Staldenried - Gspon - 11‘254 Höhenmeter im Aufstieg
Ein paar Bilder von Staldenried (Gspon)
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Ein lang gehegter Wunsch geht heute in Erfüllung. Ich breche zum Höhenmeter Sammeln auf.
Vor Jahren habe ich mit Tourenskis 5732 Meter bergan in etwas mehr als vierzehn Stunden geschafft. Aus dieser Erfahrung ist die Erkenntnis erwachsen, dass man Höhenmeter am besten zu Fuss
kumuliert - bergauf zu Fuss und bergab mit der Seilbahn. Umgekehrt mach keinen Sinn - und beide Strecken mit der Bahn macht noch weniger Sinn.
In meinem Tagebuch lese ich zur Skitour: „nicht so müde, aber Schuhe“, mit drei Ausrufezeichen. Ich erinnere mich, die Schuhe waren neu und machten Probleme. Damals bin ich an einem Tag viermal von der Simplon Passstrasse auf das Breithorn gestiegen. Und am Abend war ich ziemlich geschafft. Im Winter kommt erschwerend hinzu, dass auch die Abfahrt bewältigt werden muss, und dass die Ausrüstung nicht sehr leicht ist, wenigstens die meine nicht. Zudem wechseln die Bedingungen von Stunde zu Stunde. Und Kälte und Höhe zehren an den Kräften.
Für meine Unternehmung heute habe ich schon vor langem den Aufstieg von Staldenried nach Gspon ausgewählt. Gspon liegt auf 1893 m ü. M. und kann mit der Luftseilbahn in acht Minuten erreicht werden. Ein paar schöne Wanderwege führen von Staldenried hinauf auf diese Sonnenterrasse. Ich werde den Weg über das „Bildji“ nehmen, weil er meinen Bedürfnissen am besten entspricht. Nach halber Wegstrecke trifft man auf eine heimelige und vor ein paar Jahren einfühlsam renovierte Kapelle. Rund 750 Höhenmeter sind bis Gspon zu überwinden. Der Weg ist zum Teil etwas steil. Dies aber kommt meinen Bedürfnissen durchaus entgegen. Und nebenbei: Die Gegend von Gspon ist ein wahres Wanderparadies.
Der Wetterbericht für den Tag meines Projektes ist denkbar schlecht. Regen will er haben, praktisch den ganzen Tag über. Zudem habe ich mich für meinen persönlichen Rekordversuch nicht besonders
vorbereitet. Bin einfach den ganzen Sommer über viel unterwegs gewesen und habe dabei auch einige sehr lange Touren gemacht. Joggen bin ich schon seit einem Jahr nicht mehr gegangen. Auch kein
Intervall Training und ähnliches hat es als Vorbereitung gegeben. Das wichtigste bei solchen Sachen ist aber der Kopf, und der stimmt - ich freue mich wie ein Kind auf diese etwas spezielle
Wanderung.
An Schlafen ist in der Nacht zuvor nicht zu denken, ich bin einfach zu aufgewühlt. So ist es nicht der Wecker, der mich morgens um eins in meinem Elternhaus in Staldenried aus dem Schlafe reisst. Ich bin schon lange vorher voller Erwartung auf den Beinen. Ein kurzes Frühstück und nichts steht dem Abmarsch mehr entgegen. Nicht im geringsten daran denkend, dass jetzt 20, vielleicht 24 Stunden Arbeit vor mir liegen, schnüre ich meine Laufschuhe. Ich küsse das Bild meiner Frau an der Wand und stürze mich hinaus in die Nacht. Später denke ich, dass ich auch mein Bild hätte küssen sollen, denn dem an der Wand verdanke ich es doch, dass ich solche Sachen unternehmen kann. Wenn ich nicht der wäre, der da an der Wand hängt, würde ich jetzt bestimmt tatenlos weiterpennen, und irgendwann einen Tag wie tausend andere beginnen Schön, dass ich ich bin und dass ich derart spannende Touren unternehmen darf.
