Brig - Chamonix (18.10.2011)

Kinder überhäufen einen oft mit Fragen. Wie hoch ist das Matterhorn? Wer hat den Everest als erster bestiegen? Ist es wahr, dass es da einen Yeti gibt? Warum wird man beim Wandern müde? Warum müssen wir schon wieder wandern gehen? - Als Lehrer bin ich ein professioneller Fragen-Beantworter.

 

In der Schule, und vor allem während des Mathe Unterrichts, werde ich von meinen Schülern hin und wieder gefragt: „Herr Lehrer, darf ich eine Frage stellen?“. Es ist schon so: wer keine Fragen stellt, bleibt ein Leben lang unwissend, wer eine Frage stellt, nur einen Moment. Aber diese eben formulierte Frage hat es in sich, einen ganz schön in Verlegenheit zu bringen. Wie kann man um etwas Erlaubnis bitten, wenn man es doch gerade ohne Erlaubnis tut? Gut, im Prinzip ist es ja erlaubt, im Unterricht Fragen zu stellen, und wenn der Schüler die in Frage stehende Frage stellt, übertritt er keine Anordnungen oder Regeln. Seine Frage ist dann auch bald beantwortet: Ja, Sie dürfen eine Frage stellen. Und, weil er sie gestellt hat, und von mir die Antwort auch schon erhalten hat, ist das Problem erledigt. Schlimmer wäre die Situation, wenn aus einem gewissen Grunde vorübergehend keine Fragen gestellt werden dürften, und der Schüler stellt die Frage, ob er eine Frage stellen dürfe. Egal, was ich ihm dann sage: er hat die Regeln verletzt. Eine erzieherische Sanktion muss eingeleitet werden. Wenn man nicht Fragen stellen darf, bleibt einem nichts anderes übrig als zu schweigen.

 

Jeder Mensch stellt sich ständig Fragen. Warum gehen wir in die Berge? Ist es noch weit bis zum Gipfel? Wann gibt es endlich ein Bier? - So stelle auch ich mir viele Fragen. Was ist wohl die dunkle Materie? Sind wir Menschen alleine im Universum? Gibt es Parallelwelten und -universen? Warum bin ich überhaupt ich und nicht du? Wo liegt der Sinn des menschlichen Daseins? Warum lässt Gott dies alles zu? Wo ist er überhaupt?

 

Und da ist natürlich die grosse Frage, die mich schon einige Zeit beschäftigt. Eigentlich ist es meine letzte Frage - zumindest was das Bergsteigen anbelangt. Es stellt sich mir dann direkt die Vor-Frage: darf man diese Frage überhaupt öffentlich stellen? Ich habe es mir schon oftmals überlegt. Nur schon durch das blosse Stellen von Fragen kann man sich ja ganz schön ins Abseits manövrieren. Für einige ist es auch provokativ, wenn man gewisse Fragen stellt. Und selber will man ja auch nicht unbedingt als verrückt, albern und verschroben bezeichnet werden. Darum lasse ich es mit dem Formulieren meiner letzten Frage hier wohl am besten sein. Ist aber auch schade, denn ich habe einiges unternommen, um eine gute Antwort auf sie zu finden. Und seit gestern weiss ich nun die Antwort, und das freut mich - zumindest meine ich, die Antwort zu kennen. Da meine Frage aber so komisch ist, kann man die Antwort auf sie auch nie mit Sicherheit im Voraus wissen. Es sei denn, man probiere es selber aus, das heisst, man geht ins Feld und macht einen typischen Feldversuch. Damit ist das Thema hier beschrieben und für mich erledigt. Zusammenfassend also: ich habe mir oft eine Frage gestellt und jetzt habe ich die Antwort gefunden.

 

Du kommst dir jetzt vielleicht etwas verschaukelt vor. Immerhin hast du bis hierher gelesen, und jetzt weisst du nicht viel mehr als am Anfang. Dich zu verärgern war aber gar nicht meine Absicht, und so mache ich halt nochmals eine Anstrengung und komme auf meine Frage zurück. Für mich besteht damit das nicht ganz kleine Risiko, inskünftig als einer angesehen zu werden, der nicht alle seine - was ist es schon wieder? - ach ja: einer, der nicht alle seine Tassen im Schrank hat. Ich teile dir heute freilich nur meine Frage mit, die Antwort bekommst du aber nicht. Wenn schon die Frage absurd ist, setzt man sich mit einer unüberlegten Antwort noch viel mehr in den Schnittlauch.

