Dom (4545)

2 Tagestouren von Randa aus (Juli / August 2016)

Gestern habe ich wieder einmal den höchsten Schweizer Berg bestiegen, das heisst: den höchsten Schweizer Berg, der vollständig innerhalb unserer Staatsgrenzen liegt, den Dom. Mit 4545 m ü. M. ist der Gipfel des Doms tatsächlich ziemlich hoch. Wobei man seine Höhe erst dann so richtig mitbekommt, wenn man ihn in einem Zug direkt vom Tal, vom Dorf Randa (1408 m ü. M), aus besteigt und nicht in der Domhütte (2940 m ü. M.) übernachtet. Die Hütte ist eigentlich zum Übernachten erbaut worden, doch wir haben sie nur zur Einnahme des Frühstücks benutzt. Den Dom als Tagestour besteigen heisst: 3177 Höhenmeter im Auf- und im Abstieg an einem Tag bewältigen (einschliesslich einiger Höhenmeter im Gegenanstieg beim Festijoch). Der Dom ist technisch nicht allzu schwierig, wobei man unterwegs doch auch einiges falsch machen kann, und es ist mit hohen Höhen und sehr kalter Kälte, vor allem im Gipfelbereich, zu rechnen. Ein paar kleinere Highlights gibt es schon: der Hüttenweg weist eine vielleicht zweihundert Meter lange Passage auf, die klettersteigmässig abgesichert ist; zwischen 3300 und 3400 muss der ideale Durchstieg durch eine Spaltenzone des Festigletschers gefunden werden; weiter oben gilt es, gutgriffig ins Festijoch hochzuklettern (II); auf dem Hobärggletscher vertraut man Gletscherbrücken über riesige Spalten und hofft, dass man von drohenden Gletscherabbrüchen verschont bleibt; und dann muss man sich noch lange mühsam über die Nordflanke des Doms hocharbeiten.

 

Zu sagen, dass ich den Berg schon achtzehn Tage zuvor als Tagestour bestiegen habe. Die beiden Besteigungen glichen sich fast auf den Tupf, wobei mir die erste führungstechnisch praktisch einwandfrei gelang. Der ersten Besteigung waren praktisch drei Jahre ohne Hochtourenaktivität vorausgegangen. Und somit war ich gespannt wie eine Wäscheleine, ob mir die Tour gelingen würde. Da sie mir tatsächlich gelang, war ich auf dem Gipfel sehr dankbar, sehr gerührt und fast der irrigen Meinung, ich sei noch nicht zweiundsechzig Jahre alt. Nach der Tour war ich aber auch sehr müde, und die folgenden Tage waren von Muskelkater und grossem Appetit geprägt. Die Bilder stammen übrigens von der ersten Tour. Ich habe sie mit Elmar (einem Einheimischen) und Birgit (einer Auswärtigen) gemacht. Zur zweiten Tour hat mich Silvan motiviert, dem ich die Tour selber vorgeschlagen habe.

 

Ach wie schön sind doch all die Erinnerungen an diese beiden Besteigungen! Ach wie schade, dass ich sie schon fast alle wieder vergessen habe. Geblieben sind mir aber die Zeiten. Von Randa bis zur Hütte das erste Mal: 3 Stunden und 9 Minuten und das zweite Mal: 3 Stunden und 9 Minuten. Von der Hütte bis zum Gipfel das erste Mal: 5 Stunden und 44 Minuten und das zweite Mal 4 Stunden und 53 Minuten. Bei der zweiten Begehung machte sich also das beim ersten Aufstieg gemachte Training bemerkbar. Auch war ich nach der zweiten Tour viel weniger müde, und schon einen Tag danach wieder voll brauchbar. Das beweist doch, dass Übung und Erfahrung durchaus positive Auswirkungen haben. Und dieser Aussage möchte ich gleich widersprechen. Erfahrung kann auch hinderlich sein. Denn bei der ersten Besteigung führte die Spur mittig auf dem Festigletscher hoch. Und so war ich beim zweiten Mal der Überzeugung, sie würde immer noch dort hochführen. Das war aber nicht mehr der Fall, und so fand ich sie halt nicht und sank ein paarmal ganz gehörig ein; stach mit einem Bein sogar in eine tiefe Gletscherspalte. Beim Abstieg fanden wir die „Autobahn“ dann leicht auf der orographisch rechten Gletscherseite.

