Bilder von Gspon und Umgebung (Seite 1)

08.11.2017

Ein paar Bildchen von Gspon. Die Kühe gehören dem Rinaldo Eggel. Er ist gerade im Begriffe, die Kühe nach Staldenried hinunterzuschaffen. Ich werde die Kühe in Gspon vermissen, weil sie immer eine sehr schöne Stimmung verbreiteten - aber auch den Eggel werde ich natürlich vermissen, weil er hin und wieder stehen blieb, um mit einem ein paar Worte zu wechseln. Wie du siehst hat es noch kaum Schnee. Das wird sich hoffentlich bald ändern. Die Schneekanonen pusten auch schon eifrig Schnee auf die Pisten. Ich liebe diese Winterstimmung sehr. Es ist so schön, im Chalet zu sein und ein wenig zum Fenster hinaus- oder dem Feuer im Ofen zuzuschauen. Abends hiess es dann, Abschied nehmen vom geliebten Örtchen, weil ich noch als Fotograf an den Herbstanlass der Raiffeisenbank in Visp musste. Aber auch das war schön.

19.01.2014

08.12.2013

30.11.2013

Furchtbar, diese ständigen Panikattacken wegen meines Haushaltes! Ständig zucke ich - wie ein aufgeschrecktes Reh im Wald - zusammen, weil ich meine, schon wieder etwas falsch gemacht zu haben. Vorher habe ich beispielsweise lange einen Teebeutel gesucht, den ich schon morgens um sechs Uhr einmal gebraucht hatte, und den ich jetzt, gegen elf Uhr, unbedingt wieder brauchen wollte, weil bei uns alle Teebeutel mehrmals gebraucht werden, weil alles andere nichts als Verschwendung ist. Und ich fand ihn lange nicht, fand ihn dann aber schlussendlich doch - war das eine Erleichterung. Als alleinerledigender Hausmann hat man es wirklich nicht leicht. Oft komme ich mir so vor wie Globi allein in der Sahara. Dabei könnte ich für die nächste Zeit doch zuversichtlich sein, denn fünf Wochen sind jetzt geschafft, und alles funktioniert wie zu Beginn meiner Einsamkeit. Zumindest glaube ich, das zu meinen. Wie dann andere urteilen werden, ist eine andere Frage. Ist wirklich noch alles wie zu Beginn? Oh Gott, ich weiss nicht einmal mehr, wie der Haushalt am Anfang aussah! Und schon wieder mache ich mir grosse Sorgen. Ich meine, bei dem sehr schönen Wetter heute hier im Wallis wäre Ottonormalmensch doch irgendwo draussen in der Natur, würde durch tiefverschneite Wälder gehen, oder sogar tiefe Pulverschneehänge hinunterwedeln. Das alles habe ich vor nicht allzu langer Zeit auch noch gemacht. Mein Gott, habe ich mich in diesen fünf Wochen verändert! Statt die Freizeit zu geniessen, hetze ich jetzt ständig von einem Raum in den anderen, puste hier etwas Staub weg, oder poliere dort irgendeine Garnitur mit einem (weissen) Taschentuch. Und nie bin ich zufrieden. Wie wenn ich einen Händewasch- oder Putzzwang hätte, muss ich immer wieder die gleichen Stellen fegen. Das meiste sieht schon einigermassen blank aus. Oder täusche ich mich schon wieder? Ist vielleicht alles total schmutzig? Wenn ich doch noch wüsste, wie es am Anfang aussah, und was normal ist! Es gibt Stellen, die habe ich schon so oft geputzt, dass jetzt der Verputz abzubröckeln beginnt. Sind das ekelhafte Wörter, die ich da schon wieder in den Mund nehme: Putzen und Verputzen. Für mich Zweitwohnungsbesitzer ist die Not doppelt so gross. Ich muss ja auch noch in Gspon nach dem Rechten sehen. Wie gut, dass die Zweitwohnungsinitiative vor nicht allzu langer Zeit angenommen wurde! Mit dem Verbieten einer zweiten Wohnung kann in der Tat viele Not und Elend verhindert werden. Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie mühsam es ist, immer wieder nach Gspon fahren zu müssen, um dort zu schauen, ob vielleicht ein Hahn tropft, ob beim letzten Besuch ein Fenster offen gelassen wurde, oder ob die Heizung ordentlich funktioniert? Sei du froh, wenn du keine solche Wohnung irgendwo in den Walliser Bergen hast. Stell dir vor, du müsstest immer von Rothenburg anreisen! - Nur schon die wertvolle Zeit, die du mit der Reise verlieren würdest. Ich habe gestern aus der Not eine Tugend gemacht und habe gleich sämtliche schmutzige Wäsche, die sich in den letzten Wochen in meinem Haushalt hier in Naters angesammelt hatte, mit hoch geschleppt. Es sollte ein Versuch sein. Ich meine - Wasser kocht in der Höhe ja schon bei niedriger Temperatur als hier im Flachland - Kartoffeln brauchen dort länger bis sie durch sind als hier - wieso sollte das also nicht auch mit der Wäsche genau gleich gut funktionieren. Du verstehst den Zusammenhang nicht! - Eh, wo hast du denn Physik und Haushaltführung gelernt? - Ich empfehle dir, dem Problem NICHT mehr länger nachzustudieren.

