Von A nach G wie Gspon

An unserer Berufsmaturaschule müssen die Ausbildungsberechtigten eine interdisziplinäre Projektarbeit (IDPA) schreiben. Mit verschiedenen Klein- und Kleinstprojekten werden sie sachte auf diese grosse (einwöchige) Arbeit vorbereitet. Auch in meinem Privatleben gibt es ständig irgendwelche Projekte - meist sportlicher, weniger oft den Haushalt betreffender Art.

 

Als ich zu Beginn der Woche von Eisten nach Gspon wanderte hatte ich plötzlich die Idee dieses Miniprojektes: Wieso nicht einmal versuchen, Gspon auf möglichst vielen unterschiedlichen Wegen, die sich wohl überkreuzen jedoch keine gemeinsamen Wegdtrecken haben dürfen, zu erreichen? Ausgangspunkt jedes Weges sollte eine Bus- oder Zughaltestelle sein. Für diese Art des Wanderns gibt es den Begriff "Sternmarsch".

 

Ziel: fünfzehn verschiedene Wege - nein, seien wir optimistisch: zwanzig verschiedene Wege. Und mit 20 Wegen wird es ein schöner Stern und eine echte Herausforderung.

 

Die Wege sollen in der Regel von allen zu begehende Wanderwege sein - oder geografisch markante Kreten, Grate, Flussläufe, Strassen, ...

Weg 13 - nach Gspon über den Klettersteig (27.06.2017)

Der dreizehnte Weg nach Gspon war reich an Eindrücken. Gspon über den Klettersteig? - was soll denn das? In Gspon gibt es doch gar keinen Klettersteig. Freilich nicht. Jedoch ist Gspon so gut gelegen, dass man es praktisch über jeden Klettersteig in der näheren oder weiteren Umgebung erreichen kann. Warum also nicht in Leukerbad beginnen, den dortigen Klettersteig besteigen und dann nach Gspon weitermarschieren? Das macht aber niemand. Den Gemmiklettersteig sind wir vor ein paar Tagen gegangen. Er war gigantisch, sehr eindrücklich und voll der Superlative.  Gspon habe ich über den Klettersteig am Jegihorn im Saas erreicht - nicht zum ersten Mal. Auch dieser Steig ist recht interessant, vor allem die lange und hohe Seilbrücke. Nach getaner Bekletterung des erwähnten Hornes könnte man gut und leicht über den Höhenweg nach Gspon gelangen. Ich habe die Variante über den "Sattel" (westlich vom Äusseren Rothorn) und den "Galu" (westlich vom Simelihorn) gewählt. Später kam ich auch noch bei der Schafhirtin "Ze Wiedlinu" vorbei. Dort gab es jedoch keine Sünd, weil ich als Wanderer nach zehn Stunden doch etwas müde war - es gab aber leider auch keinen Kaffee, welcher mich wirklich gereizt hätte. Langsam gehen mir die Wege nach Gspon aus - weiss nicht, ob ich die vorgenommenen zwanzig Wege finden werde. Wobei ich gerade eine geniale Idee hatte: ich könnte ja auch der Kanalisation von Stalden bis Gspon folgen. Leider weiss ich aber nicht, wo diese verläuft. Oder vielleicht besser der Telefonleitung.

Weg 12 - von Milachru durch die Brich nach Gspon (18.06.2017)

Der angenehmste Weg vom Tal nach Staldenried beginnt im Weiler Milachru. Es ist dies der Weg, den man geht, wenn man zu Fuss nach Visp will. Diesmal habe ich auch der Kirche in Staldenried einen kurzen Besuch abgestattet, und natürlich ebenfalls dem Friedhof. Weiter nach Gspon bin ich dem alten Weg links der "Gspo Tschugge" gefolgt. Es ist dies der Weg, der seit dem grossen Felssturz nicht mehr in Stand gehalten wird. Früher sind wir ihn oft gegangen. Auch mit Ski sind wir den "Brich Weg" herunter nach Staldenried gefahren. In letzter Zeit bin ich mehrmals über diesen Weg abgestiegen und habe ihn von vielen Ästen und Steinen befreit, so dass er mindestens für mich sehr gut begehbar ist.

