Monte Rosa

Punta Giordani (4046) und Vincent-Pyramide (4215) - 27.07.2017

Mit meiner langjährigen Tourenkollegin Birgit aus dem deutschen Flachland (24 Meter über Meer) habe ich an diesem Tag zwei Viertausender bestiegen. Ich meine, zwei Viertausender am gleichen Tag ist doch schon etwas - nicht aber für ehrgeizige Frauen im besten Alter aus dem flachen Deutschland. Birgit schwebte so etwas wie sieben oder acht, vielleicht auch zehn Viertausender am gleichen Tag vor Augen. Verständlich also, dass sie nach dem Erreichen des ersten Zieles sehr betrübt und auf dem zweiten Gipfel immer noch etwas betrübt, aber doch auch noch sehr betrübt, in die Gegend schaute. Auf der Vincentpyramide bliesen wir zum Abbruch der Tour. Wieso überhaupt? - Das Wetter war ja besser geworden, meine Laune war nicht allzu schlecht und auch die Bedingungen waren gut … weil wir müde waren und wegen der Müdigkeit auch sehr langsam. Überhaupt hatte ich an diesem Tag den Eindruck, dass sich alle Bergsportler sehr langsam in der Gegend herumbewegten. Das schlechte Wetter mag dafür verantwortlich gewesen sein. Es war nämlich viel schlechter als angekündigt. Schon beim Aufbruch bei der Montova Hütte um halb fünf Uhr morgens wehten einem kleine, leichte Schneeflocken ins Gesicht. Später frischte der Wind auf und blies einem mit voller Wucht den Rücken hinunter. Auf der Punta Giordani sah es nach NO blickend gar nicht gut aus. Ich hatte eisig kalte Finger wie mitten im Winter, während Birgit mit ihren Fingerchen frisch fröhlich über ihr Smartphon strich, um die neusten Nachrichten aus der Welt zu vernehmen. Indes konnte ich einen einmalig schönen Sonnenaufgang erleben. So etwas hatte ich jetzt wirklich noch nie gesehen. In einem breiten Band strich die aufgehende Sonne von Osten her bis weit nach Frankreich hinein über die etwas niedrigeren, den Walliser Alpen vorgelagerten, italienischen Gipfel hinweg. Das Band war vielleicht ein Kilometer breit. Hinter ihm und tiefer unten konnte man weit in die Poebene hinausblicken.

 

Von der Punta Giordani sollte man bei normalen Verhältnissen eigentlich über den SO-Grat auf die Vincent-Pyriamide (siehe mein Bild) hochsteigen können. Nun sah der Grat aber wirklich nicht verlockend aus (Schnee, Eiskerzen, schattig, alles kombiniert mit heftigem Wind). So stiegen wir lieber über den (an einer Stelle auch nicht ganz leichten) SO-Grat der Vincent-Pyramide bis auf 3680 Meter ab, um den zweiten Gipfel, die Vincent-Pyramide, auf dem normalen Weg, das heisst von Norden, zu erreichen. Zwei andere Bergsteiger, die den erwähnten Grat angingen, brauchten rund drei Stunden für nicht einmal zweihundert Höhenmeter.

 

Die beiden Hütten (Montova und Gnifetti) waren wie üblich ausgebucht. Und so krochen an diesem Morgen viele Seilschaften den Gletscher hoch - wohl um ein Maximalziel zu erreichen. Und weil sie zu hoch gepokert hatten, mussten sie im dichten Nebel umkehren. Es kehrten wirklich viele um. Darauf wies ich auch meine Seilpartnerin hin, in der Hoffnung, diese Tatsache würde sie etwas trösten und würde sie an unseren beiden Viertausendern Gefallen finden lassen. Natürlich sagte ich ihr nicht, dass ich im Jahre 2003 mit einer anderen deutschen Bergsteigerin, die damals auch noch im besten Alter war, am gleichen Tag im gleichen Gebiet sieben Viertausender bestiegen hatte - gemäss Tagebuch mit einer gewissen Leichtigkeit.

 

Der Tour war eine schlaflose Nacht vorausgegangen - ich schlief sage und schreibe null Stunden, null Minuten und null Sekunden. Dies obwohl ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Schlaftablette geschluckt hatte. Mein System reagierte darauf mit Atemstörungen. Es war mir so, als würde es nach fünf-sechs Atemstössen jeweils zu atmen vergessen. Und so schnappte ich immer wieder nach Luft, um mich ins Leben zurückzurufen. Unglücklicherweise hatte ich am Abend auch noch einen ganzen Liter italienischen Rotweins für zwei Personen bestellt - aus ökonomischen Gründen, weil ein Liter nur 12 Euro kostete, während ein halber Liter unverhältnismässige 7 Euro gekostet hätte. Man hat in der Jugend doch auch sparen gelernt.

 

Wir haben die Punta Giordani über den Endregletscher erreicht. Dazu muss man von der Montova Hütte vorerst rund 150 Höhenmeter absteigen. Beide Gipfel sind auf ihren Normalwegen übrigens sehr leicht zu besteigen - leichter als Allalin, Weissmies, … Erschwerend ist der weite Anfahrtsweg vom Wallis aus über Domodossola bis nach Alagna. Von Alagna fährt man mit guten Bahnen bis Punta Indren hoch. Kostet vierzig Euro.

 

 

Was noch? - Ich habe am Morgen meine Handschuhe in der Hütte vergessen. Hätte meine Tourenkollegin nicht ein paar Ersatzhandschuhe gehabt, hätten wir an diesem Tag wohl null Viertausender, null Dreitausender und null Zweitausender bestiegen.

Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)

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