Fahrradtouren

Ende September 2019 habe ich den Donauradwanderweg innerhalb von 13 Tagen gleich zweimal gemacht. Und schon habe ich falsch geschrieben: ich bin nur einen kleinen Teil des auch hier gut bekannten Radweges gefahren. Jedoch war ich auch noch etliche Kilometer auf dem Naabtal-Radweg unterwegs.

 

Der Donauradweg ist sehr lang, über 2800 Kilometer, also so lang wie die Donau und wohl noch länger, weil er nicht immer schön dem Fluss entlang verläuft. Er führt durch acht Länder. Das kannst du alles selber im Internet nachlesen. Wieso man „DonauradWANDERweg“ schreibt, weiss ich nicht. Man trägt das Rad ja mehrheitlich nicht auf seinem Rücken und wandert, sondern man fährt ganz normal Velo. Mindestens zweimal musste ich jedoch mein Fahrrad den Berg hinauf stossen, weil es so steil war, oder weil ich müde war.

 

Wieso ich mich überhaupt nach Deutschland auf den Weg gemacht hatte, fragst du dich vielleicht. Die Antwort ist so einfach, wie sie verblüffend ist: ich wollte wieder mal meine liebe Schwiegermutter besuchen. Diese wohnt nämlich genau am Ende meiner langen Velotour. Schon vor vierzehn Jahren war ich einmal diese Strecke gefahren - aber in Gegenrichtung, das heisst: von meiner Schwiegermutter weg und zurück in die Schweiz.

Diesmal hatte ich schon bald einen Namen für mein „Projekt“. Die erste Tour (ab dem 14. September) bezeichnete ich als S-3 und die zweite (zehn Tage später) als S-2. S steht für „Schwiegermutter“ und die Zahl für die Etappen zur S hin.

 

Will heissen:

S-3 umfasst die Etappen 199 km, 195 km und 170 km - total 564 km - total 28:01 Stunden
S-2 umfasst die Etappen 258 km und 316 km - total 574 km - total 29:09 Stunden
Dies bei Durchschnittsgeschwindigkeiten von 20.13 und 19.64 Stundenkilometer
und mit 2846 und 2483 m bergauf

 

Dies ist jetzt - vielleicht abgesehen von den Distanzen - nicht gerade überwältigend. Ich bin in der Vergangenheit auch schon viel weiter und viel schneller geradelt. Mildernde Umstände für meine relative Langsamkeit mögen sein: Ich bin alt geworden - Ich war mit dem schweren Tourenrad unterwegs - Ich war beladen wie ein Esel - Man fährt oft auf Schotterstrassen - Es war lange Nacht - Ich habe mich oft irgendwo verirrt - Es gibt viele Richtungswechsel … Nichts als Ausreden natürlich. Ich war einfach langsam, aber immerhin schneller als andere, die ich überholte. Beim zweiten Mal waren aber kaum andere unterwegs - vielleicht höchstens zehn auf dem ganzen Weg. Die Tatsache, dass ich zur lieben S hin fuhr, hätte mich aber doch bedeutend schneller machen sollen - dies wegen der bekannten Sogwirkung, die S im allgemeinen auf Schwiegersöhne ausüben.

 

Ob der Donauradweg schön sei - ist so nicht zu beantworten. 10% waren sicher schön - vielleicht auch 95%. Ich weiss nicht mehr so genau. Es kommt immer auf die eigene Stimmung und Wahrnehmungsfähigkeit an. Oft fährt man auf dem Damm oben und kann aufs Wasser blicken. Oft fährt man auch durch Wälder und sieht nur Gebüsch rechts und links und die gerade Weglinie vor sich, oft geht es über ganz weite Felder und dann wieder durch Dörfer und Städte, wo man sich (ich mich) immer wieder verfährt. Das erste Mal entdeckte ich ein paar wunderschöne Orte und bedauerte sehr, dass ich keine Kamera mit hatte. So nahm ich sie das zweite Mal mit … und fuhr mehrheitlich in der dunkelsten Nacht. Sicher gäbe es in Orten und Städten viel zu sehen und entdecken. Doch dazu fehlte mir die Zeit, denn ich wollte ja möglichst schnell zu meiner S hin. Und überhaupt hat man als Rentner nie Zeit. Die Tatsache, dass man oft auf Naturwegen und -strassen fährt, schmälert die Lust kaum, die Geschwindigkeit aber schon.

 

Die zweite Tour war schon recht „speziell“. Ich startete kurz nach Mitternacht in Bargen (Kanton SH, an der Grenze) und fuhr die ganze Nacht durch und dann auch noch den ganzen Tag bis abends acht. Schlief dann in einem schönen Hotel. Und fuhr dann wieder den ganzen Tag und die ganze Nacht, bis ich morgens gegen acht bei meiner S. ankam.

 

Die erste Nacht war für die Saison recht kalt. Und vor allem war es sehr, sehr nebelig. Hin und wieder sah ich kaum fünf Meter. Vor allem lief mir die Brille immer wieder an. Alle paar Sekunden musste ich sie einem Scheibenwischer gleich putzen. Und von all den Schönheiten war nichts und wirklich gar nichts zu sehen. Da verfährt man sich immer und immer wieder. Es war so schwierig wie am Hörnligrat die richtige Route finden. Sowieso kam ich mir wie auf meinen nächtlichen Bergtouren vor. Total einsam, total verloren - und doch steckte der Lichtkegel meiner Velolampe für mich eine Art intimen Bereich ab, in dem ich mich wie in einem Wohnzimmer wohl fühlte - eben genau gleich wie auf den Touren damals.