 

In Gspon war das Wetter dann wunderbar. Endlich konnte ich meinen vor langem angefangenen Tisch fertigstellen. Ich habe die Sonne genossen wie ein Murmeltier. Später bin ich noch ein wenig durch den Schnee gestampft und habe die nachfolgenden Bilder geschossen. Viel ist in Gspon noch nicht los. Es wird zwar schon eifrig Schnee produziert, die Saison fängt aber erst so in drei Wochen an. Wie schön, schon bald ist wieder Weihnachten.

 

Wenn du meine Bilder anschaust, wirst du vielleicht meinen: sein Haushalt sieht ja ganz ordentlich aus, jedenfalls ordentlicher als meiner! Irrtum, Baby. Es gibt heute keine fotografischen Tatsachen mehr. Tatsächlich habe ich jetzt eine neue (revolutionäre) Art der Haushaltführung entdeckt. Die Methode wird in Zukunft sicher Schule machen und sich bald weltweit verbreiten. Es geht so: Ich schiesse ein Bild der Location (zum Beispiel von der Küche) und öffne dieses dann in Photoshop. Dort gibt es ein paar coole Tools, beispielsweise die „Spot Healing Brush“. Wenn du auf einem Bild irgendwo einen Flecken hast, der nicht dahin gehört, fährst du mit dieser „Heilungs“-Bürste über den Flecken, und „schwupp“ ist er weg. Dreckiges Geschirr in der Küche, herumliegende, schmutzige Socken im Wohnbereich können auf dem Foto einfach weggebürstet werden, und schon sieht alles ordentlich aus. Dann gibt es das „inhaltbasierte Ausfüllen“. Du wählst einen Bildbereich aus (zum Beispiel auf der Küchenkombination herumliegendes faules Obst), markierst es und klickst auf das Werkzeug. Faules Obst und Gemüse verschwindet im Nu. Der fragliche Bildbereich wird mit Farben und Formen der Umgebung ausgefüllt. So einfach, wie das jetzt alles tönt, ist es aber nicht - was meinst du denn! Als Anfänger würdest du bestimmt hin und wieder den falschen Bereich markieren - und schon hättest du die ganze Kombination voller faules Gemüse. Schwierig ist es auch, Objekte (zum Beispiel Tassen und Teller) die sich irgendwo spiegeln, mit Photoshop zu entfernen. Der Gegenstand ist vielleicht rasch weggepinselt, doch es bleibt das Spiegelbild, das du auf keinen Fall vergessen darfst. Sonst ist der Schwindel rasch aufgedeckt. Damit dieser Irrtum nie eintreffen kann, ist es präventiv ratsam, schmutziges Zeug nie vor oder auf irgendwelchen spiegelnden Flächen aufzustellen. Glanz in der Küche ist in der Tat der Horror eines jeden Photoshopplers. Das weiss aber heute sicher jede Hausfrau. In dem einen oder anderen Fall habe ich auch schon festgestellt, dass es einfacher ist, die schmutzige Tasse vor dem Fotografieren im Spülautomaten zu versorgen. Das erspart dir nachher Stunden mühseligen Retouchierens. Ich achte auch stets auf schmutzige Bereiche im Küchenbereich, so dass sich ja nirgends etwas wiederspiegelt.

