Bietschhornhuette

Knapp daneben vorbei (26.12.2016)

Auch wenn du etwas noch nie erlebt hast - auch wenn die meisten Menschen so etwas noch nie erlebt haben - heisst das noch lange nicht, dass es so etwas nicht gibt ... Wenn ich immer nur am warmen Stubenofen hocken würde, würde ich viele Dinge auch nicht erlebt haben, die ich erleben durfte. Dieses Erlebnis hat mich sehr begeistert, und ich war sehr dankbar dafür.

 

Am Bietschhorn habe ich einige Projekte offen, die ich vielleicht eines Tages realisieren werde, vielleicht aber auch nie. Wenn man aber mal etwas im Kopf hat ... Hätte es im Moment nicht so wenig Schnee, würde man gar nicht auf den Gedanken kommen, Ende Dezember auf die Bietschhornhütte (2565 m ü. M.) aufsteigen zu wollen. An diesem Tag wollte ich mal auskundschaften, was möglich sei - eine flotte Spur bis zur Hütte anlegen und dann schauen.

 

Es machte grosse Freude, nicht allzu früh an diesem Morgen von Ried aufbrechen zu können. Der Nästwald kam mir traumhaft vor. Zu sagen, dass die linke Lötschentaler Seite zu dieser Jahreszeit den ganzen Tag im Schatten liegt. Hin und wieder muss man gut schauen, um den Weg überhaupt sehen zu können, verbirgt er sich doch oft unter einer dicken Nadelschicht. Schnee liegt bis zur Nästalpa keiner. An zwei drei Orten ist er von einer massiven Eiswulst versperrt. Es lässt sich aber immer gut bergseits ausweichen.

 

Bei Brunnä wird üblicherweise der Nästbach auf stabiler Brücke überquert. Der Bach liegt hier erstarrt in kompaktem und sehr glattem Eis und greift steil ins Tal hinab. Ausrutschen wäre fatal. Ich entschied mich gleich, nicht die Brücke zu benutzen, denn es gibt winters keine Brücke. Auch zweihundert Meter weiter oben ist der Bach bis auf ein kleines Rinnsal zugefroren. Hier ist er aber viel flacher und kann leicht überschritten werden.

 

Bis 2100 m ü. M. trägt der Schnee sehr gut. Doch dann beginnt er pulvrig zu werden. Vierzig bis fünfzig Zentimeter Pulverschnee, bedeckt von einer drei bis vier Zentimeter dicken Harstschneeschicht. Von da weg taten mir meine Gamaschen sehr gute Dienste. Plötzlich war ich mir nicht sicher, ob bei 2200 Meter oder weiter oben westlich in die Flanke gequert werden müsse, um nach Howitzen und später zur Bietschhornhütte zu gelangen. Ich hatte den Hüttenweg in der Vergangenheit ein paarmal nachts gemacht, tags muss ich geträumt haben - darum wusste ich es nicht mehr. Ich wollte auch nicht in den steilen Hang queren, denn er war mir zu abschüssig, und es lag zu viel Schnee. So zog ich links am Howitzgrat entlang den Hang hoch. Er ist nicht zu steil und kann begangen werden. Erst weiter oben war mir klar, dass ich mich nicht mehr auf dem Hüttenweg befand. So war mein Ziel jetzt die Lücke bei rund 2650 m ü. M. um von dort wenigstens auf die Bietschhornhütte hinunter schauen zu können.

 

Die letzten dreihundert Höhenmeter waren unglaublich beschwerlich. Ich kam kaum mehr vom Fleck und brauchte ewig lange. Bei jedem Tritt sank ich im pulvrigen Schnee bis an die Knie und weiter ein - unter meinen Füssen unförmige Steine aller Art, auf denen man Halt suchen musste. Die Stöcke fest einrammend und mich daran hochstemmend, brauchte ich für jeden Schritt sehr lange. In diesen Momenten kam mir der Aufstieg auf den Dom vom vergangenen Sommer, bei dem man auch ganz gehörig kämpfen musste, schon fast wie ein Spaziergang vor. Für die letzten fünfzig Höhenmeter brauchte ich eine halbe Stunde und mehr. Da war nichts zu machen - mein Zeitbudget war erschöpft. Ich hatte mir vorgenommen, spätestens um halb drei wieder abzusteigen, und so endete meine Tour auf rund 2650 m ü. M. - fünfzig Meter unterhalb der angestrebten Lücke.