 

Mitten in kalter und vielleicht trauriger Nacht hältst du irgendwo auf einer Donaubrücke an. Der Mond blickt kurz durch ein Wolkenfenster und spiegelt sich melancholisch im stillen Wasser. Nebelschwaden ziehen zur Brücke hoch. Es muss ein grosser Fisch sein, der da hin und wieder hochspringt und zurück ins Wasser platscht. Und wenn es dir bei dieser überwältigenden Stimmung etwas eng wird in der Brust, dann rufst du den Namen deiner Mutter, deines Vaters oder einer anderen wichtigen Person hinaus in die Finsternis und beschwörst ihre Nähe und ihren Beistand herbei, und merkst erst nach einer Weile, dass dies alles sinnlos und falsch ist.

 

Irgendwo und irgendwann bin ich auch „bei einem Chinesen“ eingekehrt und bekam viel zu viel Pommes und Schnitzel serviert, auch zu viel Salat. Liess mir den Rest für die lange Nacht einpacken. Und es gab ein lockeres Gespräch mit einem überaus fettleibigen Bayer, der sich in der nahegelegenen Reha von einer Knieoperation erholte, und der in ebendieser Kneipe noch ein paar schöne, weil grosse Gläser Bier getrunken hatte. Dann folgten für mich wieder zwölf Stunden Pedalen. Und während all dieser Zeit trank ich keinen Schluck, weil ich keines Schluckes bedurfte - so funktioniere ich. Irgendwo am Strassenrand ass ich dann aber die in der Zwischenzeit fast versteinerten Pommes. Und das Rest-Schnitzel sah aus wie eine altägyptische Mumie, zumindest schmeckte es genau so.

 

Irgendwo fragte ich auch mal nach dem weiteren Verlauf des Weges. Ein Mann erklärte mir, ich müsse zuerst nach rechts und dann nach links und dann geradeaus und dann dort den Berg hoch. Jedoch erhob sich auf den ersten Blick vor mir kein Gebirge. Und so nahm ich meine 10-fach Lupe, die ich noch aus meiner Freiburger Uni-Zeit habe, hervor und sah in der Ferne tatsächlich so etwas wie eine Erhebung. Für einen Walliser war das aber noch lange kein Berg. Und trotzdem: so flach und gemütlich die Donau auch fliessen mag, so rauf und runter geht der Radweg doch auch immer wieder. Und am Schluss summieren sich die Höhenmeter. Man frägt sich auch, wieso diese Donau nicht einigermassen gerade von ihrer Quelle bis zu ihrem Bestimmungsort am Schwarzen Meer fliessen kann, sondern ständig in Kurven wie ein betrunkener Radfahrer mäandrieren muss. Auf diese Weise findet man natürlich nie oder nur sehr verzögert zu seiner lieben S.

 

Und in den langen Nächten denkt man ständig an seinen lieben Bergkanton, an sein geliebtes VS. Hatte mich ja auch auf die Tour gemacht, um gerade diese Gedanken los zu werden. Je mehr man sie los werden will, umso stärker sind die Gedanken da. Oft habe ich in der Nacht den Namen meines Schöpfers oder Gottes, oder den von Maria angerufen, um mich sammeln zu können. Und hat doch auch nicht lange genützt. Für mich war es sehr wohltuend, sogar im Schwarzwald (erster Teil des Donauradweges) als auch in Bayern viele Kapellen und Wegkreuze am Strassenrand zu wissen. Und alle waren schön gepflegt. Diese Art des Glaubens kann ungeahnte Kräfte freisetzen und einen mit vielem versöhnen.

 

Wenn man stundenlag zwischen Tag und Nacht und Traum im Nebel und im Unbestimmten radelt, kann man oft nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Vorgestelltem unterscheiden. Ist da jetzt tatsächlich ein Reh oder ein Hirsch vor mir davon gesprungen? War da wirklich ein Wegweiser zu zwei Skiliften - auf 600 m ü. M.? - Ist das tote Eichhörnchen vor mir auf der Strasse tot, und liegt so eines überhaupt vor mir? - Hat mich gerade Marc angerufen um zu wissen, ob ich im Winter wieder auf dem Lift in Gspon arbeiten möchte? - Sind mir eben rechtliche Schritte angedroht worden, weil ich etwas falsch gemacht habe? - Musste ich da tatsächlich einen Strafzettel wegen falschem Velofahren im Betrag von Fr. 30.- bezahlen? - Und dann sehe ich innerhalb von ein paar hundert Metern am Donau Waldrand immer wieder andere Feldhasen - klein und hurtig, aber nicht allzu scheu hüpfen sie im Gras herum. Alles Halluzination, eh?

 

Der Tourenbericht wird langsam lang, und er könnte noch viel länger werden. Wie hat jemand gesagt: Schluss jetzt und Strich darunter. Natürlich habe ich die Tour auch sehr genossen, und ich werde sie und andere sicher auch wieder unter die Räder nehmen. Und meine S habe ich auch glücklich erreicht.

 

 

Meine S liebe ich sehr. Im Krieg musste sie so viel Leid erfahren. Irgendwann wird die S fast zur richtigen Mutter. Man schaut mit ihr auch alte Bilder von ihrer Jugend an und sieht, dass vor nicht allzu langer Zeit alles noch ganz anders war. Und wie schnell doch die Zeit vergeht! Sie ist jetzt auch schon 86 Jahre alt. Und damit ist sie, wie es sich gehört, doch bedeutend älter als ich - so wie es in der Regel sein soll. Es gibt aber diesbezüglich Ausnahmen, und ich kenne welche: meine S war 23 Jahre jünger als ihr Mann - damit war ihr Vater fast gleich alt wie ihr Ehemann. Und sie verstanden sich sehr gut.

Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)

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