Streetparade Zürich (12.08.2017)

Kürzlich habe ich vernommen, wieso Facebook unglücklich macht: weil man dort immer sieht, wie gut es den anderen Menschen geht. Sie sind in den Ferien in der Karibik, sie besteigen die schönsten Berge bei Traumwetter, sie essen in schicken Restaurants mit schönen und glücklichen Menschen. Und selber sitzt man daheim im stillen Kämmerlein und hat von all dem nichts. Und das macht unglücklich. Die meisten Menschen schreiben halt immer nur von angenehmen Erlebnissen.

 

Ich mache hier mal eine kleine Ausnahme, aber nur eine kleine.

 

Habe kürzlich mal gegoogelt, was man als modischer Pensionär so trägt. Die Antwort war gleich da und war eigentlich auch einleuchtend: man trägt in der Regel den ganzen Tag ein schön warmes und wenn möglich flauschiges Pyjama oder Nachthemd, und darunter, je nach Jahreszeit, nichts oder selbstgestrickte wollige Unterhosen. Natürlich gehören zum Outfit auch noch die entsprechenden Stubenfinken und je nach dem eine Schlafmütze.

 

So würdest du mich tatsächlich antreffen, wenn du mich mal besuchen würdest, aber, in meinem Alter besucht einen halt niemand mehr. Kürzlich stürzte ich mich aber tatsächlich wieder mal in meinen Trainingsanzug und fuhr mit vielleicht zum letzten Mal aufflackernder Energie und Unternehmungslust an die Streetparade in Zürich. Nach dem Event hat mich eine gute Kollegin in der Seilbahn von Staldenried wissen lassen, dass sie mir fast eine Facebook Nachricht geschickt hätte, um sich zu erkundigen, ob ich in Latex-Hosen an die Parade gefahren sei.

 

Die Idee ist gut - vielleicht setze ich sie nächstes Jahr gleich in die Tat um. Hinfahren werde ich bestimmt wieder, denn die Streetparade hat mir im Grunde gut gefallen. Ich habe gerne riesige Menschenansammlungen und laute „Musik“, und wenn man die Zunge rausstrecken, Bier trinken und mit den Fingern komische Verrenkungen vorführen kann, ist man voll dabei. Jedenfalls fühlte ich mich akzeptiert, viele lächelten mir zu, und viele wollten, dass ich sie fotografiere - wie damals in Afrika, wo auch alle fotografiert werden wollten. Wegen des Fotografierens bin ich ja vor allem auch an die SP gefahren.

 

Später strich mir jemand sehr auffällig über mein noch vorhandenes Haar. Ich fand das sehr lustig, beehrte den Entsprechenden aber mit keinem Blick und sagte nur zu mir selber: „Du kannst mich mal!“ Es muss in diesem Moment gewesen sein, wo mir mein Portemonnaie geklaut wurde. Ich war nämlich derart abgelenkt, dass ich nicht an mein Geld dachte. „Tragisch“ ein wenig, aber sicher sehr ärgerlich, weil ich ausgerechnet an diesem Tag mehr Geld mit dabei hatte als sonst, und weil neben dem Geld, ärgerlicher, auch alle Ausweise verschwunden waren. Sonst war ich in meinem Leben immer vorsichtig gewesen - während meiner dreijährigen Afrikazeit war mir nie etwas gestohlen worden, und dabei war Stehlen da unten doch Tagesthema Nummer eins. In Zürich genügte eine kleine Unaufmerksamkeit, um das liebe Geld und die schönen Ausweise los zu werden. Muss sagen, dass ich wegen des Diebstahls jetzt nicht gleich in eine Depression gefallen bin. Wenn jemand das Geld wenigstens brauchen kann …

 

In der Zeitung hat man am folgenden Tag von Taschendieben und Verhaftungen gelesen. Einige Diebe, die wohl auch bandenmässig organisiert waren, benutzten sogar Pfefferspray, um an die Beute zu kommen. Man hat vernommen, dass viele Diebe vom Osten eingeflogen kommen. Hätte ich die erwähnten Latexhosen getragen, hätten wohl die meisten Diebe einen grossen Bogen um mich gemacht. Aber eben, im Nachhinein ist man immer schlauer. Ein guter Ratschlag wird wohl sein: nie viel Geld mitnehmen - dieses in verschiedenen Taschen aufbewahren - die meisten Ausweise daheim lassen.

 

Als guter und pflichtbewusster Schweizer habe ich mich natürlich schon zwei Tage später um neue Ausweise, Abonnements und Kärtchen bemüht.