Weg 11 - von Ackersand nach Gspon, No-go-Variante (16.06.2017)

Zu sagen, dass ich die Wege 1 bis 10 in der Zwischenzeit "flurbereinigt" habe - dass heisst, die bisherigen elf Wege weisen keine gemeinsamen Wegstrecken mehr auf. Um das zu erreichen, musste ich einige nochmals gehen - im Stillen, ganz alleine und unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit. Beim elften Weg bin ich dem Weg gefolgt, den 1960 der Altartisch der Pfarrkirche Staldenried genommen hat. Das sagt dir nichts? - Also: damals gab es noch keine Strasse vom Tal ins Dorf, und die Seilbahn war für den schweren Marmorblock zu schwach. Man schaute nach einer Lösung des Problems um und entschied sich für die Standseilbahn, die von Ackersand steil hinauf ins "Riedji" führt. Von dort wurde der Altar mit Schlitten hinab ins Dorf gefahren - eine Parforce Leistung! - 725 Höhenmeter hinauf und 363 wieder hinunter. Die Bahn wurde wohl schon länger nicht mehr in Betrieb genommen, denn die Umlenkrollen sind jetzt doch ziemlich rostig. Auch ist der Weg nicht empfehlenswert, weil er recht steil ist - auf allen Vieren kommt man aber relativ gut hoch. Weiter oben bin ich der Starkstromleitung gefolgt, die am Ort vorbeiführt, wo wir als Kinder Schafe gehütet haben. Der Masten mit der Nummer 43 sollte auch meinen Vettern noch in bester Erinnerung sein. Später kam ich an einem Ort vorbei, von dem ich noch heute hin und wieder träume - dies wurde mir aber erst bewusst, als ich die Stelle passierte.

Weg 10 - von Stalden nach Gspon, der Strasse entlang (28.01.2017)

Vor Jahren noch litt ich regelmässig an Migräne, Kopfweh und Übelkeit, so einmal die Woche. Jetzt habe ich diese Krankheit mehr oder weniger ausgewachsen. Und ich bin sehr dankbar dafür. Fast 50 Jahre Kopfweh war genug. Doch an diesem Tag waren die Beschwerden wieder einmal da - wahrscheinlich weil vorher so lange gutes Wetter war, und dieses dann plötzlich umschlug. Wenn man diese Art von Kopfweh und Übelkeit hat, fühlt man sich nirgends wohl, nicht einmal im Bett. Am besten geht es einem noch, wenn man isst. Aber man kann ja nicht den ganzen Tag nur essen. Und so beschloss ich eine leichte und lange Wanderung zu machen, bei der ich nur so halb duselig vor mir hertrampeln konnte. Ich entschied, von Stalden bis Gspon ausschliesslich der Fahrstrasse zu folgen. Das sind rund 14 Kilometer. Wenn einem übel ist, dann bringt man diese Übelkeit nicht so einfach weg. Und so litt ich auch noch während der Nacht in Gspon, wo ich nach der Ankunft nur noch den Wunsch hatte, mich ins Bett zu werfen.

 

Die Wanderung mag doof erscheinen, ist es aber nicht, denn keine noch so doofe Wanderung im Heimatdörfli ist doof. Und so genoss ich auch diesen Weg einigermassen, obwohl ich extrem kraftlos war. Mit dieser Route habe ich mir zwei andere Wege "zerstört", weil es nicht tolerierbare Überschneidungen gab. Mein "Projekt" will ja, dass sich meine Wege nach Gspon höchstens kreuzen, aber nicht über hundert Meter zusammenfallen. Damit muss ich Weg 7 und 9 nochmals gehen - mit kleineren Korrekturen. Das ist aber nicht ein Muss, den ich wandere aus Lust und Freude, und um mich fit zu halten. Das Projekt ist nur so ein F-Idee im Hintergrund.

