende Lufttemperatur. Dann näherte ich mich auf wackligen Steinen, oder mit wackligen Knien, dem Seerand. Alsdann bewegte ich die linke kleine Zehe meines rechten Fusses bis an geschätzte drei Millimeter von der Wasseroberfläche ans Wasser heran. Dies reichte mir vorläufig und schien das zu bestätigen, was man im Physikunterricht lernt: Wasser mit Schnee und Eis ist kalt. In der Tat wird ja der Null-Grad-Punkt definiert als die Temperatur eines Wasser-Eis-Gemisches. Wer meint, die Geschichte sei jetzt fertig, irrt sich. Im Augenblick des mir vorgenommenen Badens war mir nämlich vollkommen bewusst, dass ich von der gesamten Internet Community inskünftig als Warmduscher, ja sogar als Weichling angesehen würde, wenn ich den begonnenen Badespass hier abgebrochen hätte; die später zu schreibende Geschichte also genau hier enden würde. Und so schaute ich nochmals ganz tief in den See hinein. Nicht ohne Erstaunen stellte ich fest, dass da tatsächlich irgendein Wasserbewohner mit lässigen Bewegungen davon schwamm. So war mein zweiter Versuch, mich dem Medium Wasser zu nähern, denn auch viel mehrversprechender. Mindestens bis an die Knie verschwand mein Körper diesmal im romantischen See, bevor er sich wieder in die Ruhezone am Ufer zurückzog. Auch hier endet die Geschichte noch nicht. Denn nach den ersten beiden Mutproben hatte ich mir schon lange vorgenommen, meinen ganzen Körper bis unterhalb der Seeoberfläche zu bringen - wenn vielleicht auch nur für zwei-drei Millisekunden. Und das geschah dann in der Folge auch ohne Wenn und Aber. In diesem für mich seit langem intensivsten Moment menschlicher Wahrnehmung spürte ich nicht wie sich das eisige Wasser langsam über meinen äusserst empfindlichen Bauch hocharbeitete, um gleichzeitig neckisch meinen Zwischenschulterblattbereich zum umspülen, ich spürte nur noch ein hier nicht näher zu bezeichnenden und in diesem Moment in seiner Grösse auch nicht mehr zu beziffernden und dem Mann in frühen Jahren doch so wichtigen Bestandteil seiner selbst. Und die Empfindung war nicht etwa zu meinem Wohle bestimmt, sondern schmerzte etwa so stark, wie wenn am Ufer ein faustgrosser Stein auf meine Zehen, oder auf das besagte Organ gefallen wäre. So erstaunt es wohl nicht, dass ich den See schneller verlassen hatte, als man sich denken mag. Und: vor Schmerz heulend wie der Wolf, der im vergangenen Sommer hier so viele Schafe gefressen oder angebissen hatte, verschwand ich im naheliegenden nicht vorhandenen Bergwald. Dort setzte sich mein Heulen noch stundenlang fort. Inzwischen begann sich meine Frau ernsthaft ein paar Gedanken zu machen, und nicht nur wegen mir sondern auch wegen des vermeintlichen Wolfes. Tatsächlich war der Wolf an diesem Tage zu wiederholten Malen Inhalt unserer Gespräche gewesen. Was machen, wenn man ihm plötzlich im dunklen Walde gegenüber stehen würde? Und ich eher spöttisch, um meine eigene Angst zu verbergen: Dann wärst du wenigstens eine Kindergärtnerin, die einmal im Leben einen echten Wolf gesehen hat - das wäre doch auch eine zusätzliche Qualifikation für künftige Stellenbewerbungen. Inzwischen hatte mein Heulen zunehmen menschlichere Qualitäten angenommen, so dass sich auch meine Frau in den nicht vorhandenen Wald wagte. Dort fand sie mich nach etlichem Suchen in der Baumkrone einer dieser knorrigen Bergarven, die auf Grund ihres hohen Alters bestimmt auch manch andere Geschichte zu erzählen gehabt hätte. Sie, meine Frau, hielt mich vorerst noch für einen seines Gefieders entledigten Bartgeiers - derart war ich in meinen Proportionen verändert - doch nach einigem Zureden meinerseits merkte auch sie, dass es sich beim vermeintlichen Bartgeier um niemanden mehr und niemanden weniger als um mich selber handelte, und so fanden wir uns wieder. Arm in Arm zogen wir, einem uralten Paar gleich, zum See zurück, wo die Geschichte ihr glückliches Ende nahm.
