Mein Nahtoderlebnis (31.01.2017)

Mein kleines Nahtoderlebnis
oder:
Nahtoderlebnisse für Anfänger

 

Da waren sie plötzlich wieder, fast wie jeden Abend. Vor allem in Gspon, auf einer stattlichen Höhe von 1893 Meter über Meer, kommen sie immer wieder - diese sonderbaren Polizisten. Und sie machen mir das Schlafen unmöglich. Oder sie wecken mich mitten in der Nacht und lassen mich nicht mehr einschlafen. Weil sie mich nicht mehr atmen lassen, diese Polypen. Polypen in der Nase - Nasenpolypen. Ich wache auf mit total ausgetrocknetem Mund; komme mir vor wie ein Sterbender. Da müsste doch jetzt die Nachtschwester kommen und meine Lippen und meinen Mund mit einem Wattestäbchen befeuchten. Sie kommt nie - nicht einmal in Gspon, das mein deklariertes Paradies auf Erden ist. So stehe ich auf, befeuchte meine Nasenlöcher mit dem noch lauwarmen Wasser aus der Pfanne auf meinem Holzofen im Gang. Oder ich probiere es mit Honig, oder mit Vicks. Nicht einmal von meiner Mutter selig gebrannter Schnaps hilft. Ihn gurgeln schafft Erleichterung, ihn schlucken ist noch besser. Meine Frau, die mitleidet, ist dagegen. "Schlucken hat noch jemandem geschadet", meine ich. Mein Vater hat jahrelang abends immer einen Schluck Schnaps getrunken, aber nur einen. Ich meine immer, richtige Brigger Männer hätten gerne Schnaps. Leider trifft man diese Männer heute nicht mehr, die echten Brigger Männer. "Aller guten Dinge sind drei", denke ich. Also dürfen die ersten drei Gläschen nicht gezählt werden. Kommt dazu, dass man auch früher das letzte immer auch noch getrunken hat. Ich berufe mich in solchen Dingen gerne auf Traditionen. Unsere Ahnen wussten, was sie taten, was gut war. Das letzte Gläschen kann man aber nur trinken, wenn man auch das vorletzte getrunken hat. Sonst wäre ja das letzte zugleich das erste, und das ginge nicht. Also kommen wir mit gutem Gewissen auf fünf kleine Gläschen. Zur Beruhigung aller Abstinenzler: die Gläschen sind so klein, dass sie nicht der Rede wert sind. Also in Ehren: fünf Gläschen der Gesundheit zu Liebe. Mehr wäre moralisch verwerflich. Leider lassen meine Polypen trotz aller Schnapstherapie und -ideen nicht locker. Ich finde nicht mehr zum Schlaf. Soll ich mein Buch "Der Kurier des Zaren" von Jules Verne weiterlesen? - Nein, ist viel zu emotional. Die Geschichte mit Michael Strogoffs Mutter berührt mich tief. Sie ist fast nicht zu ertragen. Ich würde das nachts nicht aushalten. Also schaue ich lieber zum Fenster hinaus, zuerst zum Dachfenster. Der Grosse Bär und auch der Kleine sind praktisch die ganze Nacht senkrecht über meinem Bett. Und zum Stubenfenster hinausschauend stelle ich fest, wie sich das Sternbild des Orion langsam nach Westen bewegt, bis es irgendwann in den Morgenstunden hinter dem Weisshorn verschwindet. In letzter Zeit habe ich einiges über die Bewegung der Sterne am Firmament erfahren. Ich bin fast beschämt, dass ich das vorher nicht wusste. Wir Menschen sind der Natur entfremdet. Aber ich hätte es wissen sollen, habe ich doch nächtelang bei sternenklarem Himmel Täler durchschritten und Berge erklommen. Oft habe ich zum Himmel empor geschaut und gestaunt - auch damals in Afrika. Dort war der Himmel grandios. Es funkelte millionenfach. Keine Lichtverschmutzung! Das Sternbild des Orion sah man auch in Sambia. War mir schon dort ans Herz gewachsen. Und dann sieht man in Afrika "das Kreuz des Südens". Schon der Name weckte Emotionen, tut es heute immer noch. Als Kind habe ich gerne Seefahrer Bücher gelesen, "James Cook" und ähnliche, "Die Schatzinsel". Am warmen Stubenofen in Gspon fühlte ich mich als abenteuerlustiger Seefahrer. In Afrika sieht man im Mond die Mutter Gottes. Meine afrikanische Freundin hat mich damals darauf hingewiesen. Ich hätte es nicht gesehen. Auch grosse, lange Schlangen, die zwanzig Meter vor uns über den Pfad krochen und mysteriös im hohen Schilfgras verschwanden, sah nur sie rechtzeitig. Wir wohnten weit im Busch draussen. Achtzig Kilometer von einer recht bedeutungslosen Provinzstadt, achthundert Kilometer von der Stadt. Bei uns gab es nur Busch, und nachts die Sterne. In letzter Zeit habe ich einiges über die Bewegung der Sterne erfahren. Im Grunde bewegen sie sich nicht, aber wegen der Rotation der Erde bewegen sie sich doch. Wenn du genau hinschaust, stellst du fest, dass es welche gibt, die sich nach Westen, andere, die sich nach Osten, Süden oder Norden bewegen. Wie gesagt: ich wusste das vorher kaum - beschämend! Nicht einmal unsere nächste Nachbarschaft im Universum kennt man. Jetzt weiss ich etwas mehr. Dass Wissen kam aber nicht von selbst. Es gab Entbehrungen, kleinere Opfer, Kälte und mittlere Schmerzen. Dank meinem Hobby, der Fotografie, weiss ich es jetzt.

 

Sterne fotografiert man am besten nachts. Bei stockfinsterer Nacht. Es sollte derart finster sein, dass man nicht einmal die ausgestreckte Hand sieht - so sagen es die Experten. So finster ist es aber bei uns nicht. Kürzlich hat sogar die Venus derart stark geleuchtet, dass man ohne Taschenlampe laufen konnte. Sechsmal bin ich in letzter Zeit in Gspon spät abends oder früh am Morgen ausgerückt, um Sterne zu fotografieren. Jedes Mal habe ich etwas dazu gelernt. Aber die Bilder befriedigen mich immer noch nicht ganz. Habe gerade heute in der warmen Stube am Computer festgestellt, dass ich bei den Einstellungen noch eine Änderung vornehmen kann. Also geht es morgen oder übermorgen nochmals hinaus in die Nacht, in die Finsternis, Kälte und Einsamkeit.

