Weissgrat oberhalb von Gspon (2886)

Besteigung vom 08.05.2016

Gemäss meinen umfangreichen Statistiken war dies meine 81. Besteigung des Weissgrat, seit es diese Statistiken gibt. Vielleicht war es aber auch erst die 41. Besteigung, weil ich beim Zählen übereifrig war. So mag ich vielleicht jeweils auf dem Gipfel und dann wieder im Tal ein Strichlein gemacht haben. Traue keiner Statistik. Heute waren die Bedingungen wettermässig nicht ganz ideal - auf dem Grat kam immer wieder Wind auf, und zum Teil musste man durch dichten Nebel wandeln. Die Abfahrt war sehr schön - auf hartem Frühlingsschnee war sie leider zu schnell vorbei. Es hat einen wieder einmal so richtig durchgerattert und durchgeknattert. Ich bin über die weiten Hänge nach Häüschbiele hinunter gefahren. Und von dort ging es über den Weg hinüber in den Scheidbode. Hier musste ich die Ski hin und wieder ein paar Meter tragen. Sonst konnte ich aber bis Gspon hinunter fahren. Wenn du die Bilder von Gspon anschaust, wo jetzt schon stattlich Gras gewachsen ist, wird dich das erstaunen. Ab der Gspon Arena gab es aber tatsächlich noch genügend Schnee zum Aufsteigen und Abfahren mit Ski. Die Tour war nicht vorgesehen gewesen - die Idee dazu war erst am Tag zuvor im Chalet entstanden. Und so fehlte mir einiges an Ausrüstung, vor allem an Bekleidung. Skitouren lassen sich jedoch auch sehr gut in Blue Jeans machen. Jedenfalls war ich meinerzeit so bekleidet auch schon auf dem Alphubel. Das war aber in den Anfängen meiner Alpinzeit, als die Ausrüstung noch etwas zu wünschen liess. Blöder war, dass in meinem Chalet auch keine Handschuhe auffindbar waren. Da taten von Mama gestrickte Socken diesmal einen sehr guten Dienst.

Besteigung vom 31.03.2016

Auf meiner Site gibt es natürlich allerlei über den Weissgrat zu sehen und zu lesen, denn er ist immerhin mein Hausberg. Nur habe ich jetzt keine Lust, auf die anderen Berichte und Bilder zu verlinken, weil sie mir nicht mehr so gut gefallen. Über die Navigation wirst du aber die anderen Seiten sicher auch finden, solltest du sie zu sehen wünschen. Man entwickelt sich halt immer weiter, oder zurück - und dies gilt für das Fotografieren, für das Bergsteigen und für das Schreiben.

 

Überhaupt bin ich in letzter Zeit hin und wieder recht komisch unterwegs gewesen. So ist es mehr als einmal vorgekommen, dass ich direkt von Naters losmarschiert bin, um über Visp und Staldenried mein Chalet in Gspon zu erreichen. Dort pflege ich sehr gerne zu übernachten. Und wenn dann am folgenden Tag so etwas wie Lust am Bergsteigen aufkommt, kann ich direkt vor der Haustür die Ski anschnallen und Richtung Gipfel aufsteigen. So habe ich am 31. März eine Skitour auf den Weissgrat gemacht, und am folgenden Tag bin ich nochmals bis Chiebodme hochgestiegen. Das Wetter liess aber beide Male zu wünschen übrig. Es stürmte und fegte wie zu Abrahams Zeiten. Die Abfahrt war aber immer ganz ordentlich. Wenn man aber im heimeligen Chalet auch am warmen Stubenofen sitzen und sich in ein spannendes Buch vertiefen kann, braucht es halt allemal auch die Motivation, um zu Bergtouren aufzubrechen.

 

Am 1. April konnte man noch sehr gut bis zum Chalet "Sunnuschy" abfahren. Am 6. April war dann schon sehr viel Schnee weggeschmolzen, so das das nicht mehr möglich war.