 

Man sagt, dass im Alter die Zeit viel schneller vergehe als in der Jugend. Das stimmt: die Jahre fliegen nur noch so dahin. Das ist aber auch logisch. Für einen Zehnjährigen ist ein Jahr zehn Prozent seines Lebens, also eine recht lange Zeit. Für einen Hundertjährigen macht ein Jahr nur noch ein Prozent seiner Lebensspanne aus. Vielleicht verschläft und verträumt man in meinem Alter auch einen Grossteil seiner Zeit, und darum fliesst sie so schnell vorüber. Erwacht man aus seinem schon fast Dauerdösen, ist es schon wieder eine Stunde später. Auch als ergrauter Bergsteiger merkt man, wie schnell die Zeit im Aufstieg vergeht. Hatte man früher für einen Hüttenweg zwei Stunden, braucht man jetzt vier. Ich tröste mich damit, dass ich im Prinzip gar nicht langsamer werde, sondern dass meine Lebenszeituhr einfach jetzt viel schneller tickt. Darum brauche ich länger als die Jungen. Wenn ich mir aber überlege, dass sich die Geschwindigkeit rechnet: Weg geteilt durch die Zeit, ist es physikalisch halt schon so, dass jene immer langsamer wird.

 

Sei dem, wie es ist! Auf meine tiefe Spur im Schnee zurückblickend, stellte ich mir ein paarmal einen Wolf vor, der mir keuchend und lechzend den Berg hoch folgt. Ganz deutlich sah ich seine heraushängende Zunge und seine Schnauze, wie sie im pulvrigen Schnee meine Fährte wittert. An seinen Schnurrbarthaaren glitzern feine Schneekristalle. Jetzt im Nachhineine muss ich gestehen, dass ich gar nicht weiss, ob ein Wolf überhaupt Schurrbarthaare hat oder nicht. Tatsache ist aber, dass ich, seit ich weiss, dass im Wallis einige Wölfe in mehr oder weniger entlegenen Gebieten unterwegs sind, stets ein Taschenmesser griffbereit in meinem Hosensack mitführe. Auch an diesem Tag.

 

An Ort meiner Umkehr angekommen, machte ich eine längere Pause. Der Ort - nach oben eine Art Kessel, nach links hoch und nicht allzu weit weg das Bietschhorn, unten das magische Lötschental - war zu schön, um direkt wieder abzusteigen. Auch war es nicht gar so kalt. Es erstaunte mich sehr, dass ich Handykontakt zu meiner lieben Frau daheim hatte. Sie hatte heute ihren Waschtag. Ich bedauerte sie deswegen ein wenig und machte mir auch die üblichen Sorgen, die man sich in den Bergen so macht: mit vollem Wäschekorb das Treppenhaus hoch und runter birgt allerlei Gefahren in sich. Zudem gibt es bei uns in Naters jetzt auch Taschendiebe, Einbrecher und allerhand Klein- und Kleinstkriminelle.

 

Zwischendurch lauschte ich der unglaublichen Stille. Es war nichts und rein gar nichts zu hören. Höchstens blies ein leichter Wind glänzenden Schnee den Abhang herunter. Dieser rieselte lebhaft um meine festen Bergschuhe. Ich befand mich in der Nähe eines Stuhl-grossen Steins. Der Rucksack auf dem Boden. In der Hand das, was von einer vor ein paar Minuten noch stattlichen Cervelat übrig geblieben war, und ein Stück Roggenbrot. Ich freute mich schon auf das Schokoladendessert. Und erst jetzt schreibe ich über mein einmaliges Erlebnis.

