Bietschhorn (3934)

Tagestour von Ried aus vom 10.09.2016

An die dreizehnmal wird das Telefon an diesem Nachmittag geklingelt haben, ehe ich endlich den Hörer abnahm. Das Klingeln hatte ich vorerst gar nicht wahrgenommen - nur langsam trat es wie aus weiter Ferne kommend in mein Bewusstsein. Auf der anderen Seite ertönte die freundliche Stimme von Hausi (Name aus verständlichen Gründen von der Redaktion geändert). Nicht, dass ich seine Stimme nicht gerne gehört hätte, aber der Anruf ärgerte mich doch leise - ich befand mich inmitten meiner momentanen Lieblingsbeschäftigung, dem Rasieren. Ja, seit ich teilpensioniert bin, ist das Rasieren tatsächlich meine Lieblingsbeschäftigung. Genussvoll fahre ich mit dem Apparat über die stoppeligen Wangen, über den langen Hals, auf der einen Seite hoch und auf der anderen wieder runter, und über Ober- und Unterlippen. Nach getaner Arbeit lege ich den Apparat bei Seite, bleibe lange sitzen und ziehe genussvoll die frische Alpenluft in meine Lungen. Und darum geniesse ich das Rasieren jetzt so sehr: noch vor ein paar Monaten war alles ganz anders: schnell frühstücken, schnell Zähne putzen, dann hastig rasieren und zur Türe hinaus, hinüber zum Bahnhof und zur harten Arbeit. Jetzt kann ich einfach sitzen bleiben, geniessen und mir vorstellen, wie es vorher war. Und ich muss nicht mehr hinaus ins feindliche Leben. Sitzen bleiben können und nicht mehr müssen, das ist Pensionierung! Dieses schöne Gefühl will ich jetzt immer wieder geniessen - bevor es Alltag und damit nichts Besonderes mehr geworden ist. Daher rasiere ich mich nicht nur am Morgen, sondern vielleicht schon wieder zur Mittagszeit, am Nachmittag und wieder abends zu späterer Stunde. Rasieren, den Apparat weglegen und dann nicht wegmüssen. Hausis Anruf hätte mich nicht ärgern müssen, weil es in meinem Gesicht aufgrund des häufigen Rasierens nichts mehr zu rasieren gibt. Was mich jedoch ein wenig irritierte, war, dass ich nach dem Gespräch nicht mehr wusste, welche Gesichts Seite ich schon rasiert hatte. Und so blieb mir nichts anderes übrig, als nochmals ganz vorne anzufangen.

 

Seit ich Hausi versprochen hatte, gemeinsam das Bietschhorn zu besteigen, ruft er mich zu jeder Tagesstunde an. Vorfreude und Begeisterung herrscht. Ich weiss, dass er auch während der Arbeit nur noch an die geplante Tour denkt. Am späten Vormittag wollte er wissen, ob ich Stöcke auch mitnähme, und jetzt galt sein Interesse dem mitzunehmenden Proviant für die lange Tour. "Nimm einfach ein Kilo Kartoffeln mit - gut gesotten - Stufe zwei auf dem Thermomix, hundert Grad, zehn Minuten - die von der Migros - keine Ahnung wie sie heissen - die zuunterst links im Gemüsegestell - Grösse spielt keine Rolle, am besten aber Tomatengrösse." Hausi genügte meine Antwort. "Ob das Wetter am Samstag wohl mitspielen wird?" fragte er mich noch. "Keine Ahnung, wir werden's ja sehen." Schon war das Gespräch vorbei, und ich konnte mich wieder meiner Lieblingsbeschäftigung hingeben - der Pensionierung.

 

Im Grunde bin ich ja sehr froh, dass es da einen gibt, der mich aus der Behaglichkeit meiner Wohnung heraus und hinaus in die schöne Natur und hinauf auf die höchsten Walliser Gipfel lockt. Sonst würde auch ich nur noch daheim herumhocken, lesen und putzen und schreiben und kochen und den ganzen Tag bedauern, dass ich nichts unternommen habe. Nach angebrochener Pensionierung muss man sich zwingen, etwas zu unternehmen, um nicht in Passivität zu erstarren. Genau das ist es ja, wovor Alterspsychologen warnen. Oft braucht es nur einen kleinen Stups, und wenn man dann unterwegs ist und sich einen steilen Berg hinaufmüht und später wieder herunterquält, geniesst man alles in vollen Zügen oder wie in jüngeren Jahren.