 

Hier also jetzt meine Frage. Sie hat eine gewisse Geschichte hinter sich. Und ich habe einige Stunden mit Recherchieren, Kartenstudium und Planen verbracht. Eigentlich hat sie sich mir schon damals beim Aufstellen meiner Gipfelliste gestellt - also vor vier Jahren, als ich begann, Berge direkt vom Bahnhof Brig aus zu besteigen. Damals tauchte sie aber nur als reine Witzfrage hin und wieder in meinen Hirnwindungen auf, und sie entlockte mir höchstens ein mitleidiges Grinsen. Doch wie dem so ist, sie stellte sich mir immer und immer wieder, und so begann ich nach zwei Jahren intensiven Tourens an einem langen Winterabend zu rechnen und zu planen. Bei einem solchen Projekt weitet sich halt der Horizont, ob man es will oder nicht. Und man macht Erfahrungen, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Die Planungsunterlagen hatte ich in der Zwischenzeit wieder verloren. Und so machte ich mich letzte Woche daran, nochmals zu rechnen und zu planen. Fazit: die Frage ist folgende:

 

Wäre es unter Umständen für jemanden möglich, wenn er dies zu tun gedächte und sich eines schönen Tages dann tatsächlich an die Ausführung seines Planes machte, den höchsten Berg der Alpen von Brig aus zu besteigen? Mit anderen Worten - und ohne rot zu werden: kann der Mont Blanc vom Bahnhof Brig aus nach meiner Methode, das heisst in einem Zuge, aber nicht mit dem Zuge, und ohne längere Pausen, bestiegen werden? - Und die zweite, für mich wichtigere Frage: Könnte eventuell auch ich einer von denen sein, die das schafften?

 

Diese Fragen sind seit gestern für mich keine reinen Hirngespinste mehr, und ich bin sehr froh, nun auch die Antworten zu kennen. Es handelt sich hier halt nicht um eine Frage wie: Kann man an einem Tag von Brig nach Rom laufen und am nächsten Tag wieder zurück. Nein, meine Fragen haben wenigstens eine minime Chance, mit einem klaren „Jein“ beantwortet zu werden. Und das macht sie auch spannend und interessant. Meine Antwort lautet: Sicher gibt es Leute, vorab jüngere und solche, die noch voll im Saft sind, die den Mont Blanc in einem Zug vom Bahnhof Brig aus zu Fuss besteigen können. Ob dies auch ältere tun könnten weiss ich nicht. Und, ob auch ich es tun könnte und mal versuchen werde, sag ich nicht.

 

Zur Wanderung von Brig nach Chamonix

 

Sie ist recht lang. Es sind mindestens 115 Kilometer abzuspulen. Zudem gilt es, 1945 Höhenmeter im Aufstieg und einige im Abstieg zu überwinden. Dies alles addiert sich zu 134 Leistungskilometern zusammen (die Abstiegshöhenmeter beziehe ich nie ein).

 

Schon kurz nach dem Abmarsch in Brig merkte ich, dass ich nicht von der Motivation, die üblicherweise von grosser Freude und ebensolchem Tatendrang hervorgerufen wird, getragen sein würde. Ich stellte mir vielmehr etwas resignierend die Frage: Wieso kannst du dich an diesem kalten Herbstabend nicht einfach wie alle anderen auch daheim ins warme Bett legen und dich dort wohlig recken und strecken? Wer sich da plötzlich in fast eisiger Nacht alleine wiederfindet, für den beginnen langweilige Gegenstände wie Stubenfinken, der warme Ofen, der Polstersessel und die Bettflasche derart ins Zentrum der Sehnsucht und Begierde zu rücken, dass er vergisst, wie stark er sich doch sonst daheim und im Alltag nach langen und besonderen Touren und Unternehmungen sehnt. Kurz später gehen dir die zweimal zwölf Stunden - einmal von Brig nach Martinach und einmal von dort bis Chamonix - während eines Bruchteils einer Sekunde durch den Kopf, und du fragst dich, wieso dir die Natur gerade dieses Schicksal beschert hat. Nach Sekunden der Selbstbemitleidung wird man aber realistisch und beginnt, das vorgegebene Programm nach bewährtem Algorithmus abzuspulen. Heute werde ich halt nicht von der Motivation zehren können, die mich kürzlich fast mit Leichtigkeit auf das Matterhorn hinaufgetragen hatte - also versuchen wir es mal mit Lockerheit und Zweckoptimismus. Und in der Tat begann ich kurz darauf so locker zu joggen, dass sogar die mir seit der späten Kindheit verbliebenen Zähne in ihren Halterungen zu wackeln begannen. Das Laufen ging jetzt sehr angenehm von statten, die Begleiterscheinung mit den Zähnen bereitete mir vorübergehend aber doch so viele Sorgen, dass ich kurz später entschied, ganz normal Richtung fernes Ziel zu joggen. Überhaupt meinte ich auch, dass es eine gute Lebensweisheit sei, sich selber nicht zu wichtig zu nehmen und dass es viel gescheiter sei zu bedenken, dass es auf dieser Welt viel grössere Probleme gebe, und so pluggte ich die Stöpsel meines iPods ein und hörte während Stunden Sendungen von „Wissenschaft aktuell“ zu …