Wer meint, die Geschichte sei hier zu Ende, irrt sich. Ich weiss nicht, welche Laus mir die Idee in den Kopf gesetzt hatte, meinen Lehrekollegen am letzten Freitag am Mittagstisch von meinem Badespass im Bergsee zu erzählen. Es ist so, dass am Freitag - wohl des bevorstehenden Wochenendes wegen - die meisten Kollegen in der Regel ein wenig aus dem Häuschen sind. Somit war vorprogrammiert, dass ich mit meiner ernstgemeinten Erzählung nur Spott und Spass ernten würde. Im Anschluss daran würde ich mich in meinen Empfindungen in einer mir so wichtigen Erfahrung wieder einmal nicht erst genommen fühlen. Einer von uns (wohl ich) fügte scherzhaft bei, dass Baden im kalten Wasser medizinisch gut sei gegen Falten im Gesicht. Dann sagte derjenige, der vor einer Woche meinte, ich hätte Oberschenkel wie Bolt, scherzhaft zu demjenigen, der einmal einwandte, wir würden mit unserem Sport Raubbau am eigenen Körper betreiben, dass er sich seines spärlichen Haarwuchses wegen keine Sorgen wegen Falten machen müsse. Letzerer, ich meine der mit der Raubbau Theorie, liess diese Aussage nicht auf sich hocken und konterte - ich meine: er sagte zu ersterem, also zu demjenigen mit dem Bolt-Vergleich, der übrigens der gleiche ist, wie derjenige, der sich in meinem letzen Bericht seines Alters wegen versteckt eine Träne aus dem Auge wischte - mit anderen Worten: C sagte zu S, dass ihm irgendwann auch noch die Augen aufgehen würden. Ironischerweise fügte jemand (wohl wieder ich) an, dass ihm aufgefallen sei, dass auch unsere Bundesrätin M keine Gesichtsfalten hätte. Was eigentlich folgern lässt, dass auch sie hin und wieder (im kalten Wasser) baden gehe. Nur der Vollständigkeit der Berichterstattung wegen sei ergänzt, dass dem bereits Gesagten eine längere Diskussion über das Alter unserer Bundesrätin folgte. Der sehr belesene B, der auch oft die NZZ liest, meinte 67 Jahre. Dies liess derjenige mit der Raubbau Theorie, der auch sehr gerne liest, nicht gelten - er meinte, es seien nur 65 Jahre. Ich, der sich eher für den mathematischen Inhalt der beiden Aussagen interessierte, rechnete für mich im Stillen aus, dass 66 für mich stimmen würde. Der andere B, der selber auch oft Spitzensport treibt, und der in Gesprächsrunden immer wieder für seriöse Einwürfe sorgt, informierte, dass es durchaus Trainingsarten gebe, wo man seinen Körper abwechslungsweise kalten und heissen Umgebungen aussetze. Zum Thema „empfindliche Stellen des Mannes“ meinte er, dass ihm dies beim Langlauf auch schon passiert sei, dass dies extrem schmerzhaft sei, und dass da nur Abwarten helfe. Der Bolt Lehrer, eben der, der sich seines Alters wegen einmal schon eine Träne aus den Augen gewischt hatte, fragte mit breitem Grinsen nach, ob denn da heftiges Reiben nichts nütze. Als Lehrer hatte er gelernt, dass solche Aussagen zu visualisieren sind, was ihm meiner Meinung nach mit entsprechenden Handbewegungen auch recht gut gelang. Die älteren Semester unter uns verdrehten bei dieser Aussage etwas die Augen oder warfen sich mindestens vielsagende Blicke zu. Gut, dass der Bolt-Typ von all dem nichts mitbekam. Der schon erwähnte B, der oft die NZZ liest, und sich schon deswegen immer für ein gutes Gesprächsniveau, auch an Freitagen, einsetzt, forderte, dass so etwas wie Gefrieren empfindlicher Körperstellen dank der funktionellen Unterwäsche heute nicht mehr passieren sollte. Damals, als er noch selber Langlauf Rennen im Goms organisiert habe, sei dies natürlich ganz anders gewesen, da habe man auch als Sportler noch baumwollene Unterwäsche getragen.