 

Es versteht sich, dass ich bei meinen Unternehmungen auch fotografiere, wenigstens das, was mir gefällt. Hier daher ein paar Bilder.

Besteigung vom 19.02.2015

Nachdem ich altersmässig vor ein paar Wochen etwas in die Jahre gekommen war, konnte dieser Zustand vor ein paar Tagen etwas überwunden werden, so dass ich mich zur Stunde wieder besser fühle. Und so haben wir halt gestern wieder einmal eine richtige, und auch eine schöne Skitour gemacht. Auf dem Programm war, und durchgeführt wurde - der Weissgrat, der Grat an dem ich gross geworden bin. Hier findest du ein paar Bilder zu diesem wunderschönen Tag. Der Schnee war durchaus gut, und zum Teil sogar pulvrig.

 

Unterwegs traf ich noch einen Tourer Kerstenholz. Welcher Zufall, denn dieser Kerstenholz hatte mich vor ein paar Tagen von irgendwo in der Schweiz angerufen, weil er Auskunft zum Simelihorn haben wollte. Der Dorfpfarrer, oder der Gemeinderat, oder ein Seilbähnler hatte ihn an mich verwiesen, weil man der Meinung war, ich kenne mich da oben aus.

 

In der Tat ist mir der Weissgrat sehr lieb, und ich habe da schon viele schöne Erlebnisse gehabt. Ich bin eigentlich in seiner Verlängerung drunten im Tal geboren. In der Jugend konnte ich ihn nur erahnen, und nachts habe ich vom Gebiet oberhalb des Mälachjis, das man von unserem Chalet aus nicht sieht, geträumt. Die Bilder meiner damaligen Träume sind mir noch heute bekannt.

 

Vor ein paar Tagen ist an diesem, meinem Grat leider ein Tourer tödlich verunglückt. Wie tragisch, wenn man die Einzelheiten des Unglücks kennt! Und so ist jede noch so schlicht und einfach verfasste Pressemitteilung zu Lawinenunfällen immer mit viel Leid verbunden, das man als Aussenstehender gar nicht wahrnimmt. In all den Jahren meiner Erinnerung ist zuvor nie jemand am Weissgrat verunglückt.

Besteigung vom April 2014

Besteigung vom März 2014

Der Weissgrat bleibt eine schöne Tour. Ich habe ihn in diesem Monat März schon sechsmal bestiegen. Ist ja auch keine Hexerei für mich - direkt vor der Haustür die Ski anschnallen, und am Schluss der Tour bis zur Haustür zurückfahren. Ist wunderbar.

 

In meinem Alter kann es vorkommen, dass man hin und wieder eine Kleinigkeit vergisst. Auch ein Arbeitskollege hat vor einiger Zeit verlauten lassen, ich sei etwas vergesslich. Von anderen hört man solche Sachen nicht gerne, und so war ich in der Folge für Wochen beleidigt. Kürzlich habe ich ihm eine Mail mit Anhang geschickt, jedoch prompt den Anhang vergessen. Wem ist das nicht auch schon passiert? - Eine kleine Nachlässigkeit, die es halt im Alltagsstress so gibt. In diesem Fall habe ich aber schon ein paar Minuten nach dem Versenden des Mails selber gemerkt, dass ich den Anhang vergessen hatte. Und so schickte ich halt ein zweites Mail, diesmal aber mit Anhang … ich hoffe es wenigstens. So genau weiss ich das jetzt auch nicht mehr. Eigentlich wollte ich hier von drei komischen Sachen schreiben, die ich in letzter Zeit vergessen habe. Leider habe ich zwei vergessen, und kann mich nur noch an die eine Sache erinnern.

