Genf (20.08.2016)

Die Bilder sind von Genf. Sie zeigen das emsige Treiben in der Weltstadt. Doch die Geschichte am Ende ist von ganz wo anders. Sie ist gestern (06.12.2016) passiert. Ich füge sie nur deswegen hier ein, weil es davon keine Bilder gibt.

Lore und Ruth

 

In Gspon ist man anders. Fokussierter auf das Wesentliche. Nicht abgelenkt durch Computer, Fernseher und Autoverkehr. Oft allein. Man ist spiritueller, nachdenklicher, religiöser. Der Natur und der Wirklichkeit näher. Auf meinem Küchentisch liegen fünf Bücher. Ich lese mal hier mal dort. Im Ofen nahe bei mir spielen die Flammen mit dem brennenden Holz. Funken sprühen, prallen an die Glastür und verglühen. Hin und wieder trinke ich ein Tee, ab und zu auch ein kleines Glas Selbsgebrannten. Bilde mir ein, dies sei gut gegen den Husten. Dann begebe ich mich ans Fenster und schaue eine Zeit lang hinaus. Ich heize nur in der Küche. Wenn es mir dort zu heiss wird, öffne ich die Tür zum Schlafzimmer. Zwischendurch sichte ich alte Dokumente. Gebe die meisten dem Feuer preis. 1961 kostete die Fahrt mit der Seilbahn nach Gspon 1.20 Franken. Die Talfahrt kostete 80 Rappen. Für ein Schwein zwischen 90 und 100 Kilogramm musste man 3 Franken bezahlen. Der gleiche Tarif galt für Ziegen, Schafe und Kälber. Eine 30 Kilogramm schwere Ziege kostete nur 1.20 Franken. Meine Mutter selig hat in kleinen Agenden kurze Notizen hinterlassen. Leider nur Fakten. "Heute hat mich Irmgard besucht" - "Kopfweh gehabt" - "Beim Coiffeur gewesen". Wie gerne würde ich über ihre Gefühle und Meinungen lesen! Doch: am 24.12.2013 schreibt sie: "Eugen war abends lange bei mir - war sehr froh!" Das froh macht mich glücklich. Das war bei ihr schon fast ein Gefühlsausbruch. Die Regotz Frauen waren halt so. Meine Mutter war eine Regotz Frau. Später lese ich in einem ihrer Gebetsbücher: "Man sieht ein, dass es nicht der Beruf des Menschen ist, Lämmer zu schlachten und Steine zu zerschlagen, sondern dass er geboren ist, mit einer Rose in der Hand spazierenzugehen." Der Satz stammt von Jean Giradoux. Das Buch hatte ich meiner Mutter vor vielen Jahren geschenkt. Es heisst: "Mit Gott im Alter". Jetzt lese ich sehr gerne darin. Fühle mich angesprochen, betroffen. Auf dem Handy eine Nachricht von Laura. Ich nenne sie "Lore". Spreche den Namen französisch aus. Im Tal liebe ich Foto-Shootings. Es geht um ein Shooting. Auf meinem Tisch liegt auch ein Mathematik Buch. Habe Freude daran. Muss mich aber konzentrieren und anstrengen. Hält mich frisch. Hoffe ich wenigstens. Dann lese ich auch "Das Tao der Physik". Ein Freund von mir hat es 1980 auf Ibizza gelesen. Es geht um Teilchenphysik und östliche Mystik. Im letzten Viertel des Buches verstehe ich nicht mehr viel. Hat das mein Freund damals verstanden? Und dann liegt vor mir "Die Geschichte unseres Heils" - unsere Jugendbibel. Ich lese die Geschichte von Joseph uns seinen Brüdern. Wie damals, als wir die Geschichte auswendig lernen und einmal zur Strafe abschreiben mussten, bin ich sehr gerührt. Tränen kollern herab. Jetzt ist es zehn Uhr nachts. Draussen ist es sternenklar. Es ist kalt, nicht zu kalt. Beim Sportplatz pustet eine Schneekanone glitzernde Kristalle in die Nacht hinaus. Sie verlieren sich im nahen Wald. Abgesehen vom Surren des Motors ist nichts zu hören. Das erste Mal seit langem, dass man sich in Gspon nicht alleine fühlt. Bei zwei Häusern sind Fenster erleuchtet. Nicht sehr hell. Immerhin übernachtet da jemand. Dann habe ich das Buch "Franziskus von Assisi - Der zärtliche Umgang mit der Schöpfung" in der Hand. Ruth hatte vor einem Viertel Jahrhundert hineingeschrieben: "Lieber E., in der sonnigen Schönheit der Geschichte von Franz sehe ich auch deinen Weg. Ein Stück davon hast du sicher in der B.V. gelebt. Hierfür danke ich dir von Herzen. Mit lieben Grüssen - R." Ich bin gerührt. Ich denke an Ruth. Sie hat mir einiges gegeben. Auch ich bin ihr dankbar. Ruth ist heute beerdigt worden. Die sternenklare Nacht zieht mich in ihren Bann. Vor der Kapelle auf der steinernen Treppe zünde ich eine Kerze an. Für Ruth, aber