 

Ich kann dir versichern, dass die Methode funktioniert. Meine Frau in Afrika, die sich die Bilder auf irgendeinem Buschcomputer jeden Tag ganz genau anschaut, meint jedenfalls stets, hier in ihrem Haushalt sei alles so, wie es immer war, und wie es sein soll. Auch hat sich die Schwiegermutter noch nie zu Wort gemeldet.

 

So, damit ist der Bericht fertig. Und ich muss jetzt nach dem sonntäglichen Mittagessen noch schnell ein paar Bilder nachbearbeiten, sonst taucht hier plötzlich noch die Schwiegermutter auf ...

10.11.2013

Die Nacht in Gspon war sehr ruhig verlaufen. Ich war abends gegen sechs Uhr dort angekommen. Nur einige wenige Lichter brannten im oberen Dorfteil. Gspon ist zu dieser Zeit des Jahres sehr ruhig. Natürlich war die Wohnung seit meiner letzten Anwesenheit vor sechs Tagen wieder total auserkaltet. Hätte ich doch das letzte Mal wenigstens die Asche weggeräumt und trockenes Holz herangeschafft! Der Mensch denkt nie an das nächste Mal. Also war jetzt nichts mit: ein Zündholz entfachen und dann gleich zuschauen, wie die feinen Ästchen ein Raub der Flammen werden - und dem heimeligen Knistern des Feuers lauschen - und schon bald wieder warm haben. Stattdessen musste ich nochmals hinaus in die kühle Dunkelheit, um mich nach Brennbarem umzusehen. Seit ewig langer Zeit bin ich ja schon daran, im Wohnzimmer einen neuen, grossen Tisch zu basteln. Sägen, Bohren und Schrauben gaben mir während der folgenden zwei Stunden flott warm. Und nun knisterte das Feuer im Ofen, wie man es so gerne hört.

 

Zu nicht allzu später Stunde legte ich mich ins Bett. Wie immer in Gspon erklang aus der Küche noch afrikanische Musik ab einer Tonbandkassette. Irgendwann würde das Band zu Ende sein. Ich würde schon lange schlafen. Um mir die Zeit bis zum Einschlafen etwas zu verkürzen, begann ich bald mit eifrigem Schafe-Zählen. An nichts anderes als an Schafe denken, ist die ideale Schlafmedizin. Der Gedanke an ihre weisse, flauschige und warme Wolle lässt es dir im Bett noch wohler sein. Ihre ruhige Art macht dich schwer, und du hast bald den Eindruck noch tiefer in der Matratze zu versinken. Schafe sind ja von Natur aus schläfrig - ich habe schon oft beobachtet, wie den niedlichen Lämmern bald die Augen zufallen, wenn sie sich kurz niederlegen. Und so schaue ich auch in dieser Nacht in manch ein Schafsaugenpaar und hoffe nichts anderes, als bald einzuschlafen. Mögen die Schafsaugen in dieser Nacht noch so ausdruckslos oder verträumt oder sogar gelangweilt von der Zimmerdecke herunterschauen, ich schlafe noch lange nicht ein. Stattdessen mache ich mir allerlei Gedanken über Schafhaltung und -zucht. Stelle mir sinnlose Fragen wie: warum sind die meisten Tierhörner überhaupt gebogen und nicht gerade? Und suche anstrengend nach Antworten darauf. Derart ins Grübeln gekommen regt es mich extrem auf, wenn ich mit dem Zählen immer wieder verzähle.