 

Das erste Mal war ich nur eine Viertelstunde weit vom warmen Häuschen entfernt am Fotografieren. Habe bei bitterer Kälte die Kamera positioniert, habe sie ihre Arbeit tun lassen, und bin nach einiger Zeit heim zum warmen Stubenofen gegangen. Das Feuer brannte immer noch. Frech züngelten die kleinen Flammen hinter der Glasscheibe im Ofen. Immer sind sie hungrig, nie satt. Man füttert trockenes Holz nach und schon nach kurzer Zeit ist es verzehrt. Kostbar ist die Wärme. Lange kann ich dem Feuer zuschauen. Was die Kamera festgehalten hat, sieht man erst im Tal unten am Computer. Optimal für die Aufnahme sind: ein Stativ, ein Weitwinkelobjektiv, Blende 2.8, Belichtungszeit 30 Sekunden, ISO-Empfindlichkeit 1000 - und alle 33 Sekunden schiesst die Kamera ein Bild im Intervallmodus. Und wenn sie eine Stunde lang Bilder gemacht hat, hat sie gut gearbeitet. In einer Stunde bewegen sich die Sterne 15 Grad, und das ist genug, um auf einem zusammengesetzten Bild Sternspuren zu sehen. Vor diesem ersten Abend war ich der Meinung gewesen, alle Sterne bewegten sich nach Westen - wie unsere Sonne. Das Gegenteil war der Fall, und ich wusste nicht warum. Jetzt weiss ich es.

 

Die Bilder lassen sich im Photoshop bequem und mit wenigen Klicks als Ebenen zusammenfügen. Der Ebenenmodus ist "Aufhellen".

 

Das zweite Mal ging ich früh am Morgen fotografieren, gegen fünf Uhr, am Orte genannt "Keller", eine knappe Wegstunde oberhalb von Gspon. Den Ort hatte ich schon bei Tageslicht ausgekundschaftet. Auch betreffend Bildkomposition hatte ich eine genaue Vorstellung. Im Vordergrund ein grosser freistehender Lärchenbaum - "Vordergrund macht Bild gesund", sagt man. Der grosse Baum zeigt die Proportionen auf - der grosse Baum und der kleine Weltraum mit den winzigen Sternen. Diesmal war es sehr kalt, gegen minus zwanzig Grad. Die Gegend war aber immer noch praktisch schneefrei. Ich schaffte es nicht, den automatischen Intervallmodus in meiner älteren Kamera in Gang zu setzen. Zehnmal klickte ich mich durch die tiefgestaffelten Menus. Das Metallgehäuse und die Bedienelemente einer Qualitätskamera können sehr kalt werden, wie Eis und noch kälter. Schlussendlich gab ich es auf und löste sechzigmal von Hand aus, alle dreissig Sekunden einmal. So was kann nicht funktionieren, weil man schon nach dem fünften Mal die Kamera leicht verschiebt, vor allem bei minus zwanzig Grad. Das komponierte Bild gab zickzackförmige Sternbahnen - unbrauchbar.

 

Der dritte Versuch war vielversprechend. In der Zwischenzeit hatte es sogar in Gspon dreissig Zentimeter Neuschnee gegeben. Gspon liegt in der niederschlagärmsten Gegend der Schweiz. Komisch: hat sich überhaupt nie jemand gefragt, wie weit nach Osten, Westen, Süden und Norden ausserhalb der Schweizer Grenzen man gehen kann, um auf einen ähnlich niederschlagsarmen Ort zu treffen. Vielleicht haben wir Europarekord. Gegen vier Uhr abends mache ich mich auf den Weg zu meiner Lokation. In Turnschuhen. Alle Versuche, im Chalet "Sunnuschy" taugliche Winterschuhe zu finden, blieben fruchtlos. Nachtaufnahmen gelingen nur, wenn man vor Einbruch der Nacht am Ort des Geschehens eintrifft. Im Dunkeln ist es schwierig zu fokussieren und den idealen Bildausschnitt einzustellen. Zuerst geht es eine halbe Stunde die Piste hoch, dann eine weitere halbe Stunde über einen breiten Fahrweg. Ich hatte gerechnet, dass in einem Ort wie Gspon mit derart sportbegeisterten Menschen eine gutausgetretene Schneeschuhspur bis zu meinem Ziel führen würde. Dem war leider nicht so. Und so muss ich im tiefen Schnee waten. Der Schnee ist so kalt, dass er unmittelbar von meinen Kleidern und dem unpassenden Schuhwerk abrieselt. Was haften bleibt, friert fest und hüllt mich in einen Eispanzer durch den es für meine Körperwärme kein Entrinnen mehr gibt. Diese beträgt zu diesem Zeitpunkt noch geschätzte 36.34 Grad. Nach kurzer Zeit komme ich am Ort vorbei, wo mein lieber Cousin vor 25 Jahren verunglückt ist. Er war ein guter Mensch, sehr hilfreich und grosszügig. Er hatte viel für unsere Familie getan. Und bald bin ich am Ziel angelangt. Wegen des Weitwinkelobjektives muss ich mein Stativ und meine Kamera recht nahe am oben beschriebenen Baum aufbauen. Schön geht die Sonne am Bietschhorn unter. Die Berggipfelt leuchtet in klarem Rot. Und schon schleicht langsam die Dunkelheit vom engen Tal hoch. Der hinter mir liegende Wald ist jetzt finster, geheimnisvoll und abweisend. Klar ragt aber immer noch das Kreuz auf der Häüschbiele in den klaren Nachthimmel. Auch wenn es schnell Nacht wird, muss man doch lange warten, bis sich der Tag im Westen endgültig verabschiedet hat. Im nahen Wald vernehme ich kurz später das bekannte Geräusch einer Gämse. Hell reflektieren ihre Augen den scharfen Lichtkegel meiner Stirnlampe. Nur Tieraugen spiegeln das Licht auf diese Weise wieder. Eine Zeitlang blickt mich die Gämse interessiert an, dann verschwindet sie langsam im dichten Wald. Wo sie diese Nacht wohl schlafen wird? Später begebe ich mich zur nahe gelegenen Hütte. Bei grosser Kälte muss ich mich ständig bewegen, um nicht kalt zu haben. Wenn ich mich bewege, ist mir wohlig warm. Zehn Meter nördlich der alten Hütte steht ein kleiner, niederer Holzbau, in dem früher die Schweine gehalten wurden. Heute dient er als Holzschuppen. Das Licht meiner Lampe lässt ein weiteres Augenpaar hell aufleuchten. Auch meine ich ein bleiches Gesicht gesehen zu haben. Ja, ein bleiches Gesicht, mit langen, weissen Haaren. Das menschliche Wesen scheint in der kleinen Hütte verschwunden zu sein. Neugierig begebe ich mich zum Schweinestall, bücke mich weit runter um durch die enge Türe zu blicken, höre und sehe aber nichts. Auch gibt es vor der Türe im frischen, pulvrigen Schnee keine Spuren, weder die eines Menschen noch die eines mir bekannten Tieres. Menschliche Augen reflektieren kein Stirnlampenlicht. Ich finde dies alles bemerkenswert und auf eine gewisse Art sonderbar. Umso froher bin ich, dass es jetzt stockdunkel ist. Leise begebe ich mich zurück zu meiner Kamera. Endlich kann sie mit Fotografieren beginnen. Vorläufig ist der leise Klick meines teuren Apparates, der alle 33 Sekunden ertönt, die einzige Abwechslung, das einzige Geräusch, das die quasi absolute Stille stört. Beim Speichern der Bilder gibt die Kamera einen weichen Schimmer in die Dunkelheit ab. Ich frage mich, wie weit ich mich wegbegeben kann, um das schwache Licht gerade noch sehen zu können. Allerlei Muster trete ich in den frischen Schnee. Das Klicken und das schwache Licht kommen mir heimelig vor. Sie bewirken, dass ich mich nicht einsam fühle. Überhaupt fühle ich mich selten bis nie einsam. Früher war das anders. Wenn man älter wird, wird vieles besser und leichter. Der nächste lebende Mensch schläft dreihundert Höhenmeter tiefer im warmen Bett.