 

Auf Skitouren kann man allerlei vergessen. Du wirst es aus eigener Erfahrung wissen. Einmal wollten wir auf das Strahlhorn im Saas, und der Kollege vergass seine Skistöcke in Saas-Fee. Kein Problem - er machte die Tour ohne Stöcke. Sicher hast du auch schon die Felle, die Lawinenschaufel oder die Skischuhe daheim gelassen. Die Skischuhe habe ich bestimmt schon zweimal nicht eingepackt. Auch auf einer dieser März-Weissgrat-Touren habe ich etwas Wichtiges vergessen. Meine Frau am Handy konnte es nicht erraten. Ich hatte nämlich nicht etwas, sondern alles vergessen, das heisst meinen ganzen Rucksack samt Inhalt. Er war auf dem Sofa im warmen Chalet Sunnuschy liegen geblieben. Und ich schreitete mir nichts, dir nichts, eben so, wie wenn nichts geschehen wäre, die steile Flanke hoch. Komisch war, dass mir das fehlende Gewicht erst nach mehr als zehn Minuten auffiel. Zu diesem Zeitpunkt war es zum Umkehren zu spät - auf alle Fälle war ich nicht willens, nochmals heimzufahren, um den fehlenden Rucksack auch noch mitzunehmen. Obwohl ich nur sehr leicht bekleidet war - keine Handschuhe, keine Mütze, keine Jacke, nichts - liess sich die Tour sehr gut machen, ich schaffte den Weissgrat in dieser Aufmachung sogar in Rekordzeit. Die Tour war in diesem leichten Gewand möglich, weil ich an einem dieser Märztage unterwegs war, an denen es wieder viel zu warm war. Ein leichtes Bangen ist geblieben. Was, wenn ich aus Nachlässigkeit mal im Nachtanzug arbeiten gehe?

 

Auf einer der Weissgrattouren sind wir in die „Rosschumme“ hinuntergefahren. Die Abfahrt war schlicht und ergreifend und nicht mehr loslassend genial. Fünfhundert Höhenmeter feinster Pulverschnee, mindestens knietief, oft noch tiefer. Es war sicher eine der schönsten Abfahrten, die ich je erlebt habe. Aber du weisst, man ist vergesslich. Skifahren ist doch so schön!

 

Und dann bin ich einmal auf den Weissgrat hochgestiegen, um den Sternenhimmel zu fotografieren. Auch dies war ein besonders schönes Erlebnis. Die Nacht war ganz angenehm und sternenklar. Auf dem Weissgrat geht der Blick weit in alle Himmelsrichtungen. Und das Himmelsgewölbe ist gewaltig. Und dann stehst du da und bist ganz ergriffen von der Grossartigkeit der Schöpfung. Du kannst noch so angestrengt lauschen, da oben hörst du einfach nichts. Abgesehen natürlich vom Motorenlärm der Langstreckenflugzeuge, die auch nachts hoch oben im Himmel keine Ruhe finden. Erstaunlich, wie viele Flugbewegungen da auch mitten in der Nacht zu beobachten sind. Auch wenn mir die Aufnahme nicht so gelungen ist, wie ich das erhofft habe, war ich doch glücklich. Da die Aufnahme mit allen Vorbereitungen rund eineinhalb Stunden in Anspruch nahm, habe ich mir die Zeit mit dem Ausgraben einer tiefen Schneehöhle etwas verkürzt. Und dann bin ich ganz, ganz vorsichtig und langsam die tausend Höhenmeter zu unserem Chalet hinuntergefahren.

 

Vom Weissgrat bin ich auch ein oder zweimal in Richtung Häüschbiele hinunter gefahren. Hier auf der Sonnenseite herrschen jeweils total andere Bedingungen als in den Nordhängen. Um in den Genuss einer schönen Abfahrt zu gelangen, muss man den richtigen Augenblick erwischen. Früh am Morgen ist alles noch pickelhart, ist man aber zu spät unterwegs sinkt man im nassen Schnee bis auf den Boden ab.

 

Seit meinem letzten „Tourenbericht“ sind viele Tage vergangen. In dieser langen Zeit hatte ich auch viele Erlebnisse und Gedanken, die ich zu Papier bringen wollte. Leider habe ich in der Zwischenzeit das meiste wieder vergessen. Somit bleibt der Bericht … ach, wie sagt man schon wieder? - ja, er bleibt kurz.