 

Es ist nun Sonntag gegen acht Uhr morgens. Zum Frühstück gab es vier gebratene Kartoffeln mit einer Büchse Sardinen. Hat mir sehr gut geschmeckt. Ein Problem, das mich in Gspon fast jedes Mal plagt, ist, dass mein Salzbehälter fast gleich aussieht wie meine Zuckerdose - noch schlimmer: meine Zuckerdose gleicht eher einem Salzbehälter und umgekehrt. War beim heutigen Essen nicht so schlimm. Sollten die Kartoffeln halt mal ein wenig nach Süsskartoffeln schmecken! Natürlich habe ich diese später dann etwas nachgesalzen - so dumm verhalte ich mich in der Höhe nun auch wieder nicht. Schlimmer ist es natürlich jeweils, wenn ich meinen Tee voll versalze. Darum werde ich immer leicht nervös, wenn es wieder Zeit für eine Tasse ist.

 

Jetzt stehe ich recht ausdruckslos und gedankenleer an meinem grossen Wohnzimmerfenster. Draussen ist alles schneeweiss. Auf der Terrasse liegen ein paar Zentimeter Neuschnee. Und auch die Lärche vor dem Chalet sieht wie verzaubert aus. Kräftige Windstösse wirbeln Schnee durch die Luft. „Der älteste Gsponer ist am Werk“, würden die Leute sagen. Der älteste Gsponer ist „die Guxa“, der Wind. Mein Vater hatte in den späten fünfziger Jahren den besten Bauplatz für sein Chalet gewählt. Von meinem Fenster aus sehe ich die nahe Kapelle, und ich habe einen wunderbaren Blick auf das untere Dorf, auf „Ze Hischinu“. Da entgeht mir jetzt nichts. Doch es gibt nichts zu sehen, keine Spur, keinen Menschen. Gspon ist jetzt ein einsamer Platz. Stattdessen sehe ich meinen Vater, wie er im Schneegestöber durch den hohen Schnee zur Kapelle hinüber watet, zur Mitternachtsmesse. Lang ist es her. Und die Erinnerungen schmerzen. Doch die Bilder kommen immer wieder, und das ist die andere Seite von Gspon. Dort packt dich die Wehmut sehr oft. Es ist wohl auch das, was dich immer wieder da hoch zieht.

 

