Weisshorn (17.08.2011)
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„Einmal ist keinmal“, sagt eine bekannte Volksweisheit. Und das sage auch ich, weil ich diesen Bericht zum zweiten Mal schreibe, nur jetzt etwas schneller. Irgendein Virus, oder Bakterium, oder
sonst ein Unding hat heute einen grossen Teil meines Tagebuches unwiederbringlich gefressen, und der letzte Zeitpunkt der Speicherung liegt ein paar Wochen zurück. „Einmal ist keinmal“ habe ich
auch bei der gestrigen Besteigung des Weisshorns gesagt und es nochmals versucht. Übrigens hat es diese Volksweisheit auch mathematisch in sich.
1 = 0
Gleichung mit 37 auf beiden Seiten vermehren:
37 = 0
Das ist doch ein grosser Trost für all jene, die mit einem Laster durch dieses Leben gehen müssen. Bergsucht, Liebe zu den Bergen bis hin zur Selbstaufgabe, Kletterzwang und ähnliche
wiederkehrende Untugenden sind doch im Grunde gar nicht so schlimm.
Es ist nicht schwierig, das Weisshorn in einem Zug aber nicht mit dem Zug zu Fuss vom Bahnhof Brig aus zu besteigen. Jedenfalls ist diese Besteigung des namhaften Gipfels nicht schwieriger als seine Besteigung von irgendeinem anderen Punkt aus. Das einzige, das es für diese Annäherung an den Berg braucht sind etwas Mut, ziemlich viel Dreistigkeit und eine gehörige Portion Eigenwille - und dieser fehlt den meisten Menschen in diesem Zusammenhang wohl. Und darum schaffen sie es auch nicht - eben, weil sie es nicht versuchen. Schwieriger ist diese Art des Bergsteigens also nicht, länger aber schon. Im Normalfall ist man also einige Stunden bis zum Gipfel unterwegs. Dies hat dann auch zur Folge, dass in einem beim Ankunft am Ziel durchaus gewisse Tendenzen zu Gefühlsregungen wahrnehmbar sind. Hätte mich jemand auf dem 4506 hohen Gipfel beobachtet, hätte er oder sie mich in gewissen Momenten eventuell mit einem wehmütigen Blick in die Ferne schauen sehen. Auf solche zugegebenermassen etwas längere Touren reagiert mein Körper noch Tage nach dem eigentlichen Gipfelerlebnis in der Regel mit einem starken Hungergefühl und grossem Appetit nach allem Essbaren. Somit schlägt sich manch eine Tour empfindlich in den Betriebskosten des eigenen Körpers nieder. Ob mein heutiges Kopfweh auch auf die Tour zurückzuführen ist, weiss ich nicht. Es könnte durchaus sein - es könnte aber auch eine Folge des jetzt sehr wechselhaften Wetters sein. Tatsache ist aber, dass man beim Bergsteigen, namentlich beim Bergabgehen, den Kopf über lange Zeiten in einer anatomisch ungünstigen Lage trägt, nämlich so ungefähr rechtwinklig zur Wirbelsäule nach vorne abgeknickt. Und dies kann durchaus zu Verspannungen im Nackenbereich führen. Demgegenüber ist Berichteschreiben am Computer geradezu gesund, es sei denn, man rege sich extrem auf, weil man den gleichen Bericht oder zumindest einen ähnlichen zum zweiten Mal verfasst.