 

Das Bietschhorn ist ein hoher Berg. Mit 3934 Metern ist es ziemlich hoch. Es ist aber nicht sehr hoch wie die Viertausender, sondern nur ziemlich hoch. Wäre es 66 Meter höher, wäre auch es ein Viertausender und damit sehr hoch. Früher haben wir oft gesagt: "Zum Glück ist es kein Viertausender, denn dann wäre es auch so überlaufen wie ein Viertausender!" Die fehlenden Meter haben zur Folge, dass das Bietschhorn nicht auf Sammellisten steht. Keine Ahnung, wieso mein Kollege unbedingt da hoch wollte. An diesem Tag waren wir nur zwei Seilschaften am ganzen Berg. Wir hatten damit unsere Ruhe. Wir gefährdeten höchstens uns selber und niemand anders mit losgetretenen Steinen. Schon in meinem letzten Bericht habe ich geschrieben, dass das Bietschhorn eine Geröllhalde sei, und damit bleibe ich auch diesmal - das Bietschhorn ist eine Geröllhalde - eine recht schöne Geröllhalde.

 

Auf meiner Matterhorn Tour hatte ich mir vorgenommen, nie mehr in einer SAC-Hütte zu übernachten. Der Grund war, dass ich in höheren Höhenlagen nicht schlafen kann. Wenn zwei Kollegen in einer Hütte übernachten, und der eine schläft, während der andere immer wach ist, ist das für den, der wach ist, nicht so interessant. Es kann aber auch für den, der schläft, ärgerlich sein, weil ihn der, der wacht, durch seine Unruhe immer wieder weckt. Und so kann es vorkommen, dass am Schluss beide nicht schlafen können. Oder es schläft dann plötzlich der, der vorher nicht schlafen konnte, und es wacht der andere - ich meine der, der vorher noch schlief. Darum nahmen wir uns vor, das Bietschhorn in einer Tagestour zu besteigen. In diesem Fall sind bis zur Hütte 1085 Höhenmeter und dann von dort bis zum Gipfel nochmals 1369 Höhenmeter, alles zusammen also 2454 Höhenmeter, zu bewältigen, und dies im Auf- und im Abstieg.

 

Wir waren nicht so schnell unterwegs. Zum Teil war dies auch den etwas glitschigen Verhältnissen zuzuschreiben - der Fels war von einer Mikroeisschicht überzogen, die zusätzliche Vorsicht verlangte. Aufgrund des langsamen Tempos kam ich mir zeitweise wie ein Sechzigjähriger vor. Kannst du dir vorstellen, wie man sich dann fühlt? Das kann zur irrigen Auffassung führen, dass ich mir alt und verbraucht vorkam. Tat ich aber nicht, denn ich bin schon 62, und wenn sich ein 62-Jähriger wie ein 60-Jähriger fühlt, fühlt er sich puddelwohl.

 

Wir haben auch von ganz unten bis ganz oben immer geredet und auch beim Abstieg wieder geredet. Heute weiss ich nicht, wieso wir das getan haben. Sicher hat auch das unser Tempo reduziert. Bei einer kurzen Pause hat einer von uns beiden den Stöpsel seiner Flasche verloren. Dieser hatte sich sehr schnell irgendwo im Gestein verkrochen und liess sich auch nicht mehr finden, nachdem wir kubikmeterweise Fels und Steine weggeräumt hatten. Die Episode habe ich abends meiner Frau daheim erzählt - „Wir haben den Zapfen einer Flasche verloren.“ Dies führte zu einem Missverständnis, weil meine Frau meinte, es habe sich um einen Schraubverschluss und nicht um einen Zapfen oder Korken gehandelt. Jetzt im Nachhinein meine ich, wir hätten auf der ganzen Tour nur ständig von irgendwelchen Zapfen, Schraubverschlüssen und Reissverschlüssen geredet. Dabei hatten wir uns sicher wichtigeres zu sagen. So redeten wir auch stundenlang über die nächste zu unternehmende Tour - bis einer auf die Idee kam, man sollte mehr im hier und jetzt leben.

 

 

Es war summa summarum eine sehr lohnende Tour. Der Westgrat des Bietschhorns ist aber lang und sicher länger als der Matterhorn Hörnligrat.

Besteigung vom Bahnhof Brig aus vom 19.08.2012

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Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)

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