Jäh werde ich aus den Gedanken und Erinnerungen gerissen. Im unteren Dorfteil schreitet ein grosser Hirsch zu den ersten Häusern hin - gemächlich, kraftvoll und mit hoch erhobenem Kopf. Im aufkommenden Nebel verschwindet seine Silhouette gleich hinter dem ersten Haus. Kurz darauf folgt ihm ein zweiter nicht minder grosser und stolzer Hirsch. Auch er wird bald vom Nebel verschluckt. Unglaublich, so etwas habe ich in dieser Art noch nie erlebt. Im Frühling schon, da kann man unweit von Gspon immer wieder Gämsen beobachten. Schnell durchwühlen meine Gedanken alle Schubladen der Wohnung. Nein, Feldstecher wird da keiner zu finden sein. Schade, dass solche Momente mit niemandem geteilt werden können. Bestimmt werde ich dem Maschinisten, der selber Jäger ist, auf der Seilbahn in Staldenried von meiner Beobachtung berichten. Nein, er hat ja gestern abends gearbeitet, also werde ich ihn heute nicht antreffen. Schnell montiere ich das Teleobjektiv auf meiner Kamera und spähe durch den Sucher ins Dorf hinunter. Die Tiere werden sich irgendwo zwischen den Häusern aufhalten. Das wilde Schneegestöber draussen verdrängt den Gedanken, mich mit meiner Kamera ins Dorf hinunter zu begeben. Und doch, vielleicht könnte ich da heute das einmalige Bild schiessen, das ich schon immer schiessen möchte. In Gedanken sehe ich stolze Hirsche mit hoch erhobenen Geweihen, die in längst geernteten Gärten mit den vorderen Läufen den frischen Schnee wegscharren, um noch etwas Essbares zu finden. Die Nebelfetzen, die sich zwischen den alten Gebäuden hindurchzwängen, werden ein ganz besonderes Stimmungsbild abgeben. Hat doch keinen Sinn, die werden mich bestimmt wittern und schnell wieder im Wald verschwinden. Ich frage mich auch, ob die Tiere nicht auch meine sich nahenden Fusstritte hören und spüren werden. Die nehmen doch die kleinste Erschütterung des Bodens wahr. Doch plötzlich ist der Entscheid gefällt: mag es noch so stürmen und toben, ich muss einfach hinunter. Die Chance darf ich mir nicht entgehen lassen. Jetzt muss alles sehr schnell gehen. Bald sind die hohen Bergschuhe angezogen. Nein, die rote Winterjacke ziehe ich jetzt nicht an. Ich lasse es mit einer grünen Trainerjacke bewenden. Wie doof - jetzt, wo alles weiss ist, falle ich doch in Grün genau gleich auf. Draussen peitscht der Wind jäh in mein Gesicht. Bald sind meine Brillengläser mit einer beträchtlichen Schneeschicht bedeckt. Natürlich führen keine Spuren ins Dorf hinunter. Wie schlau die freilebenden Tiere doch nur sind! Im Frühling, wenn noch keine Menschen in Gspon sind, wagen sie sich ganz nahe ans Dorf heran. Und sobald im Juni die Leute für Arbeiten oder zum Wandern wieder heraufkommen, lassen sie sich für lange nicht mehr blicken. Vorsichtig suche ich hinter dem ersten Haus, dem Chalet „Weisshorn“, Deckung. Im steileren Gelände bin ich ein paar Mal auf den Hintern gefallen. Das Gras unter der etwa zehn Zentimeter dicken Schneeschicht ist sehr glatt. Ein paar Häuser weiter weiss ich, dass ich jetzt gleich dort sein muss. Wie auf Zehenspitzen gehe ich weiter. Komisch, dass man beim Heranpirschen sogar seine Gesicht verzerrt. Mein Gesicht wird jetzt bestimmt ganz angespannt sein. Ach, wie blöd, muss in diesem Augenblick jetzt unbedingt das Bimmeln eines kleinen Glöckchens ertönen? Ist da jemand mit einem Hund oder einer Katze unterwegs? Wie konnte ich die übersehen! Sehr enttäuscht gehe ich jetzt viel weniger vorsichtig um die nächste Häuserecke und blicke in die grossen Augen zweier vollständig unschuldiger grosser Esel. Selber mit viel Schnee bedeckt, schauen sie mich fragend an und eilen freudig heran. Na nu, ihr seid also meine beiden Hirsche! Zärtlich streichle ich ihre kalten Nasen und muss fast über die Peinlichkeit des Momentes lachen. Recht lange verweile ich bei den freundlichen Tieren, bis ich meine aus ihren Augen lesen zu können: „Du Esel, bleib doch in unserer Mitte!“ Das lasse ich mir nun auch nicht gerne bieten, und so gehe ich zum Zaun zurück, wo sie mir wie Schafe folgen. Bald bin ich darüber hinweg und ausserhalb ihrer Reichweite. Jetzt meine ich, aus ihren Augen lesen zu können: „Lass uns doch nicht alleine!“ Da ich wegen des Vorfalls und wegen dem „du Esel“ immer noch beleidigt bin, denke ich halblaut: „Schaut doch nicht so wie blöde Kühe, ich will jetzt heim, ich bin nicht so belämmert wie ihr und verbringe den ganzen Tag in diesem Schneegestöbert.“ Von weiter weg meine ich noch vernehmen zu können, wie der eine Esel dem anderen sagt: „Was hat denn der Affe hier überhaupt gewollt?“ Der andere scheint bestätigend zu nicken: „Ja, das war ein richtiges (Alpen-)kalb.“ Bald bin ich wieder oben bei der St. Anna Kapelle. Der Sturm hat jetzt sogar aufgefrischt. „Moment mal, sind das nicht frische Reh- oder Fuchsspuren, die da fast schnurstracks zum grossen Baum bei unserem Haus führen?“ - Die Fährte führt rechts an unserem Haus vorbei. Ich lasse die Fährte Fährte sein und gehe links zur Treppe hoch, die in meine Wohnung führt.

 

Dort setze ich während Stunden das Studium meines neuen Kamerablitzes fort. Mein Gott, ist der kompliziert! Hätte ich nur ein Modell, an dem ich ein wenig üben könnte. Und da mir ein solches fehlt, denn in Gspon gibt es weit und breit keinen Menschen, übe ich halt an mir selber. Doch die Übung hat einen Hacken, denn in meinem Gesicht gibt es leider kaum eine Falte, die ich durch geschicktes Blitzen verdecken könnte. Und so ist diese Übung nur eine Scheinübung.

