Gedanken eines Berggängers
Was ich hier schreibe, ist nichts anderes als Psychohygiene - die stets wiederkehrenden Gedanken an die Berge los werden, indem man sie niederschreibt. So wie der Meditierende immer wieder „Om“ sagt, um sich von seinen Gedanken zu lösen. Zudem ist jetzt im tiefen Winter halt die einzig bergfreie Zeit im Jahr. Gelegenheit, sich ein paar Gedanken zu seinem Hobby zu machen. Und damit ein wenig Abstand zu ihm gewinnen, um gleich wieder voll darin unterzutauchen. Es lässt uns nie los.
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Kürzlich habe ich in meinen Unterlagen gestöbert und dabei eine Zeichnung gefunden, die zwei Kreaturen darstellt - eine kleine, die auf der Flucht ist, und eine grosse, die den Kleinen verfolgt. Das Bild sieht recht furchterregend aus und hat alles, um einen während Albträumen in der Nacht zu verfolgen. Ich publiziere es hier nicht, um keine Autorenrechte zu verletzen, denn ich weiss nicht, wo ich es damals herauskopiert habe. Das Interessante an der Darstellung ist, dass die kleine und die grosse Kreatur genau gleich gross sind, dass also der Betrachter einer Sinnestäuschung unterliegt.
Während unzähligen Stunden habe ich versucht, das gleiche Resultat mit der perspektivischen Darstellung des Matterhorns zu erreichen. Das Resultat ist als Bild beigefügt. Zugegeben, ich musste den Umweg über einige Programme machen, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war. Und jetzt regt mich das Bild nicht auf sondern zum „Philosophieren“ an. Das heisst, es lockt in mir heraus, was ich mir schon früher überlegt habe.
Der Mensch unterliegt mancher Sinnestäuschung. Und trotzdem verlassen wir uns auf unsere Sinne. Und wir lassen uns nicht eines Besseren belehren, wenn wir Sachen sehen oder hören, die es so nicht gibt. Da sind wir stur wie Böcke. Und wir gehen unseren Weg unkritisch und von uns selbst überzeugt weiter. Wobei es oft so ist, dass uns die Sinne noch die richtigen Informationen liefern, dass aber das den Ohren zwischengeschaltete Hirn allerlei Unsinn aus diesen Informationen zusammenreimt. Am meisten trügen uns die Vorurteile, die fixen Meinungen und die Erfahrungen, die sich mit den Jahren in unserem Hirn eingenistet haben. Und so ist dann oft nicht, was nicht sein darf. Und wir sturen Esel treten in manch ein Fettnäpfchen. Nachher ist man viel schlauer, und kann nicht begreifen, dass man diesen oder jenen Blödsinn machen konnte.
Sinnes- und Denkstörungen ist man bei Bergtouren oft ausgesetzt. Und jeder hat sie schon erlebt, und viele haben wegen ihnen mit dem Tod bezahlt. Da kann man sich nachher nur an den Kopf greifen und fragen: wie konnte ich nur? Man ringt nach Erklärungen, die man nicht finden kann. Der gute Rat kommt immer erst nach der Tat.
Beispiele oft begangener Irrtümer sind Schätzungen von Distanzen, Zeiten und Schwierigkeiten. Der Mensch ist einfach nicht fähig, die Entfernung zwischen hintereinander gestaffelten Bergen oder Orten abzuschätzen. Und so ist man immer wieder überrascht, dass man viel länger bis zu einem bestimmten Wegpunkt hat, als ursprünglich angenommen. Ich weiss noch, als ich mit vielleicht neun Jahren mit ein paar Verwandten und meinem Vater das erste Mal das Gibidum erreichte. Dort habe ich auch den ersten Fernseher in meinem Leben zu Gesicht bekommen. Bei der Rückkehr nach Gspon sagte ein Vetter, der nicht dabei war: Nicht wahr, dass zieht sich wahnsinnig in die Länge vom Pass bis hinauf zum Gibidum - nie würde man meinen, dass man da noch so lange braucht …
Ein grosser Berg ist nicht unbedingt in der Nähe, ein kleiner nicht in der Ferne … und so oder so kann man sich auf die Grösse nicht verlassen. Es kommt auch vor, dass man plötzlich auf dem Gipfel steht, obwohl er noch nicht erwartet wurde.
Darum meine ich: Das Ziel ist immer gleich weit entfernt. Am Anfang bei voller Motivation und körperlicher Tüchtigkeit meint man, es sei gar nicht weit weg und damit leicht zu schaffen - obwohl es doch noch sehr weit weg ist. Rückt das Ziel näher, schwinden die körperlichen Kräfte, und man beginnt mit dem Schicksal zu hadern. Ich werde nie ankommen. Und mit dieser Einstellung entfernt sich das Ziel tatsächlich mit jedem Schritt von einem. Und steht man kurz vor dem Ziel, meint man, es schon erreicht zu haben, lässt sich mental gehen, und erreicht das Ziel nicht mehr. So kann es vorkommen, dass der Marathonläufer den letzten Meter nicht mehr schafft. Und bei einer Fahrrad Passfahrt können die letzten hundert Höhenmeter zur Qual werden, wenn man sich zu früh auf dem Pass wähnt. Da das Ziel immer gleich weit weg ist, hatte ich bisher keine besondere Mühe mit relativ weit weg liegenden Zielen. Du siehst jeweils nur den vor dir liegenden Wegabschnitt, und der ist in der Regel kurz und bald erreicht. Und mit dieser Sichtweise erreichst du irgendwann relativ locker das weit entfernte Ziel. Wer sich aber gleich auf das grosse Endziel konzentriert hat schon verloren.
Und so ist es irgendwie mit dem Leben. Meine Pension scheint noch unendlich weit in der Zukunft zu liegen (vier Jahre oder 3397 Unterrichtsstunden und ein paar Zerquetschte). Wenn ich mich aber auf die nächste Woche, den nächsten Tag oder die nächste Unterrichtsstunde konzentriere, wird es wohl zu schaffen sein. Und so hangelt sich manch ein Lehrer von Ferien zu Ferien durchs Leben, bis plötzlich die ganz langen Ferien vor der Türe stehen …
Bei zeitlichen Distanzen verhält es sich so ähnlich wie bei örtlichen Distanzen. Als jetzt schon leicht ergrauter Bergsteiger habe ich nicht das Gefühl, weniger Leben vor mir zu haben als damals mit zwanzig Jahren. Wie ein Zwanzigjähriger fixiere ich mich auf den nächsten vor mir liegenden Tag oder auf das nächste vor mir liegende Ereignis. Und somit haben wir alle gleichviel Leben vor uns. Es ist vielmehr entscheidend, mit was wir den kommenden Lebensabschnitt füllen, ob wir ihn überhaupt mit etwas füllen. Fakt ist, dass für jedermann das Leben im nächsten Augenblick enden kann, ob man alt oder jung ist. Somit sind wir alle gleich alt. Wobei selbstverständlich die statistischen Lebenserwartungstabellen eine grosse Rolle spielen. Aber wer läuft schon mit solchen Tabellen durchs Leben.
Fakt ist: man wird immer älter - jeden Tag ein Bisschen, in einem Jahr schon recht viel, und in zehn Jahren ist der Alterungsprozess extrem spürbar und entsetzlich brutal. Das geht aber allen so. Alle Menschen und Tiere werden älter. Und dies ist auch ein Trost. Zusätzlicher Trost: Wir werden nicht nur alle älter, wir nähern uns in unserem Alter auch immer mehr und mehr einander an. Ich erkläre.
Bei der Einführung ins Thema "Gleichungen" stellte ich meinen Schülerinnen und Schülern die Aufgabe zu berechnen, wann ihr Vater doppelt so alt sein werde wie sie selbst. In meinem Fall sieht die Rechnung wie in der Abbildung 1 dargestellt aus.
Abbildung 1
Sensationell: 1988 war mein Vater doppelt so alt wie ich, und ich war halb so alt wie er. Es gab aber in der Vergangenheit auch einen Moment, wo er zehnmal so alt war wie ich (Abb. 2). Dies lässt darauf schliessen, dass es in meiner Geschichte auch den Zeitpunkt geben wird, wo mein Vater nur noch ein Prozent älter ist als ich (Abb. 3).
Abbildung 2
Abbildung 3
Für einen einigermassen gläubigen Christen, der vor allem auch an das ewige Leben glaubt, sind solche Zahlen überhaupt kein Problem. Ein an die Wiedergeburt glaubender Buddhist muss sich halt vorstellen, dass er zur Bestätigung der errechneten Werte ein paar Zusatzrunden auf diesem Planeten drehen muss. Fakt ist aber, dass wir uns im Alter altersmässig mehr und mehr einander nähern, relativ gesehen natürlich.
Abbildung 4 zeigt dir das Alter des Vaters in Prozent desjenigen des Sohnes. Wenn du in der Schlussformel den Grenzwert errechnest, das heisst, das Alter gegen Unendlich streben lässt, ist der prozentuale Unterschied 0, das heisst die beiden sind gleich alt.