 

Plötzlich spüre ich, wie ein grosser Schatten über meinen Kopf fegt. Vielleicht erinnerst du dich an diese Dinosaurierfilme - mir war so, wie es den Menschen damals zumute sein musste, wenn einer dieser Flugsaurier über ihre Köpfe flog und den Tag für Bruchteile einer Sekunde verfinsterte. Als ich den Kopf hob, war der Spuk schon vorbei. Weit draussen in der Höhe über dem Tal erblickte ich aber einen recht grosser Vogel. Froh war ich, als er bald wieder nach rechts hielt, und zurück zur Bergflanke flog. Er umrundete den Kessel, in dem ich mich befand in weitem und sehr elegantem Bogen. Ich befand mich in dem Dilemma, in dem ich mich in ähnlichen Situationen schon mehrmals befunden hatte: sollte ich jetzt meine Kamera im Rucksack suchen und damit vielleicht den Vogel, den ich für einen Adler hielt, verscheuchen, oder sollte ich einfach nur das Naturschauspiel beobachten und geniessen. Ich wusste, dass ich den Akku noch nicht in meine Kamera eingesetzt hatte, und dass sich dieser irgendwo in meinem Rucksack befand. Und so verhielt ich mich in einer Art Starre und unternahm nichts. Der Vogel setzte sein Kreisen ungeachtet meiner Unentschlossenheit fort. Seine Kreise um mich wurden enger und enger. Er machte auf mich nicht einen ängstlichen oder unsicheren Eindruck, eher einen entschlossenen und bestimmten. Ganz deutlich konnte ich in seine Augen blicken, als er kurz später nur noch geschätzte fünf Meter vor mir in der Luft zu hangen schien. Auch er blickte mich unentwegt an. Langsam wurde mir bewusst, dass es in dieser Situation etwas zu unternehmen galt, zumal der Vogel, der mir wahrhaft sehr gross vorkam, fortfuhr mich zu umkreisen. Und so wich ich zurück, um nach meinen Stöcken zu greifen, fiel im pulvrigen Schnee aber vorerst mal auf meinen Wertesten. Der in die Luft gehaltene Skistock gab mir Sicherheit. Indes las ich in den Augen des grossartigen Fliegers eine gewissen Enttäuschung. Er muss mit Blick auf meine eingefallenen Wangen und meine hervortretenden Backenknochen realisiert haben, dass es bei mir nicht viel zu holen galt - und falls etwas, so nur zähes Bergsteigerfleisch -  während er Minuten zuvor noch von einem zarten Mittagsmahl geträumt haben muss. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn auch meine viel jüngere und auch viel anmutiger aussehende Frau auf dieser Bergtour mit dabei gewesen wäre. Und so war ich an diesem Tag zum ersten Mal froh, dass sie ihren Waschtag hatte. Der Vogel hörte noch lange nicht auf, um mich zu kreisen, und seine Kreise waren immer noch eng. Ich vergass jede Gefahr für mich und jede Furcht und begann jetzt nach meiner Kamera zu suchen. Es dauerte ewig lang, bis ich auch den Akku gefunden und eingesetzt hatte. Meine einzige Sorge war jetzt nur noch, das einmalige Schauspiel und die sonderbare Begegnung fotografisch festhalten zu können. Ich sollte noch genügend Zeit zum Fotografieren haben, denn der Besucher drehte erst nach vielen weiteren Bögen um mich Richtung Kleines Nesthorn ab.

 

Die Begegnung war sehr eindrücklich für mich. Das Schauspiel hatte mich tief berührt. Ich verspürte grosse Dankbarkeit. Das Erlebte musste unmittelbar meiner Frau berichtet werden. Sie musste in der Waschküche beschäftigt sein, denn sie sollte meine vielen Anrufe während der nächsten Stunde nicht abnehmen. So machte ich mich an den Abstieg. Er fiel mir erstaunlich leicht. Meine Aufstiegsspur hatte sich schon etwas verfestigt.

 