 

Ich schliesse den Aufenthalt in Gspon mit einem Marsch nach Staldenried hinunter ab. Weiter heftiges Schneegestöber. Und da stosse ich tatsächlich auf die Spur von jemandem, der im ersten Schnee mit den Tourenski hochgestiegen ist. So unwahrscheinlich das mit dem wenigen Schnee auch ist, es ist wahr. Und ich täusche mich bestimmt nicht. Jedenfalls bin ich mir ganz sicher, dass es so ist.

03.11.2013

Ich bin Tierliebhaber. Vor allem fotografiere ich Tiere sehr gerne. Ich habe mich auf die langsameren unter ihnen spezialisiert - die schnelleren laufen mir immer weg. Am Ende meiner Weissgrattour bin ich in Gspon an einer grossen Schafherde vorbeigekommen. Die vielen Lämmer haben direkt meine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Und so habe ich mehr als eine Stunde in ihrer Mitte verbracht, um einige von ihnen auf meinen Chip zu bannen. Ein paar Bilder sind mir gar nicht so schlecht gelungen. Als ich aber die Bilder am Abend auf meinem Computer anschaute, war die Enttäuschung riesengross. Erst am PC stellte ich mit Trauer, Unverständnis und Ärger fest, dass den niedlichen Tieren die Schwänze abgebunden worden waren, so dass sie, von der Blutversorgung abgeschnitten, langsam absterben, verfaulen und abfallen. Die Tiere taten mir unendlich leid. Wie blöd der Mensch nur sein kann! Aus einem falschen Schönheitsideal heraus dürfen die weissen Schafe keine Schwänze haben. Als ob der Schwanz nur zur Dekoration da sei. Ich glaube die Schäfer brauchen dringend eine Nachhilfestunde in Tieranatomie. Muss mir doch niemand sagen, dass die ihre Schafe gerne haben. Der Mensch kann mit seinen Schönheitsidealen sowieso total dumm und unmenschlich sein. Wie viele Menschen müssen in Japan leiden, weil da kleine Füsse als schön gelten. Im Westen müssen heute Frauenbrüste gross und Lippen möglichst voll sein. Jemand hat mir gesagt, dass es doch einfacher wäre, wenn die Männer ihre Finger künstlich verkleinern liessen. Auch in Afrika und auf den anderen Kontinenten muss der Körper aus falschen Schönheitsidealen heraus leiden. Und wir beschlagen unsere Körper mit Eisen, wie man Pferde beschlägt. …

 

Am Sonntag bin ich gleich zweimal nass geworden. Nicht umsonst hatte der Wetterbericht Niederschläge und Stürme angekündigt. Am Nachmittag sollte es besser werden. Ich war morgens sehr optimistisch gestimmt und hatte das Ziel „Weissgrat“ im Auge. Nach einem deftigen Frühstück mit Spaghetti und Ton nach Hausmannsart zog es mich schon gegen acht Uhr hinaus in die Wildnis. Bald war ich auf der „Waldegga“ und damit in dem Walde, in dem ich schon so viele schöne Stunden verbracht hatte. Und bald begann es mit grossen Flocken zu schneien. Lange harrte ich unter einem Baume aus und liess die schöne Stimmung auf mich wirken. Die Ruhe durchdrang Mark und Bein und erfasste meine Seele. Ein paar Meter weiter drüben huschte ein Eichhörnchen von Ast zu Ast. Dann war es lange am Boden - emsig damit beschäftigt, letzte Vorräte zu überprüfen oder in Sicherheit zu bringen. Leise fielen die grossen Flocken herab. Viele schmolzen auf dem nassen Boden gleich wieder weg. Die welche die ersten Schreckenssekunden auf dieser Erde überlebt hatten, taten sich gleich mit anderen Flocken zusammen und bildeten bald einen zarten Schleier, der den ganzen Waldboden bedeckte. Gspon ist zu dieser Jahreszeit ein einsamer Ort. Die Melancholie ergreift einen immer wieder. Oft habe ich diese Stimmung an diesem Ort auch in früheren Jahren erfahren. …