Besteigung vom 01.11.2013

Seit Menschengedenken wird der Weissgrat sommers und winters bestiegen – auf alle Fälle seit dem es mich gibt. Seit ich mit Statistiken im letzten Jahrhundert begonnen habe, habe ich ihn 67-mal bestiegen. Diesmal war ich wieder wie eine Schnecke unterwegs. Meine Ausrüstung bestand aus Turnschuhen und Fotoapparat. Will heissen, dass ich mich stark auf das Fotografieren konzentriert habe. Wie immer bot die Gegend viele Sinneseindrücke, und der Kopf war voller Gedanken. So denkt man oft an Vergangenheit und Zukunft, oder auch an beides, und seltener an die Gegenwart.

 

Bis auf den Weissgrat sind 993 Höhenmeter zu überwinden (von 1893 bis 2886 m ü. M.). Der Weg führt über Stock und Stein. Moment mal, jetzt muss ich mal meine bisherigen Zeiten anschauen. Also: ich habe bei meinen Besteigungen zwischen 57 Minuten und 3 Stunden 26 Minuten benötigt. Die durchschnittliche Zeit beträgt 2 Stunden und 4 Minuten. Der Grund, wieso man nicht immer gleich lang braucht, liegt in der unterschiedlichen Geschwindigkeit. Hin und wieder geht man halt schneller, und dann ein anderes Mal wieder langsamer. Auch sind die Verhältnisse nicht immer gleich, und die Kollegen variieren auch. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich in sinnlose Gedanken versunken irgendwo stehen geblieben und nicht mehr weitergekommen bin. Und so nahm nur die Länge des Gedankenganges nicht aber diejenige der zurückgelegten Wegstrecke zu. Wieso ich diesmal nur durchschnittlich schnell unterwegs war? – Weil ich in der letzten Zeit fast ausschliesslich von meinen eigenen Kochkünsten lebe. Das hatte zur Folge, dass jetzt praktisch alle meine Tourenhosen viel zu weit sind. Und somit verliere ich ständig Zeit mit dem Hochziehen der Hosen. Meine Köchin weilt halt vorübergehend, aber für längere Zeit in Afrika, ist dort auf Leoparden- und Löwenjagd und hat momentan sicher andere Sorgen als ich (meine momentane Hauptsorge ist die Verfassung dieses Tourenberichtes). Meine Frau ist natürlich nicht der Jagd wegen nach Afrika geflogen, denn einerseits ist diese verboten, und andrerseits gibt es da auch nicht mehr so viele Tiere, und zudem sind wir Tierliebhaber. Während meiner langen Zeit auf dem Schwarzen Kontinent habe ich jedenfalls weder einen Löwen noch einen Tiger gesehen. Warum meine Liebste so weit weg ist, müsstest du als Besucher meiner Homepage eigentlich wissen. Auf meiner Site gibt es ja diesen Flagcounter, jedoch fehlte darauf, wie dir sicher aufgefallen ist, bis jetzt die Fahne von Kenia. Dem ist nun aber nicht mehr so, denn meine Frau wurde extra ins ferne Land geschickt, um dort den fehlenden Klick auszuführen. Es wäre somit anzunehmen, dass sie nach dieser getanen Arbeit bald zurückkommen würde. Dem ist aber nicht so, denn ich möchte möglichst viele Klicks von da unten haben. Du magst das alles etwas übertrieben finden - aber wie hätte ich das Problem sonst lösen können? Anfangs fand ich diese Reise ganz lustig, denn für mich bedeutete dies für eine gewisse Zeit hemmungsloses Bergsteigen und Klettern, endloses Surfen im Internet und Bearbeiten von Bildern mit Photoshop bis tief in die Nacht hinein und zudem tägliches ja fast