Weg 9b - von Visperterminen nach Gspon, die nostalgische Tour (11.01.2017)

Weg 9a - von Visperterminen über die Rote Brücke (03.01.2017)

Gewisse Wege geht man immer wieder gerne, so jenen von Gspon nach Visperterminen über die Rote Brücke. Hier ein paar Bilder dazu. Gspon zeigt sich hier leider sehr schneearm, aber auch Visperterminen. In der Zwischenzeit (also bis am 19.01.2017) hat sich die Schneesituation etwas zum Positiven geändert. Es hat aber für die Jahreszeit immer noch wenig Schnee. Vielleicht hat es aber für die Jahreszeit auch gerade normal viel Schnee, weil wir in einer sehr niederschlagsarmen Gegend wohnen. Der Klimawandel macht sich halt auch bemerkbar und wird sogleich nicht rückgängig zu machen sein. Vor allem dann nicht, wenn sich die Menschheit in ihrem Verhalten nicht grundsätzlich ändert. Dies wird wohl auch kaum der Fall sein. Also wird ein Schnee loses Gspon zur Weihnachtszeit inskünftig eher der Normalfall sein.

Weg 9 - von Visperterminen über die Rote Brücke (11.01.2017)

In letzter Zeit bin ich ein paarmal diesen Weg gegangen aber immer in der Gegenrichtung. Die folgenden Bilder sind alle "im Abstieg" entstanden. Jetzt habe ich es endlich mal geschafft, in der "richtigen Richtung" zu wandern, also von Visperterminen nach Gspon.  Rund 550 Höhenmeter sind so zu überwinden. Der Weg ist acht Kilometer lang. Dieser Winter bietet sich für solche Wanderungen ja geradezu an. Wenig Schnee und meistens wunderbarer Sonnenschein. Gestern aber war das Wetter dann doch nicht so gut. Es hatte am Vortag fünf Zentimeter Neuschnee gegeben; langsam zogen Wolken und Nebel auf; und am Schluss windete es ganz gehörig. Das Wetter war aber doch einigermassen spannend, um Fotos zu machen. Der Weg führt von Visperterminen über Unnerbrunnu, dann über die von den Staldenriedner sogenannte "Rote Brücke" (in Visperterminen heisst sie Sädolbrücke), oberhalb von Riedji vorbei, und schlussendlich hinauf nach Gspon. Zu sagen, dass dies eigentlich kein offizieller Wanderweg ist. Wenn man von Visperterminen kommt, trifft man sogar auf eine Tafel "Betreten verboten!" - in der anderen Richtung gibt es keine Verbotstafel. Schwindelfrei muss man sein, wenn man locker über die Brücke will. Damals mit L. und A. kehrten wir unmittelbar vor der Brücke um, weil L. wie ein störrischer Esel stehen blieb und sagte, dass er auf keinen Fall über diese Brücke gehe. Robert selig, mein belgischer Lehrerkollege, der auch in Sambia unterrichtete, hüpfte übermütig über die Brücke um zu zeigen, wie mutig er sei.

 

Ich füge hier auch noch ein paar Gspon-Bilder ein - immerhin bin ich ja nach Gspon gewandert. In Gspon selber habe ich einige Fotoprojekte. Unter anderem möchte ich auch "Startrails" fotografieren. Startrails sind die bei langer Belichtungszeit entstehenden Spuren der Sterne. Solche Bilder gelingen einem nicht auf Anhieb. Zweimal habe ich bereits Stunden mitten in der Nacht bei klirrender Kälte draussen verbracht, und das Foto ist immer noch nicht im Kasten. Aber ich weiss jetzt wohl ziemlich genau, wie es gelingen könnte. Zwei schöne Orte für die Aufnahmen habe ich auch schon gefunden (siehe die Bilder mit den beiden schön freistehenden Bäumen). Dann gibt es da noch ein Bild mit einem Lämmergeier (Bartgeier), der vor meinem Badezimmerdachfenster zu fliegen scheint. Das ist eine Komposition ...