Was ich in der Vergangenheit nie getan hatte, tat ich jetzt ständig - ich schaute immer wieder in die Höhe um zu sehen, ob da nicht jemand ob mir kreise. Inzwischen war ich schon eine gute halbe Stunde im tiefen Schnee abgestiegen. Und da war er wieder. Weit drüben unterhalb des Kleinen Nesthorns kreiste er lange über besonnten Felsen. Ob es da wohl etwas zu finden gab? Ich machte eine kurze Pause und einen weiteren Anrufversuch, um meine Frau direkt in der Waschküche sprechen zu können. Jetzt war der riesige Vogel wieder fünfzig Meter senkrecht über mir. Wie wenn ich mich in einer Art Paralleluniversum befände (in letzter Zeit habe ich Bücher über Parallelwelten gelesen), meinte ich zu vernehmen: "Meine Damen und Herren, Flug LA801, wir befinden uns im Landeanflug auf Larnaca, am Ort herrscht wunderbares Wetter, Temperaturen um die 28 Grad, schnallen Sie sich bitte an und schalten Sie Ihre Handys aus, danke!" In dieser meiner realen Welt sah ich sehr deutlich, wie mein Vogel seine weiten Schwingen eng an den Körper anlegte und sich in die Tiefe stürzte - so ungefähr in Richtung meines momentanen Aufenhaltsortes, mit einer geschätzten Ost-West-Abweichung von zwei Metern. Auf den letzten Metern waren seine Beine mit spitzen Krallen wie Fahrgestelle zur Landung gespreizt. Ich erteilte ihm keine Landeerlaubnis, und so vollbrachte er das Flugmanöver wohl nur, um mich zu beeindrucken, oder um sich von mir zu verabschieden. Wie ein Pfeil schoss er unweit vorbei und ins magische Tal hinab. Eine halbe Stunde später war ich wieder bei der nicht vorhandenen Brücke. Endlich konnte ich auch meine Frau erreichen, um ihr das Erlebte zu erzählen. Im Sprechen genügte mir ein Blick in die Höhe, um meinen lieben Vogel wieder weit oben am Kleinen Nesthorn kreisen zu sehen.

 

Als ich abends im Bett noch an einen Film dachte, in dem ein Adler eine stattliche Gämse verfolgt, zu Fall bringt, richtiggehend in die Luft hebt, und mit ihr über Stock und Stein hinunterrollt, wurde es mir doch ein wenig mulmig zu Mute. Ich musste mich richtiggehend anstrengen, um an etwas anderes zu denken und einschlafen zu können. Was, wenn mir der Vogel ein Auge ausgepickt hätte, und ich ohne Handyempfang in der Gegend gebliegen wäre? Du hast gut lachen - du hast es ja nicht erlebt. Ich werde inskünftig bestimmt einen festen Regenschirm auf Touren mitnehmen, um gegen oben vor Raubvögel aller Art geschützt zu sein.

 

Übrigens hatte ich vor ein paar Tagen drei sonderbare Begegnungen mit einer sonderbaren Person an drei total verschiedenen Orten in einer Stadt. Nach zwei Begegnungen war ich mir sicher, dass ich die Person noch ein drittes Mal treffen würde - und so war es auch. Ich werde sicher auch meinen Vogel wieder treffen.

 

Noch zu sagen: ich hatte aus Gewichts- und Platzgründen nur mein 50 mm Normalobjektiv und nicht mein Tele mit. Mit meinem 200 mm Objektiv hätte ich natürlich, Bartgeier näher heranholen können. Bei der Entwicklung der Bilder habe ich aber schon ein wenig gekroppt.

 

Noch zu sagen: Statt eines besseren Objektives hatte ich aber 1.2 Kilogramm Tee mit. Völlig nutzlos, weil ich in der Regel unterwegs nur wenig trinke. Ich trank den Tee dann mehrheitliche auf der Rückfahrt mit Postauto und Zug.

 

Noch zu sagen: Abends half ich beim Aufhängen der Wäsche natürlich auch mit. Und jetzt habe ich gerade die ganze Wohnung gestaubsaugt und gefegt.

 

Noch zu sagen: Ich habe nur eine halbe Tafel Schokolade und einen Cervelat gegessen. Touren ist viel billiger als daheim bleiben.

 

Noch zu sagen, dass der Bartgeier, der auch Lämmergeier heisst, unser grösster Vogel ist (Spannweite von bis zu zwei Meter dreissig). Ihm wird anscheinend allerlei nachgesagt, und viele Geschichten ranken sich um ihn. In der Vergangenheit ist er in der Schweiz ausgerottet worden. Jetzt erholt sich der Bestand aber wieder langsam. Zu deiner Beruhigung: er ernährt sich von Aas. Das heisst aber im Prinzip noch nichts - er könnte dich ja auch zum Aas machen und ein paar Tage liegen lassen, bist du ein richtig schmackhaftes Aas bist. Wie gesagt: um diesen Prachtsvogel ranken sich allerlei Geschichten ...

 

Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)

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