 

Der Zufall wollte es, dass ich drei Tage später schon wieder nach Egg bei Zürich reisen musste. Egg ist auch ein Antonius Wallfahrtsort. Und der heilige Antonius hilft, wenn man etwas verloren hat. So verrichtete ich in der dortigen Wallfahrtskirche ein paar Stossgebete, gab Antonius und mir aber nur eine fünfzig zu fünfzig Prozent Chance. Eine sehr alte, vielleicht nur zwei Jahre jüngere Dame als ich, betete auch andächtig zum Heiligen, weil sie ihre Schlüssel verloren hatte. Sie hatte die Schlüssel aber wieder gefunden und war jetzt zurückgekommen, um dem fleissigen Antonius zu danken. Sie, die Dame, machte auf mich einen noblen und sogar adligen Eindruck. Als ich später zu Fuss auf dem Weg zum Bahnhof von Egg war, hielt ein schickes Auto neben mir - es war die offensichtlich reiche Dame von vorher, die Mitleid mit mir hatte und mich fragte, ob sie mir Geld geben könne.

 

Zurück in Zürich habe ich auf dem Festgelände beim Seebecken noch ein wenig meinen verlorenen Geldsack gesucht - mehr alibimässig und natürlich ohne Hoffnung, ihn wiederzufinden. Ich hätte es auch recht sonderbar, wenn nicht beängstigend gefunden, wenn er plötzlich da irgendwo im Gestrüpp gelegen wäre. Meinen Geldsack würde ich bestimmt nie mehr finden. Dafür roch es überall nach Männerurin, abgestandenem Bier und Hasch.

 

Vielleicht vier Tage später, jedenfalls zu spät, weil ich schon alle Ausweise neu beantragt hatte, kam vom Zürcher Fundbüro die Nachricht, man hätte meinen Geldbeutel gefunden. Ich traute meinen Ohren und Augen nicht, glaubte jedoch an die wundersame Wirkungsweise des heiligen Antonius.

 

Wohl wieder nur einen Tag später suchte ich in Zürich das Fundbüro. Ich muss einen verstörten, wenn nicht verzweifelten Eindruck gemacht haben, denn wieder fragte mich eine alte Dame, die kaum jünger als ich war, was ich denn suche. Und dank der noblen Dame fand ich dann schliesslich das Fundbüro. Im Büro fragte ich gleich, wo man denn verlorene Fundbüros wieder finden könne. Nein, natürlich nicht, aber das Fundbüro hat mich schon sehr fasziniert. Mehrere Angestellte nahmen verlorene Gegenstände in Empfang, während andere die gefundenen an die glücklichen Verlierer gegen eine Gebühr wieder aushändigten. Auf alle Fälle musste man Schlange stehen. Die Dame vor mir musste dreissig Franken für ihre Brieftasche zahlen. Nein, so viel würde ich nicht auslegen, dafür hänge ich zu viel an meinem Geld. Schlussendlich war ich an der Reihe. Dann musste lange gesucht werden, weil es von der Streetparade so viele Geldbeutel gab: Eine Kiste mit schwarzen, eine mit braunen, eine mit schwarz-braunen und eine mit farbigen Portemonnaies. Wie glücklich ich dann war, als ich plötzlich das Meinige wieder in den Händen hielt. Es war aber so verlottert und sah so mitgenommen aus (eben mit-genommen), dass ich es gleich in den nächsten Abfalleimer warf - gegen eine Gebühr von nur fünf Franken. Hast du gewusst, dass die Identitätskarte bei Verlust oder Diebstahl von Amtes wegen vernichtet wird? Die ID war mit siebzig Franken auch mein teuerstes Stück.

 

 

Und schon begann ich zu rechnen: Es gab im Fundbüro von der SP 4 Kisten à ungefähr je 50 Portemonnaies, macht 200 Stück. In jedem Geldbehälter befanden sich wohl durchschnittlich 200 Franken. Die Diebe erbeuteten damit rund 40‘000 Franken. Auf rund 1‘000‘000 SP-Besucher fallen meinem Gefühl entsprechend rund 100 Diebe (jeder 10‘000 Mensch ist ein Dieb). Somit erbeutete jeder Dieb durchschnittlich 400 Franken. Das geht ja noch so. Mit dem wird er wohl etwas anfangen können. Es gibt sicher schlauere und weniger schlaue Diebe. Einige (ziemlich viele) liessen sich auch erwischen. Das sind dann die ganz Blöden. Der gesunde Menschenverstand lässt vermuten, dass viel mehr männliche als weibliche Diebe am Werk waren. Auf einem meine Bilder meine ich, im Hintergrund zwei potentielle Diebe zu erblicken. Auf alle Fälle sehen sie so aus wie echte Diebe. Möglich, dass dies ein Vorurteil ist. Vielleicht hatte es auch ganz viele weibliche Diebe. Das sind dann wohl die, welche so knapp angezogen sind, dass der männliche SP-Besucher schon von Natur aus abgelenkt ist und sich somit leicht berauben lässt. Ich war ganze eindeutig Opfer eines männlichen Diebes, denn mein zurückgewonnenes Portemonnaie stank beträchtlich und wies keine Lippenstift- oder ähnliche Spuren auf.

Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)

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