auch für die anderen Toten, die gerade präsent sind. In Gedanken versunken gehe ich langsam zum Sportplatz hinauf. Das Summen der Kanone ist jetzt viel lauter. Zur Begrüssung sprüht sie feinen Schnee in mein Gesicht. Die Scheinwerfer blenden mich. Zehn Zentimeter Schnee liegen auf dem Boden. Hier und dort ist der Boden vereist. Glatteis. Ich begebe mich bis zum Waldrand. Zwischen dem Baumwipfeln nehme ich den Himmel wahr. Er ist einmalig schön. Oberhalb der "Chiebodme" lässt sich das Sternbild des Orion schon in voller Pracht blicken. Orion mein Lieblingssternbild. Gegen Westen zieht sich die Milchstrasse als helles Band dahin. Wäre ich doch hoch oben in den Bergen fern des störenden Lichtes. Gebe mich eine Zeitlang der schönen Stimmung hin. Dann wird es heller und heller. Praktisch taghell. Ich stehe am Rand einer Strasse. Ein paar Meter weiter rechts geht die Strasse in ein Brücke über. Auf der anderen Strassenseite steht Lore. Schön fallen ihre blonden Haare auf die Schulter herunter. Sie bedecken auch einen grossen Teil ihres Rückens. Frech spielt der Wind mit ihrem Haar. Lore spricht mit einer Frau, die bei einem Haus weiter drüben steht. Ich vermute, dass es ihre Mutter ist. Lore streicht das Haar aus ihrem Gesicht. Noch hat sie mich nicht gesehen. Ich bin noch recht weit weg von ihr. Bin mir nicht so sicher, ob es Lore ist. Vermute es aber schon sehr. Den Umständen entsprechend müsste sie es sein. Dann überquere ich die Strasse und befinde mich bald direkt hinter ihr. "Hallo Lore!" - Sie dreht sich um. Sie redet von etwas. Von einer Freundin, von einem Shooting, das ich gehabt hätte, von unserem Fotoshooting. Sie wirkt ruhig, presst die Sätze aber doch hastig heraus. Ich höre sie nicht. Bin verwirrt, ratlos. Bemühe mich, ruhig zu sein. Tue, als ob nichts wäre. Ich kann meinen Blick nicht von ihrem Antlitz wenden. Wenn sie mein Entsetzen nur nicht spürt. Lores linke Gesichtshälfte ist von einer Myriade Warzen bedeckt. Grosse, kleine, alle Farben. Sie kann mich nur mit ihrem rechten Auge wahrnehmen. Das linke scheint verklebt zu sein. Am Kinn und Hals wachsen borstige Haare. Vornehmlich die linke Gesichtshälfte. Stirn und Schädel sind breit, doch unterhalb der Augenhöhlen verengt sich ihr Gesicht auf die Breite von drei Fingern. Ich weiss, dass ich ein ähnliches Gesicht schon gesehen habe. Damals hat es mir nicht Angst gemacht, obwohl ich es alleine gesehen habe. So bleibe ich auch jetzt ruhig und besonnen. Denke nur an das Shooting. Meine zwar, das gehe doch nicht. Lore macht nicht den Eindruck, dass es nicht gehe. Wir sind jetzt in Brig. Bei der Napoleonsbrücke steigen wir das schmale Weglein zum Fluss hinunter. Ich verstehe nicht, dass ich nur mein schweres Teleobjektiv dabei habe. Ich möchte sie doch so gerne ins rechte Licht rücken. Überlege mir auf dem Weg ins Tobel hinunter, wie ich das anstellen kann. Offenblendig fotografieren. Im hellen Tageslicht, so dass die Gesichtsmerkmale keine Schatten werfen. Lore, ihre Mutter, und wer sonst noch dabei ist, sind jetzt schon im Tal unten. Ich weiss nicht, wehr die anderen Leute sind. Jetzt steigen sie den Weg auf der gegenüberliegenden Talseite hoch. Immer wieder erkenne ich sie von dieser Seite durch das dichte, hin und wieder lichte Laub. Ich bemühe mich sehr, mit meinem Teleobjektiv zu fokussieren. Es gelingt mir nicht. Ich merke dass es beschädigt ist. Schon wieder ein teurer Schaden an meiner Ausrüstung. Das gibt es doch nicht! Immer wenn ich am Fokusring drehe, dreht sich das Objektiv aus der Kamerafassung. Das schadhafte Knacken tut meinen Ohren weh. Dann bin ich unten am Wasser. Dort, wo der Fluss recht breit ist. Hier ist er praktisch wie ein See. Ich trete ins seichte Wasser. Will den Fluss überqueren. Das gelingt mir nicht. Fünfzig Meter weiter unten hat mich ein grosser Hund erspäht. Er springt mit einem weiten Satz ins Wasser. Ich erschrecke. Nach ein paar Meter gibt der Hund das Schwimmen auf und geht wieder an Land. Langsam gehe ich ein sanft ansteigendes Strässlein entlang - Richtung Brücke. Ein Mann mit Fernrohr blickt