 

Später stapfe ich langsam in mein Häuschen zurück. Auf dem Heimweg komme ich wieder an den lieblichen Lämmern mit den toten Schwänzen vorbei. Bei denen, die ein paar Tage älter sind, hängt schon nur noch eine Knochenkette zu Boden. Fleisch und Haar sind verfault. Ich fluche über die Schäfer und über diese Welt. Wenn man sieht, was Menschen Menschen und Tieren antun können, möchte man gar nicht mehr Mensch sein. …

 

Im Chalet gelingt es mir, mit einem der letzten Zündhölzern ein Feuer zu entfachen. Bald wird es wohlig warm im Raum. Die Schuhe lege ich zum Trocken auf den Ofen. Dann arbeite ich an meinem Projekt weiter. Im Wohnzimmer soll eine Art hängender Tisch entstehen, quasi ein Tisch ohne Füsse. Im Prinzip wird es schlussendlich nichts anderes als ein Brett sein, das von Wand zu Wand führt und als Ablagefläche für Computer, Fernsehen und Radio dienen wird. Stell dir die Vorteile beim Putzen vor – ein Tisch ohne Beine. Du kommst ins Schwärmen. Mein Projekt kommt nur langsam voran. Jedes Mal, wenn ich wieder in Gspon bin, merke ich schon nach zwei-drei handwerklichen Griffen, dass mir noch dieses Stück Holz oder jene Schraube aus dem Bastelgeschäft fehlt. Die Säge habe ich schon zweimal im Tal vergessen, doch diesmal habe ich sie mit. Die Schnitte geraten ärgerlich schief. Ein nochmaliges Durchsuchen des Kellers fördert eine Säge zu Tage, mit der ich die Schnitte viel besser machen kann. Nach langem Sägen, Hämmern und Schrauben ruft alles in mir nach einem stärkenden Getränk. Ich komme am warmen Ofen vorbei und stelle mit Verwunderung fest, wie meine teuren Laufschuhe gerade im Begriffe sind, ein Raub der Flammen zu werden. Nicht, dass sie brennen, aber wie von einem unsichtbaren Feuer verzehrt schmilzt die Sohle vor meinen Augen dahin. Bald ist fast nichts anderes mehr als ein Loch vorhanden. Was soll’s – der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen … pflegte mein Grossvater jeweils zu sagen. Mir bleibt zum Trost, dass ich vor Jahren am gleichen Ofen schon eine viel teurere Jacke ruiniert hatte. Das geschah aber unter ganz anderen Umständen, nämlich beim Nachfüttern von Holz. Ich habe heute also den Fehler von damals in keinster Weise wiederholt. So dumm ist der Mensch nun auch wieder nicht. …

 

Gegen Mittag geht es nochmals hinaus in die schöne Natur. Das Wetter ist etwas besser, aber nur ein ganz klein wenig besser. Auf dieser zweiten Wanderung werde ich mir oft Gedanken darüber machen, welches die Vorteile des grossen Loches in meiner Schuhsohle sind. Ja, tatsächlich, das ganze fühlt sich beim Laufen jetzt ziemlich anders an. Ist doch gut, wenn der Schuh nicht bei jedem Schritt nach innen abknickt! Nach einer Weile finde ich, dass das neue Gehgefühl so toll nun auch wieder nicht ist. Doch, was soll’s - ich gehe doch nicht der Schuhe wegen wandern, sondern mir selber zu Liebe. Schlussendlich finde ich es egoistisch, wenn der Mensch immer nach Vorteilen für sich selber sucht.  Das Loch ist halt jetzt da, und nützt es mir nichts, und nützt es auch sonst niemandem etwas, so ist das doch auch gut. …

 

Später, oben auf den Häüschbiele, gibt es ein Schneegestöber wie mitten im Winter. Und es gefällt mir.

FRÜHER

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Gspon von Kleeboden aus (18.05.2013)
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Ankunft mit der LSSG in Gspon (20.04.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)

Länder seit 26.02.2010

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