Meine erste Besteigung des Weisshorns war am 29. Juli 1994. Damals war ich mit Michael unterwegs. Wir sind den Nordgrat hochgestiegen und den Ostgrat hinunter - eine klassische Überschreitung. Der Ostgrat ist der Normalweg. Mit Michael bin ich schon jahrelang nicht mehr unterwegs gewesen, denn er tut es heute nur noch für Geld, das heisst, er ist im vertikalen Gewerbe tätig, ist also Bergführer. Das vertikale Gewerbe - nicht zu verwechseln mit dem horizontalen Gewerbe - gehört zu den ältesten der Menschheit, denn schon seit jeher haben sich Menschen von anderen Menschen irgendwo hin und in der Regel wieder zurück führen lassen. Die Tour von damals war auch etwas speziell gewesen, nicht umsonst wurde ich bei meiner zweiten Ankunft in der Tracuit Hütte als „Celui du Weisshorn“ empfangen. Sie spielte sich wie folgt ab: Aufstieg zur Tracuit Hütte zu später Stunde - Aufstieg zum Bishorn und weiter über den Nordgrat auf das Weisshorn am folgenden Tag - Abstieg zur Weisshornhütte über den Normalweg und Abstieg nach Randa - Aufstieg von Zinal zur Tracuit, weil ich das dort gelassene Material abholen wollte (wir hatten ursprünglich die Idee, wieder zu dieser Hütte zurückzukehren) - Abstieg in der Dunkelheit und ohne Stirnlampe nach Zinal, weil jemand unser Material schon hinuntergebracht und dort in einem Hotel abgegeben hatte. So bleibt einem halt nach jeder Tour etwas im Gedächtnis haften. Beim grossen Gendarme hatte sich damals ein Friend auf Nimmerwiedersehen von uns verabschiedet, und in der Nordostwand des Weisshorns hatte sich ein grosser Stein gelöst.
Sonst weiss ich von dieser Tour recht wenig mehr. Der Ostgrat kam mir jetzt bei der zweiten Besteigung so ziemlich unbekannt vor. Die Durchgangszeiten von damals, die auf meinem Computer gespeichert sind, bis sie von irgendeinem Virus oder Bist aufgefressen werden, sind natürlich betörend. Damals war man auf entsprechenden Strecken fast doppelt so schnell unterwegs. Ist es ein Zeichen des Alters oder der sich ändernden Bedingungen? Wo es damals noch Gletscher oder zumindest Firnfelder gab, trifft man jetzt nur noch auf Geröll, und zwar auf sehr viel Geröll. Das stellten auch zwei Unterwalliser aus Fully fest, die an diesem Tag die Überschreitung machten und mit Verwunderung feststellten, dass es auch bei uns im Oberwallis viele Steine gibt. Auf viele Steine stösst man aber nur auf dem Weg von der Hütte bis hinauf zum Orte genannt „Frühstücksplatz“. Nachher wird der Granit immer besser und ist pickelhart - ein wahrer Klettergenuss. Was mir von dieser Tour wohl unwiderruflich in Erinnerung bleiben wird? - Ja, die letzten fünfzig Meter als wir wieder Asphalt unter den Füssen spürten und wussten, dass wir in Bälde vom Ehemann meiner Begleiterin in Randa abgeholt würden. Wir liessen uns wie ein Fussballstürmer, der eben ein Goal geschossen hatte, zu Boden sinken und gaben ein vielsagendes „Geschafft“ von uns. Der Hüttenweg nach Randa hinunter war wirklich ein Dessert (oder „Nachtisch“, wie der Deutsche sagt) ganz besonderer Art. Wie jeder andere Hüttenweg wollte auch er einfach kein Ende nehmen. Man vergleicht immer mit der gegenüberliegenden Talseite und stellt fest, dass man praktisch immer gleich hoch ist. Das Perfide an diesem Hüttenweg ist, dass man ständig die Häuser von Randa von oben herab sieht, und dass diese einfach nicht grösser werden wollen. Derweil brannten die Fusssohlen, wie wenn man über Feuer laufen würde. Muss man so etwas in unserem Alter überhaupt noch nötig haben? Würde man sich nicht besser auf Wintertouren konzentrieren? Um sich abzulenken, gibt man sich irgendeinem blödsinnigen Gedanken hin, oder man probiert für sich die Frage zu beantworten, wieso Deutsche das einfache Wörtchen „Randa“ nicht richtig aussprechen können. Emely war am Schluss der Tour sehr stolz darauf, dass sie nun Walliserdeutsch gut verstehe, bis ich sie wissen liess, dass ich eigentlich den ganzen Tag über mein bestes Hochdeutsch gesprochen hätte. Zur Weiterentwicklung ihrer Sprachgewandtheit habe ich mir folgenden Satz ausgedacht, den liebe Bergkollegen jenseits des Rheins bitte täglich und am besten vor und nach dem Zähneputzen, oder während des Gurgelns ein paarmal wiederholen wollen: „Rate, rate, in den Anden und in Randa am Rande randalieren rote Randen.“