 

Dass die Hüttenwege beide Male genau gleich lang dauerten, war indes kein Zufall. Beide Male brachten wir den Weg plaudernd, erzählende und phantasierend hinter uns. Und mit dem vorgegebenen Sprechrhythmus war auch der Atemrhythmus und damit das Schritttempo gegeben. Mit Silvan sprach ich über dies und das. Der eine wird über die Schlechtigkeit der heutigen Welt geklagt haben, der andere wird dem widersprochen und gesagt haben, dass es so schlimm gar nicht sei. - Doch, der Mensch würde bald für immer aussterben. - Nein, solange es Störche gebe, werde es auch Menschen geben. Der Storch sei das Sinnbild für Manneskraft und Fruchtbarkeit. Dann fragte der erste wieder, wie viele Höhenmeter ein Storch auf dem Weg von Randa zur Domspitze überwinden würde. Viele Meter weniger als eine Ameise für die gleiche Tour aufwenden müsste. Wir waren also bei Mandelbrot und seinen Theorien angelangt. Später zählte einer von uns die ersten hundert Stellen der Kreiszahl pi auf, und der andere kontrollierte wacker. So verging die schöne Aufstiegszeit bis zur Domhütte leider viel zu schnell, und dort angekommen mussten wir eine gute halbe Stunde auf das Frühstück warten.

 

Beim ersten Hüttenweg mit Elmar war das Gesprächsthema auch vorgegeben, denn unsere Seilpartnerin war schon tags zuvor bis zur Hütte aufgestiegen; hatte lobenswert das dreissig Meter lange Seil hochgetragen (vielleicht hatte sie es auch hinter sich hergezogen, oder vor sicher her geschoben - was aber beides so ungefähr gleich unwahrscheinlich ist). Was ist logischer, als in einer Dreierkonstellation über den Dritten zu reden, wenn zwei zusammen sind, und der Dritte nicht da ist! Darum gehe ich in einer Dreierseilschaft am liebsten in der Mitte, weil ich dann gut mit dem Vorderen über den Letzten und mit dem Hinteren über den Ersten reden kann. In diesem Falle ging das leider nicht, weil nur ich den Weg auf den Berg kannte, und ich damit zuvorderst ans Seil geheftet wurde. Keine Ahnung, was die anderen während des langen Aufstiegs von der Hütte bis zum Gipfel über mich geredet haben. Hin und wieder spürte ich als Erster aber schon ein leichtes Zittern im Seil - wohl, weil der eine kicherte, weil der andere etwas Lustiges gesagt hatte, wohl über mich. Wie gesagt, war auf meinem ersten Hüttenweg die in der Hütte friedlich schlafende Birgit unser Hauptgesprächsthema. Und so vergingen die drei Stunden und neun Minuten wie im Fluge. Wir waren just zu Beginn des Frühstücks in der Hütte. Dieses fand das erste Mal nämlich eine halbe Stunde früher statt als das zweite Mal - um zwei Uhr dreissig und nicht erst um drei Uhr. Bei der Ankunft in der heimeligen Berghütte wusste mein Seilpartner so ziemlich alles über unsere gemeinsame Seilpartnerin, was ich selber über sie wusste. Ist ja bei einer solchen Bergtour sehr wichtig, dass alle ungefähr den gleichen Informationsstand haben. So wusste Elmar jetzt beispielsweise, dass sich Birgit vor Jahren einmal über einen Bergführer wortreich beklagt hatte, weil dieser auf der ganzen Tour und auch während der langen Stunden in der Hütte praktisch kein Wort geredet hatte. Mir war klar: die Arme hatte vergessen, die Sprachausgabe des Führers zu buchen. Wie doof: zu einem Mehrpreis von zwanzig Prozent des Führertarifs hätte sie einen sprechenden Begleiter haben können, der sie während der ganzen Tour und auch abends in der Hütte mit interessanten Geschichten und Episoden unterhalten hätte. Ich frage mich indes: Wann begreifen die Frauen endlich, dass wir Männer der Ruhe wegen in unsere schönen Berge gehen? Dort möchten wir nicht immer und immer wieder unsere Lebensgeschichte erzählen oder andere Lebensgeschichten hören müssen. Wir lauschen lieber dem vertrauten Murmeln des Bergbächleins, betrachten gerne still, wie die Berganemone im Winde sanft ihren Kopf hin und her bewegt, oder wie ein freches Rehkitz in hohen Sätzen über lockeres Gestein von dannen hüpft. Abendfüllende Gespräche über Susis neusten Badeanzug gibt es dann wieder im Tal unten. Dort sind wir dann stets motiviert, zu jeder Lösung ein Problem zu finden (wie Einstein sagt).