 

Heute wird viel geforscht, um Geschirrspülautomaten leiser zu machen. Dies geschieht durch Beschichtung der Innenwände mit allerlei Materialien. Es ist wichtig, die Spülmaschine immer ganz zu füllen … In Deutschland gibt es auch je länger je mehr übergewichtige Leute. Kinder übergewichtiger Mütter sind schon prädestiniert, selber dick zu werden. Anscheinend spielt die Dünndarmflora eine wichtige Rolle beim Dickwerden. Dicke Leute sind einfach gute Verwerter. Sie sollten weniger essen. In Amerika lassen sich viele den Magen verkleinern. In Deutschland wird diese Massnahme noch nicht gerne von den Krankenkassen getragen … Vor fünfzig Jahren war Juri Gagarin der erste Mensch im Weltall. Die Amerikaner folgten nur ein paar Monate später. Heute arbeiten sie im Weltall stark zusammen ... AIDS ist schon dreissig Jahre alt. Heute muss man daran nicht mehr unbedingt sterben, und es gibt viele Therapieformen. Die ersten Patienten litten oft unter furchtbaren Geschwüren ... Die Rückbildung der Kernkraftwerke wird Summen in Milliardenhöhe verschlingen. Man rechnet mit zwanzig Jahren Arbeit, um nur ein einziges Werk abzureissen ... Japan pumpt zurzeit riesige Mengen radioaktiven Wassers ins Meer. Es ist übrigens nicht verboten, dies zu tun. Die Franzosen tun das gleiche in der Nordsee ... Bayern ist für die Endlagerung radioaktiver Stoffe nicht geeignet. Das sagen die Bayern. Deutschlandweit ist man anderer Meinung ...

 

Es ist im Nachhinein immer wieder interessant, wie man sich erinnert, wo auf dem Weg man was gehört hat. Diese Eigenschaft des menschlichen Hirns hat schon eine Schule der alten Griechen zum Auswendiglernen verwendet. Sie haben sich die Dinge, die sie behalten wollten, an die Wände geschrieben.

 

Mit Radiohören, Nachdenken, und allerlei anderem, mit dem man sein Hirn in einer langen Nacht noch beschäftigen kann, ging die Zeit schlussendlich recht schnell vorüber. Auch Geniessen, Staunen und Wohlfühlen sollten nicht zu kurz kommen. Auf dem ganzen Weg bis Martinach begleiteten mich der Mond und der hell leuchtende Jupiter (mit Fragezeichen), die sich an diesem Abend in genau die gleiche Richtung wie ich bewegten. Zwischen Leuk und Salgesch musste ich ein paarmal während längerer Zeit ins wildromantische Bett der Rhone schauen. Welche grandiose Stimmung. In Siders begeisterte mich der Gerundensee mit den vielen Lichtern, die ihn umgeben und sich in ihm spiegeln. Später setzte ich mich in finsterem Wald irgendwo an den Strassenrand, rollte mich fast wie eine Katze ein und fühlte mich so wohl wie eine solche. In diesen Momenten kann es einem so heimelig und wohl ums Herz sein wie daheim in seinem warmen Bett. Aber das musst du halt selber erfahren. Ich habe erkannt, dass es für Tiere eigentlich gar nicht so schlimm sein wird, irgendwo im Wald herumliegen zu müssen.

 

Geschicktes Rechnen mit der vor mir liegenden Distanz und den bereits bewältigen Kilometern erleichterten mir die Sache zusätzlich. Du läufst einen Kilometer, und schon hast du rund einen Hundertstel der Strecke gemacht. Dann hängst du noch eilig einen Kilometer an, und schon bist du bei einem Fünfzigstel. Du hast nur einen Kilometer mehr gemacht und den Bruch damit glatt halbiert. Und so geht es weiter. Und wenn du nahe am Strassenrand liegende Bäume beobachtest, siehst du, wie alles, das dahinter liegt, sehr schnell dahinfliegt. Das lässt auf eine hohe Geschwindigkeit schliessen und ermuntert dich zusätzlich. Weit wegliegende Dinge, wie zum Beispiel die hohe Antenne von Guttet-Feschel mit ihrem roten Blinklicht, die schon vor Visp ins Blickfeld rückt, darfst du einfach nicht beachten. Da kannst du Stunden und Stunden laufen und kämpfen, und das Ding ist immer gleich weit weg. Doch nach dreissig Kilometern bist du endlich auf gleicher Höhe mit ihm. Und du bist sehr, sehr froh, obwohl du eigentlich nur einen willkürlichen Punkt überschritten hast. Und später schaust du dann immer wieder zurück, und suchst die Ferne nach diesem roten Licht ab. Wie gut es dann tut zu sehen, wie weit weg der Punkt jetzt schon wieder ist. Dazwischen liegen aber viele Stunden unermüdlichen Laufens.