 

 

Weg 8 - von Brig übern den Gebidempass (17.12.2016)

Ich weiss nicht, ob es dir auch so geht, aber selber ist man doch ziemlich intelligent. Keine Ahnung, woher das kommt. Ich habe nur eine Schwäche in diesem Bereich: ich kann einfach nicht so gut denken. Und aus verschiedenen Begebenheiten die richtigen Schlüsse ziehen, ist auch gar nicht meine Stärke. Da fehlt es mir einfach an der Logik. Heute habe ich ausnahmsweise wieder einmal ein wenig - für meine Verhältnisse sehr heftig - nachgedacht. Und ich kam zum Schluss, dass praktisch alles gegen diese Wanderung sprach. Es fehlte mir an Übung und Kondition. Hatte schon seit langem keine sportliche Aktivität mehr zu verzeichnen. Gestern war Firmenfest gewesen. Mein Magen rumorte, und so tat auch der Darm. Ich fühle mich nicht nur alt, jetzt bin ich es auch. Und die Wanderung war recht lang. Keine Ahnung betreffend Verhältnissen vor Ort. Meine Frau meinte, da gehe man im Winter doch nicht. Zudem hatte ich Bedenken wegen herumstreuenden Wölfen. Nahm vorsichtshalber ein Sackmesser mit. Schon auf dem Bahnhof Brig sagte mir die Manuela, sie hätte Bedenken wegen örtlicher Eisbildung und Glatteisgefahr. Ja, diese Wanderung macht man jetzt im Hochwinter wirklicht nicht. Und weil man sie nicht macht, macht man sie gerade erst richtig. Bin ich wohl dumm! Und weil ich meine Dummheit voll und ganz einsah, kam ich mir richtig intelligent vor. Dumme Leute können wirklich intelligent sein. Nur dumme Leute, die ihre Dummheit nicht einsehen, sind dumm - aber auch intelligente Leute, die meinen, sie seien intelligent. Da ich jetzt zu bequem bin, den ganzen Track aufzuzeichnen, zähle ich diesmal nur die Stationen meiner Wanderung auf: Brig Bahnhof - Glis Kirche - Schratt - Mättwe - Gibidumpass (bis da sind 1526 Höhenmeter im Aufstieg zu überwinden) - Sitestafol - Sädolti - Gspon (vielleicht nochmals 100 Höhenmeter). Bis zum erwähnten Pass oder ein paar hundert Meter weiter unten ging wirklich alles sehr gut. Ich kam mir wirklich sehr intelligent vor. Und das war ein klassischer Fall von Dummheit. Ich begann nun mehr im Schnee einzusinken als erwünscht. Dort hatte ich auch wieder Handykontakt mit meiner Frau. So rief ich sie im Gehen mal an - so zur allgemeinen Unterhaltung. Es meldete sich Stefanie. Hatte keine Ahnung mehr, wer Stefanie war. Sie war mit meiner Frau irgendwo wandernd unterwegs. Ich musste meine Frau fragen, wer Stefanie sei. So was! - die hätte ich jetzt also wirklich kennen sollen! Mein Gedächtnis ist eine Katastrophe. Leider kann ich mir Frauennamen und Frauen noch weniger überhaupt nicht merken. Glücklicherweise hat ein schlechtes Gedächtnis nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. So habe auch ich schon die schlausten Gedanken gehabt und die schwierigsten Schlussfolgerungen gezogen, sie aber kurz darauf wieder vergessen. Wenn ich nur noch wüsste, was ich schon alles gewusst habe! Ich käme mir wirklich intelligent vor. Übrigens ist ein schlechtes Gedächtnis gar nicht so schmerzhaft, wie man annehmen könnte. Beim Wandern versuche ich sowieso, voll und ganz im Hier und Jetzt zu leben. Aber immer und immer wieder kommen da allerlei Gedanken an die Vergangenheit und an die Zukunft. Ein Meditierender mit miserablem Gedächtnis hat es viel leichter sich zu konzentrieren. Da ist nichts aus der Vergangenheit, das ständig aufstösst. Die Wanderung verlief ganz beträchtlich gut. Wie vorausgedacht und erhofft, trug der Schnee wirklich ganz gut. Lawinengefahr bestand keine. Das Wetter war super - nicht zu kalt und nicht zu heiss. Stell dir vor: Gestern bei der Weihnachtsfeier war ich der älteste Mitarbeiter, und das bei einer Belegschaft von weit über hundert. Ein komisches Gefühl. Vor zwanzig Jahren sah ich nur alt aus, und jetzt bin ich es zusätzlich auch noch. In einer solch jungen Belegschaft wird man als Alter natürlich bewusst oder unbewusst abgeschoben. Auf der langen Wanderung fragte ich mich, wie das früher für die Alten schön gewesen sein muss - man hatte immerhin grossen Respekt vor ihnen, und sie waren die wichtigsten, weil weisesten Glieder der Gesellschaft. Gestern war ich richtig schadenfroh, als ich bei einigen Kollegen auch feststellen konnte, dass sie auch nicht mehr so gut aussehen. Warte nur, sagte ich mir, in zehn Jahren wirst du auch ganz hässlich sein! Wie schon gesagt, war die Wanderung recht lang. Da musste man psychisch wirklich stark sein. Es ist aber auch leicht, psychisch stark zu sein, wenn es im Nanztal über weite Strecken keinen Handyempfang gibt, und wenn es kein Zurück mehr gibt. Und es machten sich sicher auch bald einige Altersbeschwerden bemerkbar. Die grössten Altersbeschwerden machten meine alten Schuhe. Die haben mich schon vor acht Jahren geschmerzt, als ich in ihnen bis Martinach lief. Jetzt in meinen reiferen Jahren schmerzen sie noch mehr. Was ja auch logisch ist. Mit zunehmendem Alter rutscht alles Richtung Boden. Dies ist der Schwerkraft zuzuschreiben. Die Gesichtshaut rutscht zum Hals hin, die Augenlider über die Augen und der Bauch Richtung Becken. Dies tut aber alles nicht weh. Wenn aber dann auch noch die vormals strammen Waden in die schon so engen Schuhe rutschen, dann ist bald fertig mit lustig, und das Leiden fängt richtig an. Wenn du nicht zu zimperlich bist, kannst du die Wanderung bei den momentanen Verhältnissen tatsächlich machen. Es muss aber örtlich schon mit Glatteis gerechnet werden. Und wenn es weiterhin kalt macht, besteht sogar die Möglichkeit, dass gewisse Stellen nicht mehr passierbar sind. Es ist aber kein Sonntagsspaziergang. Vom Gebidempass bis zum Sädolti war ich ständig ein wenig auf der Hut. Ich Hochwinter geht das da gar nicht. Jetzt hat es aber tatsächlich wenig Schnee - vielleicht so dreissig Zentimeter. Man kann oft guten Tierspuren folgen. Welche Überraschung! - fünfhundert Meter vor dem Sädolti kamen mir drei Personen entgegen. Damit hätte ich nun wirklich nie und nimmer gerichtet. Er wohl Deutscher, sie Deutschschweizerin - die Mutter mit einem einjährigen Säugling vorne umgebunden. Das ging nun wirklich ganz und gar nicht. Auf dem Tourismusbüro in Visperterminen hätte man ihnen gesagt, dass man die Wanderung machen könne. Welcher Blödsinn! - Diese Wanderung kann man nicht einfach so machen - vor allem nicht, wenn man sich in den Bergen nicht einigermassen auskennt. Und was, wenn einer der Gräben, wegen starker Eisbildung gar nicht passierbar ist. Kann da ein Ehepaar mit einem Säugling um drei Uhr nachmittags wieder alles zurücklaufen, wenn es um fünf Uhr schon finster ist?