 

Später bleibe ich bei meiner Kamera stehen und versuche, das zu sehen, was sie sieht. Ich weiss jetzt, wo sich der Polarstern befindet. Angestrengt schaue ich zu ihm hoch. Der Polarstern ist 340 Lichtjahre von uns entfernt. Er nimmt mich gefangen und schlägt mich in seinen Bann. Ich werde lange stehen bleiben. Überschlagsmässig rechne ich: der Mensch mit seiner erstaunlichen Raumfahrttechnik kann sich gut zehn Kilometer pro Sekunde fortbewegen; in zwei Sekunden wäre ich mit einer solchen Geschwindigkeit schon auf dem Gipfel des Bietschhorns; wir bräuchten 120'000 Jahre bis zu unserem nächsten Stern; dieser, Proxima Centauris, ist rund hundertmal näher als der Polarstern, Alpha Ursae Minoris; will heissen, dass die Reise zum Polarstern 12'000'000, zwölf Millionen, Jahre dauern würde und zwölf Millionen Jahre wieder zurück; 340 Lichtjahre sind aber nichts; der Polarstern liegt in unserer unmittelbaren Umgebung, er gehört zu unserer Heimat. Erstaunlich und ergreifend: mein Stern hat vor 340 Jahren Lichtstrahlen ausgesandt, und diese treffen genau in diesem Moment auf meine Netzhaut, um dort zu sterben. Was von ihnen bleibt, ist ein elektrischer Impuls in meinen Nervenbahnen und ein Gedanke in meinem Hirn. Vor 340 Jahren gab es in Gspon nur ein paar einfache Hütten, meistens keine Menschen; das Wallis war praktisch menschenleer. Hat vor 340 Jahren je ein Mensch dort gestanden, wo ich jetzt gerade stehe? Der Polarstern sendet weitere Strahlen in meine Augen. Diese Strahlen gehören nur mir; ihre Energie ist tief im Inneren des Sternes entstanden. Es liesse sich ausrechnen, wie viele Lichtteilchen, Photonen, da ständig auf meine Netzhaut prallen. Es sind viele, sehr viele. Was haben all diese Sterne für eine Bedeutung? Sind sie nur da, um von uns gesehen zu werden? Der Polarstern muss wissen, dass die meisten von ihm ausgesandten Strahlen reine Verschwendung sind, denn niemand sieht sie, oder ist dankbar für sie. In der Vergangenheit war das anders. Alpha Ursae Minoris diente den alten Seefahrern zur Orientierung. Unzählige Menschen haben damals zu ihm hochgeblickt. Viele verdankten ihm die Rettung aus grosser Seenot. Leider bist du jetzt in die Jahre gekommen, lieber Polarstern. Setzt dich zur Ruhe, behalte deine Energie und Wärme für dich, oder für andere dankbarere Wesen! Der Polarstern und auch die anderen Himmelskörper saugen meine Aufmerksamkeit derart in sich auf, dass ich nur noch für sie da bin, und alles um mich herum vergesse. Ach, ich bin nichts anderes als Sternenstaub. Ich bin vom gleichen Material wie die tausendfach funkelnden Sterne und bin aus ihnen entstanden. Es ist Zufall, dass die Atome, die meinen Körper aufbauen, zu mir gehören und nicht zum Polarstern. Brüder und Schwestern meiner Körperatome leben bestimmt auf dem Polarstern, denn einmal gehörten sie alle zusammen und bildeten "die Suppe", aus der die Milchstrasse entstanden ist. Aber auch jetzt gehören wir noch alle zusammen, denn wir sind alle Milchstrasse. Derart in Gedanken versunken vernehme ich das stete Klicken meiner Kamera nur noch von Ferne. Langsam steigt die unerbittliche Kälte vom Boden hoch und findet meine Poren. Sie dringt durch sie und nistet sich in meinem Körper behaglich ein. Bei minus zwanzig Grad sollte man nicht in Turnschuhen im hohen Schnee untätig herumstehen und träumen. Dies ist mir in dieser Stunde nicht bewusst, denn klarer und klarer sehen meine Augen, wie sich alles um den Polarstern dreht. Er ist das Zentrum von allem. Wie in einem gigantischen Trichter führt alles zu ihm hin. Und so habe ich nach einiger Zeit das Gefühl, ich drehe mich selber und stürzte in diesen Trichter. Weiss aber doch, dass alles nur Illusion ist. Es gibt keinen Trichter. Und es ist nicht so, dass sich die Sterne um den Polarstern drehen. Alles im All ist Zentrum, weil alles im All vom Ende des Alls gleich weit entfernt ist. Das All ist in allen Richtungen sehr gleichförmig. Wir sind alle gleich. Im grossen Trichter, der sich kegelförmig vor meinen Augen auftut und sich wieder kegelförmig zum Polarstern schliesst, beginne ich nach einer Weile Bilder wahrzunehmen: Grosser Bär, Kleiner Bär, Löwe, Krebs und die Zwillinge. Und weil ich von einer grossen Faszination ergriffen bin, vergesse ich meinen Körper völlig. Ich vergesse, dass ich bei grosser Kälte da in Turnschuhen im hohen Schnee stehe, und dass ich Kälte nur schlecht ertragen kann. Neben den bekannten Sternbildern, die doch nur eine Illusion sind, beginne ich plötzlich andere Bilder wahrzunehmen. Ich sehe Gesichter von Menschen, von bekannten und unbekannten Menschen, zuletzt auch von mir selbst. "Das ist ja eine tolle Bilderschau und alles auf einem riesigen dreidimensionalen Bildschirm präsentiert, toll!" rufe ich aus. Freude steigt in mir auf. Tagtäglich schaue ich mir wegen meines Hobbies Bilder auf meinem Computer an. Erlebe damit immer wieder entspannende Momente in schönen Landschaften, die andere Fotografen eingefangen haben. Erfreut lasse ich meinen Körper nach hinten in den weichen Schnee fallen und fühle mich wie in einem warmen Polsterstuhl. Ich meine, ich befände mich in der warmen Stube dreihundert Höhenmeter weiter unten im Chalet „Sunnuschy“. Tastend greift meine rechte Hand zu dem Körbchen voller Chips, das sich in solchen Momenten immer neben mir befindet. "Ja, da sind sie, die Chips, und links ist die Flasche Bier!" stelle ich zufrieden fest. Alles schmeckt mir vorzüglich, und ich merke nicht, dass ich Eiskristalle kaue und an Eiskerzen lutsche, statt Chips zu essen und Bier zu trinken. Mehr und mehr Bilder erscheinen, und es sind mehr und mehr Bilder aus meinem Leben. "Moment mal, da zieht ja mein ganzes Leben als gigantische Lichtbilderschau an mir vorbei! Was ist da nur los?" Jetzt spüre ich auch, wie es mich mit geheimnisvoller Kraft aus meinem Körper hinauszieht. Ein Blick zurück, und ich sehe, wie da jemand im Schnee liegt. "Mein Gott, sehe ich blau aus - wie geschieht mir nur?" Immer schneller gleite ich den grossen Trichter hoch. Alles Interesse an meinem Körper verschwindet. Dann fühle ich mich vollkommen schwerelos wie ein Astronaut. Alle Sorgen, alle Müh und alle Wehwehchen sind wie weggeblasen. Da gibt es nichts mehr, was mich noch irgendwie bedrückt oder bekümmert. Es ist nur noch ein schönes Gefühl. Meine Geschwindigkeit muss enorm sein; in der Unendlichkeit des Raumes löst sie sich aber auch in nichts auf. Trotzdem meine ich aber feststellen zu können, dass Alpha Ursae Minoris allmählich grösser wird. Jetzt ist mir voll und ganz bewusst, dass ich da auf der Reise vom Leben zum Tode bin. Weil mir aber wohl dabei ist, lasse ich einfach geschehen.