 

Der Birgit möchte ich noch sagen, dass unser Thermomix jetzt ausgepackt und installiert ist - jedoch haben wir ihn noch nicht verwendet. Was, du weisst nicht, was ein Thermomix ist? - Mein Gott, sind wir hier in den tiefen Tälern rückständig! Der Thermomix ist ein Gerät, das alles kann - es ist eine Miniküche, ein Schnellkochtopf, eine Automatikessenszubereitungsmaschine. Wir wurden durch Birgits Mann auf dieses neuste Produkt menschlichen Erfindergeistes hingewiesen. Dieter bekocht mit dem Thermomix seine ganze Familie, und er verzaubert und überrascht seine Frau immer wieder mit den köstlichsten Speisen aus dem Thermomix. Salopp erklärt funktioniert er so: man wirft oben alles gewaschen und gereinigt hinein, stellt die Temperatur, die Zeit und die Rotationsgeschwindigkeit des inliegenden Rasplers und Rührers ein, und nach mehr oder weniger langer Zeit kommt unten das köstlichste Menu heraus. Für denjenigen, der weiss, wie die Maschine zu bedienen ist, wird Kochen zum Kinderspiel und zum Genuss. Ach, wie gerne würde ich mit Birgit mal wieder eine Tour unternehmen, um dann auf dem Hüttenweg drei Stunden und neun Minuten lang nur über den Thermomix zu reden!

 

 

Noch etwas Ernstes: Kurz nach dem Festijoch führt die Dom Normalroute ein paar hundert Meter unterhalb eines imposanten Hängegletschers durch. Bei der Juli-Tour war mir bewusst, dass es sich hier zu beeilen galt. Ja nicht verweilen und zurückschauen. Und ich malte mir aus, was ich im Falle eines Eisabbruchs machen würde. Kaum hatten wir die Stelle passiert und befanden uns an sicherer Stelle, begann es oben tatsächlich zu rumoren und krachen, und bald stürzten viele Tonnen Eis ab. Die eifrigsten Eisknollen, die von Kochofengrösse und damit viel grösser als unser Thermomix waren, erreichten die Aufstiegsspur gerade nicht. Der uns nachfolgenden Seilschaft wurde auf alle Fälle etwas heiss, oder besser gesagt kalt, um die Ohren. Ich stellte die rhetorische Frage, was wohl passiert wäre, wenn hundertmal so viel Eis abgebrochen wäre. Irgendwann zwischen meiner ersten und meiner zweiten Besteigung dieses Jahr passierte es dann tatsächlich: nicht zehnmal und auch nicht hundertmal so viel Eis brach ab sondern ein paar hundertmal so viel. Die Aufstiegsspur ist jetzt meterhoch mit Eis bedeckt. Bei diesem Ereignis hätte es für niemanden ein Entrinnen gegeben. Glück gehabt. Man kann nie wissen, wann es zu solchen Eisabbrüchen kommt.

Besteigung vom Bahnhof Brig aus (21.07.2009)

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Der höchste ganz auf Schweizer Boden liegende Gipfel der Schweiz mit dem Täschhorn weiter hinten
Der höchste ganz auf Schweizer Boden liegende Gipfel der Schweiz mit dem Täschhorn weiter hinten
Festigletscher und Dom, das Festijoch befindet sich linker Hand.
Festigletscher und Dom, das Festijoch befindet sich linker Hand.
Blick Richtung Täschhorn
Blick Richtung Täschhorn
Festigrat
Festigrat
Dirruhorn vom Festijoch aus gesehen
Dirruhorn vom Festijoch aus gesehen
Täschhorn mit Festi-Kinn Lücke
Täschhorn mit Festi-Kinn Lücke
Das Obergabelhorn
Das Obergabelhorn
Blick Richtung Festi-Kinn Lücke
Blick Richtung Festi-Kinn Lücke
Blick auf den Hobärggletscher vom Festijoch aus - Leute auf dem Normalweg
Blick auf den Hobärggletscher vom Festijoch aus - Leute auf dem Normalweg
Marc auf dem Hobärggletscher kurz vor dem Festijoch, wo ein kleiner Gegenanstieg zu überwinden  ist.
Marc auf dem Hobärggletscher kurz vor dem Festijoch, wo ein kleiner Gegenanstieg zu überwinden ist.
Diesen Berg nennt man bei uns "Matterhorn".
Diesen Berg nennt man bei uns "Matterhorn".
Blick Richtung Zermatter Gipfel
Blick Richtung Zermatter Gipfel
Marc auf dem Festigletscher kurz nach dem Festijoch
Marc auf dem Festigletscher kurz nach dem Festijoch
Abstieg Festigletscher. Marc versichert sich, ob ich auch noch dabei bin. Gerade aus das Zinalrothorn
Abstieg Festigletscher. Marc versichert sich, ob ich auch noch dabei bin. Gerade aus das Zinalrothorn
Das verdeckte Weisshorn
Das verdeckte Weisshorn
Kurz vor der Hütte
Kurz vor der Hütte - Felssturz von Randa im Hintergrund
Unterhalb der Hütte, glaube ich.
Unterhalb der Hütte, glaube ich.
Nachwuchs
Nachwuchs
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)

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