Weg 7 - von Stalden über Zur Tanne und Bildji (07.11.2016)

Der siebte Weg nach Gspon. Es ist wohl der älteste Weg. Unten im Tal geht er über eine kleine Brücke. Diese Brücke wurde damals von meinem Vater erstellt. Im Chalet in Gspon habe ich noch die Stundenabrechnung für die geleistete Arbeit. Der Lohn war damals knapp bemessen.

 

Eigentlich müsste ich jetzt gar nicht mehr nach Gspon. Mein Getti-Büeb, der jetzt auch gar kein Büeb mehr ist, sondern ein ausgewachsener Mann, der alles über Informatik weiss, hat nämlich eine App erstellt, die mir zu jeder Zeit anzeigt, was für Bedingungen im Chalet Sunnuschy in Gspon herrschen. So kenne ich in diesem Moment die genaue Aussentemperatur in Gspon, auch die Luftfeuchtigkeit und dann die Temperatur in jedem Zimmer. Und ich kann alles von hier aus regulieren. Hat einen Hacken: Jetzt könnte nämlich ein Hacker mitten in der Nacht die Temperatur in meinem Schlafzimmer aufdrehen und mich ganz schön ins Schwitzen bringen. Oder ein anderer könnte mich für Stunden kühl stellen und sogar lebendigen Leibes einfrieren. Hat einen Hacken: Das Passwort lautet: "So schön ist Gspon", wobei das letzte Wort, das man eingibt immer wiederholt werden muss.