halbtägliches und auch wieder hemmungsloses Staubsaugen unserer Wohnung. Diese Tätigkeiten liebe ich allesamt. Anfangs machte mir noch der Haushalt grosse Sorgen. Jetzt weiss ich aber, dass das so schlimm nicht ist. Gut, ich habe ein paar Kilos verloren, aber sonst gewöhnt man sich rasch an das Hausmann-Dasein. Es ist schön, mal selber Küchenchef zu sein. Du kennst doch die Geschichte mit dem Frosch im Wasserglas, das langsam erhitzt wird. Das Wasser wird jeden Tag wärmer und wärmer. Der Frosch gewöhnt sich daran und merkt kaum etwas. Würde man ihn aber ohne Vorbereitung ins heisse Wasser werfen, würde er geschockt sein und tot umfallen. Wobei ich mich jetzt gerad ernsthaft frage, ob ein Frosch überhaupt umfallen kann – die sind vom Körperbau her betrachtet ja schon so total bodennah. Wie es dem Frosch im Wasserglas ergeht, ergeht es momentan mir daheim im Haushalt, das heisst, die Unordnung kommt schleichend, und ich merke es nicht und fühle mich weiterhin puddelwohl (ich liebe Pudels). Jeden Tag ein neues Paar gebrauchte Socken, das irgendwo herumliegt, jeden Tag ein neuer, ungewaschener Teller. Auch die überall gegenwärtige Staubschicht wächst nur sehr, sehr langsam. Wegen der Froschgeschichte mache ich mir jetzt grosse Sorgen darüber, wie meine Frau auf das Chaos reagieren wird. Sie wird nicht wie ich daran gewöhnt sein, dass der Weg von der Küche ins Bad und die anderen Zimmer jetzt über den Balkon führt, weil der Korridor mittlerweile für normalbewegliche Leute nicht mehr passierbar ist. Bin ich froh, dass wir sozusagen einen 360 Grad Balkon haben! Bis meine Frau vom Klicken in Afrika zurück ist, muss wahrscheinlich auch der Balkon für jeglichen Schwerverkehr gesperrt werden. Auf alle Fälle wird Glatteisgefahr herrschen. War ich gestern geschockt, als ich feststellte, dass unsere einzige Pflanze, die sich in der Küche befindet, mit total herabhängenden Blättern dastand und mich vorwurfsvoll anschaute. Ich hatte sie vergessen, weil ich mich nur äusserst selten in der Küche aufhalte. Der Aufenthalt dort wäre für mich zu schmerzhaft, weil sie jetzt so gar nicht mehr lebt. Es ist zu sagen, dass ich gar nicht als Tourist nach Afrika reisen möchte. Als ich damals drei Jahre in Sambia lebte, haben wir quasi von oben herab auf die Touristen herabgeschaut. Wir fühlten uns irgendwie erhaben. Und es ist so, dass sich dieser Kontinent dem Besucher nicht so einfach schenkt. Gut man kann Tiere knipsen gehen und dort auf Berge hochsteigen, aber das kann man alles auch hier tun. Und so wird der Besuch oberflächlich bleiben. Für Erfahrungen und Eindrücke, die einem ein Leben lang bleiben, und die einen auch noch nach dreissig Jahren tief bewegen, braucht es mehr. Wobei es nicht einmal grosse Geschichten sind, die man einfach so erzählen könnte. Afrika hat mich irgendwie ganz anders in Besitz genommen. Es war irgendwie wie ein Heimkehren und doch Nicht-Dasein in eine mir sehr bekannte Welt. Und so sass ich vielleicht bei einsetzender Dämmerung auf einer kleinen Erhebung und schaute hinaus ins unermesslich weite Land, wo es nichts als Busch zu sehen gab und hörte von irgendwo weit das Trommeln und Singen der Leute und war tief ergriffen.