Ich habe schon gesagt, dass ich das Gefühl hatte, wir seien langsam unterwegs. Ich meinte, ein Beobachter müsste meinen, einer von uns beiden sei irgendwo kleben geblieben. Im allgemeinen Trott sind wir anfangs einem Oberwalliser Bergführer gefolgt. Dieser hat den Zustieg zum „Wasserloch“ recht gut gefunden. Ich empfehle eine Rekognoszierung dieses Ortes am Vortag, weil in der Dunkelheit die Orientierung viel schwieriger ist als am Tag. In gewissen Tourenführern heisst es, man solle sich nach dem Geräusch des stets fliessenden Wassers orientieren. Doch was, wenn kein Wasser fliesst? An diesem Tag muss man sich die Situation so vorstellen: Rund fünfzehn Seilschaften sind über die Fläche eines Quadratkilometers auf dem Gletscher verteilt. Wie Amöben, das heisst nach dem Zufallsprinzip, finden sie nach und nach den erlösenden Durchstieg. Dies war wegen der leuchtenden Stirnlampen an diesem Morgen sehr schön zu beobachten. Das Wasserloch war am Morgen gefroren und auf den ersten paar Meter nicht einmal ganz einfach zu passieren. Und ab und zu löste jemand von den Oberen einen Stein aus, was von jemandem von den Unteren mit einem wütenden „Tre ....“ quittiert wurde. Beim Abstieg war das Wasserloch dann ganz anders. Jetzt floss Wasser in der Grössenordnung von 27 Litern pro Sekunde und mit einer Durchflussgeschwindigkeit von 57 Kilometern pro Stunde. Und dort musste man durch - ob man wollte oder nicht, man wurde einfach nass. Die letzten paar Meter begann man, nochmals ganz heftig zu zappeln, weil es galt, durch den Bach auf glitschigem Fels auf den spaltenzerfurchten Gletscher abzuklettern. Dort wo früher der Schaligletscher war, wurde die Wegfindung nochmals problematisch. Die Bilder aus dem Internet, die man vor der Tour heruntergeladen, ausgedruckt und stundenlang studiert hatte, erwiesen sich als nutzlos. Am besten schlägt man hier einen Weg ein, der so ungefähr dem geometrischen oder arithmetischen Mittel von denjenigen Wegen entspricht, die von einigen ganz links und von anderen ganz rechts falsch begangen werden. Der Bergführer und andere haben sich weiter oben für die Kante rechts entschieden, und sie haben damit den Anschluss zu den anderen verloren. Bei uns war es so eher ein Zickzackkurs. Beim Abstieg haben wir auch die Kante gewählt und kamen so ganz ordentlich runter. Bei Tageslicht sieht es etwas offensichtlicher aus. Dann ist aber der mittlere Teil recht steinschlaggefährdet. Am besten, man macht zuerst den Abstieg und dann den Aufstieg - das heisst: ich kann hier keinen klugen Rat erteilen. Nach der Kante gelangt man auf eine Art Podest, wo man dann recht scharf nach links zieht, um ein nasses bis vereistes Couloir zum grossen Steinmann hochzukraxeln. Hier bin ich eine Seillänge vorausgestiegen, um dann meine Begleiterin an einem guten Haken gesichert nachzunehmen. Von dort geht es über einen einigermassen gut ausgetretenen Trampelpfad hinauf zum „Frühstücksplatz“. Daselbst haben wir fünf bis sechs Seilschaften überholt, die die Ortsbezeichnung ernst zu nehmen schienen, um ausgiebig zu frühstücken. Tatsächlich haben wir bis zum Gipfel hinauf noch ein paar Leute überholt, so dass wir an diesem Tag schlussendlich unter den ersten das erhabene Gipfelziel erreichen konnten. Offenbar waren alle recht langsam unterwegs, und später bei der Hütte machte auch der Hüttenwart einen erstaunten Eindruck, dass zu vorgerückter Nachmittagsstunde noch so wenige zurückgekehrt waren.