Abbildung 4
Abbildung 5 und 6 zeigen dir eine grafische Darstellung des eben Gesagten. Mein Gott, bin ich erschrocken, als ich realisierte wie weit oben im Graph meine aktuelle Position schon ist. Wenn ich vom pessimistischen aber doch realistischen Modell ausgehe, dass ich ab neunzig nicht mehr in die Berge gehen kann, habe ich im Moment schon sage und schreibe 58/90 meiner aktiven Zeit hinter mich gebracht. So was schreit nach einer grafischen Visualisierung.
Abbildung 5
Abbildung 6
Abbildung 7 zeigt dir, wie hoch meine Lebensflasche schon gefüllt ist. Wenn ich mir vorstelle, dass die Flasche nach oben noch zusehends enger wird, wird mir echt bange ums Herz.
Abbildung 7
Abbildung 8 zeigt dir, wie hoch ich mit der Luftseilbahn Staldenried-Gspon in meinem Leben schon gefahren bin. My dear, es bleiben wohl nur noch die zwei letzten Stützen. Und obwohl ich mich bei ganz gewöhnlichen Seilbahnfahrten immer ganz gehörig freue, oben, im geliebten Gspon, anzukommen, besteht jetzt bei dieser Lebens-Seilbahnfahrt nur Grund zur Panik und Depression.
Abbildung 8
Abbildung 9 zeigt dir meine Lebens-Tour den Hörnligrat am Matterhorn hoch. Auch hier besteht überhaupt kein Grund zur Euphorie. Ich befinde mich jetzt gerade dort, wo ich vor drei Jahren in den Steinschlag geriet. In den nächsten Jahren werde ich schon bei den Fixseilen und dann auf dem finalen Dach ankommen. Und schlimmer noch: diesmal wird es keinen Abstieg mehr geben - die Tour wird auf dem 4478 Meter über Meer liegenden Gipfel enden, und nicht erst halb vorüber sein.
Abbildung 9
Zurück zum angedachten Thema: Wir nähern uns zahlenmässig im Alter mehr und mehr einander an, sonst werden aber die Unterschiede zwischen den Menschen bestehen bleiben. Und auch unsere Eitelkeit wird Fortbestand haben. Ich kann mir vorstellen, dass sich in einem Altersheim für Tausendjährige die folgende Szene abspielen wird.
Eine immer noch relativ rüstige 899-Jährige, nennen wir sie Doris, ehemalige Schweizer Schönheitskönigin, der man ihre Schönheit immer noch ein wenig ansieht, spricht hinter vorgehaltener Hand zu einer anderen ehemaligen Schönheit, 897-jährig, und in einem gewissen Sinn auch noch immer schön, nennen wir sie Michelle - also Doris spricht zu Michelle über eine andere, auch sehr alte, aber in dieser Szene etwas abseits stehende Frau und sagt: "Schau mal Angela da drüben, total uncool ihre Frisur, nur noch drei Haare auf dem Kopf und diese total ungepflegt". Zu sagen dass Doris und Michelle immer noch zehn, respektive elf Kopfhaare haben. Und im Club der Vierzehnhundertjährigen machen sich zwei Herren lustig über Ueli, weil dieser für den Weg von der Toilette zurück in den Aufenthaltsraum statt der üblichen zwei Stunden deren geschlagene drei braucht. "Äs mag aber öü wirkli nimme!"
Ein durchaus menschliches Verhalten, das diese Leute hier zeigen (die Namen sind willkürlich gewählt worden, und könnten durch die deiner Freunde ersetzt werden). Es entspricht der menschlichen Natur, sich stets mit Seinesgleichen zu vergleichen, und man ist froh, wenn man in seiner Peer-Group zu den Besten zählt. Und dies war schon damals am Schulkinderrennen in Gspon so.
Da kommt einem unwillkürlich das folgende Sprichwort in den Sinn:
Au royaume des aveugles les borgnes sont roi.
Im Reich der Blinden ist der Einäugige König.
Dieses Sprichwort ist mathematisch gesehen eine Herausforderung und juckt mich MGM (Möchte-gern-Mathematiker) unter den Fingern. Das heisst, ich stelle mir ernsthaft die Frage, ob diese Aussage irgendwie allgemeingültig und ein für alle Mal bewiesen werden kann.
Etwa so:
Im Reich der 2-Äugigen ist der 3-Äugige König.
Im Reich der 3-Äugigen ist der 4-Äugige König.
Und allgemein:
Im Reich der n-Äugigen ist der n+1-Äugige König.
Bei solchen und ähnlichen Problemen bedient man sich in der Regel des Beweisverfahrens der vollständigen Induktion.
Dieses Verfahren, das wir damals bis in tiefe Nächte hinein geübt haben, funktioniert wie im folgenden beschrieben.
Induktionsanfang:
Man zeigt, dass die Aussage in einem konkreten Fall gilt, zum Beispiel: die Summe der ersten zehn natürlichen Zahlen ist
1 + 2 + 3 + ... + 9 + 10 = 0.5 * 10 * 11
Dies lässt sich leicht von Kopf oder mit irgendeinem komplizierten Taschenrechner überprüfen.
Dann zeigt man, dass die Aussage, unter der Annahme, dass sie für n Elemente gelte, auch für n+1 Elemente gilt. Und hat man diesen letzten, schwierigsten Teil erfolgreich überstanden, kann man folgern, dass die Aussage in jedem Fall gilt (Induktionsschluss).
Da Sprichwörter im Prinzip wahr sind, gilt der Induktionsanfang. Diese Behauptung lehrt uns der gesunde Menschenverstand - ein paar Beispiele:
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm (es sei denn man wohne im sehr steilen Walliser Dorf Isérables).
Am Abend wird der Faule fleissig (unter der Voraussetzung, dass nicht schon andere die ganze Arbeit getan haben).
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr (es sei denn er besuche Kurse der Erwachsenenbildung, oder könne mit Google oder mit Wikipedia umgehen).
Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (hier gilt es, die Dimensionen der Grube zu überprüfen - eventuell Volumenformel für Prisma oder Zylinder wiederholen).
Also der Induktionsanfang wäre mit gutem Gewissen gemacht. Wenn ich jetzt annehme, dass im Reich der n-Äugigen der n+1-Äugige König ist, gilt doch zwangsläufig, dass im Reich der n+1-Äugigen der n+2-Äugige König ist. Schlicht und überzeugend kann ich ja ganz einfach n+1 durch a substituieren, und n+2 durch a+1 und den ganzen Spruch nochmals vor mich herplappern.
Nach einer fast schlaflosen Nacht mit vielen Gedanken an meinen Beweis muss ich sagen, dass das mit der Substitution Humbug war (Humbug gemäss DUDEN, Das Herkunftswörterbuch ist: „Aufschneiderei, Schwindel, Unsinn“: Das Wort wurde im 19. Jh. aus gleichbed. engl. humbug entlehnt, einem Slangwort unbekannter Herkunft). Die wissen also auch nicht alles. Meine Aussage müsste man wohl beweisen, wie man allgemein beweist, dass n + 1 grösser als n ist. Also auf beiden Seiten 1 dazuzählen. Jetzt werde ich wieder in Ruhe schlafen können.
Ich bin einigermassen stolz auf die Klarheit meiner Gedanken, und darauf, dass mir der Beweis derart leicht gefallen ist. In Zukunft kann also gesagt und darauf aufgebaut werden, dass im Reich der n-Äugigen der n+1-Äugige König ist. Dies will aber nicht heissen, dass draussen in der Natur und Realwelt, sagen wir mal in einem theoretisch möglichen 112-Äugigen-Reich, plötzlich ein 112-Äugiger König ist, vielleicht weil dieser besonders schlau ist, oder weil der im System vorkommende 113-Äugige eher doof ist. Dies sind aber rein theoretische Annahmen, sie entsprechen in keiner Weise unserer Voraussetzung und können deshalb ad acta gelegt werden.
So weit so gut. Wenn du mit dem gegenwärtigen Stand der Überlegungen und Ableitungen jetzt zufrieden bist, so sagt das doch einiges über dich aus. Du scheinst zu denjenigen zu gehören, die mit relativ bescheidenen Resultaten zufrieden sind. Echt wache Geister müssen sich doch hier die Frage stellen, ob die Aussage mit den Blinden und Einäugigen nicht auf eine noch höhere Abstraktionsstufe gehoben werden kann, etwa im folgenden Sinn:
In einer Menge, in der alle Elemente bis auf eines n Qualitäten haben, ist das Element ausgezeichnet, das n+1 Qualitäten hat.
Wenn du jetzt glaubst, dass ich dir den Beweis so mir nichts, dir nichts liefere, so täuschst du dich gewaltig, denn ich werde hier nicht bezahlt, um alle deine Probleme zu lösen. Ich stelle ihn als Hausaufgabe für Morgen. Wer ihn nicht liefern kann, fliegt raus, muss mit Sanktionen rechnen, oder muss den Satz "Ich weiss, dass ich nichts weiss" eine von mir noch zu spezifizierende Anzahl Male abschreiben.
Ich gebe dir aber hier doch ein paar Hinweise, wie du vielleicht vorgehen könntest. Du erstellst erstens mal eine Sammlung von Aussagen wie:
Im Reich der 999-Füssler ist der 1000-Füssler König.
Im Reich der eineiigen Zwillinge ist der zweieiige Zwilling König.
Im Reich der Zweiräder ist das Dreirad König.