Je mehr sich dieses Gespräch in die Länge zog, desto mehr merkte ich, dass sich mein Geist ins Reich der Berge verabschiedete. Um ehrlich zu sein, war es mir so ungefähr egal, ob Calmy Rey in Berg- oder Talseen zu baden pflegt, und ob sie dabei gestrickte oder gehäckelte Badeanzüge trägt. Und sowieso ist eine ernsthafte Diskussion von Themen rund um den Bergsport in solcher Gesellschaft quasi zum Voraus zum Scheitern verurteilt. Schaffen es die Kollegen in der Regel noch, ihren Neid irgendwie zu verbergen, schimmert ihre Ignoranz doch überall durch. Und dabei ist Bergsport doch etwas sehr einfaches. Obwohl darüber Bücher geschrieben und allerlei Zeitschriften publiziert werden, geht es im Prinzip doch nur darum, einen Massepunkt (seinen eigenen Körper) von einem Punkt A zu einem Punkt B (wie Berg) und wieder zurück zu bewegen. Mathematisch kann die Bergtour durch eine nicht unendliche Anzahl von Drehungen und Verschiebungen beschrieben werden. Mit anderen Worten ist eine Bergtour nichts anderes als eine reine Kongruenzabbildung. Dabei werden alle während der Tour eintretenden Form- und Farbveränderungen des sich bewegenden Punktes vernachlässigt.
Es ist auch möglich, dass im Verlaufe des Gespräches eine mir nahestehende Lehrperson noch allen Ernstes verlauten liess: Und nächstes Jahr gehe ich mit Eugen auf den Everest. Oder war es das Matterhorn? Die in unserem Beruf nach längerer Praxis auftretende totale Selbstüberschätzung ist entschuldbar, ist sie doch das Resultat unserer täglichen Auseinandersetzung mit Leuten, die uns in gewissen Bereichen unterlegen sind.
Fazit: Es wäre wünschenswert, wenn die Sportler, seien es nun Kletterer, Biker oder Schwimmern, in unserem Lehrer Gremium etwas dichter gesät wären. Dann würden sich die Gespräche während den Pausen und anderen sozialen Anlässen nicht immer nur um Probleme mit Schülern, um Probleme mit Eltern und um irgendwelche Punkte der Hausordnung drehen. Dann würde man bestimmt des Öfteren über die drei schönsten Dinge im Leben reden, die da sind: Sommertouren, Skitouren, Eisklettern, Klettern, Eiswände, Nordwände, … Es muss der Gerechtigkeit wegen aber schon gesagt werden, dass in unserer Schule auch Lehrer und Lehrerinnen ihren Platz haben müssen, die im Schulhaus so lässig herumwandeln, wie es sie daheim in ihrer Wohnung in ihren behaarten Pelzhausschuhen tun. In ihrer Art dämpfen diese Lehrer und Lehrerinnen manch einen hyperaktiven Schüler, während wir, die Extrem-Sportler, unseren Schwung auch ins Berufsleben hinüberbringen und damit manchen Schüler zu bis dahin unerreichten Leistungen anspornen können.
Im Nachhinein tut es mir fast leid, ein wenig über die Ignoranz und Arroganz von uns Lehrer in Sachen Bergsport gespottet zu haben. Umso froher bin ich, davon selber nicht direkt betroffen zu sein. Bescheidenheit zahlt sich gerade in unserem Sport aus. In diesem Sinne habe ich kürzlich auch wieder einmal meine Bergsport Ziele bis ins Jahr 2054 neu überdacht und neu zu formulieren versucht. Hier ein bescheidener Auszug davon: Besteigung aller 4000er von Brig aus - Besteigung des Mont Blanc von Brig aus - Erklimmung aller Berge weltweit - Besteigung aller 8000er nicht nur ohne künstlichen Sauerstoff sondern ohne Sauerstoff überhaupt, und vor allem auch erst nach dem 65. Altersjahr - Aufstellung eines neuen Altersrekordes am Everest (mit rund 80 Jahren - im Grunde sind alle meine gegenwärtigen Aktivitäten auf dieses Ziel ausgerichtet) - Aufstellung eines neuen Langsamkeitsrekordes am Hörnligrat des Matterhorns, d.h. in rund zehn Tagen ohne fremde Hilfe von der Hütte bis zum Gipfel und wieder zurück - Aufstellung von mindestens zehn Geschwindigkeitsrekorden auf Bergtouren, die vorher noch von niemandem gemacht wurden, z.B. vom Bahnhof Visp aus - zudem möchte ich die Erde zu Fuss umrunden (mindestens drei Runden) und dabei mindestens den Atlantik durchschwimmen (im Haischutzbehälter) …
Wie gesagt ist dies nur ein kurzer Auszug aus meiner Projektliste.












Kommentar schreiben
Kommentare: 0