Nach dem Frühstücksplatz ist die Wegfindung natürlich offensichtlich - man folgt mehr oder weniger der Gratkante. Der Granit ist sehr gut. Es gibt ein paar Türme, allen voran der bekannte „Lochmatter Turm“, die es zu überklettern gilt. Beim letzteren gibt es eine gute Knotenschlinge und ein paar Haken, anhand deren man sich gut hinaufwursteln kann. Der Grat ist oft sehr schmal, vielleicht Fussbreit, und die Exponiertheit haarsträubend. Es gibt aber auch oft die Möglichkeit, das Seil um irgendeinen Felssporn zu werfen, und die Seilschaft somit zu sichern - man muss die Möglichkeiten nur nutzen. Beim Absteigen haben wir ein paarmal über die ärgsten Türme abgeseilt. Ein dreissig Meter Seil genügt vollauf. Der Schlussaufstieg zum Gipfel zieht sich nochmals in die Länge. Zuerst geht es über recht sanfte Kuppen mit einigen Gletscherspalten, und dann steilt der Grat nochmals gewaltig auf. Vierhundert Höhenmeter sind zu überwinden, liess mich meine tapfere Begleiterin wissen. Das heisst mit anderen Worten: Wir kamen nochmals ganz heftig ins Schwitzen. Man hätte das Tenue nochmals erleichtern müssen. Der Gipfel weist ein charakteristisches Loch auf, vor dem man sich hüten muss, denn es führt auf schnellstem Weg direkt nach Zinal hinunter. Der bekannte Bergfotograph Weh, den wir auf dem Rückweg getroffen haben, liess uns wissen, dass der Gipfel früher anders ausgesehen habe. Tage zuvor muss es in den Bergen noch gehörig geschneit haben. Aus diesem Grund waren die Felsen zum Teil noch schneebedeckt, was nicht weiter störte, weil der grösste Teil des Weges sowieso mit Steigeisen zurückgelegt wurde. Beim Abstieg donnerten zwei Lawinen die NO-Wand hinunter. Tiefer unten sausten grosse Steine zu Tale. Ein Torhüter hätte in diesem Moment reflexartig vielleicht falsch reagiert.
Unsere Besteigung des bekannten Gipfels fand am 17 August statt. Das sind 149 Jahre und 363 Tage nach der Erstbesteigung durch John Tyndall, J.J. Bennen und Ulrich Wenger. Obwohl, oder gerade weil, die heutige Ausrüstung viel ausgeklügelter als die damalige ist, war unsere Besteigung des Weisshorns viel risikoreicher als die Erstbegehung. Ich muss ein wenig ausholen. Aufmerksame Leser meiner Berichte und vor allem pingelige Beobachter meiner Bergbilder werden gemerkt haben, dass diese in letzter Zeit oft Fehler aufwiesen. In der Tat ist das Objektiv meiner Canon Power Shot A 720 IS schon nach etwas mehr als drei Jahren nach ihrer Anschaffung derart beschädigt, dass Flecken auf den Bildern die Folge sind. Also musste eine neue Kamera her, und zwar recht schnell, weil die Weisshorntour fix geplant und vorbereitet war. Etwas anderes als eine Kamera mit Sucher - elektronischer oder optischer Art - kam für mich nicht in Frage, weil ich auf diesen Minibildschirmen bei hellen Lichtverhältnissen schlicht und ergreifend nichts sehe. Und nur so Schnappschüsse schiessen, ohne etwas zu sehen, ist nicht mein Ding. Nun ist es aber so, dass neue Kompaktkameras kaum mehr mit Sucher ausgestattet werden - weil die Bildschirme heute viel weniger Strom mehr konsumieren, liess man mich wissen. Nach einer qualvollen Shoppingtour und vielleicht zehn Fotogeschäfte später liess ich im letzten Moment kurz vor Ladenschluss und kurz vor der ominösen Weisshorntour die Nikon Coolpix P100 mitlaufen. Nicht jedoch, ohne sie vorher bezahlt zu haben. Die neue gefällt mir besser als die alte. Zu hoffen, dass sie auch schönere Bilder als die alte macht. Das Problem ist nur das grössere Gewicht der neuen. Und dieses Gewicht muss halt beim Packen des Bergrucksacks irgendwie eingespart werden. Das Seil kürzen: geht nicht - kürzere Eisschrauben mitnehmen: ist auch nicht praktisch - einen kürzeren Bergpickel mitnehmen: mag ich auch nicht. Also musste es ans Lebendige gehen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meine heiss geliebten Würste zu kürzen. Nach getaner Arbeit und geleisteter Trauerarbeit überprüfte ich nochmals den Inhalt meines Rucksacks und musste mit Erstaunen feststellen, dass nun plötzlich überhaupt keine Würste mehr anwesend waren. Unsere Katze konnte nicht die Schuldige gewesen sein, denn diese hatte schon vor Jahren das Zeitliche gesegnet, und ein anderes Familienmitglied verdächtigte ich auch nicht, denn niemand ist Würsten derart zugetan wie ich. Also nahm ich nochmals meine schlaue Rechenmaschine zur Hand und rechnete Gewicht Coolpix minus Gewicht Power Shot und musste mit grossem Schrecken feststellen, dass das ausgegebene Ergebnis genau dem auf der Verpackung meiner Lieblinge angegebenen Nettowurstgewicht entsprach. Doch wo waren die Würste geblieben? Es bleibt nur eine Vermutung übrig: ich muss sie im gleichen Rhythmus, in dem ich sie kürzte, und für meine Tour vorbereitete, selber verschlungen haben. Was für traurige Perspektiven für meinen geliebten Bergsport, in Zukunft so alleine in den Bergen unterwegs sein zu müssen.
Ein Problem kommt selten alleine, und so bin ich mit der Beschreibung meiner neuen Kamera auch noch nicht am Ende. Wie es sich gehört habe ich die 216-seitige Anleitung und vor allem die Sicherheitsbestimmungen sehr aufmerksam gelesen. Mein Gott, diese Kamera weist scheinbar etliche verschluckbare Teile auf, die nicht nur von Kindern sondern auch von Erwachsenen zu jedem möglichen oder unmöglichen Zeitpunkt aus Versehen oder mutwillig verschluckt werden können. Mein ständiger Albtraum vor der Tour daher: Ich befinde mich am Lochmatter Turm in höchst kritischer Stellung, spreize das rechte Bein hoch hinauf, um die kleine Schuppe mit meinem Fuss zu erreichen und greife mit beiden Händen nach der rettenden Knotenschlinge, und just in diesem Moment verschlucke ich eines der verschluckbaren Teile, meinetwegen das gesamte Objektiv mit angeheftetem Objektivdeckel. Nicht auszudenken, was mit unserer Zweierseilschaft bei soviel Ungeschick in einem derart blöden Augenblick passieren würde. Apropos „sich verschlucken“ habe ich immer gemeint, dass es sich hier um eine Walliserdeutsche Redewendung handle, in dem Sinne: „Ich habe mich verschluckt“ - es ist mir etwas im Hals stecken geblieben. Da ich mich recht oft verschlucke und dann jeweils sage: „Jetzu häni mi grad verschlickt“, finden das die Leute lustig, weil sie meinen, ich hätte mich gerade selber verschluckt. Jetzt lehrt mich der Duden gerade, dass es „sich verschlucken“ auch im Hochdeutschen im obigen Sinne gibt. Nun, wir waren beruhigt, dass ich am Lochmatter Turm weder eines der verschluckbaren Teile verschluckt hatte, noch hatte ich mich verschluckt, oder hatte ich mich selber verschluckt. Von gewissen Teilen der Kamera - wohl vom Tragriemen und vom Objektivdeckelhalteschnürchen - geht gemäss Anleitung scheinbar eine nicht zu unterschätzende Strangulationsgefahr aus. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ich unten beim Wasserloch ... Es wird auch warnend darauf hingewiesen, dass der integrierte Akku unter besonderen Umwelteinflüssen explodieren, den Fotoapparat in seine Teile zerreissen, und den den Apparat tragenden Fotographen, oder wenigstens Teile davon, unter Umständen arg beschädigen könne. Und schlussendlich besteht eine latente Gefahr des Geblendet-Werdens durch den eingebauten Blitz. Du siehst: Auf den Bergen gibt es neben objektiven und subjektiven noch allerlei andere Gefahren. Bergsteigen ist gefährlich und kann deiner Gesundheit schaden.