Gerade mit dem letzten Beispiel solltest du einen entscheidenden Schritt weiter kommen. Mein Lehrer Kollege, der selber ein begeisterter Mathematiker und Velofahrer ist (zwar nur Mountainbiker), könnte dir hier im Zweifelsfalle weiter helfen. Dieser Kollege hat dieses Jahr schon x (bitte, unten als Kommentar ergänzen) Höhenmeter abgespult, was beweist, dass Mathe und Sport doch sehr stark ineinander greifen.
Dies beweist auch die folgende Tatsache: Auf meiner letzten Tour hatte ich meine Uhr verloren. So trage ich jetzt mit Stolz die Golduhr, die mein Vater damals zum fünfundzwanzigsten Arbeitsjubiläum erhalten hatte. Er war 58-jährig. Und ich bin jetzt auch 58-jährig. Was ja alles toll zu diesem Thema passt.
Bei diesem Geschreibsel ist mit eine fantastische Idee gekommen, hoffe nur, dass sie mir niemand wegschnappt. Ich werde hier in Bälde einen Online-Shop einrichten (mit Jimdoo kann man das relativ leicht), und Visualisierungen vom gelebten und noch vor einem liegenden Lebensabschnitt zum Kauf anbieten. Vieles wird möglich sein, hier nur so ein paar Ideen, neben denen, die ich schon für mich angefertigt habe:
- eine entsprechend gefärbte Bratwurst
- ein angebissener Apfel, bei dem die hinter einem liegenden Jahre schon volumengetreu weggebissen wurden
- Ein Zebra mit entsprechend gefärbten Streifen
- Der entsprechend eingefärbte tägliche Arbeitsweg
- und, und, und ...
Alles wird ansprechend gestaltet und vielleicht mit einem ewigen Kalender verbunden werden. Die Berechnungen werden mit GeoGebra sehr einfach in eine massstabgetreue Konstruktion umgesetzt werden können.
Da wir an unserer Schule einen 3D-Drucker besitzen, sind die Möglichkeiten schier unbegrenzt:
- Eine Tasse, in der die Flüssigkeit die noch vor dir liegenden Jahre symbolisiert
- Eine Hose mit proportional eingefärbten Hosenbeinen
- Eine Bürste (auch Zahnbürste) mit entsprechend herausgeschnittenen Borsten
Gerade entsprechend gestaltete Gegenstände des täglichen Gebrauchs wirken sehr meditativ. Sie werden dir täglich vor Augen führen, wie kurz das Leben doch ist. Mein Angebot wird sich stark nach deinen Wünschen richten. Das einzige, das du mir liefern musst ist das Geburtsjahr, und die von dir gewünschte, angestrebte, erwartete oder irgendwie erahnte Lebensdauer.
Meine Preisvorstellung ist so ein Schweizer Franken pro Visualisierung. Spezialwünsche werden berücksichtigt aber auch dementsprechend in Rechnung gestellt werden.
Kurz nach Publikation dieses Artikels hat mich schon jemand gefragt, ob ich nicht seinen Gartenschlauch nach meinem System perforieren könne. Ein kürzlich pensionierter Lehrer (62-jährig mit einer mit meiner Spezialformel errechneten Lebenserwartung von 67), wollte wissen, ob sich nicht alle seine Fenster bis fünf Zentimeter unterhalb des oberen Randes mit schwarzer, wasser- und lichtresistenter Farbe einfärben liessen. Mir ist bewusst, dass ich mit meinem Angebot schon auf recht sonderbare Wünsche, aber auch persönliche Schicksale stossen werden.
Ablehnen werde ich natürlich Anfragen die meinem ästhetischen und ethischen Gefühl widersprechen, oder die sonstwie gesundheitsschädigend sind (Tattoos, Piercings, Zahnentfernungen, ... um nur einige zu nennen).
Jetzt muss ich mich aber endgültig von meiner Tastatur losreissen, sonst wird es noch zu bunt ...
Vor gut zwanzig Jahren habe ich längere Zeit als Animator in einem Altersheim gearbeitet. Mein Gott, war ich da noch ein guter Mensch! Und das schlug sich natürlich auch in dem nieder, was ich schrieb. In der Zwischenzeit bin ich mehr und mehr in die Welt der Computer abgetaucht und habe dort fast jedes Gefühl für Romantik, Naturschwärmerei und Minnegesang verloren. Häufiges Bergsteigen und Klettern und ein paar damit verbundene Erlebnisse haben dem Menschen, der ich mal war, den Todes Stoss versetzt. Das hat dazu geführt, dass ich heute in meinen Berichten fast nur noch Schabernack „zum Besten“ gebe. Überzeuge dich selber. Damals (1989) konnte ich noch über Zärtlichkeit im Altersheim schreiben, und zwar so:
Zärtlichkeit ist etwas Zartes, Sanftes, Feines, vielleicht sogar etwas Zerbrechliches. Etwas bedächtig berühren, halten oder streicheln - von jemandem liebevoll angeschaut werden - ein nettes Wort für dich oder mich. Wo Zärtlichkeit verschenkt oder empfangen wird, ist dem Menschen wohl. Man kann zärtlich mit selbst umgehen. Schön ist die Zärtlichkeit dem Mitmenschen und Mitgeschöpf gegenüber, und ebenso schön ist die zärtliche Begegnung mit der Umwelt. Wo Zärtlichkeit gedeiht, wird Frieden geerntet, Grobheit entlarvt, Ausbeutung überwunden …
Wo kann Zärtlichkeit wachsen? - Wo Menschen frei sind, frei von anerzogenen Hemmungen; wo Menschen spontan sind in der Zuwendung dem Mitmenschen gegenüber; wo Menschen nicht immer fragen: Geziemt sich dies, wie reagiert der andere auf meine Zuwendung? Das Umfeld ist wichtig. Ich denke an meine Einsatzzeit im sambischen Busch. Busch heisst für mich: unvorstellbare Weiten, Stunden auseinanderliegende einfach Häuschen, vor denen sich Menschen abends am Feuer wärmen, Stille, Gemächlichkeit, Studenten, die Hand in Hand im Schulareal spazieren. … Und dann zurück in der Schweiz: Menschen, die auf asphaltierten Strassen zwischen Betonblöcken von Ereignis zu Ereignis hasten, Stress, Effizienz über allem, schreiende Reklamewände, Fernseher, Musikberieselung, Lautsprecher überall, Oberflächlichkeit, Reizüberflutung, Autoschlangen im hintersten Bergdorf.
Das Zarte kann nur wachsen, wo es von wachem Auge wahrgenommen, von sanfter Hand als etwas Wertvolles gehegt wird.
Kein zärtlicher Einstieg in der Schweiz …
Seit eineinhalb Jahren bin ich in einem Alters- und Pflegeheim tätig. Das Altersheim für viele eine Einrichtung, die traurig stimmt, mit der man sich aus Angst vor dem eigenen Alter nicht auseinandersetzt; das Altersheim als Folge ungesunder Gesellschaftsstrukturen. Ins Altersheim geht man nicht, so wie ein Freiwilliger nach Afrika geht. Für viele ist der Eintritt ins Heim nicht das Aufschlagen einer neuen Seite im Lebensbuch, sondern das Schliessen des Buches überhaupt. Angehörige erzählen ihrer Grossmamma irgendeine erfundene, besänftigende Geschichte, bevor sie im Altersheim abgegeben werden. Kein zärtlicher Einstieg! Das Altersheim mit seinen Menschen ist ein Abbild unserer Gesellschaft, und doch ist es anders. Ein Heimbesuch ist wie ein Abstecher in die Vergangenheit.
Zurück in Afrika …
Wenn ich mit den Heimbewohnern arbeite, fühle ich mich eher in Afrika als in der Schweiz. Plötzlich ist Händchenhalten wieder erlaubt. Spazieren mit einer älteren Frau im Park, plaudern, Zeit haben füreinander ist wichtig, genauso wichtig wie die Arbeit der Buchhalterin, des Gärtners. Ältere Menschen sind für Körperkontakte empfänglicher als junge. Und so sagte mir kürzlich eine Pensionärin: „Ich gäbe Ihnen gerne ‚as Muntzi‘, wenn ich dürfte.“
Für Menschen, die ihr Dorf ein Leben lang nie verlassen haben, ist die Übersiedlung in ein Heim gerade so schwierig wie der Einstieg für einen Interteamler in einem afrikanischen Dorf. Und doch finden sich einige Bewohner erstaunlich gut in der neuen Situation zurecht. Bald ist ein neuer Freund gefunden, mit dem alle Sorgen geteilt werden können. Es ist ergreifend, wie sich ältere Menschen aneinander heften, sich gegenseitig stützen und trösten. Der Schwache hilft dem Schwächeren. Ein Mann verzichtet auf die Teilnahme an Freizeitanlässen, weil er einem blinden Mitbewohner Gesellschaft leisten will. Die gemeinsam im Tea-Room regelmässig verbrachte Teepause hat oberste Priorität.
Andere werden mit der Institution nicht fertig. Sie kapseln sich ab, sterben. Eine Frau klagt immer wieder, sie möchte heim zu ihren Eltern, die schon lange tot sind - Sehnsucht nach einer in der Kindheit erlebten Zärtlichkeit? Ein 65-jähriger Mann war nach dem KNIE-Besuch plötzlich verschwunden. Nach Stunden des Suchens stellte sich heraus, dass er heim zu seiner betagten Mutter gefahren war, - wer kann ihn auf seiner Suche nach mütterlicher Zuneigung und Wärme nicht verstehen?