zum jenseitigen Ufer. Ob ich den Habicht dort auf dem Baum gesehen hätte. Durch meinen Fotoapparat sehe ich ihn nicht. Unten am Bachrand liegen ein paar Leute auf grüner Wiese. Sie sonnen sich. Sehe auch eine blonde Frau, die auf dem Bauch liegt. Der Mann meint, ich dürfe die Leute doch nicht fotografieren. Um bessere Sicht zu haben gehe ich eine Art Betonrampe hinaus. Mir ist, als sei ich auf einem Flachdach. Wie ich mich über die Brüstung beuge, sehe ich die Leute doch nicht. Später befinde ich mich am Fluss direkt unter der Brücke. Jetzt wechsle ich das Objektiv. Es ärgert mich, dass mir der Objektivdeckel des grossen Teles fehlt. Er muss ganz oben bei der Brücke sein. Ich finde es schlecht, dass mein teures Objektiv ohne Deckel dort auf dem Boden im Gras liegt. Endlich mache ich Bilder mit Laure. Ich gebe die gewohnten Anweisungen. Steh doch mal mit der Schulter zu mir. Senk bitte den Kopf. Berühr mit der rechten Hand dein schönes Haar. Setzt dich auf den Stein da drüben. Lore sieht jetzt blendend aus. Sie ist wie ein richtiges Modell, verwandelt. Nichts erinnert mich mehr an ihr vorheriges Aussehen. Ich habe es sogar vergessen. Wir lachen viel. Machen Spässe und haben es lustig. Die Bilder gelingen sehr gut. Perfekt ausgeleuchtet. Keine störenden Schatten. Wir schlendern zurück zu ihrem Haus. Die Sonne steht schräg über uns. Im Weitergehen blicke ich auf den Boden. Sehe, wie sich mein Schatten mehr und mehr in die Länge zieht. Bei Lore sehe ich keinen Schatten. Jetzt erst gehen mir die Augen auf. Wer ist Lore?- Nein, sie ist nicht wirklich. Sie ist nicht von meiner Art, nicht von dieser Welt. Freudig erzählt sie mir, dass sie jetzt erlöst und befreit sei. Ihr langes Sehnen und Leiden hätte jetzt ein Ende. Im Leben sei sie schön aber auch eitel gewesen. Viel hätte sie von ihrer Schönheit gehalten. Oft hätte sie sich im Spiegel betrachtet. Viele hätten sie wegen ihrer Schönheit begehrt. Nicht wenige beneidet. Am Anfang nicht, aber später doch, hätte sie sich besser gefühlt als andere. Hätte gelebt, als sei sie besser als die anderen. Erst, als sie damals hastig die Strasse überquerte, ohne nach rechts zu schauen, seien ihr im Anblick des heransausenden Autos die Augen aufgegangen: wir sind alle gleich, keiner ist besser als der andere. Die Einsicht sei zu spät gekommen. Der Tod war schneller als ihre Reue. Lange hätte sie wegen ihrer Eitelkeit in Unruhe und sehnender Erwartung verharren müssen. Hätte in hässlichem Zustand warten müssen -  bis jemand komme, der darüber hinwegsehe, und sie so nehme, wie sie sei. Sie sei mir deswegen so dankbar. Jetzt gehe sie an den Ort, wo alle Gegensätze aufgehoben und wo ewig nur Schönheit und Freude sind. Dort sind alle gleich. Langsamen Schrittes ging ich weiter. Spürte erst allmählich, dass Lore nicht mehr neben mir ging. Ich war wieder alleine. Unter meinen Turnschuhen knisterte der frische Schnee, den die Kanone immer noch hinaus in die frische Gsponer Luft pustete. In Gedanken versunken begab ich mich zurück zur St. Anna Kapelle. Das Sternbild des Orion war jetzt weit im Westen über dem Weisshorn. Kein Haus war mehr erleuchtet. Vor der Kapelle flackerte immer noch meine Kerze. Das gelbliche Licht an der weissen Wand verbreitete einen eigenartigen Zauber. Nochmals dachte ich an Ruth und alle Verstorbenen. Und ich fühlte mich verbunden mit allen und allem. Um fünf Uhr früh wachte ich wieder auf. Meine Gedanken waren bei der Kerze bei der Kapelle. "Das geht doch nicht, dass du dich in Hausschuhen zur Kapelle begibst!" - Es ging doch. Unter meinen harten Schuhsohlen machte sich der gefrorene Wiesenboden laut bemerkbar. Auch der Mist, den der Bauer im Herbst ausgetragen hatte, war hart gefroren. Wie leise gehofft und fast erwartet, brannte meine Kerze immer noch. Der älteste Gsponer, der Wind, war ihr in der langen Nacht gnädig gewesen. Die Flamme flackerte wie in der Nacht zuvor. Und schön war der Zauber der gelben Schatten an der weissen Wand.

Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)

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