 

So ist mir, als schwebe ich lange durch den unendlichen Raum. Es ist finster um mich. Oberhalb von mir und unter mir, rechts und links und überhaupt überall in grosser Ferne funkeln unzählige Sterne. Hin und wieder nähern sich mir grosse kartoffelartige Gebilde. Sie sausen mit unglaublicher Geschwindigkeit heran, scheinen in meiner Nähe fast stehen zu bleiben und beschleunigen wieder weg von mir. Deutlich sehe ich wie grössere und kleinere Krater ihre Oberfläche zieren. "Asteroiden", sage ich mir. Alles, was ich sehe und fühle, hat für mich Realität. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass das Wahrgenommene nicht echt ist. So zweifle ich auch nicht an der Echtheit der schönen Gestalt, die sich mir plötzlich nähert. Es fällt mir leicht, sie zu beschreiben, denn ihr Bild hat jahrelang über meinem Kinderbett gehangen. Jetzt hängt es in sechseckigem, altmodischem Rahmen in meiner Stube in Gspon. Auf dem Bild breitet der Schutzengel seine Arme weit über uns Kinder aus. Sein Gesicht ist von kindlicher Schönheit. Schön fallen die blonden Haare, die in der Mitte des Schädels gescheitelt und zu beiden Seiten der Stirne kunstvoll geflochten sind, auf seine Schultern. Es ist eine sehr anmutig wirkende, weibliche Gestalt. Ihr Gesicht strahlt Fürsorge und Achtsamkeit aus. Auch jetzt ist sie in ein langes, schneeweisses Kleid gehüllt. Sanft berühren mich die seidenen, weiten Ärmel im Gesicht. Es ist mir, als bekäme ich von dem schönen Wesen, das mir offensichtlich sehr freundlich und wohlwollend gesinnt ist, einen leichten Schubs. Schon bewege ich mich in Richtung eines sehr hellen Sternes, hinter dem bald darauf allmählich ein blauer Planet auftaucht. Ich werde an das Bild mit der hinter dem Mond aufgehenden Erde erinnert. Sehr intensiv hebt sich das helle Blau des Planeten von der Finsternis des Hintergrundes ab. Glasklar kommt er mir vor - wie die Murmeln, mit denen man als Kind spielte und deren Farben einem so gefielen. Bald schweben wir über seiner Oberfläche. Tausend Seen gestalten den Planeten wundervoll. Dazwischen breiten sich grüne Wälder in allen Himmelsrichtungen aus. Im Hintergrund wie von Künstlerhand geschaffene, wohlgeformte Berge. Schneeweiss sind ihre Gipfel. Mir ist, als schreite ich durch hohen, pulvrigen Schnee, durch bezaubernde Landschaften. Leise rieseln glitzernde Schneekristalle von den Bäumen, die ich im Vorbeigehen berühre. Es zieht mich zu den Flüssen, zu den Seen. Perlenklar fliesst das Wasser über bunte Steine. Muntere Forellen schwimmen den Bach hoch. Übermütig schnellen sie in die frische Luft und lassen sich wieder wie zum Spiel in das klare Wasser fallen. Im See wimmelt es von Fischen aller Art. Erstaunlich für mich die Formen und Farben. Am steilen Ufer sitzend sehe ich vier, fünf Meter tief bis auf den Grund des Wassers hinab. Schön, die Formen und Farben der Steine, und bunt die Farben der Wasserpflanzen. Grosse und kleine Sauerstoffblasen bubbeln überall an die Wasseroberfläche. Erneuern die Luft. Stundenlang möchte ich am Ufer bleiben, möchte gerne die ausgedehnten Landschaften erkunden. Am liebsten möchte ich für immer hier bleiben. Doch mein stummer Begleiter drängt. Ich bitte ihn um Geduld, doch er zwingt mich sanft, nochmals zurück zu unserer Erde zu blicken. Alles in mir sträubt sich dagegen, denn hier ist es so schön, hier ist mein Paradies. Ich habe es tatsächlich ins Paradies geschafft! Doch sicher ist das nicht, denn unnachgiebig und beharrlich werde ich aufgefordert zurückzublicken.

 

Und da sehe ich wieder unsere alte Erde. Nach der eben mit grosser Wonne genossenen Schönheit wühlt der Kontrast mein ganzes Ich auf. Ich befinde mich irgendwo an einem fremden Strand, in Italien oder Ägypten. Vorsichtig gehe ich über glitschige Steine, zwischen denen tausend Glassplitter herumliegen. Öliges Wasser spielt an spitzen Klippen mit Plastikflaschen aller Art. Da liegt ein toter Fisch mit weit aufgerissenen Augen auf seinem Rücken. Brauner Dunst wird von rauen Winden herangeweht. Das Atmen fällt mir schwer, und mühsam ringe ich nach Luft. In unmittelbarer Nähe torkelt ein langbeiniger Seevogel in der dunklen Meeresbrühe herum und sucht nach Essbarem. Sein Federkleid ist nur noch spärlich vorhanden; zum Teil ist er total nackt; wie ein apokalyptischer Geier wirkt er auf mich. Nahrung findet er keine mehr. Eine sterbende Riesenkröte glotzt mit einem Auge vom Heck eines rostigen Schiffswracks auf mich herab. Hustend und röchelnd wirft sie mir eine schlierige Masse aus tödlich entzündetem Hals mitten ins Gesicht. Fadenziehend fliesst diese träge meinen Körper hinunter. Vom Eckel ergriffen, halte ich das Bild nicht mehr aus, und bitte meinen Beschützer inständig um eine Rückkehr zum blauen Planeten. Auf keinen Fall will ich zurück zur Erde und zum Leben. Er nickt mir wohlwollend zu. Ich erkenne aber auch gleich, wie unnachgiebig und bestimmt er wieder ist. Fest scheint sein Plan, seine mir bestimmte Reise zu sein.