So bin ich in meiner Arbeit oft Zeuge von tiefen, menschlichen Grunderfahrungen, die mich mehr oder weniger zärtlich berühren. Im Altersheim geht es ums Legen wie sonst wohl nirgends. Es wohnen dort Menschen, die in ihrer Jugend Traumschlösser geträumt, die während ihrer besten Jahre Häuser gebaut, Kinder grossgezogen, Karrieren gemacht haben, die sich beim Eintritt ins Heim von all dem trennen müssen.
Zärtlichkeit als Dank …
Als Animator werde ich mit Zärtlichkeiten überhäuft. Die Heimbewohner haben viel, viel Zeit für mich. Jede Abwechslung nehmen sie dankbar entgegen. Da gibt’s ab und zu einen klatschenden Kuss auf beide Wangen. Oder ich werde schmerzlich liebevoll an meinem Bart gerupft. Mit dem Alter lässt man einige Hemmungen fallen, die unser Leben oft so eintönig und mitmenschlich kalt werden lassen. So ist der Zugang zu älteren und behinderten Menschen eigentlich einfach. Wieder werde ich zärtlich berührt, wenn ich erfahre, wie leicht sich einige Pensionäre für Dinge, die sie nie in ihrem Leben getan haben, gewinnen lassen. Mit grosser Selbstverständlichkeit und Hingabe wird an der Malstunde, an der Musiktherapie, am Schattenspiel teilgenommen (hin und wieder auch nur, um mir einen Gefallen zu tun - Zärtlichkeit?). Eine schwerst behinderte Frau, die kaum den Arm bewegen kann, macht mit strahlendem Gesicht beim Alterstturnen mit. Ich bin betroffen - für sie ist dies wohl gelebte Zärtlichkeit. Ich fühle mich auch zärtlich in meiner Arbeit unterstützt, wenn sich Heimbewohner noch genau daran erinnern, was wir vor Monaten miteinander zum Mittagessen gekocht haben …
Zärtlichkeit - die grosse Kleinigkeit …
Zärtlichkeit hat sicher auch mit Anteilnahme am Schicksal und Wohlbefinden des anderen zu tun; sich dem Mitmenschen interessiert zuwenden, ihm zuhören, ihn erzählen lassen. Jeder Schritt aus der eigenen Isolation heraus führt in diese Richtung. Ich erlebe immer wieder ältere Menschen, die sehr aufmerksam registrieren, was um sie herum geschieht. Ihr stilles Dasein täuscht. Wir setzen es mit Passivität gleich und meinen, unsere eigene Aktivitätssucht sei alles. Ältere Menschen haben viel Zeit, die sie nicht irgendwie nutzen müssen. Das Kleine, Unscheinbare, Zarte gewinnt an Bedeutung.
(Erschienen in „AUSTAUSCH“, Entwicklungsdienst durch Freiwilligen-Einsatz, INTERTEAM, Luzern, Dezember, 1989)
Eines hat man im Militär gelernt: die Leuchtgamasche ist am rechten Bein zu tragen. Ist ja auch logisch, denn in der Schweiz fährt man auf der rechten Seite. Das heisst man läuft und marschiert auf der linken Seite und trägt damit die Gamasche am rechten Fuss. Wobei sie am rechten Fuss links innen zu heften ist. Und dies gilt es jetzt, wo man wieder hin und wieder nachts auf befahrenen Strassen joggt, zu beachten. „Links gehen - Gefahr sehen“, lautet der weise Spruch. Doch was wenn es links ganz arg in eine Schlucht hinunter geht, und gleichzeitig von rechts ein heftiger Wind weht? Schon in diesem Fall gilt es zu überlegen, ob man sich nicht gescheiter der Gefahr eines unkontrolliert von hinten nahenden Fahrzeuges aussetzt. Die an und für sich leichte Frage des Wo-Gehens, auf die die Armee eine für alle Zeiten gültige Antwort gefunden hat, erreicht ungeahnte Komplexitätsstufen, wenn man bedenkt, dass vielleicht von rechts jederzeit eine Lawine herab donnern kann. Oder wie ist es bei Steinschlaggefahr? - Schleicht man da nicht gescheiter einer bergseits erstellten Mauer entlang, auch wenn man sich dabei auf die rechte Strassenseite begeben muss? Man sieht, dass sich der vorsichtige Wanderer auch in scheinbar einfachsten Situationen allerlei Fragen stellen muss, und dass so einfach im Grunde nichts ist, und dass die einfachsten Regeln einen ganz schön ins Verderben führen können. Ist es überhaupt gescheit, in engen Kurven auf der linken Seite zu marschieren? - Was man aber sicher nie machen sollte: morgens mit dem linken Bein aufstehen. In einigen Ländern ist es eine arge Beleidigung, wenn man jemand die linke Hand hinstreckt, weil diese landesüblich für andere Dinge gebraucht wird. Doch was, wenn jemand nicht zwischen RINGS und LECHTS unterscheiden kann? - Ich mache immer das Kreuzzeichen - dann weiss ich, welches die rechte Hand ist. Da ist eben diese Dualität, die manch einem zu schaffen macht. Heisst das walliserdeutsche Wort „ambrüf“ nun „hinauf“ oder „hinunter“, eben „ambri“, oder ist es gerade umgekehrt? Und meine Schüler können sich hin und wieder nicht merken, ob der Tangens lautet „Gegenkathete geteilt durch Ankathete“, oder ob dies vielleicht der Kotangens ist. Und dann kommt das Zeichen für männlich (Mars) und weiblich (Venus), und das übliche Hin und Her nimmt seinen Fortgang. Da ist es mit den bestimmten Artikeln, „le“ oder „la“, im Französischen schon viel einfacher - einfach das Gegenteil von dem sagen, was man als richtig hält, dann ist es richtig. Hingegen ist es bei der abgebildeten Kuh wieder schwieriger. Gut wenn sie in Richtung des fliessenden Wassers läuft, ist das orografisch linke Horn das kürzere. Doch was, wenn sie rückwärts einen Berg hochläuft? Was glüclicherweise weniger häufig vorkommt.
In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts war Peter Müller ein bekannter Schweizer Skirennfahrer. Er hat vieles gewonnen, wurde aber auch regelmässig von der Walliser Skilegende Pirmin Zurbriggen in Grund und Boden gefahren. Müller war bekannt für sein grosstuerisches Gehabe. Deshalb war er im Wallis nicht nur Sympathieträger. Einmal beobachtete er, wie Jesus irgendwo über einen See marschierte. Sogleich tat er es ihm gleich, und es gelang ihm nicht einmal schlecht. Zufälligerweise schauten ihm dabei ein paar Walliser zu. Ich weiss nicht mehr genau, ob sich diese auf dem Matterhorn, in der internationalen Raumstation ISSS oder auf einem hohen Turm befanden. Jedenfalls schüttelten sie ganz heftig den Kopf, als sie sahen, wie Peter Müller so mir nichts dir nichts über das Wasser wandelte, und sie sagten zueinander: „Nicht einmal schwimmen kann er!“ (Nid amal schwimmu cha’s!).
Man kann es nicht anders sagen: im Moment werde ich von einer unglaublichen Serie von Ereignissen heimgesucht, die man schlicht und einfach als Pech bezeichnen muss. Doch alles schön der Reihe nach, und zwar in zeitlich richtiger Folge.