 

Zwischenzeitlich stellt man sich natürlich die Frage, ob man nicht gescheiter, so wie damals Columbus, von allem Anfang weg die andere Richtung den Globus herum gelaufen wäre, um nach diesem verflixten Chamonix zu gelangen. Auf alle Fälle konnte ich mir vor dieser Unternehmung nicht vorstellen, dass es auf dieser Welt Orte wie Chamonix gibt, die so weit von Brig entfernt sind. War für mich total undenkbar gewesen. Und so suchte mein Geist verbissen nach einer Erklärung. Der Grund musste in der Form unseres lieben Kantons Wallis liegen. Dieser ist damals bei der Erschaffung der Welt halt nun mal sehr gross geraten. Was für einen Läufer nun extrem blöd ist, ist die extrem geringe Breite des Wallis. Breite und Grösse in Kombination - und das hat man damals noch in der Schule gelernt - führen, ohne dass man es will, zu einer sehr langen Länge. Ich muss sagen, dass mich diese Länge im Verlaufe der Nacht schon etwas missgestimmt hat. Und so entschloss ich mich in den frühen Morgenstunden in Martinach dann konsequenterweise und recht spontan, dieses Gebiet so schnell wie möglich zu verlassen, und bog recht brutal nach Süden ab.

 

Und dabei rühmte ich mir ein paar Schritte weit noch die Form des Kantons Bern. Dieser ist zwar auch sehr gross und noch grösser als der Kanton Wallis, dagegen weist er aber eine viel vernünftigere Breite auf, was ihn konsequenterweise nicht so extrem lang macht. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass es sich beim Kanton Bern um ein den Bedürfnissen des modernen Weitwanderers angepassten Kanton handelt. Wobei seine Umrissform andrerseits nicht unbedingt als sehr schön bezeichnet werden kann. Sie wirkt ganz im Gegenteil schon fast so etwas wie lachhaft. Ganz anders die Linie unseres schönen Kantons Wallis. Sie muss unseren Primarschullehrer von vor fünfzig Jahren so stark fasziniert haben, dass er sich davon sogar einen riesigen Stempel hat anfertigen lassen. Und mit diesem abrollbaren Stempel liessen sich im Nu Abdrucke des Kantons erstellen. Diese mussten wir Kinder dann immer wieder neu einfärben - mal mussten die Berge, mal die Flüsse und mal die Dörfer eingezeichnet werden. Das war noch wahrer Geographie Unterricht! Damit wurde man auch genau und nachhaltig auf diese Kantonsform geprägt. Man begann sie zu lieben, genau so wie man seine Mutter bis ins hohe Alter liebt. Erstaunlich, dass einem derart willkürlich entstandene Formen nur so gefallen können. Geht es euch Berner und Basler, ja sogar euch Appenzeller auch so, dass ihr eine starke Bindung zur Form eures Kantons spürt? Der Mensch empfindet alles als schön, auf das er geprägt wurde, oder das, was wirklich schön ist, wie zum Beispiel die Form des Matterhorns von Zermatt aus betrachtet. So kann auch als schön empfunden werden, was nicht wirklich schön ist. Doch was ist nicht wirklich schön? Und was ist wirklich schön? Wahrscheinlich ist alles schön. Wir sind geneigt zu sagen: Schönheit ist doch Geschmacksache. Damit erklären wir aber gar nichts. Wir erklären nämlich auch nichts, wenn wir für gewisse Ereignisse das Wort Zufall brauchen. Wir hangeln uns höchstens von einem Wort zum anderen verstehen aber nichts.