 

Nur Sekunden später, meine ich, befinden wir uns in einer vollkommen anderen Welt. Sie ist von ähnlicher Schönheit wie die erste. Jedoch kommen mir die Kreaturen fremd und unwirklich vor. In einer grünen Wiese lasse ich mich nieder. Obwohl mein Körper weit weg von mir im Schnee liegt, bin ich mir auch hier meiner Körperlichkeit bewusst. Die Luft ist erfüllt von angenehmem Summen, das in meinen Ohren wie esoterische Musik klingt. Tiere aller Art bewegen sich im Takt eigenartiger Melodien. Insekten, die mich an unsere Falter erinnern, gleiten schwerelos durch die Luft. Einer dieser «Schmetterlinge« lässt sich auf meiner Nase nieder, erkundet diese von allen Seiten. Unermüdlich trippelt er auf meinem Gesicht herum, kitzelt mich eigenartig und erheitert mein Gemüt. Im hohen Gras entdecke ich ein Tier, das mich an einen Leoparden erinnert. Seine Augen sind scharf, aber doch auch gütig auf mich gerichtet. Wie er beginnt, sich geduckt und wie auf weichen Pfoten auf mich zu zu bewegen, erschrecke ich ganz ordentlich. Mein Beschützer beruhigt mich mit einem sanften Blick. Bald ist der «Leopard» bei mir und beschnuppert mich mit langen Schnurrhaaren von allen Seiten. Mit samtener Zunge leckt er meine Wange. Das ist für mich ganz angenehm. Für ihn wohl weniger, denn bald hört er auf, schüttelt sich wie ein Puddel, der sich vom Wasser am Fell befreien will und lässt sich bei mir nieder. Angenehm ist es, seinen warmen Körper an meiner Seite zu spüren. Ruhig geht sein Atem und auch sein Herzschlag. Erstaunt stelle ich fest, dass seine Zähne nichts Gefährliches an sich haben. Wie Kieselsteine sind sie abgerundet; wie alles an ihm wirken auch sie geschmeidig und ebenmässig. Ich bin mir sicher, dass sich in dieser Welt niemand von Fleisch und nicht einmal von Pflanzen ernährt. Später setze ich mich unter einem grossen «Nadelbaum» in den Schatten. Seine «Nadeln» strömen einen Wohlgeruch aus, der mich an Lavendel, Pfirsichblüten und süssen Honig erinnert. Ich meine, dass alle Kreaturen auf diesem Planeten ihre Energie in gasförmiger Form von solchen Bäumen beziehen. Die Evolution hat bewirkt, dass sie weder auf pflanzliche noch auf tierische Nahrung angewiesen sind. Auch die ständig hörbare und durchaus betörende Musik geht von diesen wohlgeformten Bäumen aus. Sie entsteht aus einer leichten Vibration der Nadeln. Diese zittern wie Espenlaut in klarer Luft. Mir wird klar, dass es in dieser Welt keinen Kampf um Nahrung gibt. Zur Fortpflanzung wird ausgewählt, wer sich am anmutigsten zur Musik bewegen kann, und wer am freundlichsten zu seinen Mitkreaturen ist. Stolz schreitet kurz später ein stattlicher Hirsch durchs hohe Gras. Nicht weit von mir dreht er sich auf seinen Hinterläufen wie in einer Pirouette um - wie wenn er mir imponieren oder mir gefallen möchte. Seine Hörner dienen ihm als reiner Schmuck und schon seit vielen, vielen Generationen nicht mehr zum Kämpfen. Tatsächlich erinnern sie viel eher an Blumenschmuck als an ein Statussymbol. Vor mir im Gras ist eine Vielzahl «Ameisen» damit beschäftigt, einem auf seinen Rückenpanzer umgefallenen «Kartoffelkäfer» wieder auf die Beine zu helfen. Unfälle sind auch in dieser Welt nicht auszuschliessen. Und auch der Tod nicht. Es wird aber nur auf natürliche Weise, am Ende eines langen und beschwingten Lebens gestorben. Und so meine ich, an einem schattigen Ort weiter drüben, wo auch die himmlische Musik nur leise zu vernehmen ist, eine Art Abdankungszeremonie zu erleben. Ein Duzend «Wölfe» sind um ein hochbetagtes «Schaf» im Kreis versammelt. Mit sichtlicher Trauer im Gesicht versuchen sie des Sterbenden Schmerzen der letzten Stunden zu mildern, indem sie ihm mit grossen Blättern frische Luft zuwedeln. Die Szene rührt mich und geht wieder stark ans Gemüt. Wie gerne möchte ich hierbleiben und meine alten Tage bei diesen Kreaturen verbringen! Doch immer ist auch der Wunsch da, heim zu meinen Lieben zu kehren, zu den Menschen überhaupt, um ihnen von diesen liebenswerten Kreaturen zu berichten.

 