Akklimatisation
Probleme und Erkenntnisse rund um die Anpassung des menschlichen Körpers an ausgesprochen hohe Höhen sind schon oft diskutiert worden. Ab einer gewissen Meereshöhe beginnt der Mensch wie von selbst nach Luft zu schnappen, um sich den benötigten Sauerstoff in genügender Konzentration zuzufügen. Parallel dazu können Störungen der Wahrnehmung und eine starke Sehnsucht nach tieferen Höhenlagen quasi schubweise auftreten. Dem derart geplagten Bergsteiger wird von den Fachleuten ein möglichst rascher Luftwechsel empfohlen - zumindest soll er bei heftigem Lungenödem und/oder aufkommendem Gehirnödem versuchen, an ganz etwas anderes zu denken - zum Beispiel an einen mit Palmen bewachsenen Sandstrand auf einer Südost Insel. Ich kenne das Problem zu Genüge aus eigener langer Bergsteigererfahrung. Gerade nach der kürzlichen Nadelgratbegehung, und jetzt wieder nach der ruhmreichen Bezwingung des Weisshorns hatte ich enorme Mühe, mich auf Höhen von 650 Metern zurechtzufinden. Die Gefahr von früheren Erfahrungen genügend kennend näherte ich mich vor ein paar Tagen vorsichtig dem Ort Visp und merkte mit jedem Schritt, wie die Luft zusehends dicker wurde. Visp ist nicht nur Sitz des bekannten Chemiekonzerns der Lonza sondern auch mein Arbeitsort. Mit letzter Anstrengung, aber doch ohne Zuhilfenahme künstlicher Atmungsgeräte erreichte, ich den Haupteingang meiner so sehr geliebten Schule. Das intensive „Gipfelerlebnis“ war für mich von kurzer Dauer, denn ich wusste, dass es für meine Gesundheit auch höchst schädlich sein könnte. Ich sagte mir: „Du musst hier schleunigst raus, du musst wieder rauf!“ und so schaffte ich es, dass Gebäude direkt und ohne irgendetwas zu berühren oder betrachten durch den offenstehenden dem Haupteingang gegenüberliegenden Ausgang wieder zu verlassen. Quasi im Aufstieg wieder sah ich noch, wie mir unsere Sekretärin von einem der Fenster freundlich zuwinkte. Für mich war es unbegreiflich, wie ein Mensch auf dieser Höhe freundlich lächeln und dazu auch noch arbeiten konnte. Ein paar Tage später hatte sich mein Körper schon viel besser an die extreme Höhe angepasst. Diesmal traf ich ein paar Kollegen, denen die mit Kaffeegeschmack und Kopierstaub geschwängerte Luft überhaupt nichts anzuhaben schien - im Gegenteil sie plauderten fröhlich drauf los, wie wenn sie sich auf 6000 Metern über Meer befinden würden. So bleibt auch für mich die Hoffnung, dass ich bald wieder imstande bin, im tiefen Tal zu wandeln.
(Zweite Version meines Tourenberichtes auf das Weisshorn, frei zitiert nach Eugen Brigger)











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