 

Und dazu gibt es noch eine kleine Anekdote aus meiner damaligen Zeit in Afrika. Ich war mit meinem belgischen Kollegen Robert unterwegs und wir waren auf der Suche nach ich weiss nicht was. Wir fotografierten dies und das, hier eine Landschaft, dort einen schönen Baum. Dann wurden unsere Sujets immer kleiner und kleiner, bis wir begannen, Steine und Grashalme und andere unscheinbare und unauffällige Dinge zu fotografieren. Nach und nach, und vor allem auch beim genauen Hinsehen und Sich-hinein-Geben in die Dinge kam uns alles so schön vor. Robert sprach, was wir beide empfanden, aus: Hier ist alles so schön. Und dabei war es nicht schöner als anderswo und nicht schöner als sonst - uns waren plötzlich einfach nur die Augen aufgegangen, und wir hatten Momente lang wirklich zu sehen vermocht. Beim Betrachten der geschossenen Bilder ein paar Wochen später sahen wir wiederum nur unscheinbare Steine und langweilige Halme, und all der Zauber war weg. Wir hatten das Sehen wieder verlernt. Kürzlich lass man im Walliser Boten von einem jungen Sportler, der von der hohen Ganterbrücke einen Pendelsprung gemacht hatte, bei dem beide Seile gerissen waren. Er war hundertfünfzig Meter in die Tiefe gestürzt und hatte dabei das Augenlicht verloren. Heute, ein paar Jahre nach dem Unfall, sagt er: Ich bin nicht blind, ich sehe nur anders.

 

Welch miese und dreckige Sache der Natur: Just dort, wo ich das Wallis Richtung Süden verlassen wollte, ist es extrem breit, so dass aus einem schnellen Abstecher nach Italien nichts, aber auch gar nichts wird. Und noch ein Irrtum: Im Süden liegt gar nicht Italien, wie manch einer angenommen haben wird, sondern nichts anderes als Frankreich. Fast war ich ein wenig verärgert wegen der Kriegslust meiner Ururahnen, die hier damals den Savoyarden in blutigen Schlachten so viel Land abgerungen hatten. Hätten sie dies nicht getan, wäre nämlich mein Weg nach Frankreich und damit nach Chamonix viel kürzer gewesen. So blieb mir aber vorerst nichts anderes übrig, als zwei Pässe zu erklimmen und den ersten wieder abzusteigen, um endlich mein angestammtes Heimatland zu verlassen. Als ich dann tatsächlich auf dem Col de Balme – dem zweiten Pass, der erste war der Col de la Forclaz – angekommen war und zugleich mit Freuden realisiert hatte, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben französischen Boden von Brig aus zu Fuss erreicht hatte, änderte sich blitzschnell meine Meinung über meine Ururahnen und ihr Kriegsgebaren. Hätten sie die Savoyarden damals doch noch weiter zurückgeworfen und auch dieses äusserst schöne Stück Bergwelt erobert! Die Bergwelt oberhalb von Chamonix ist nämlich schlichtweg ergreifend und nochmals von einer ganz anderen Dimension als bei uns im Wallis. Mein Blick fiel natürlich sogleich auf den Mont Blanc, den ich mir so lange herbeigesehnt hatte. Und dann wischte ich mir mal die erste Träne an diesem Tag aus den Augen. Wie nah ich dem Ziel meiner Träume jetzt doch nur schon war. Wenn man nun doch nur auf einer Himmelsleiter zu seinem Gipfel emporsteigen könnte! Und das ist halt jetzt das Perfide an der ganzen Geschichte: nun heisst es tief ins Tal hinuntersteigen, um von dort aus dem weit im Süden liegenden Chamonix zuzustreben. Und mit dem ist es immer noch nicht getan. Nach Chamonix muss man noch weiter nach Süden bis Les Houches wandeln, um dann von dort endlich den Weg hinauf zum Mont Blanc unter die Füsse nehmen zu können. An was hat der Schöpfer dieses Berges wohl nur gedacht, als er ihn erschuf? – Sicher nicht an die Person, die ihn, den Berg, eines Tages von Brig aus zu Fuss besteigen möchte. Denn er, der Bergsteiger, wird ihn, den hohen Berg, erst total rechts umgehen müssen, um ihn dann quasi von hinten, und damit etwas hinterlistig, angehen zu können. Damit wird der finale Aufstieg aber auch schon etwas vom Abstieg haben, bewegt man sich auf ihm, dem Aufstieg, doch in einem gewissen Masse schon wieder zurück in Richtung Wallis und damit in Richtung Ausgangspunkt.

 

Die zweite Träne an diesem Tag habe ich mir beim Anblick der Ortstafel von Chamonix aus den Augen gewischt. Ich hätte das Schild wohl so geküsst, wie ich auch schon Gipfelkreuze geküsst, habe, wenn es bloss nicht so schmutzig gewesen wäre. Und zudem waren da so viele Automobilisten unterwegs, die meine Geste nicht verstanden hätten, und die mich als total verrückt angesehen hätten, wenn ich das getan hätte.