Mein treuer Beschützer ist wieder unnachgiebig und nötigt mich zu einem Blick zurück auf meinen alten Heimatplaneten. Wieder erschüttert mich der Kontrast bis auf meine Grundfeste. Rasend schnell ziehen Bilder wie in einer Wochenschau an mir vorüber. In einer Grossstadt hetzen Menschen gestresst durch dunkle Gassen; schauen sich gereizt an; rammen einander ihre Ellbogen in die Seite. Ohrenbetäubender Lärm dringt aus der nahen Disko. Zigarettenrauchwolken paffen an die Luft. Draussen ziehen ein paar junge Frauen und Männer gierig an ihren Glimmstängeln, husten erbärmlich, um ihre Lungen vom schädlichen Teer zu befreien. Ein paar Schlägertypen mit kahlgeschorenen Köpfen, Ringen an den Ohren und farbigen Tätowierungen an kräftigen Oberarmen ziehen vorüber. Mit Schlagstöcken bewaffnete Polizisten stellen sich ihnen in den Weg. Ihr grimmiger und entschlossener Gesichtsausdruck lässt keine Fragen offen. Im ersten Stock eines an einen Hinterhof angrenzenden, schäbigen Gebäudes schreit eine Frau wie um ihr Leben. Kurz später fliegt ihr Körper in hohem Bogen aus einem Fenster, dessen Scheiben in tausend Scherben zerfallen. Die Glassplitter tanzen eine Weile auf dem nassen Strassenpflaster, dann ist es still. Der Körper der gut dreissigjährigen Frau bleibt bewegungslos im Strassenkanal liegen. Daselbst fliesst ein Rinnsal einer dunklen Brühe. Schnell fliesst Blut aus einer klaffenden Wunde am Hals der sterbenden Frau. Hellrot scheint das Blut im Lichte, des sich nur spärlich zeigenden Mondes, und tropft in einen tiefen Schacht. Hohler und hohler und lauter und lauter hallen die in der Kloake aufschlagenden Tropfen im Schacht und in der engen Strassenschlucht wieder. Krampfhaft presse ich die Hand an meine Ohren, um dem Geräusch zu entgehen. Im Reagenzglas gezeugte Schweine fristen auf engstem Raum in dunklen Ställen ein trauriges Dasein. Ihre einzige Bestimmung ist ein schmerzhaftes Sterben im Schlachthof. Niedlichen Küken blüht das gleiche Schicksal. Für einen Spottpreis werden ihre Schenkel am Pouletstand angeboten, von gierigen Passanten angebissen und achtlos in den Mülleimer geworfen. Im hell erleuchteten Vorstadthaus schaut sich ein junges Paar auf einem bequemen Polstermöbel einen Horrorfilm an. Zärtlich streichelt der junge Mann die Hand seiner Geliebten, während diese entzückt beobachtet, wie das haarige Monster seine blutigen Zähne in den zarten Hals der barbusigen Blondine rammt. In der todgebombten syrischen Stadt sucht zischend eine zu diesem Zweck programmierte Rakete die karge Behausung einer armen Familie. Ohrenbetäubend überrascht sie Mutter, Vater und Kind im schlichten Raum. Tonnenschwer türmen sich die Ziegel über dem toten Körper des Vaters, von dem nur noch ein blutiger Kopf mit weit aufgerissenen Augen sichtbar ist. Wie von Sinnen scharrt die Mutter mit blossen Händen in den pickelharten Trümmern nach ihrem Kind. Erfolglos bleibt sie ermattet auf dem Boden sitzen und gräbt schreiend ihre Nägel in das in wilden Strähnen von ihrem Haupt herabfallende, staubige Haar.

 

Entsetzt und selbst fast von Sinnen bitte ich meinen Beschützer und Begleiter, mich aus diesem furchtbaren Szenario zu befreien. Grosses Mitleid mit meinen Mitmenschen und mit den Kreaturen auf der Erde ergreift mich, schnürt meine Kehle ein und zieht mein Herz zusammen. Wie kann diesen armseligen Kreaturen nur geholfen werden? Was kann ich für sie nur tun? Ich werde förmlich hin und her gerissen, zwischen meinen neugewonnen Freunden hier und meinen Mitkreaturen auf der Erde. Noch kann ich mich nicht für eine der Welten entscheiden. Noch entscheidet ein anderer. Und dieser führt mich wieder mit sanfter Hand, aber sehr bestimmt sehr weit weg.

 

Erneut erreichen wir einen sehr schönen Planeten. Weit unten auf dessen südlicher Halbkugel betreten wir eine stattliche Behausung. „Ach, bitte, bitte, darf ich dir, liebe Mutter beim Abwaschen helfen?“ fragt die zwölfjährige Tochter. Der etwas ältere Sohn hält seinem jungen Bruder den Arm über und hilft diesem mit grosser Begeisterung bei den Hausaufgaben. Und von der Mutter vernimmt man: „Wie schön, liebe Anna, dass du mir immer hilfst, so kann ich noch schnell zu den Nachbarn hinüber, um ihnen die Hälfte des wunderbaren Kuchens zu schenken, den Vater gebacken hat.“ Dieser ist mit einer Art Steuererklärung beschäftigt, strahlt über das ganze Gesicht, steht vom Tisch auf, reibt zufrieden seine Hände und verkündet: „Meine Lieben, ist es nicht schön: viertausend Franken dürfen wir wieder der Dorfgemeinschaft schenken! Es hat doch niemand etwas dagegen, wenn wir auf fünftausend aufrunden, oder?“ Und begeistert ertönt es aus aller Munde wie im Chor: „Schreib doch siebentausend, hurra, hurra, siebentausend.“ Der Engel führt mich noch in andere, sehr ähnliche Wohnungen. Überall ist ständig die Rede von Geben, Schenken, Helfen und Unterstützen. Die Kreaturen sind aber nicht Menschen, sie ähneln jedoch Menschen, wenigstens in ihrem Gehabe. Welch sonderbare Entwicklung doch die Evolution auf diesem Planeten genommen hat! Auf unserer Erde war es der in der Savanne vorteilhafte aufrechte Gang, der uns Menschen den entscheidenden Vorteil gegenüber Tieren verschafft hat. Mit dem aufrechten Gang sind die Hände frei geworden. Und mit den Händen haben unsere Ururahnen bald begonnen, zu formen, gestalten und schaffen. Und das ständige Schaffen hat die enorme Entwicklung unseres Hirns eingeleitet. Auf diesem Planeten ist die Entwicklung ähnlich aber doch ganz anders als auf der Erde verlaufen. Die lieblichen Kreaturen müssen langschwänzige Paviane als Vorfahren gehabt haben. Vor vielen Jahrtausenden, wenn nicht Jahrmillionen wird einer der Urpaviane aufgrund einer spontanen Verhaltensmutation damit angefangen haben, seinen langen Schwanz nicht mehr nur zum Abwehren der eigenen Fliegen zu benutzen. Von morgens früh bis abends spät und überhaupt den ganzen Tag, benutzte er diesen zierlichen Körperteil, um die Fliegen seiner Jungen wegzujagen, diesen frische Luft zuzuwedeln, sie zu necken und streicheln. Das war ein entscheidender Evolutionsvorteil gegenüber den Pavianen, die dieses selbstlose Verhalten nicht kannten. Über unzählige Generationen setzte sich das Prinzip Helfen, Geben, Schenken und Unterstützen mehr und mehr durch, aufgrund der auch hier geltenden natürlichen Auslese nach der Darwinschen Theorie der Evolution. Wie unsere Hände immer beweglicher, feingliedriger und feinfühlender geworden sind, so ist es auch dem Pavianschwanz ergangen: er wurde zu einer Art drittem Arm und dritter Hand - eine Art Rüssel, der über dem Körper, aber auch zwischen den Beinen und unter den beiden Armen bis weit nach vorne bewegt werden kann. Viele Arbeiten wurden damit leichter, andere Arbeiten erst möglich, so zum Beispiel das Halten eines Brettes mit einer Hand, das gleichzeitige Ergreifen eines Nagels mit der zweiten Hand und das Einschlagen des Nagels mit der dritten Hand. Der Arm und die Hand haben sich zu einem regelrechten Geberorgan entwickelt, dessen Hauptfunktion das Helfen und Geben ist. Aber viel wichtiger als die drei Hände, war die psychische Entwicklung. Wie der Mensch auf unserer Erde immer nur nehmen will, immer mehr haben will, Reichtum anhäufen will, Eigentum den anderen wegnehmen will, seine Grenzen ausdehnen will, sich in einer ungesunden Wachstumsspirale noch mehr Luxus anhäufen will, sich noch bequemer fühlen will und damit Streit provoziert, Kriege anzettelt, die Ressourcen ausbeutet, die Erde verpestet, den Klimawandel in Gang setzt und sich immer mehr und mehr vermehrt, läuft hier alles gegenläufig und funktioniert auf wunderbare Art und Weise, indem jeder nur geben will, dem anderen helfen will, nicht zu viel haben will, den anderen unterstützt, fördert und beschenkt. Und das ständige Geben und Schenken schafft ein grosses Glücksgefühl, und jeder hat von allem genug, denn jeder wird ständig beschenkt und erhält vom anderen. Wer mehr als die anderen hat, läuft Gefahr, dass ihm nichts mehr gegeben wird. Darum ist jeder bestrebt, nicht mehr als die anderen zu haben. Interessant ist, dass sich das Prinzip über Generationen ständig verstärkt, denn, wer viel gibt, erhält mehr, dem wird mehr geholfen, der lebt länger. Und das Volk als Ganzes ist ständig bemüht, von der Natur so wenig wie möglich zu nehmen, und ihr zu geben, was sie braucht. Damit haben die Kreaturen auf diesem Planeten Jahrtausende gut, gesund und glücklich leben können.