 

Szenenwechsel:

 

Am Schluss meines Aufenthalts in Gspon wurde die Stimmung dann doch noch arg getrübt. Wie schon das letzte Mal hatte ich auch diesmal den Eindruck, mit meinem linken Auge nur sehr unscharf zu sehen. Im Tal hatte ich diese Beobachtung bisher nicht gemacht. Könnte das unter Umständen bedeuten, dass ich bald einmal auf mein geliebtes Gspon und auf die Berge überhaupt würde verzichten müssen? Das wäre eine spürbare Einbusse an Lebensqualität. Tränen kollerten herab, sie vereinigten sich zu meinen Füssen zu einem kleinen Rinnsal, das bald zu einem grösseren Bach anwuchs, in dem sich auch schon kurz darauf die ersten Forellen tummelten. Am Rand warteten Frösche auf den ersten Sprung ins kühle Nass … Irgendwann werde ja auch ich auf Gspon verzichten müssen. Ich kenne viele Leute, die das so erlebt haben. Leben heisst halt, ständig von etwas Abschied nehmen. Schleichend wird man unbeweglicher, langsamer, anfälliger, sturer,  in einzelnen Fällen auch weiser. Ist es nicht leichter, auf einen Schlag alles zu verlieren? Habe dann gleich einen Augenarzt konsultiert. Dieser meinte, dass es so schlimm bestimmt nicht sein könne, denn das linke und das rechte Auge seien doch total unabhängig voneinander. Wenn ich mit dem rechten Auge also gut sehe, könne mit dem linken unmöglich etwas falsch sein. Und überhaupt sei Hören viel wichtiger als Sehen, denn, wer das Sehen verliere, verliere die Gegenstände um sich, wer aber das Hören verliere, verliere seine Mitmenschen. Zudem sei es so was von mühsam, wenn die Leute ständig wegen irgendwelchen Augenproblemen zu ihm kämen. Er könne solche Geschichten schon gar nicht mehr hören. Ich bin jetzt sehr froh, dass mein ursprünglicher Augenarzttermin um Monate vorverschoben wurde.

 

Wieder daheim:

 

In letzter Zeit flattern ständig Prospekte ins Haus, die einem eine sinnvolle Pensionsplanung empfehlen. Vor allem die Bankinstitute machen sich grosse Sorgen um meine finanziellen Reserven. Bei mir scheinen tatsächlich grosse Vermögenswerte total brach zu liegen. Nun mache ich mir deswegen leider viel weniger Sorgen als die Banken. Ich wende lieber das System „Fruchtwechsel“ an, will heissen: am Morgen esse ich oft einen Apfel und am Abend, wenn ich heimkomme, ein paar Trauben. Leider war aber die Weinlese bei uns in Naters in diesem Jahr nicht so ergiebig. Vieles war faul, einiges fiel ab, den Rest frassen die Vögel und ich.

 

Perspektiven - zehn Jahre später:

 