Heute bin ich mit den Tourenskis von Ried-Brig auf den Rosswald hoch gelaufen, und zwar über den bekannten 36er Weg, der sehr oft auch von Schneeschuhläufern begangen wird. Hier herrscht zwischen Tourern und Schneeschuhläufern noch ein gutes Einvernehmen. Man nimmt aufeinander Rücksicht. Bergauf hat Vortritt. Man grüsst einander. Und der Langsamere macht dem Schnelleren Platz. Nur selten ein Hieb mit einem Stock, ein Fusstritt oder ein böses Wort. Und äusserst selten landet einer nach einer kurzen heftigen Auseinandersetzung im wilden Tobel. Der Grund für die Wiederholung dieser in letzter Zeit oft gemachten Trainingstour war, dass ich sie gestern auch gemacht hatte. Gestern war ich aber nicht alleine sondern mit meinem Touren- und Lehrerkollegen S. unterwegs, und zwar abends gegen acht Uhr. Und dieser Kollege schlug von allem Anfang an ein schroffes, ja horrendes Tempo an, weil er für die Patrouille des Glaciers trainiert, und da muss man halt schnell laufen können, wenn man nicht der letzte sein will. Es gelang mir gut, mich auf das Tempo einzustellen - ich versuchte einfach, sauber und energiesparend zu gehen und mich nicht zu verkrampfen. Immer schön einen Fuss vor den anderen setzen, und dies tausendmal wiederholen. So stellte ich nach einer gewissen Zeit mit Freuden fest, dass ich noch Kraft- und Luftreserven hatte. Und so nahm ich mir denn für heute vor, diese Zeit deutlich zu unterbieten, ja sozusagen zu pulverisieren, um damit der Jugend zu zeigen, dass wir doch auch noch jemand sind. Ich vermied es peinlichst, während des ganzen Aufstiegs auch nur einmal auf die Uhr zu schauen, und meinte: Doch, es läuft gut, ich werde bestimmt zwei-drei Minuten schneller sein als gestern - nur eine Minute schneller, käme schon einer kleinen Enttäuschung gleich. Immerhin hatte ich heute im Gegensatz zu gestern auf das Tragen langer Unterhosen verzichtet, und das müsste sich bestimmt positiv, das heisst negativ, auf die Zeit auswirken. Und schon war ich auf dem Rosswald am Ort der üblichen Zeitnahme. Von da weg war ich ein gebrochener Mann - vier Minuten länger als gestern ... Was zum Kuckuck war nur los mit mir? Ich verstand die Welt nicht mehr. Vom Rosswald weg zum Fülhorn hinauf zog ich mich ganz in mich zurück. Ich bin kein Schnell-Tourer, meine Kernaufgabe auf dieser Welt sind doch seit früher Kindheit an die langen Touren. Sollen doch die, welche wollen, patrouillieren und dabei noch salutieren oder in Formationen marschieren. Die Patrouille des Glaciers ist doch nichts für Leute, die eine positive, das heisst negative Einstellung zur Schweizer Armee haben. Und so begann ich ab dem Rosswald auch, betont bergsteigerartig, eben so wie ein Bergbauer, den Hang hoch zu marschieren, wobei mein gebeugter Gang ab und zu so stark war, dass meine Nase fast die Skispitze berührte. So erreichte ich schlussendlich einen Ort, wo es an der Zeit war umkehren. Starker Sturm war in der Zwischenzeit aufgekommen, und die Zeiger meiner Uhr rückten schon gegen fünf abends. Mit einer Mischung aus Leichtigkeit, Freude, Schwermut und Melancholie schweifte mein Blick noch einmal über die schönen Berge und in das dunkle Tal hinab, bevor ich in schneller Fahrt zu meinem Ausgangspunkt zurückkehrte. War schlussendlich doch der Verzicht auf die langen Unterhosen der Grund meiner Misere gewesen?
Am gleichen Tag hatte ich schon morgens um acht oder neun Uhr ganz gehörig Pech gehabt. Verträumt und halb noch nicht da war ich dabei, mein Frühstück einzunehmen, als sich plötzlich im Westen der Mond in schönster Pracht zeigte. Nicht mehr ganz voll aber immer noch recht rund schwebte er über dem Tannenwald und schickte sich an, sich für den schon angebrochenen Tag zu verabschieden. Diese Stimmung galt es unbedingt, mit meiner Kamera einzufangen. Würde ich mit dem Teleobjektiv bei diesen klaren Sichtverhältnissen vielleicht sogar den Mann im Mond einfangen können? (Schon gewusst, dass man in Afrika nicht den Mann im Mond sieht, sondern die Jungfrau mit dem Kind? - so ist es, und so habe ich es selber schon gesehen). Bis ich das Stativ aufgestellt, die Kamera darauf justiert und die nötigen Einstellungen vorgenommen hatte, begann sich der Mond schon ganz bedenklich dem Horizont zu nähern. Wohl würde ich für den perfekten Schnappschuss einmal mehr zu spät sein. Doch ich schaffte es. Und dass sich der Mond schon halb hinter dem Wald versteckte, quälte mich nicht weiter - die Bäume im Vordergrund würden dem Bild die nötige Tiefe verleihen. Mit Eile und grosser Vorfreude schickte ich mich sogleich an, den Schnappschuss an meinem PC zu betrachten. Welche Enttäuschung und Ernüchterung! - Nein ich hatte nicht - wie damals mit meinen Eltern in London ein ganzes Wochenende lang - ohne Film fotografiert, schlussendlich leben wir auch im Oberwallis in einer digitalen Blase. Alles war eigentlich quasi perfekt eingestellt und geregelt gewesen, das heisst: für meine Begriffe perfekt - Blende 8, Verschlusszeit 1/250, und so weiter. Und jetzt stellt Dir vor, und da muss doch von grossem Pech gesprochen werden, just während dieser 1/250 Sekunde an diesem langen Tag, hatte es sich irgendein Fasan, Hahn oder Schwan erlaubt, vor meinem Mond vorbeizufliegen, um mein Bild unwiederbringlich zu ruinieren. Den ganzen langen Tag über hätte dieses Poulet Zeit gehabt, vor dem Mond spazierenzufliegen - aber nein! - den heutigen Hühnern fehlt es eben gegenüber wohlmeinenden Fotografen einfach an jedem Respekt. Natürlich habe ich noch versucht, das blöde Viech mit allerlei erdenklicher Software wegzuretouchieren. Vergeblich! - was dabei herauskam, war höchstens ein zusätzlicher hässlicher Mondkrater, und solche hatte es auf dem Bild beileibe schon viel zu viele. Auch wenn ich hoffe, jetzt wenigstens nachgewiesen zu haben, dass unser Nachbargestirn doch bewohnt ist, und dass da unter Umständen allerlei Zeug herumfliegt, bin ich halt doch enttäuscht. Und ich bin fast sicher, wenn ich nächstes Mal ein so tolles Mondbild vor meine Linse kriege, wird da bestimmt ein UFO mit freundlich lächelnden und winkenden Jupiter-Bewohnern vorbeiflitzen. Pech ist halt Pech.
Nächste Episode ein Tag zuvor. An der Schule war ich so freundlich gewesen, dass ich mich spontan bereit erklärt hatte, zwei Stunden mit meinem Kollegen abzutauschen, das heisst: ich war einverstanden gewesen, meinen einzig freien Tag in der Woche (neben zwei anderen) freiwillig zu unterbrechen, um in Visp zwei Stunden unterrichten zu gehen. „Fünf Minuten vor der Zeit, ist die rechte Pünktlichkeit“ - sagte ich mir, wie auch ein Bergkollege oft zu sagen pflegt. Nein, ich war sicher nicht zu spät, wie ich überhaupt nie im Leben zu spät bin und auch in Zukunft nie sein werde. Ich war fünf Minuten zu früh auf dem Bahnhof und auf dem entsprechenden Perron. Und so freute ich mich denn, als ich endlich in den schnittigen Zug einsteigen konnte. Nur war dieser dann halt doch etwas zu windschlüpfrig, um nur von Brig nach Visp an die Arbeit zu fahren. Visp war schneller erreicht als zu Fuss, und auch noch zweihundert Meter vor dem Bahnhof machte der elegante Zug mit der schönen Innenausstattung überhaupt keine Anstalten um anzuhalten. „Next Stop Raron“, stellte ich mir vor. Weit gefehlt - der nächste Halt war erst im entsetzlich weit entfernten Sitten. Von dort ging es mit dem Regionalzug gemütlich zurück an meinen Arbeitsort. Meinen Auftritt als Lehrer hatte ich natürlich verpasst, die Schüler machten eine ganz finstere Miene, und der Direktor fing an, einen ganz grossen roten Klecks in mein Personaldossier zu malen, während er sich in seinem weichen Bürosessel übertrieben lässig zurücklehnte. Der Abstecher in die Welschschweiz hatte mir wenigstens gezeigt, dass dort die Klettergärten schon vollkommen trocken sind. Und während mich mein Chef ernsthaft ermahnte, sah ich mich in Gedanken eine dieser Routen hochklettern, nur um in der ersten Schlüsselstelle wieder hinunter auf den harten Boden zu fallen.
Das vierte Missgeschick war irgendwie komisch. Ich hatte der Kantonspolizei einen langen Brief geschrieben und sie inbrünstig gebeten, mir eine Parkbusse auszustellen. Ich muss vorausschicken, dass ich unser Auto fast nur für den Sport brauche, und ohne Auto kann man heute kaum mehr Sport treiben. Vor vier-fünf Tagen war ich wieder mal nach Ried-Brig gefahren, um meine Rosswald Tour unter die Füsse zu nehmen. Ich parkierte dort, wo alle immer parkieren, und wo auch ich schon seit Jahren immer parkiere, nämlich an einem falschen Ort. Blöderweise hatte ich unbedachterweise auch noch einige wenige Nanometer innerhalb eines Fahrverbotes parkiert, und das kostete mich eben die Fahrverbotsbusse von hundert Franken und nicht die mickrige Parkverbotsbusse von vierzig Franken. Daher mein langes Gesuch an die Polizei. Aber auch die Busse hat ihre gute Seite. Die schreiben einem ja so freundlich, dass man eine Bedenkfrist von dreissig Tagen habe, und dass, wenn man zahle, die Busse dann rechtskräftig werde. Nun, ich war bald einmal ausbesonnen, und dass die Busse rechtskräftig wird, will ich eigentlich auch nicht. Schön für die Gemeinde, dass sie am kritischen Ort in letzter Zeit so viel Geld erwirtschaften konnte. Ich bin sicher, dass sie das Geld irgendwie sinnvoll einzusetzen wissen, wessen ich mir aber nicht so sicher bin.