Die erste Runde ist nicht vielversprechend. Leise fällt ein leichter Regen, und der Nebel ist so dick, dass man ihn schneiden könnte. Trotz Stirnlampe sehe ich zeitweise einfach nichts. Kaum zu glauben, dass ich mich hier im Gebiet meiner Jugend, meines Vaters, Gross- und Urgrossvaters zweimal kurz verirre. Den Regen heisst es akzeptieren. Immerhin hat er ja auch einen wunderbaren Kühleffekt. Sein einziger Nachteile: man wird nass. Doch er wird nicht lange dauern, und die Meteorologen werden für das Wallis wieder einmal falsch vorausgesagt haben. Umso besser, der Tag wird schön werden, mit viel Herbst Sonnenschein. Vorerst gilt es aber, vier Runden in dunkler Nacht nach Gspon zurückzulegen. Früher hätte ich das aus Angst vor Geistern, armen Seelen, Füchsen und Wölfen nie geschafft. Jetzt in fortgeschrittenem Alter kann ich aber erleichtert feststellen, dass einem kaum je eine Seele in dunkler Nacht in dunklem Wald begegnet. Damals - ich war schon kein Kind mehr - war ich einmal mitten in der Nacht auf halbem Weg nach Gspon umgekehrt. Ich hatte es mit dem besten Willen einfach nicht geschafft, an einem alten „Geisterhaus“ vorbeizugehen. Die Stimmung war schon speziell gewesen: es schneite leise, ab und zu liess sich der Mond hinter den Wolken blicken, eine Eule krächzte im finsteren Wald, und vom Kirchturm schlug es Mitternacht.
Die ersten Runden lege ich heute mit grosser Euphorie zurück. Das Unternehmen ist nichts als ein Genuss. Die Temperaturen sind durchaus akzeptabel. Nur dumm, dass man im Kraut nass wird, und auch der vom Schwitzen nass werdende Rücken trägt nicht viel zum Wohlfühlen bei. So wird in der Bergstation immer recht viel Zeit dafür aufgewendet, mich wieder auf Vordermann zu bringen. Zum Ausruhen bleibt wenig bis keine Zeit. Als die Sonne schon recht hoch steht, beginnt es mich plötzlich zu frösteln. Komisch, in der Nacht war mir nie richtig kalt gewesen. Sollte jetzt schon fertig mit lustig sein? - Nein, bald erhole ich mich, und es geht flott weiter. Motivierend kommt hinzu, dass nach zwei-drei zusätzlichen Runden ein angenehmer Vorsprung auf meine Marschtabelle herausgearbeitet ist.
Zwischendurch erlebe ich eine mühsame Runde - wohl darum, weil ich schnell hochgestiegen war, weil ich des Fahrplanes wegen bei der Bergstation keine Pause machen konnte, und weil ich in der
Seilbahnkabine nicht sitzen konnte. Würde ich meinen Plan deswegen nicht umsetzen können? Zu diesem Zeitpunkt geht es ja noch so ewig lange! Und ich bin schon so müde.
Doch, wie dem so ist, man erholt sich immer wieder, und nach überwundenen Schwierigkeiten geht es besser als vorher. In der Bahn meint jemand: „Das kann doch nicht gesund sein!“ - Scheinbar bin ich aber so verdrahtet, vernietete und verleimt, dass ich während 95% der Zeit überhaupt keine Probleme habe, keine Mühe, keine Schmerzen, keine Leiden. Während der meisten Zeit fühle ich mich einfach super. Ein Strassenmarathon ist nicht gesund, das weiss ich aus eigener Erfahrung; bergab laufen ist nicht gut für das eigene Fahrgestell, doch bergauf gehen hat noch nie jemandem geschadet. Und überhaupt: 80 Prozent ist psychische Stärke, und der Rest spielt sich im Kopf ab. So ist die Motivation halt das wichtigste. Das Wichtigste ist, den Körper davon zu überzeugen, dass es gut für ihn ist, jetzt mal 24 Stunden bergauf zu gehen. Ich gebe ihm aber von allem Anfang an genau drei Auswahlmöglichkeiten: laufen, laufen oder laufen. Und er hat sich der Einfachheit halber für letzteres entschieden. So tut der Körper, was man von ihm verlangt, und der Kopf wird mit der Zeit etwas müde.
Während solcher Anlässe höre ich während der ersten zwei-drei Stunden immer sehr gescheite Podcasts. Auf einmal geht dann aber nur noch rassige Musik rein, und am Schluss hilft nur noch beten - beim ersten Atemzug JESUS, beim zweiten Atemzug CHRISTUS und dabei noch an jemanden denken, dem man gut gesinnt ist. Früher habe ich bei Müdigkeit oft Schritte gezählt, aber das bringt meistens nichts und hilft niemandem weiter. Zudem verzählt man sich immer wieder und muss bei null anfangen. Man hört Musik, lauscht den Vögeln, betet oder flucht, und plötzlich ist man wieder oben. Oben angekommen neigt man zu unbegründeter Euphorie. Die Strapazen sind schnell vergessen, und mit neuer Motivation geht es in die nächste Runde.