 

Wenn man da so die letzten Kilometer Richtung Chamonix abspult, muss man sich einfach immer wieder hinsetzen, auch wenn man dazu nach der langen Wanderung gar keine Lust hat - man muss sich hinsetzen, um die Aiguille d’Argentière, dann les Drus und dann die Aiguille du Midi still zu betrachten und auf sich wirken zu lassen. Welch grosse Kraft sich in diesen Steinwelten manifestiert. Sie sind Zeugen einer sich stets im Wandel befindenden Welt. Es ist schwer sich vorzustellen, dass auch diese Kolosse kommen und gehen wie wir Menschen. Auch sie sind nur Moment Erscheinungen innerhalb eines ewigen Formens und Verwerfens. Nur unser Geist kann sie als schön und gewaltig erfassen - was an sich auch wieder ein Wunder ist. Ein Tier geht achtlos an ihnen vorbei, und auch der seiner Sinne und Wahrnehmungsfähigkeit beraubte Mensch.

 

Die Wanderung von Brig nach Chamonix hat drei Schlüsselstellen. Die schlimmste ist die kilometerlange, schnurgerade und stark befahrene Asphaltstrasse zwischen Saxon und Martinach. Schon für Velofahrer ist sie „tödlich“ weil nicht enden wollend. Als argloser Wanderer kommt man sich da bald einmal wie gefangen in einer Endlosschlaufe vor. Wer aber da durch ist, hat das Ziel praktisch erreicht. Als Belohnung für den bis da abgespulten Weg kannst du dir in der MM im Stadtzentrum ruhigen Gewissens Kuchen und Kekse und alles, was das Herz begehrt, gönnen. Ich hatte Lust auf ein richtiges Teigwarenmenu, und zwar schon morgens um halb neun Uhr. Der Koch wollte mir dies aber leider nicht servieren, obwohl schon alles tellerfertig bereit zu sein schien, weil warme Mahlzeiten erst ab elf Uhr serviert werden. Vernünftigerweise hatte ich mich ein paar Stunden vorher in Riddes schon mit einem grossen Apfelkuchenstück und einer heissen Schokolade vorbelohnt, weil anzunehmen war, dass ich die Killerstrecke ein paar Stunden später bewältigt haben würde.

 

Es gibt noch zwei weitere nicht enden wollende Strassenabschnitte auf dieser Wanderung. Einer davon sind die letzten paar Kilometer bis zum Ziel in Chamonix. Sonst ist die Wanderung aber weitgehend okay, obwohl sie mehrheitlich über Asphalt führt. Ich bin nicht mehr der Typ, der auf Wanderungen stets neue prachtvolle Szenenbilder aufgehängt bekommen muss, um glücklich zu sein. Schlechtes Wetter, Nebel, Asphalt, Tunnels, Dunkelheit und Kälte sind genau so spannend und wirken fast intensiver als ein stets blauer Himmel, tolle Fernsicht, wunderbare Herbstfarben und erhabene Berge. Die Schönheit ist nun mal überall verborgen. Bedenklich ist nur, wenn man auf der Spitze des Matterhorns sitzt und nichts mehr empfinden und ob der Schönheit unserer Welt nicht mehr staunen kann. Staunen und erschauern kann man aber auch auf einer langen Nachtwanderung. Dazu muss man sich hin und wieder aber ein wenig anstrengen. Im Verlaufe der Jahre schwindet unsere Fähigkeit zu staunen wohl ständig, weil man sich mehr und mehr an alles gewöhnt hat.

 

Mein aktueller Wandertipp

 

Vom Col de la Forclaz ins Tal absteigen und dann den Col de Balme übersteigen, um zu Fuss nach Le Tour zu gelangen. Ist landschaftlich sehr schön.

 

Aufruf

 

Jetzt suche ich jemanden, der mein Projekt in die Tat umsetzt, der also beweist, dass man den Mont Blanc von Brig aus zu Fuss besteigen kann. Mein Beitrag:

 

Ich werde ihm (oder ihr, wie im folgenden überall) meinen optimierten Track zur Verfügung stellen. Es gibt noch eine paar minime Verbesserungsmöglichkeiten.

 

Ich werde ihn von Les Granges aus, wo der eigentliche Gipfelsturm beginnt, begleiten und dabei die alpine Ausrüstung auf den Berg hinauf tragen.

 

Ich werde ihn vor allem auch von Brig aus mit dem Auto bis Les Granges begleiten, so dass er bis da in lockerem Lauftenue unterwegs sein kann und weder Proviant noch Getränke mitschleppen muss. Ich habe auf meiner Wanderung beispielsweise Wasser von Getwing (unterhalb von Gampel) bis hinauf auf den Col de la Forclaz und Sardinen von Martinach bis Chamonix geschleppt, was nun wirklich keinen Sinn ergibt. Ein Begleit- und Careteam wird für eine optimale Betreuung sorgen und die Wanderung von Brig nach Chamonix zu einer Genussveranstaltung machen.

