Zenbächenhorn (27.06.2011)

Wer einsame Berge liebt, ist mit dem Zenbächenhorn sicher gut beraten. Ich wage zu behaupten, dass da kaum je jemand hochsteigt. Dies wird vor allem auf seine Abgeschiedenheit zurückzuführen sein. Von der Seilbahnstation Belalp geht es flach nach „Lüsga“ und dann einige Male hinauf und hinunter über „Üssers Aletschi“, „Driest“ ins „Innere Aletschi“. Dort angekommen ist man aber noch nirgends, denn jetzt heisst es, lange durch das ausgedehnte Becken von „Unnerbäch“ hochsteigen. Falls ich den Gipfel nochmals besteigen würde, würde ich daselbst direkt über die markante Moräne aufsteigen.

 

Der Südgrat ist einfach. Die letzten paar Meter Richtung NW zum Gipfel erheischen dann aber doch einige Aufmerksamkeit. Jedenfalls sah ich mich kurz vor dem Ziel veranlasst, die gröbsten und stärksten Bergschuhe, die ich an diesem Tage mitführte, anzuziehen. Der erste Turm darf nicht überstiegen werden. Wer versucht, ihn zu übersteigen, wie ich, muss oben wieder umkehren, weil es Richtung Gipfel keinen leichten Abstieg gibt. Den ersten Turm also rechts ausgesetzt umgehen. Und am Schluss geht es wieder recht ausgesetzt von links zehn Meter auf den Gipfel hoch. In meinem alten SAC Führer heisst es „wenig schwierig“. Das ist wohl so zu interpretieren, dass es schwierig ist, aber nicht sehr schwierig sondern nur ein wenig schwierig. Bei der Bewertung „wenig schwierig“ von damals hat man immer die Tendenz „leicht“ zu lesen, aber das ist es nicht.

 

Vom Gipfel hat man einen grandiosen Tiefblick ins Becken des Mittelaletschgletschers. Dem Aletschhorn ist man sehr nah, und auch Sattelhorn, Geisshorn, Rotstock und Gross Fusshorn verblüffen mit ihrer Präsenz. Da kommt auch ein Normalbergsteiger bald einmal ins Schwärmen.

 

An diesem Tag habe ich das grosse Becken von Unnerbäch sehr genossen. Es ist eine Wohltat, die Kraft des guten Granits unter seinen Füssen zu spüren. Oft kann man über vom Gletscher glatt geschliffene Felspartien hochsteigen. Der Kletterliebhaber wählt gerne Passagen, die vermieden werden könnten, nur um diesen Fels zu spüren. Herabfliessende Gletscherbäche schaffen eine besondere Stimmung. Sollte ich nach meinem Ableben als arme Seele in die Gletscherwelt verbannt werden, so wäre es mir recht, wenn ich meine Tage in einer solchen Gegend verbringen dürfte.

 

Wer derart abgelegene Gipfel zu seinem Spass besucht, muss schon von einer gewissen Berg-Sucht geplagt sein. Wobei es natürlich verschiedene Ausprägungen und auch Suchtarten gibt. Da gibt es mal die, welche relativ schnell ins Verderben führt, weil sie quasi exponentiell ansteigt. Exponentielles Wachstum … ? - In der Schule erkläre ich es in der Regel mit dem Liebesleben der Zebrafinken. Ein Zebrafinkenpaar hat zwei Nachkommen. Die Nachkommen haben auch wieder zwei Nachkommen, und so weiter und so fort - die Nachkommenzahl steigt rasant an, eben exponentiell. Auf die Bergsucht übertragen heisst dies: Das Opfer besteigt irgendwann in seinem Leben einen ersten Gipfel. Während der Besteigung erfährt es fast nur positive Gefühle verbunden mit vielen Ah’s und Oh’s. Auf dem Gipfel erblickt er oder sie fünf weitere Gipfel und verspürt sogleich einen unwiderstehlichen Drang, diese möglichst bald auch zu besteigen. Aus 5 werden 25, und aus 25 werden 125 … du kannst die Reihe selber fortsetzen. Bald ist man in einem regelrechten Teufelskreis gefangen, aus dem es fast keinen Ausweg mehr gibt, vor allem, wenn man in einer bergreichen Gegend wie dem Wallis wohnt. In diesem Fall bieten Psychiater zwei Therapiemöglichkeiten an: Auswandern oder nacheinander alle vorhandenen Gipfel besteigen. Im Verhältnis zur eben beschriebenen Bergsucht ist die meine schon fast harmlos. Also angefangen hat es bei mir so: Auch ich habe irgendwann meinen ersten Gipfel bestiegen. Weil ich auf ihm, dem Gipfel, war, habe ich von ihm, dem Gipfel, logischerweise nichts gesehen. Also spürte ich nach ein paar Tagen das grosse Verlangen, auf einen zweiten Gipfel zu steigen, um den ersten Gipfel betrachten und vor allem auch fotografieren zu können. Den dritten habe ich bestiegen, um den zweiten zu sehen. Und so ist es bis heute weiter gegangen. Dies ist eine verhältnismässig harmlose Sucht, weil man stets nur ein Gipfel oder ein Foto von der Heilung entfernt ist. Man könnte die Sucht ja rasch beenden, wenn man immer möglichst alle Gipfel betrachten und fotografieren würde - aber man will ja nicht alle Süchte aus der Welt schaffen.

 

Sorry für dieses unangebrachte Abschweifen inmitten meines Tourenberichtes. Aber so ist es halt.

 

Viel mehr zu denken an diesem Tag wie aus dem Bilderbuch hat mir der Zustand unserer Gletscher gegeben. Sogar dem Grossen Aletschgletscher sieht man jetzt an, dass er dramatisch schrumpft. Wenn das mit der Klimaveränderung so weitergeht, wird aus diesen Juwelen aus Eis und Schnee in wenigen Jahrzehnten nichts mehr zu sehen sein. Es tut weh, diese Schönheit einfach wegschmelzen zu sehen. Wie trostlos wird sich unsere Bergwelt dann präsentieren! Und die meisten von uns merken nichts. Es geht uns wie dem Frosch im Wasser, das man langsam aufwärmt - ihm scheint es auch bei lebensfeindlicher Temperatur noch gut zu gehen. Und er verharrt, bis er stirbt.

 

Noch ein Wort zu den vielen Schafen in der Gegend. Ihr Verhalten war ganz anders als noch vor einer Woche. Vor einer Woche liefen zeitweise zweihundert hinter mir her und liessen sich nicht abschütteln, als ob ich irgendein Leithammel wäre. Diesmal liefen alle von mir weg, als ob ich der Teufel wäre. Die, welche vor einer Woche noch ein Fell so weiss wie Schnee hatten, schauten jetzt zum Teil schon ziemlich heruntergekommen aus. Was beweist, dass die Bergluft nicht allen gut tut.

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