Und noch zum Thema „gesund oder nicht gesund“: Mein Körper ist so angelegt, dass es ihm in der Regel besser geht, wenn er sich bewegt, als wenn er am Schreibtisch sitzt. Am Tag danach jammert er nicht. Nichts tut ihm weh, kein Muskelkater - einfach nur ein gutes Gefühl.
Leute fragen immer wieder: Ernährst du dich irgendwie speziell? - Nein, eigentlich nicht. Das Problem bei solchen Anlässen ist, dass man mit der Zeit fast nichts mehr essen kann. Dabei würde man doch eher vermuten, dass der Appetit auf allerlei Gutes mit den bewältigten Höhenmetern steigt. Dem ist nicht so - im Gegenteil: einmal muss ich die ganze Pause dazu verwenden, einen einzigen Schokolade Stängel zu verinnerlichen. Schokolade wird aber wohl auch alles andere als ideal für Parforceleistungen sein.
Die Retterin in der Not ist meine geliebte Mutter. Auch mit 86 Jahren bringen es unsere Mütterlein nicht übers Herz, für ihre halbwüchsigen, auch schon bald im Pensionsalter stehenden Söhne zu sorgen. Ich bin freudig überrascht, als ich sie gegen Mittag in Gspon am Wegrand stehen sehe - mit einem Korb lauter guter Sachen. Zuerst denke ich: „Was soll das? - jetzt essen passt so nicht in meinen Zeitplan,“ Später bin ich aber mehr als froh ob all der guten Sachen. Statt trockene Riegel gibt es jetzt von dem Apfelkuchen, den ich von früher Kindheit an geniessen konnte, und mit dem ich quasi gross geworden bin. Ohne diesen mütterlichen Kalorienkorb hätte ich die Tour nie in dieser Art vollenden können. Ein sehr emotionaler Moment an diesem Tag.
Und trinken? - Ich weiss, dass unsere Kinder heute von früh an darauf getrimmt werden, während der Schule nach jedem Rechenschritt mindestens einen Schluck Flüssigkeit zu sich zu nehmen - dies um die entsprechenden Hirnströme im Fluss zu halten oder erst richtig in Gang zu bringen. Natürlich ist trinken wichtig, aber alles mit Mass bitte. Hätte ich so viel getrunken, wie von der Werbung verlangt wird, hätte die OPEC mit einem Tanker voller Wasser herfahren müssen. Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft wären katastrophal gewesen: enorme Zunahme der Nachfrage nach Wasser, Preissteigerungen, Aktienkursstürze, der Zusammenbruch der Börse weltweit, und schlussendlich das Ende des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Dies ahnend, liess ich es mit einer Wassereinheit pro bewältigte Laufeinheit bewenden. Erstaunt bin ich aber schon, als die Waage 24 Stunden nach dieser Wanderung vier bis fünf Kilogramm weniger anzeigt als am Vortag.
Und noch dies: Mein Ziel waren 10'000 Höhenmeter an einem Tag. Nun wusste ich aber auch, dass Anton Abgottspon, von Stalden, vor Jahren einen neuen Guinness World Record im Bergauf-Laufen aufgestellt hatte. Er war x-mal von Grächen zur Seetal Bergstation hoch gelaufen. Diese Leistung hat grosse Beachtung gefunden und hat auch mich fasziniert. Zu jener Zeit habe ich Kurse der Erwachsenenbildung erteilt, und da gab es zur Auflockerung ab und zu ein Quiz. Eine Frage war jeweils: Wie viele Höhenmeter hat Anton Abgottspon zu Fuss bergauf an einem Tag geschafft? Die genaue Antwort auf diese Frage hatte ich in der Zwischenzeit vergessen. Da es mir nun aber derart gut lief, und ich einen grossen Vorsprung auf meine Marschtabelle hatte, und ich auch nach 10'300 Höhenmetern noch nicht besonders müde war, wurde Antons Marke nun plötzlich aktuell für mich, und so fügte ich noch eine Zusatzrunde an. Jetzt waren es schon 11'000 Höhenmeter. Es war wieder elf Uhr in der Nacht, und wieder hatte ich ein paar Aufstiege in der Dunkelheit zurückgelegt. Zeit und Energie waren noch viel vorhanden. Ohne übertreiben zu wollen: ich hätte bestimmt noch stundenlang im gleichen Rhythmus weitergehen können. Also lief ich gleich noch die Skipiste hoch. Der Ort genannt „zur Stapfe“ war schon geschafft. Mein Körper wollte weiter, doch dann sagte der Geist plötzlich: „Nein, jetzt ist genug. Dein Wanderbedürfnis für heute ist gestillt. Geh heim und leg dich ins warme Bett!“ - Ich wusste halt auch nicht, wie viele Meter Anton geschafft hatte. Würde ich jetzt noch bis „Osigsch Egg“, bis „Mälachji“ oder sogar bis auf den „Wyssgrat“ hoch laufen müssen, um besser zu sein? Dies nicht wissend war der Tag für mich gelaufen. Ich räumte mein Berglager bei der Seilbahnstation und legte mich ins nicht ganz warme Bett im zur Zeit nicht bewohnten Chalet „Sunnuschy“.