 

Mein Schutzengel hatte lange Geduld gehabt, dass ich mir dies alles überlegen und verinnerlichen konnte. Irgendwie scheint er jetzt ganz zufrieden mit mir zu sein. Doch er will mir auf diesem eigenartigen Planeten noch mehr zeigen. Im nächsten Augenblick befinden wir uns an einem Ort auf der Nordhalbkugel. Wieder darf ich in eine der Behausungen blicken. Auch hier herrscht die gleiche wunderbare Grundstimmung des Helfens und Gebens. Auch hier haben alle genug, aber nicht zu viel. Und weil sie gerade genug und nicht zu viel haben, schätzten sie, das was sie besitzen, sehr. Und sie tragen Sorge zu allem, was sie haben. Hätten sie zu viel, wären sie der Dinge überdrüssig. Sie würden sie nur noch verschwenden und würden zum Glücklich sein immer mehr der Dinge brauchen, und damit beginnen, ihren wunderschönen Planeten auszubeuten, oder sich gegenseitig Dinge wegzunehmen. Zwischen der nördlichen und der südlichen Planetenhalbkugel liegt ein grosses Meer, vergleichbar unserem Mittelmeer. Natürlich sind die Bewohner dieses Planeten auch den Launen der Natur ausgesetzt, so wie das auf allen anderen Planeten der Fall ist. Unser Universum ist so beschaffen, dass die tote Materie dem zarten Leben nicht immer wohl gesinnt ist. Unser Leben ist so zerbrechlich, so einzigartig und ungewöhnlich innerhalb einer nicht immer gut gelaunten Natur. Ein heftiges Ausatmen der ungebändigten Kräfte der Natur und alles Leben ist ausgelöscht. Auch auf diesem Planeten herrschen nicht immer vorteilhafte Bedingungen für unsere so sympathischen Kreaturen. Im Norden ist es winters erbärmlich kalt, im Süden sommers sehr heiss. Gerade jetzt verabschiedet sich die Sonne mehr und mehr vom Norden, und zu Tausenden und Abertausenden machen sich die Nordländer auf den Weg nach Süden, auf dem Land- und auf dem Wasserweg. Ihre Wanderrouten durchqueren manches Durchgangsland. Und überall wird ihnen geholfen, gegeben, und sie werden von vielen ermuntert, unterstützt und wenn nötig auch getröstet. Wagen mit vielen Kreaturen an Bord werden gestossen und gezogen, wenn nötig repariert. Schiffe werden an Land gezogen. Ihre Insassen in langer Umarmung willkommen geheissen. Und im Süden herrscht überaus emsiges Treiben, denn jeder will den Nordländlern Unterschlupf gewähren, ihnen Nahrung und Kleidung geben. Jeder im Süden weiss um die Kostbarkeit des Lebens, und dass Überleben nur gemeinsam möglich ist. Wenn es einmal im Jahr unter den Bewohnern des Südens zu kleineren Unstimmigkeiten und Raufereien kommt, so ist es in den Wochen der grossen Wanderung, denn jeder Südländer will unbedingt jemand aus dem Norden in seine Behausung aufnehmen, um ihn während den paar Wintermonaten zu bewirten.

 

Bald heisst es, auch von dieser Welt Abschied nehmen. Mein lieber Engel weiss, dass ich nicht noch einmal zurück auf meine Erde schauen will. Stattdessen führt er mich an einen Ort, von dem aus ich alles überblicken kann. Deutlich sehe ich jetzt die drei von uns besuchten Welten frei im Weltraum schweben. Weiter hinten oder oben folgen wie auf einer Perlenschnur aufgereiht weitere Wunderwelten. Eine scheint schöner, farbenfroher und paradiesischer als die andere zu sein. Und viel weiter draussen im All -  von allem, das ich gesehen hatte unendlich weit entfernt, glänzt ein gewaltiges Licht, heller und schöner, als es je gesehen worden ist. Trotz der grossen Stärke dieses Lichtes und seines alles durchdringenden Glanzes schmerzt es nicht - im Gegenteil, es scheint alles Sichtbare, Lebende und Tote, mit Energie und „Leben“ zu versorgen. Mir wird klar, dass sich dort das wahre und endgültige Paradies befinden muss.

 

Am anderen Ende brodelt und zischt es unerträglich in einem ewig anhaltenden Rhythmus. Jäh zucken Blitze durch die jammervolle Dunkelheit und erhellen für Sekunden ein unbeschreibliches Elend. Wild bricht die Brandung an spitzen, abweisenden Klippen und lässt eine Gischt aus Ammoniak und schwefliger Säure zurück. Über der dunklen Brühe entladen sich Atompilzen gleich gewaltige Eruptionen. Die niederprasselnde Glut jagt dunkle Dampfwolken in alle Himmelsrichtungen von dannen. Dieses apokalyptische Geschehen jagt mir grosse Furcht ein, und erinnert mich tatsächlich an Beschreibungen der Hölle. Auch über diesem Hintergrund hangen zerbrechlich Planeten und andere Himmelskörper.

 

Zwischen den beiden Himmelspolen suche ich lange nach einer einsamen, fünf Milliarde Jahre alten Sonne, um die acht Planeten schwerelos kreisen. Fünf Milliarden Jahre hat auch unsere Erde gebraucht, um das zu werden, was sie heute ist. Von einem Anflug heimatlicher Gefühle ergriffen, wird mir wohl ums Herz, als ich den zerbrechlichen Heimatplaneten entdecke. Immer noch schimmert seine blaue Farbe durch den unendlichen Weltraum. Hier und dort steigt dunkler Rauch in die Atmosphäre, wie von brennenden Ölfeldern in Arabien stammend. Fünf Milliarden Jahre alt und noch immer nicht weiser! Und noch immer liegt sie in Geburtswehen, meine Welt, und niemand weiss, wohin sie will. Wie ein pubertierender Knabe trotzt sie aller Vernunft, und wiederholt und wiederholt schreckliche Fehler, die sie schon tausende Male begangen hat. Das ursprünglich so schöne Blau unserer Erde hat etwas an Glanz verloren, weckt aber immer noch Hoffnung, und noch scheint nichts verloren zu sein. Doch unaufhaltsam tickt die Weltuhr.