 

Das Careteam müsste umfassen:

Drei Ernährungsberater (einer für das Morgen-, einer für das Mittag- und einer für das Nachtessen). Es müssen immerhin dreimal Nachtessen und zweimal Frühstück und Mittagessen bereit gestellt werden.

Sechs Masseure (einer für den rechten, einer für den linken, einer für den oberen, einer für den unteren, einer für den vorderen und einer für den hinteren Körperbereich).

Ein persönlicher Berater und Löser aller unvorhergesehen auftretenden Probleme.

Ein persönlicher Berater des unter dem vorhergehenden Punkt erwähnten persönlichen Beraters.

Ein Psychologe, ein Arzt, ein katholischer Geistlicher, ein Presseverantwortlicher und ein Belichtungsingenieur (letzterer wird dafür zu sorgen haben, dass der Ausdauermensch, um den es hier eigentlich geht, stets im richtigen Licht erscheint).

Ein Betreuer aller Betreuer.

Ein Betreuer des Betreuers aller Betreuer.

 

Ein detaillierter Zeitplan konnte auch schon ausgearbeitet werden. Die Idee mit dem Careteam ermöglicht es, einen engen Flaschenhals schon im Voraus aus dem System zu verbannen. Ohne Careteam und Begleitfahrzeugen muss nämlich unbedingt vermieden werden, dass der Läufer lange vor den Ladenöffnungszeiten in Martinach ankommt, und dort in der Folge lange tatenlos herumstehen muss. Mit Careteam ist man also so flexibel, dass man überall zu jeder beliebigen Zeit ankommen und wieder weiterlaufen kann. Mit einer Ausnahme: Der Startschuss in Brig darf auf alle Fälle nicht vor 19:00 Uhr erfolgen, weil das stark befahrene Strassenstück zwischen Leuk und Salgesch nicht zu früh in der Nacht begangen werden darf. Dort gibt es nämlich nicht überall Ausweichmöglichkeiten. Alle Pausen inbegriffen sieht der Marschplan schlussendlich also wie folgt aus:

 

Brig ab 19:00 Uhr

Martinach ab 08:00 Uhr

Les Granges an 17:00 Uhr

Les Granges ab 19:00 Uhr

Cabane de l’Aiguille du Goûter an 24:00 Uhr

Cabane de l’Aiguille du Goûter ab 02:00 Uhr

Mont Blanc an 06:00 Uhr

Nid d’Aigle an 13:00 Uhr


(Die Zeit zur Cabane hoch und die Gesamtabstiegszeit muss noch experimentell überprüft werden. Die anderen Zeiten beruhen auf persönlichen Erfahrungen)

 

Fazit für dich

 

PACK ES!

 

Ein Nachtrag

 

(für alle, die sich über solche Dauerveranstaltungen aufregen)

Einige hören nicht auf, über diejenigen zu spotten, die dem Immer-weiter-immer-höher-immer-schneller frönen. Diesen empfehle ich, diesen Bericht einfach gar nicht zu lesen. Ich habe die Bemerkung bewusst nicht an den Anfang gestellt, weil diese Leute den Bericht dann erst recht gelesen hätten, um wieder über einen wehklagen zu können, der nicht immer die üblichen Wege geht. In den Bergen soll doch vieles Platz haben. Man erinnert sich noch gut an die Kritik und Empörung, die die ersten Sportkletterer oder die Veranstalter der ersten Skitourenrennen von den „Altmodischen“ ernteten, die noch mit roten Kniesocken und Edelweiss am Hut in den Bergen unterwegs waren. Wobei ich sagen muss, dass auch ich in diesem altmodischen Bergsteigen noch lange die Idealform jeglicher sportlicher Betätigung in den Bergen sah. Nun, die Zeiten haben sich geändert, und sie ändern sich immer wieder. Man muss sich doch gegenseitig nichts missgönnen. Ich bin ja auch nicht neidisch, wenn jemand extrem genussbetont durch die schöne Bergwelt wandern kann, eben so wie ein Minnesänger im romantischen Mittelalter - ein Liedlein vor sich hin pfeifend und den Wanderstock wie Charly Chaplin schwingend, hier ein Blümlein beschnuppernd und dort einem Vöglein lauschend.