Und nochmals Pech: Mein Skischuh drückt mich schon seit eh und je, und zwar dergestalt, dass ich jeweils zweifränklergrosse Blasen bekomme. Nach der kleinsten Tour ist der rechte Fuss jeweils ruiniert. Er hat mir meine letzten Ferien quasi vermasselt, weil wir schon am ersten Tag eine Tour gemacht haben, und dann anschliessend der Blasen wegen keine mehr möglich war. Ich habe wirklich alles mit diesen Schuhen probiert (zum Beispiel einkilogrammschwere Ravioli Konservendosen in die Schuhe drücken und alles zwei-drei Wochen stehen lassen). Alles hat nichts genützt. So griff ich halt schlussendlich nach radikaleren Methoden, das heisst zu meinem Militärmesser von anno dazumal, und schnitt sämtliche Polsterung im kritischen Bereich heraus. Mit grossem Erfolg: der rechte Fuss, mit dem ich so grosse Probleme hatte, schmerzt mich jetzt überhaupt nicht mehr. Dafür ist die Reibstelle jetzt am linken Fuss, und zwar an genau der Stelle, wo sie vorher am rechten Fuss war, am linken Fuss aber nicht war. Ironischerweise hatte ich diese Schuhe am gleichen Ort und am gleichen Tag wie meinen neuen Rucksack gekauft. Dieser ist angenehm schmal, was in vielen Fällen von Vorteil ist. Er ist aber auch idiotisch lang. Und wenn man etwas sucht, ist dies systembedingt und mit hundertprozentiger Sicherheit immer zuunterst im Sack. Und so ist es.
Da all diese Geschichten so furchtbar wahr sind, erinnere ich mich gerne an ein E-Mail, das mir das liebe Dorli, das damals zur gleichen Zeit und mit der gleichen Organisation wie ich in Sambia war, vor ein paar Tagen geschickt hat. Dort steht folgende schöne Geschichte, die einem über vieles hinweghilft:
Eine chinesische Geschichte erzählt von einem alten Bauern, der ein altes Pferd für die Feldarbeit hatte. Eines Tages entfloh das Pferd in die Berge, und als alle Nachbarn des Bauern sein Pech bedauerten, antwortete der Bauer: „Pech? Glück? Wer weiss?“ Eine Woche später kehrte das Pferd mit einer Herde Wildpferde aus den Bergen zurück, und diesmal gratulierten die Nachbarn dem Bauern wegen seines Glücks. Seine Antwort hiess: „Glück? Pech? Wer weiss?“ Als der Sohn des Bauern versuchte, eines der Wildpferde zu zähmen, fiel er vom Rücken des Pferdes und brach sich ein Bein. Jeder hielt das für ein grosses Pech. Nicht jedoch der Bauer, der nur sagte: „Pech? Glück? Wer weiss?“ Ein paar Wochen später marschierte die Armee ins Dorf und zog jeden tauglichen jungen Mann ein, den sie finden konnte. Als sie den Bauernsohn mit seinem gebrochenen Bein sahen, liessen sie ihn zurück.
War das nun Glück? Pech? Wer weiss?
Natürlich hat man auch wieder für dieses neue Jahr zahlreiche gute Vorsätze gefasst. Man hat sich vorgenommen, weniger Süssigkeiten zu essen, öfter mit dem Fahrrad nach Visp zur Arbeit zu fahren
und viel netter zu den Mitmenschen zu sein. Man ist jetzt schon ein wenig stolz darauf, sich während der ersten paar Tage des Jahres mehrheitlich an die Vorsätze gehalten zu haben. Auch sportlich
habe ich mir natürlich einiges vorgenommen. Ich will mich im 2012 öfter in einem Klettergarten üben und versuchen das Kletterjahr 2011, wo ich 54-mal klettern ging (kein Spitzenresultat in meiner
Kletterkarriere), zu toppen. Auch hoffe ich, im kommenden Jahr endlich mal den einarmigen Klimmzug an unserer Reckstange zu schaffen. Im Moment gelingt es mir relativ leicht, mich an drei Fingern
hochzuziehen. Die drei Finger gehören aber nicht zur gleichen Hand, wonach man eben noch lange nicht von einem einarmigen Klimmzug sprechen kann. Und dann gibt es natürlich einige alpinistische
Ziele, die einem fast Tag und Nacht vor Augen schweben, und die man in den nächsten Monaten sehr gerne erreichen würde. Man tut aber gut daran, sich betreffend solchen Zielen nicht zu outen, weil
dies naturgemäss ganz gehörig in die Hosen gehen kann. Aber ein wichtiges Ziel ist schon, stets gesund und munter wieder heimzukehren. So wie sich das Wetter in diesen ersten paar Tagen des
Jahres anlässt, gibt es aber mehr als berechtigte Zweifel, ob man überhaupt eines dieser Ziele erreichen wird oder nicht. Zumindest besteht Grund zur Hoffnung, dass unsere Berge bis weit in den
Sommer hinein gut eingeschneit sein werden. Damit wird die eigentlich Hochtourensaison wohl spät im Sommer erst anfangen. Andrerseits kann man hoffen, dann wenigstens auf den Gletschern gute
Verhältnisse antreffen zu können. Habe mich im neuen Jahr schon ein paarmal bei miesesten Verhältnissen im Klettergarten aufgehalten. Auch mit Skis getourt haben wir schon vier-fünfmal. Wenn ich
mit meinem Kollegen S gehe, gibt es nach jeder sportlichen Aktivität jeweils ein paar Stangen Bier. Und am folgenden Tagen hat man ein blödes Hirn, das von einem brummenden Schädel umschlossen
wird. Hätte ich mir doch für dieses nun laufende Jahr nur vorgenommen, keinen Alkohol mehr zu trinken und ganz auf ihn zu verzichten. Jetzt ist es aber für diesen Vorsatz leider schon viel zu
spät, und dies bedaure ich sehr. So bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als ihn auf das Jahr 2013 zu verschieben. Auch den Vorsatz mit dem eingeschränkten Süssigkeitskonsum und den mit dem
Nett-Sein zu den Mitmenschen werde ich 2013 viel konsequenter umsetzen. Dieses Jahr habe ich bisher eigentlich nur den Vorsatz mit dem Fahrrad voll und ganz eingehalten, was aber auch nicht so
schwer war, denn die Arbeit hat auch noch gar nicht angefangen.
Weil einige meiner Lehrerkollegen jetzt jedes Jahr älter werden, hatten wir kürzlich eine Informationsveranstaltung zum Thema „Pensionskasse“. Diese fand in der Berufsfachschule Oberwallis auf dem Briger Bildungshügel statt. Hügel haben es an sich, dass man sie auf irgendeine Art erklimmen muss, bevor man oben ist. Ich war wie fast immer mit meinem Drahtesel unterwegs, und wie fast immer war ich etwas spät dran. So musste ich die steile Burgschaft hinauf gehörig pedalen, um meine Ziel doch noch einigermassen termingerecht zu erreichen. Unterwegs begegnete mir die Bekannte, die mich seinerzeit in Sambia besuchte, und die jetzt ob meinem jugendlichen Schwung zu staunen schien. So rief sie mir denn zu: „Dü bischt ja no zwäg wie an Zwanzigjährige!“, was wohl nicht auf Hochdeutsch übersetzt werden muss. Jedenfalls freute mich das Kompliment. Mit zusätzlichem Elan schaffte ich die verbleibenden Höhenmeter. Im Vortrag wurde bestätigt, was zu befürchten war: Wir werden immer älter - je länger desto weniger Leute zahlen in die Pensionskassen ein - diesen geht langsam das Geld aus - wir müssen noch länger arbeiten. So wurde manch einer unter uns während den Ausführungen des Referenten trübsinniger und trübsinniger. In solchen Augenblicken sieht man plötzlich alles negativ. Ich sei noch in Form wie ein Zwanzigjähriger! - ist doch gar kein Kompliment, sondern eher eine spöttische Aussage. Bin ich denn jetzt schon so alt, dass ich mich nur noch wie ein Zwanzigjähriger bewege? Diese kommen in ihren komischen Hosen doch kaum mehr vom Fleck, nehmen morgens und abends für den einkilometerlangen Schulweg den Ortsbus und verbringen ihre freien Tage vor allem in horizontaler Lage. Da bin ich doch ganz anders gelagert: in meiner Freizeit kann das Gelände nicht vertikal genug sein. Ich gehöre noch zur Generation, die einen quer über den Weg liegenden Baumstamm locker überspringt oder ihn wegräumt. Nie würden wir da unten durchkriechen oder heim zur Mamma laufen. Darum möchte ich inskünftig schon nicht mehr mit einem Zwanzigjährigen verglichen werden. Meine Vorbilder sind vierzig- oder fünfzigjährige Triathleten, die gerade ihren zweiten Frühling durchleben und ungeahnte Kräfte in sich entdecken. Pensionskasse hin oder her - viel wichtiger als ein geruhsamer Lebensabend mit viel Geld, dass man jeden Monat in seinen warmen Stubenfinken an der Haustür vom Pöstler abholt, sind mir Abenteuerlust und Können bis ins hohe Alter. So hoffe ich denn sehr, noch lange nicht so wie ein Zwanzigjähriger zu werden. Dies wird mir auch erlauben, den von uns allen weggaloppierenden Pensionierungszeitpunkt doch noch einholen zu können.