 

Ja mein Getti-Büeb ist ein echter Kerl. Er ist auch derjenige, der im Gotthard-Tunnel, der ja in einem Monat dem Verkehr übergeben wird, die Pläne für die durchzuführenden Testläufe erstellt hat. Nach längerem Nachdenken komme ich zum Schluss, dass mein Getti-Büeb genau sein Getti ist.

 

Gspon ist zu dieser Jahreszeit tot. Als ich im Schneegestöber ankam, liess sich keine Menschenseele blicken. Es gab auch keine Spuren im Schnee. Dann kam ich an einer offenen Kellertüre vorbei. Das dunkle Loch hauchte mich kalt an, und ich sagte nur "Hallo". Gleich meldete sich von innen jemand. Ein Mann war damit beschäftigt, die vielen schönen Käse vom vergangenen Alpsommer zu drehen. Dass müsse zweimal pro Woche gemacht werden. Ich kaufte ihm einen kleinen Käse ab und ging vergnügt nach Hause.

Weg 6 - von Eisten über Leidbach und Ze Zimmere (09.10.2016)

Man verlässt im Orte genannt Zen Eisten das Postauto.

 

In letzter Zeit bin ich sehr missmutig und niedergeschlagen, quasi deprimiert, denn ich weiss es schon jetzt, vermute es zumindest: es wird wahrscheinlich nicht möglich sein, Gspon auf zwanzig verschiedenen Wegen zu erreichen. Nicht, dass dies physisch nicht möglich wäre, nein, es gibt einfach zu wenige Wege nach Gspon. Damit werde ich mein Ziel nie und nimmer erreichen, und ein weiteres Projekte geht baden. Solltest du mir also nächstens irgendwo über den Weg laufen, und sollte ich dich nicht grüssen und sogar nicht einmal beachten, so nimm es nicht persönlich, mein Ärger gilt nicht dir sondern nur meinem Projekt.

 

Mein sechster Weg führte von Eisten nach Gspon. So hässlich, wie man sagt, ist Eisten nicht einmal; sonst schau doch mal die Bilder an. Mein Weg führte zuerst nach Asp. Schon da gab es eine längere Pause, weil ich mit einer älteren, dort wohnsässigen Frau ins Gespräch kam. Ich kam fast nicht mehr los, denn es gab einiges zu berichten. "Wer an diesem Ort wohnt, wird mit der Einsamkeit umgehen können", sagte ich mir und verabschiedete mich nach einer guten halben Stunde. Von Asp geht der Weg steil nach Leidbach hinauf. So hässlich (leid), wie der Name sagt, ist aber auch dieser Ort nicht. Hier soll sogar ein Bischof einer örtlichen Glaubensgemeinschaft leben. Wieso nicht? - der Ort eignet sich durchaus zum Beten und Meditieren. Jedoch kam mir an diesem späteren Sonntagnachmittag weder ein Mensch, noch ein Priester, noch ein Bischof zu Gesicht. Weiter oben kam ich zur Fassung der "Oberriederi", der Suone, die früher Staldenried mit Wasser versorgte. Unglaublich! - ich wusste nicht, dass es sich um unsere Wasserleite handelt, stellte dies erst daheim auf der Karte fest. Hier war ich noch nie gewesen; ich war in meinem Leben auch noch nie hinauf gegen Windstadol gelaufen; und den Weg von dort nach Gspon kannte ich auch nicht. Dies ist äusserst komisch und irritierend, denn in dieser Gegend hatte mein Vater in den späten vierziger Jahren mit zwei Brüdern das Holz für unser Haus in Staldenried geschlagen und in mühsamer Handarbeit gesägt; und der Weg mündet nur dreihundert Meter von meinem geliebten Chalet in mein geliebtes Gspon. Der Mesch ist halt ein Gewohnheitstier und geht immer die gleichen Wege (auf zwanzig Prozent der Wanderwege verbringt man achtzig Prozent seiner Wanderzeit - 20-80-Prozent-Prinzip). Auch an diesem Tag durfte ich noch einige glückliche Stunden in meinem Häuschen verbringen. Wie in Naters liegen auch in Gspon drei Bücher, die ich gerade lese, auf dem Stubentisch.