 

Schmerzhaft wird mir bewusst, dass ich noch für keines der mir gezeigten Paradiese reif bin. Und auch das helle, wohltuende Licht, hinter dem sich aller Sinn verbirgt, ist so weit von mir entfernt. Schrecklich wenig habe ich vorzuweisen, um dorthin mitgenommen zu werden. Ich befinde mich in einem unsäglichen Beweisnotstand. Würde ich jetzt für immer hier in der unendlichen Kälte und Leere des Raumes bleiben müssen und für ewig in grosser Sehnsucht und Einsamkeit gefangen sein? Und so bleibt mir schlussendlich nur eine grosse Hoffnung und ein starker Wunsch: das mir mein Engel den Weg zurück in meine Heimat weist. Mein Begleiter aber hatte meine Gedanken erkannt, noch bevor ich sie ausspreche. Zustimmend und freundlich wie immer nickt er mir zu.

 

Langsam spüre ich, wie ich in meinen mir so vertrauten Körper zurückkehre. All das Erlebte hatte mich erschöpft und müde gemacht. Ein unglaublich starker Hunger nimmt mein ganzes Bewusstsein gefangen. Und so langt meine rechte Hand wieder nach den Chips, die sich doch da auf meinem Tisch befinden müssen. Tastend fülle ich die ganze Hand und schiebe ihren Inhalt gierig in meinen Mund. Ich kaue und schmatzt, dass es knackst und trieft. Ein alle Lebensgeister wieder erweckender Eckel durchdringt alle meine Körperfasern, denn ich bin im Begriffe, eine Mundvoll Schweinemist meinem Körper einzuverleiben. Aus meinen Mundwinkel rinnt Schweinegülle über mein Kinn und auf meinen Faserpelz. Auf einen Schlag merke ich, dass ich auf dem Rücken ausgestreckt in der kleinen Hütte neben der Alphütte liege, dort wo früher die Schweine gehalten wurden. Voll und ganz bin ich wieder auf dieser so schmutzigen Erde angelangt. Alle meine Glieder sind noch steif. Die halbgefrorenen Finger und Füsse schmerzen mich entsetzlich. Minutenlang kann ich nur spuken, und mein Magen will nicht aufhören sich zu entleeren. Ja, ich bin tatsächlich wieder auf der lieben Erde, die mich mit einem regelrechten Schweinevoressen begrüsst hat.

 

Ich weiss nicht, wie lange ich brauchte, um mich aufzuraffen und diese schreckliche Schweinehütte zu verlassen. Im frischen, pulvrigen Schnee vor der Hütte, wo ich vor einer mir unbekannten Zeit keine Spuren gesehen hatte, ist jetzt eine markante Schleifspur sichtbar, so wie wenn jemand dort hinein gezogen worden wäre. Torkelnd gehe ich der Spur entlang und gelange so zurück zu meiner Kamera. Diese ist im Standbymodus und schlummert in der eisigen Kälte vor sich hin. Im leichten Wind schwankt der Kameragurt am Stativ hin und her. Hinter der Kamera im frischen Schnee ist deutlich der frische Abdruck eines Menschen zu sehen, der hier eine Zeitlang auf dem Rücken gelegen haben muss. Eine breite Schleifspur führt zum ehemalgien Schweinestall, doch auch mit meiner guten Stirnlampe kann ich keine Spuren ausmachen, die darauf hinweisen würde, dass hier jemand gezogen hätte. Verstört und unendlich müde blicke ich nach Westen, wo Orion im Begriffe ist, hinter den Bergen zu verschwinden. Und senkrecht über mir hängt still der Grosse und der Kleine Wagen im grossartigen Firmament. Ich bin nicht mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, ich weiss nur, dass ich nicht mehr derselbe bin wie am Abend zuvor. Wie ein Mensch, der zu viel Schnaps getrunken hat, torkele ich nach Hause. Ich wähle den Weg über die „Breite“. Beim Gedenkkreuz meines verstorbenen Cousins brennt eine Kerze hinter rotem Glas. Meine Cousine muss sie dort entzündet haben. In Gedanken an den Verstorbenen bete ich laut ein „Vater unser“. Ein paar Minuten später blicke ich von der nahen Alpe nochmals zurück und sehe, wie das rote Licht der Kerze im dunklen Wald flackert. Sonst weiss ich von diesem Abend nichts mehr.

 

Auch mit dieser Geschichte kannst du anfangen, was du willst. Als ich zwei Tage später wieder zum Orte genannt „Häüschbiele“ hoch stieg, und dort vielleicht zwei Stunden bei sternenklarem Himmel verharrte und fotografierte, wurde mir bewusst, welche ungeheure Realität das Erzählte für mich hatte - eine Realität, die sich wohl nicht mit der deinen deckt. Ich wurde von einem starken Ausbruch der Gefühle ergriffen, so dass Tränen reichlich über meine Wangen flossen.

 

Am folgenden Tag hatte ich nur noch lauter gute Vorsätze. Ich wollte nur noch freundlich, gut und hilfsbereit sein. Daheim nahm ich mir vor zu putzen, kochen und einzukaufen - habe gleich mit EXCEL einen Putzplan gemacht und diesen in meinem Zimmer aufgehängt. Er deckt die Zeit bis am 25.01.2011 ab. Dann nahm ich mir vor, inskünftig in Anwesenheit meiner Frau meinen Bauch stets so einzuziehen, wie ich das in jüngeren Jahren vor der Eheschliessung gemacht hatte, um ihr zu gefallen. Viele andere Vorsätze legte ich mir zurecht.

 

Möchtest auch du bei der Schaffung einer um ein klein wenig besseren Welt mithelfen, kannst du bei mir ein Fotoshooting buchen. Aller Erlös aus dieser Aktivität geht an wohltätige Institutionen, aber auch an Institutionen, die zur Verschönerung unserer Erde beitragen.

 

Die Preise sind wie folgt festgelegt:


- für ein Shooting einer Person oder Familie: Fr. 150
- für die fotografische Begleitung deines Anlasses (Sportanlass, Kulturanlasses, …): Fr. 150
- für eine Hochzeit (Paarshooting, kirchliche Feier, Aperitif): Fr. 1‘000
- für die Hochzeit komplett: Fr. 1500
- für deine zivile Trauung: Fr. 300

 

 

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Lieber heiliger, starker und guter Engel,
ich danke dir für deinen Schutz
und deine Fürsorge,
gestern, heute und mein ganzes Leben lang.
Bewahre mich auch diesen Tag
vor aller Gefahr,
vor aller Not.
Steh meinen Angehörigen bei
und meinen Freunden,
allen Menschen
und jeder Kreatur.
Jetzt und in Zukunft.

 

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Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)

Länder seit 26.02.2010

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