Als langjährigen Alpinisten ist uns bekannt, dass manche Tour mit den allgemeinen und örtlichen Wetterbedingungen steht und fällt. In der Regel verlassen wir uns auf den Wetterbericht. Nun ist eine richtige Interpretation von dem, was gesagt und gezeigt wird, gar nicht so leicht. Ich meine, man muss auch zwischen den Zeilen lesen können, oder besser gesagt: man muss die nonverbalen Signale der schönen Ansagerinnen richtig interpretieren. Kann man das nicht, besteht die Gefahr, dass die Tour buchstäblich ins Wasser fällt. Aufgrund präziser Beobachtungen und Aufzeichnungen während Jahren habe ich die folgenden Regeln entwickelt:
- Man kann darauf gehen, dass das Wetter eine Stufe schlechter sein wird, wenn die Ansagerin während der Prognose allzu freundlich lächelt - also statt Sonne, Regen - statt Regen, Schnee - statt Schnee, Hagel - statt Hagel, Überschwemmungen und landesweite Erdrutsche.
- Schaut sie ernst und finster drein, wird auch das Wetter nicht viel besser sein.
- Wenn sie häufig gähnt, bleibt das Wetter wie am Tag zuvor erwähnt (in der Regel föhnig, zumindest schwül).
- Niesst die Kleine in die Kamera, sind Gewitter auch bald schon da (jedenfalls vor Erreichen des Gipfels).
- Schweisstropfen auf Stirn und Wangen - im Studio ist es heiss in allen Belangen.
- Kratzt sie sich hinter den Ohren, werden die Wildbäche ganz gehörig rumoren..
- Auch regelmässiges Nasenbohren führt auf der Bergtour zu kalten Ohren.
- Spielt die Ansagerin mit den Haaren, ist es Zeit, an den Strand zu fahren.
- Dampfet vor dem Studio der Mist, kühles Wetter ist.
- Lokale Prognose: Wirkt Bucheli müde und matt, geht nach Zermatt (oder Kühmatt, oder Escholzmatt).
- Wenn in Zürich die Lawine kracht, im Wallis die Sonne lacht. Oder:
- Wenn im Wallis die Sonne scheint, in Zürich der Himmel weint. Aber nicht:
- Wenn in Zürich die Sonne scheint, im Wallis ein Gewitter kracht (reimt sich nicht, und gibt es nicht).
- Wenn am einunddreissigsten eine leichte Bise weht, der Monat bald zu Ende geht.
- Wenn es am Silvester schneit, ist Neujahr nicht mehr weit.
Mein heutiger (virtueller) Tourenkollege heisst Hans. Mit ihm bin ich früher oft in die Berge gegangen. Er war mir haushoch überlegen, kletterte eine 7c+ und liess sich von keiner noch so steilen Eiswand zurückschrecken. Vor ein paar Jahren hatte ein einziges „Ja“ sein Leben grundlegend verändert. Und mit diesem Ja traten an Stelle von Pickel und Seil … Laufgitter, Küchenschürze und Staubsauger. Seine einzige Abwechslung heute: ein halbstündiger Sonntagnachmittags Spaziergang nach opulentem Essen. Gut für ihn, dass er sich wenigstens auf seinem Hometrainer und mit allwöchentlichem Staubsaugen seiner zugegeben stattlich grossen Willa etwas in Schwung hält. Und sonst sind Rasenmähen, Jäten, Heckenschneiden und Grillieren draussen sein einziger Freizeitinhalt. Fast hätte ich seinen wöchentlichen Gang mit dem prallgefüllten Abfallsack zur Kehrichtsammelstelle vergessen - immer am Dienstag, wie er mir voller Stolz erklärte. Vor vier Wochen sei er arg aus dem Konzept geraten, weil aus einem, niemandem im ganzen Quartier bekannten Grund der Kehricht erst am Mittwoch abgeholt worden sei. Diese Unregelmässigkeit hätte nicht nur ihn, sondern mit ihm seine Ehefrau und überhaupt den ganzen Haushalt aus dem Konzept und gewaltig in Schräglage gebracht, von der er sich erst jetzt richtig zu erholen beginne. Insofern sei er sehr dankbar, mit mir diese Tour machen zu können. Damals gemeinsam überstandene aber leider längst vergessene Abenteuer kämen einem doch wieder in den Sinn. So sinnierend und philosophierend wurde er aber bald wieder von der Gegenwart eingeholt. Das mit dem Abfall hätte doch auch seine guten Seiten gehabt - sehr interessante Gespräche bei der Sammelstelle hätten sich ergeben. Franz, seinerseits stolzer Willabesitzer im besten Alter, sei fast ausser sich geraten und hätte mit einem Leserbrief in der Lokalzeitung gedroht. So was sei früher doch nie vorgekommen, und das seien doch Zustände wie im fernen Tschakiristan. Frieda hätte eher besänftigend gewirkt und gesagt, dass die Jungs doch ihre Arbeit täten, und dass so etwas doch auch in der Schweiz mal vorkommen könne. Sagte dies und räumte mit grosser Vorsicht und einer gewissen Zärtlichkeit ein Birkenblatt weg, das sich seit gestern auf ihrem satten Rasen niedergelassen hatte. Dieses fallende Laub mache einem das Leben jetzt im Herbst auch nicht einfacher, lallte sie irgendwie geistesabwesend vor sich hin. Das Kehricht-Sack-Thema hatte seine Brisanz und begann mit zunehmender Höhe auch mich zu interessieren. Derweil achtete ich stets darauf, dass mein Kollege auch mit seinem in den letzten Jahren beträchtlich an Volumen gewachsenen Hinterteil die schwierigen Passagen mit Sicherheit meistern konnte. Eine halbe Stunde später war ich dann aber doch froh, dass mein Kollege das Thema wechselte und begann, über das Wachstum des Rasens zu sprechen. Dass dieses bedeutend langsamer sei als letztes Jahr, auf der anderen Seite aber doch deutlich schneller als noch vor drei Jahren. Auch müsse nun viel öfter bewässert werden, und dass es eigentlich eine Frechheit sei, dass für das Sprinkelwasser nun so viel bezahlt werden müsse. Dass er für den amtierenden Stadtrat deswegen bei den nächsten Wahlen sicher nicht mehr stimmen werde. Mein Kollege ereiferte sich ob des angeschlagenen Themas derart, dass er wiederholt in Atemnot geriet, und ich um seine Gesundheit bangen musste. So war ich ein zweites Mal froh, dass er, wieder eine halbe Stunde später, und nun bedeutend weiter oben, begann, von einem ganz anderen und ihn eher beruhigenden Thema, dem von ihm beobachteten Bewegungsmuster der Schnecken in seinem Garten, zu sprechen. Das Thema schien in sichtlich und spürbar zu besänftigen, so dass er mehrmals genügsam in sich hinein zu schmunzeln schien, und darob gar nicht merkte über was für dünne Schneebrücken wir uns bewegten. Schlussendlich erreichten wir beide glücklich und froh den strahlenden Gipfel mit der prächtigen Rundsicht. Dort wies ich ihn noch ein paar Mal darauf hin, dass wir uns eigentlich in einer phantastischen Bergwelt und nicht in seinem Gemüsegarten aufhielten. Da auch dies ihn nicht von seinem Alltag abzulenken schien, traten wir kurz darauf eine stiebende Pulverschneeabfahrt an.
Keiner wird mir glauben, dass ich anfangs Dezember zweimal im Bitschji klettern gegangen bin. Ins schattige Bitschji geht man sonst im Sommer, wenn man auf der Suche nach einem kühlen Ort ist. Jetzt ist aber anfangs Dezember, und heute kommt der Nikolaus. Wenn ich Warmduscher und Kälteflüchter anfangs Christmonat im kalten Bitschji klettern kann und dabei nicht einmal friere, muss doch etwas mit unserem lieben Klima nicht stimmen. Es ist höchste Zeit, dass wir Klimasünder endlich aufwachen. Aufwachen sollten aber auch die Politiker und anderen massgebenden Leute, die zurzeit in Durban tagen und über die Zukunft unseres Planeten „beraten“.
Wobei meine Generation, das heisst die um die Mitte des letzten Jahrhunderts geborene, wahrscheinlich noch zu den letzten Nutzniessern des Klimawandels gehört. Denn wir brauchen in den nächsten Jahren wohl bedeutend weniger Heizöl; unsere Auslagen für warme Stubenfinken werden drastisch sinken; und wir werden vor allem mitten im Winter im Bitschji klettern gehen können. Das soll einen doch auch ein wenig fröhlich stimmen. Da sich gewisse negative Prozesse in der Natur jedoch auch schon kurzfristig zu Ungunsten der Menschheit aufschaukeln können, besteht mindestens eine gewisse Möglichkeit, dass auch wir älteren Semester einer Kapriole der Natur wegen schon in absehbarer Zeit ins Gras beissen müssen. Und das wäre hart und grotesk zugleich, vor allem wenn man sich ein Leben lang um einen liebevollen und schonenden Umgang mit der Natur bemüht hat. Sollte ich das Pech haben, einmal sterben zu müssen, möchte ich bestimmt nicht auf diese Art sterben. Da wäre mir ein ganz natürlicher und normaler Tod schon viel lieber.