 

Hier noch eine Geschichte aus der Zeitung

 

(Walliser Bote vom 18.10.2011)

„100-Jähriger läuft Marathon

TORONTO: Ein 100-Jähriger hat am Sonntag am Marathon von Toronto teilgenommen und sich einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde gesichert. Fauja Singh überquerte die Ziellinie verständlicherweise nach mehr als acht Stunden als Letzter, räumte dennoch einen Weltrekord ab: Der Inder ist der älteste Läufer, der jemals einen vollen Marathon absolviert hat. ‚Er ist überglücklich‘, erklärte sein Coach und Dolmetscher Marmander Singh. ‚Er hat sich einen lebenslangen Wunsch erfüllt.‘ sda/dapd“

 

Und dabei hatte ich immer die Meinung, die Inder seien mehrheitlich nicht so sportlich. Acht Stunden ist gar nicht so schlecht.

 

Der Bericht ist recht lang geworden, weil auch meine Wanderung recht lang war. Tatsächlich war es meine längste bisherige Unternehmung auf zwei Beinen. Am Schluss fühlte ich mich erstaunlich gut. Und auch am darauffolgenden Tag hatte ich nicht das Gefühl, am Tag zuvor etwas Besonderes getan zu haben. Eine Sehne am rechten Fuss hat mir auf der Wanderung aber ein grosses Problem beschert. Ich hatte den Schuh zu eng geschnürt, und die Reibung in Verbindung mit der Kälte hat zu einer Entzündung geführt. Und ich Depp habe das erst zu spät bemerkt. Das aus der Entzündung resultierende Jucken hat über weite Strecken zu einer echten Schmälerung des Genusses geführt. Abgesehen von den ausbleibenden Nachwehen war auch der Aufstieg zum Col de Balme ein Highlight für mich, weil ich ihn sehr schnell und leichten Fusses bewältigen konnte. Erstaunlicherweise ist auch mein Gewicht auf dieser Wanderung absolut konstant geblieben. Der Mensch muss gar nicht so viel essen, um etwas Vernünftiges zu leisten.

 

Keine Euros in Chamonix

 

Fast hätte ich zu Fuss in die Schweiz zurück laufen müssen, denn am Bahnschalter in Chamonix wollte man absolut keine Schweizer Franken akzeptieren. Und so begann für mich ein regelrechter Kampf gegen die Uhr. Ich musste mir unbedingt fünf Euro beschaffen, um ein Billet bis an die Schweizer Grenze kaufen zu können. In sieben Geschäften und Restaurants sagte man „Non, on n’accepte pas“, bis schliesslich ein Hutverkäufer bereit war, mir das unbedingt benötigte Geld zu wechseln. War ich froh.

 

Hier jetzt endlich noch ein paar Fragen mit Antworten

 

Microsoft EXCEL ist eines meiner Lieblingsprogramme. Wenn jede Zelle ein Schritt darstellt (für mich beim Joggen so ungefähr 1.30 Meter) und ich laufe die Kolonne A hinunter, wie viele Kilometer lege ich dann bis zu aller unters zurück? - (1363 Kilometer)

 

Mit welcher Tastenkombination gelange ich schnell hinunter ans Ende des nächsten Zahlenblockes? - (Ctrl + Pfeil hinunter)

 

Wenn ich meine Laufzeiten in Zellen eintrage, möchte ich diese hin und wieder zusammenzählen. Welches Zahlenformat muss ich wählen, damit die Summe korrekt angezeigt wird. Es sollen also nicht nur die das Vielfache von 24 übersteigenden Stunden angezeigt werden? - ([hh]:mm)

 

Wie verwaltet EXCEL Zeiten intern? - (als Bruchteil eines Tages)

Wenn ich in der Zelle A1 die abgespulte Distanz und in der Zelle B1 meine Zeit in Stunden und Minuten eingetragen habe, wie kann ich dann in der Zelle C1 die Geschwindigkeit in Kilometern pro Stunde berechnen? - (=A1/B1/24)

 

Wie kann ich in Excel schnell das aktuelle Datum eintragen? - (Ctrl + .)

 

Wie kann ich in Google Earth meinen GPS-Track sichtbar machen? - (Menü DATEI - ÖFFNEN)

 

Wie kann ich diesen Track abfliegen? - (Es gibt ein Symbol)

 

Mit welchem Programm kann ich meine Tracks gut sammeln und visualisieren? - (mit GPSies)

Hier der Track und das Profil

GPSies - Brig-Chamonix

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Kommentare: 1

  • #1

    Treuhold Berchtold Eggerberg (Samstag, 25 Februar 2012 23:05)

    Hallo Eugen
    Gartulation zu deiner Internetseite und vorallem zu deiner Leistung während den letzten Jahren. Ich habe deinen Bericht zur Tour Brig Chamonix gelesen. Es war herrlich. Ich habe interesse am Projekt Brig - Mont Blanc. Würde mich gern mal dir treffen.

    Gruss und Dank

    Treui

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