 

Weg 5 - von Eisten über Riedbach (11.10.2016)

Man verlässt bei Raftgarten das Postauto.

 

Heute ging es wieder vom Saas-Tal nach Gspon. Ein für mich sehr aufwiegelnder, emotionaler Weg, führt er doch am Geburtshaus meines Vaters im Riedbach vorbei. Ich bin bei Raftgarten dem Postauto entstiegen. Nach einem kurzen Abstieg geht es in schwindelerregender Höhe über eine Brücke. Unter einem die tiefe Schlucht, in der weit, weit unten die kleine Vispe fliesst. Der Weg von dort nach Staldenried wurde früher oft von meiner Tante Antonia, die in Eisten wohnte, unter die Füsse genommen, um ihre lieben Verwandten in Staldenried zu besuchen. Später eroberte die Natur den Weg zurück und machte ihn unpassierbar. Vergangenen Sommer ist er instand gestellt und just vor ein paar Wochen anlässlich einer kleinen Feier seinen künftigen Benutzern, den Wanderern,  wieder übergeben worden. Ich folgte dem Weg, der nur leicht ansteigt, nicht bis Staldenried sondern nur bis dort, wo er früher wirklich ausgesetzt war - unmittelbar unterhalb des Riedbachs. Heute sind die kritischen Stellen entschärft und leicht auch von weniger geübten Wanderern schwindellos zu begehen. Schon seit längerem war ich der Überzeugung, dass es vom Weg eine direkte Verbindung zum Geburtsort meines Vaters geben müsse. Wegspuren fand ich heute keine; es war mir aber ein Leichtes rechts der schroffen Felsen aufzusteigen. Auf dem Weg von und nach Eisten sind die alten Riedbacher bestimmt hier auf und abgestiegen. Hier wird damals mein Vater einen tödlich verunglückten Hirtenjungen hoch getragen haben. Der Legende nach soll er die Kälte der Leiche wochenlang auf seinen Schultern und im Nacken gespürt haben. Ich habe mir fest vorgenommen, in Erinnerung an meinen Vater und zu Ehren aller Riedbacher Ahnen diesen Weg wieder zu eröffnen. Bald kommt man am Ort "Hund" vorbei. Dort besass mein Onkel Anton früher einen kleinen Stall mit Scheune. Das kleine Anwesen ist vor vielen Jahren den Flammen zum Opfer gefallen. Ich erinnere mich gut daran. Heute sieht man nur noch eine kleine Mauer und zwei drei verkohlte Wandbalken. Vom Hund ist es nicht mehr weit bis zu den paar Häusern im Riedbach. Man folgt einer alten Wasserleite. Meinem Vater hat der Weiler sehr viel bedeutet. Dort ist er geboren, und dort hat er eine schöne Jugend verbracht, auch wenn sie von Entbehrungen gekenntzeichnet war. Die dort erlebte Gemeinschaft und Nestwärme hat er ein Leben lang vermisst. Ein Sprössling der Riedbacher Sippe ist Feuer und Flamme für den romantischen und sehr speziellen Ort. Zusammen mit seiner Frau und Familie verbringt er dort viele Tage im Jahr in ihrem schmucken Häuschen. Das Häuschen mit all den Blumen ist eine Augenweide. Gastfreundschaftlich wurde mir Kaffee angeboten, und so gab es für mich schon nach einer knapp einstündigen Wanderung eine lange Verschnaufpause. 26 Kinder sollen damals vom Riedbach nach Staldenried in die Schule gegangen sein. Heute wäre der Ort verfallen, hätten auswärtige Interessenten vor ein Jahrzehnten die paar Häuschen nicht renoviert. Ich erinnere mich noch gut an das pulsierende Leben im Riedbach in den sechziger Jahren. Jedes Äckerlein und jede Wiese wurde gehegt und gepflegt. Der Grund und Boden hatte für die Ortsansässigen einen unermesslichen Wert - er war ihre Existenzgrundlage. Und ich heute - nur eine Generation später - weiss schon nicht einmal mehr, wo alle meine Grundstücke sind (es müssen mehr als zehn sein). Vom Riedbach führt ein guter Weg über Hoflüe und Kleeboden nach Gspon.