Wobei es meine Generation, also die schon um die Mitte des letzten Jahrhunderts geborene, sonst auf dieser Welt eigentlich sehr gut erwischt hat. Wir sind die letzten, die in der Schule noch das Einmaleins gelernt haben, die schon in der Primarschule mit Brüchen rechnen konnten, die früh wussten, was ein Dreisatz ist. Vor allem haben wir auch so etwas wie Erziehung genossen und haben dabei gelernt, dass man während des Fussballspiels nicht auf den Rasen spuckt, dass man einander auf der Strasse grüsst und dass man älteren Leuten beim Tragen der schweren Einkaufstasche hilft.
Leider vergisst man oft, dass man fast überall zu den Privilegierten gehört. Auf der Welt leben wir in Europa, in Europa in der Schweiz und in der Schweiz im Wallis. Wir leben nicht mehr in der Steinzeit in Höhlen, auch nicht im dunklen Mittelalter und auch nicht während der Weltkriege. Zudem wurden die meisten von uns in gesunde Familien geboren, unsere finanziellen Verhältnisse sind in der Regel solide.
Und wenn uns etwas fehlt, ist es vielleicht nur, dass wir nicht fähig sind, im siebten Schwierigkeitsgrad zu klettern. Oder wir sind traurig, weil wir kurz vor dem Gipfel umkehren mussten. Oder weil der Schnee auf der Abfahrt nicht perfekt war.
Mein Vater lebte in der Jugend noch in einem furchtbar kalten Haus. Hin und wieder mussten er und seine Geschwister Hunger haben. Man kann sich fragen, wie wir uns heute das Paradies noch verdienen können.
Menschen, die auf Berge steigen, strahlen wie das Sonnenlicht. Menschen, die im Tale bleiben, verstehen ihre Sprache nicht.
Wie wahr! - Auf wie viel Unverständnis stösst man doch oft bei den besten Freunden, wenn man schon wieder in die Berge zieht. Und wie unbegreiflich ist es für uns, dass viele schon in einem halbstündigen Sonntagsspaziergang ihr Glück finden. Wie können wir denen, die im Tale bleiben, erklären, was uns die Berge bedeuten, wenn sie selber nie die Romantik eines Sonnenunterganges erlebt haben. Wenn sie nie das Knistern des Gletschereises unter den Steigeisen gespürt haben. Wenn sie nie nach stundenlangem Aufstieg auf einem strahlenden Gipfel angekommen und zu Tränen gerührt gewesen sind.
Im Prinzip ist die Sprache des Bergsteigers ja einfach. In ihrer Form entspricht sie irgendwie derjenigen zwischen Meister und Hund.
„Nimm Platz!“
„Spitz, daher!“
„Gib Pfötchen!“
Das heisst, sie ist auf das Nötigste reduziert und zweck- und situationsgebunden.
„Achtung Seil!“
„Stand.“
„Du kannst kommen!“
„Ich komme.“
„Ziuhui!“
Dass so oft das Wort „Achtung“ vorkommt, verstärkt den Im-Tal-Gebliebenen nur noch in seinem Vorurteil, dass es sich beim Bergsteigen um eine suspekte Aktivität handelt.
„Aaaaaachtung Stein!“
„Aaaaaachtung Spalte!“
„Achtung Seil!“
Unsere Sprache lässt den Unten-Gebliebenen rot werden, weil er nicht versteht, wovon wir reden.
„Du kannst kommen!“
„Ich komme.“
„Schööööön!“
„Nimm mich enger!“
„Oooo, Uuuu, Iiii, Eeee, Aaaa“, oder sogar
„Ohhh, Uhhh, Ihhh, Ehhh, Ahhh“
Und dann lässt die Sprache auch oft starke Gefühlsregungen vermuten.
„Wie schön!“
„Phantastisch!“
„Einmalig!“
„Welche Aussicht!“
Unter uns gibt es auch die ewigen Plauderer - vielleicht die neuen und unerfahrenen - die auf uns alten Berghasen mit einem nicht enden wollenden Wortschwall einreden und unnötig viele Worte brauchen, wo doch nur wenige nötig und erwünscht sind.
„Ich komme jetzt nach!“
„Ich habe Stand.“
„Wo ist denn um Himmels Willen der Griff?“
Da konnte ich vor ein paar Wochen von meiner Bergkollegin Birgit aus dem flachen Deutschland noch viel lernen. In Deutschland sagt man beim Klettern nicht „Lass mich hinunter!“ oder „Halte mich!“, sondern klipp und klar nur „zu!“. Da sind uns die Deutschen im Kurzreden überraschenderweise wirklich meilenweit voraus.
Am besten versteht man sich in den Bergen mit den Leuten, bei denen Worte überflüssig sind. Das verbindende Seil übermittelt alle nötige Information. Aus seiner Spannung und Bewegung kann man ableiten, wann der Partner den Stand erreicht hat, ob er sich gesichert hat, und ob man nachkommen kann.
Beim Final kürzlich in London war doch tatsächlich zu lesen: „Am achten Tag hat Gott Federer erschaffen.“ - Mein Gott, sind die bescheiden, diese Fans! - Es ist doch viel eher so, dass Federer Gott am Tag 0 erschaffen hat. Und dann erst nahm alles seinen Anfang. Ich bin erst so im dreizehn-milliardsten Jahr nach dem Urknall entstanden. Und jetzt heute bin ich hier. Welch ein Wunder! - So lange hat das Universum auf mich, und auch auf dich, gewartet. Dreizehn Milliarden Jahre funktionierte alles ohne jeden Menschen. Schon tausend Jahre sind sehr lang, für uns kaum fassbar. Tausend mal diese lange Zeit gibt eine Million Jahre, eine Dauer, die wir uns nicht mehr vorstellen können. Und jetzt nimmst du diese sehr, sehr lange Zeit tausendmal, und dann bist du bei einer Milliarde Jahren, was für sich alleine schon eine „Ewigkeit“ ist. Unser Universum besteht aber schon seit dreizehn solchen Ewigkeiten. Und genau heute und jetzt leben wir. Doch bald ist unsere Zeit vorbei, und das gute alte Universum wird Ewigkeiten weiter existieren. Es wird kaum so sein, dass dies alles nur für uns gemacht ist. Wenn ich drei Sachen wünschen könnte, wäre die erste vielleicht eine Bratwurst, die nächste wäre aber bestimmt „Zeitreisen machen können“. In tausend Jahr Schritten würde ich mich in die Vergangenheit und Zukunft beamen. Schauen und staunen, wie Berge entstehen und vergehen, und die kaum vorstellbare Schönheit all der vergangenen und künftigen Welten aufzunehmen versuchen. Unzählige andere jetzt in dieser Zeit bestehende Welten würde ich besuchen und nochmals über unendlich viele Formen und Farben staunen. Ich bin sicher, dass sich die kaum fassbare Schönheit unserer Bergwelt, von der man auch in einem ganzen Menschenleben nie genug bekommen kann, da draussen in den Unendlichkeiten des Universum millionen- und milliardenfach wiederholt. Und vieles wird von einer nicht vorstellbaren Schönheit, Vielfalt und Grösse sein.
Es ist leicht über Berge, Bergsteigen und Klettern zu schreiben, weil alles auf der Welt damit zu tun hat: die Steine, der Fels, das Wasser und das Eis - das Bergseil, der Pickel - die warmen Handschuhe und die Mütze - Adam Ondra, Messner und Roger Federer - Birgit, Benno und Marc. Wobei ich mich als Bergsteiger immer wieder frage, wieso ich überhaupt Fan von Roger Federer bin. Weder kenne ich ihn noch seine Schwiegermutter persönlich. Auch schaue ich mir höchst selten einen Tennismatch an, weil ich als Fan dann zu nervös werde. Und was bringt diese künstlich erzeugte Spannung und Nervosität? - eine unnötige Belastung des Nervensystems, schlaflose Nächte und Gereiztheit. Trotzdem möchte ich stets, dass Federer gewinnt, und mit grossem Interesse schaue ich mir jeweils die Resultate an. Und wenn er gewinnt, ist der Tag schon fast gerettet. Als Fan ist man sozusagen beim Sammeln von ATP-Punkten, von Grand-Slam Titeln und anderen Turniersiegen dabei. Wenn man halt selber auch eifrig Berggipfel und Kletterrouten sammelt, kann das ganz amüsant sein. Das Tennisspiel selber interessiert mich kaum. Ist doch irgendwie doof, nur so stundenlang einen Ball hin und her zu werfen. Wenn er im Netz landet, ist nicht gut, wenn er im gegnerischen Spielfeld landet, ist gut. Da ist das Bergsteigen halt schon um ein Vielfaches interessanter und abwechslungsreicher. Sich in der freien Natur bewegen, frische Luft atmen, jetzt im Winter die wärmende Sonne auf seiner Haut spüren und sich abends müde ins warme Bett fallen lassen. Nur dass man halt mit Bergsteigen und Klettern in der Regel keine Wurst, ja nicht einmal ein Weggli, verdienen kann, während Federer mit all seinem Geld schon fast nicht mehr ein und aus weiss. Wenn auch nicht im stillen Kämmerlein so findet unser Sport halt doch weit weg von den grossen Weltbühnen statt. Und das macht doch auch seinen besonderen Reiz aus. Wenn ich aber hier so Zeile um Zeile schreibe, und höchstens einer meiner auch nach einem Jahr nur zwei Newsletter Empfänger liest sie, ist das halt schon auch etwas ernüchternd.






















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