Obwohl ich mich in keinster Weise mit Anton Abgottspon vergleichen möchte, tue ich es hier doch. Anton ist ein ganz ausserordentlicher Bergläufer. Er hat gerade noch letztes Wochenende den Jeizibärglauf in weniger als 44 Minuten geschafft - und dies mit 56 Jahren. Abgesehen von Mike Short hat das kein älterer Läufer je schneller geschafft. Wieder in Naters in meinem Büro sechzehn Stunden später fängt das grosse Rechnen an. Nach einigem Suchen finde in meinen alten Kursunterlagen die gesuchte Zahl: Anton hat in seinem Lauf genau 11'259 Meter geschafft. Die telefonische Rückfrage bei ihm ergibt, dass er selber nicht weiss, ob diese Marke immer noch als Bestmarke gilt. Anscheinend war dies mindestens vor drei Jahren immer noch die zu überbietende Höhenmeterzahl. Wie er mich wissen lässt, benötigte er für den Weltrekord gegen siebzehn Stunden.
Und dann fängt für mich das Ordnen und Addieren der Rundenzeiten und Höhenmeter an. Ich kann es drehen und wenden wie ich will: mein Excel-Programm gibt genau 11'254 Höhenmeter wieder, keinen Meter mehr und keinen weniger. Ach wäre ich morgens doch noch in den Estrich gestiegen, um nach einer der dort früher hängenden, jetzt aber nicht mehr da seienden Hauswürste zu greifen - oder wäre ich nur in den Keller gestiegen, um nach den Mäusen zu schauen, oder um einen zünftigen Schluck von dem, damals von meinem Vater selbst gebrannten, Schnaps zu nehmen! - ich hätte einen Guinness Weltrekord egalisieren können. Mein Ruhm wäre quasi unsterblich gewesen, und ich hätte mich nach all meinen komischen Unternehmungen endlich zur Ruhe setzen können. So muss aber die Sisyphus Arbeit weiter und weiter gehen. Und nicht weniger spannende Projekte warten auf ihre Verwirklichung.
Fazit: Es war ein spannendes Unterfangen. Es liegt viel mehr drin, als man gemeinhin annimmt. Und damit bekommen auch meine weiteren Projekte einen Hauch von Verwirklichbarkeit. Es ist auch so,
dass etwas, das man vorher als spannend, grossartig, und als kaum zu verwirklichen ansieht, nach der Verwirklichung vielen Glanz verliert. So bin ich jetzt überzeugt, dass 11'254 Höhenmeter
bergan an einem Tag nichts Besonderes ist. Kann praktisch jeder und jede leisten. Man muss nur seinem Kopf den entsprechenden Auftrag geben. Nur das ist das Schwierige. Sobald aber die
Motivation, und vor allem die Begeisterung da ist, geht es wie von selber. Meinen Schülern spiele ich ab und zu zu Beginn des Jahres das Lied vor: You can get it if you really want, but you must
try, try and try ... the harder the battle the sweeter the victory ... und … Rome was not built in a day …
Und noch ein Letztes: Wie Anton habe auch ich viel Support von den anwesenden Zuschauern und Helfern erfahren: An verschiedenen Stellen meines Parcours standen sie treu während des ganzen
Rennens, sogar in der Nacht. Einige läuteten jeweils heftig mit grossen Kuh Glocken, andere unterbrachen jeweils ihre Mahlzeit und begaben sich voller Begeisterung an den Wegrand, um mich zu
bewundern ... oder um meine vom Schweiss salzigen Hände zu lecken. Die Rede ist von den Schafen und Kühen, die auf einigen Wiesen weideten und eine angenehme Stimmung verbreiteten. Sonst gab es
nur noch Katzen und drei Wanderer zu beobachten. In der Seilbahn meinte jemand, er würde Gescheiteres machen. Das stimmt - sonst unterrichte ich auch Mathematik, und Gescheiteres als das gibt es
nun wirklich nicht.
Für Statistiker: Ich habe an diesem Tag 46 km bergauf zurückgelegt.












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