Bei uns läutet der Wecker jetzt gewöhnlich schon morgens gegen neun Uhr. Ein zögernder Blick unter der warmen Decke hervor und zum Fenster hinaus zeigt mir, dass es Zeit zum Aufstehen ist. Bis es soweit ist, geht es aber noch lange. Wie damals, als man noch im Schwimmbad schwimmen ging und nur zögernd eine erste Zehe ins kalte Wasser steckte, ergeht es mir auch jetzt. Vorsichtig kriecht meine grosse Zehe unter der Bettdecke hervor ins Freie, und ich zucke zusammen. Beim Eintreten ins Wasser ist der Nabel einer der sensiblen Punkte, als wie wenn er dafür gemacht wäre, den Menschen vor dem Nasswerden und schlussendlichen Ertrinken zu verschonen. Und auch beim morgendlichen Aufstehen ist es genau gleich. Kaum schaut der Nabel aus der Bettdecke hervor, zuckt der ganze Körper zusammen, und wie ein Murmeltier, das von einem Wanderer überrascht wurde, zieht er sich froschmässig in die behagliche Betthöhle zurück. Viele Minuten vergehen, bis endlich wieder zwei verschlafene Augen aus dem Bett gucken. Es ist der duftende Geschmack frischen Kaffees und knuspriger Gipfelis, der mit arger List die Trägheit meines Körpers zu überlisten versucht und ihn hinaus in die Gefahren der Welt lockt. Gefühlte Ewigkeiten später und in Bademantel, warmen Stubenfinken und Schlafmütze gekleidet lässt er sich in einen weichen Stuben-Sessel fallen. Die von der immer noch rüstigen Partnerin dargereichten Köstlichkeiten bringen neues Leben in die zum Teil erschlafften und zum Teil erstarrten Glieder. Für den Rest des Vormittags versteckt sich der noch immer schlaftrunkene Kopf hinter der Morgenzeitung. Nur hin und wieder raschelt und knistert es von hinter dem warmen Ofenecke hervor. Dies sind die Momente, wo die Schlafmütze noch tiefer über die Ohren gezogen wird. Zwei Stunden später ist jeder Satz der Zeitung gelesen, die Sonne steht hoch am Mittag, und was auf der ersten Seite stand, ist schon lange wieder vergessen. Zu diesem Zeitpunkt lässt der vormalige Herr des Hauses seine ersten Worte des Tages verlauten: Guten Tag Liebling, hast du gut geschlafen, was für ein Datum haben wir denn heute, morgen ist doch schon wieder Sonntag? – Der Morgen ist vorbei, und ein schöner Teil des Tageswerkes ist vollbracht. Gütliches Zureden meiner Frau überzeugt mich, dass es doch gut ist, im Freien noch ein wenig frische Luft schnuppern zu gehen. „Du musst aber noch den Bademantel ausziehen!“ – Und so „stürze“ ich mich nicht ganz überzeugt in meine Bermudashorts. Irgendwie und irgendwann erreiche ich unseren Garten. Eine herbstliche Brise streicht um meine Nase. Bunte Blätter fallen von den Bäumen. Es werden bald die letzten sein. Zärtlich flattern die Falten meiner zu weiten Hose um die vormals starken Knie. Von der „unendlichen Mühe ermattet“ (Schiller) lasse ich mich ins erstbeste Gemüsebett fallen. Lange geniesse ich den herbstlichen Geruch des Bohnenkrauts. Und da hängt auch noch eine halbrote Tomate an welkem Strauch. Sie wird nie mehr ganz rot werden. Und doch lassen sie die letzten Sonnenstrahlen in schönstem Licht erstrahlen. Wehmütig erinnere ich mich an manch einen Sonnenuntergang, den ich oben in unserem Chalet in Gspon erlebt habe. Bald kriechen auch schon die ersten Schnecken von unter dem Laub hervor. Die dreistesten unter ihnen wuchten sich schon kopfüber meine schlaffen Waden hoch. Wie nach Fliegen schlagend versuche ich sie zu erhaschen, doch ich bin jeweils um Ewigkeiten zu spät. „Ein süsser Trost ist mir geblieben“ (Schiller): irgendwann werden sie meinen nackten Schädel erreicht haben und sich dort zum Sonnen niederlassen. Ich Depp! – Schnecken sonnen sich doch nicht! Das sind ja Weichtiere (Mollusken) und die hassen den Strahl der Sonne und lieben die feuchten Gegenden. Ich bin stolz darauf, das Wort „Mollusken“ ohne es zu googeln noch gewusst zu haben, gleichzeitig erbleiche ich ob dem Gedanken, dass diese Tiere die feuchten Niederungen lieben …

 

Eigentlich sollte das ein lustiger Text werden, und jetzt hat er mich beim Schreiben selber traurig gemacht. Der Weissgrat ist aber keine Gegend, um traurig zu sein. Ich liebe ihn noch wie früher. Der Weg ist im Sommer zwar etwas beschwerlich, denn er führt über viele Steine. Die dünne Schneeschicht hat das Laufen auch nicht erleichtert. Das Wetter war leider nicht vom Besten. Trotzdem konnte ich ein paar flotte Bilder schiessen. Und was soll’s: Weissgrat, ich komme wieder!

Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)

Länder seit 26.02.2010

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