 

Zwischen dem Riedbach und der Hoflüe bin ich schon ein paarmal an einer grossen Mauer vorbei gekommen. Hatte mir nie irgendwelche Gedanken über das Bauwerk gemacht. Heute wollte ich der Sache auf den Grund gehen und fand bald bergseits einen niederen Eingang. Wenn man wie ich nur noch knapp zehn Prozent des bisherigen Lebens vor sich hat, ist man stets besorgt, etwas verpasst, oder irgendetwas von der hiesigen Welt nicht gesehen zu haben. Daher kriecht einer wie ich in jedes ihm unbekannte Loch hinein, mag es noch so niedrig und eng sein, und er hofft leise auf ein kleines Abenteuer. Nach ein paar Metern weitete sich der Gang zu einer stattlichen Kaverne. Es war angenehm kühl, genau wie es in einer Grabkammer angenehm kühl ist. Erst nach einiger Zeit hatten sich meine Augen an die fast totale Finsternis gewöhnt und nahmen jetzt die Konturen des Raumes ganz deutlich wahr. Das Licht floss in dünnen Strahlen vom engen Eingang herein. In diesen Momenten des Verharrens verfasste ich in Gedanken eine Art Patientenverfügung - es wird einem ja heute empfohlen, dass man so etwas tut. Sollte ich an einem heissen, schwülen Sommertag sterben, möchte ich in einer solch kühlen Kaverne bestattet werden. Sollten meine Tage jedoch mitten im Winter in eisiger Kälte ein Ende finden, möchte ich ordentlich und richtig heiss kremiert werden, wie das heute Brauch ist. Derart in dir vielleicht etwas makaber vorkommende Gedanken versunken kroch ich bergwärts weiter und war mir bewusst, dass solche Gedanken durchaus zum Leben gehören. Zehn Meter weiter verzweigte sich der Stollen T-förmig, ein Gang führte das Tal hinein der andere das Tal hinaus. Jetzt war die Finsternis so komplett wie im tiefsten Meeresgrund. Nur ein leichter, kühler Wind wehte mir entgegen. Angenehm kroch es mir den Rücken hinunter und wieder hinauf, wie es dem den Rücken hinunter und hinauf kriecht, dem in ungewohnten Situationen gleich bange und Angst wird. Die trübe und zugegebenermassen etwas unheimliche Stimmung aushaltend und sogar geniessend rief ich nach einiger Zeit laut "hu-u-u". Insgeheim hoffte ich, dass sich nach einiger Zeit ein Wolf, der sich hier verkrochen hatte, oder wenigstens ein ausgewachsener Geist zeigen würde. Nichts geschah, bis es nach gefühlten und wirklichen zehn Minuten ganz deutlich an mein Ohr drang und zwar von beiden Seiten, wohl etwas Zeit-versetzt aber doch sehr deutlich: "hu-u-u-u-u". Nachdem sich meine Nackenhaare nach einiger Zeit wieder gelegt hatten und sich jetzt sehr angenehm an meine nackte Haut schmiegten, rief ich nochmals, sehr laut und gut artikulierend: "Wenn'd Fittlo hescht, chum üssa und zeig di!". Gespannt lauschte ich wieder in die kühlen Löcher hinein, bis es mir fast langweilig wurde. Dann erst vernahm ich wieder deutlich, jedoch armseelig schwach: "Wenn'd Fittlo hescht, chum üssa und zeig di!". Ich begann, Mitleid zu haben mit dem, der da rief. Wer immer er, es oder sie sein mochte, für mich bestand kein Grund mehr, hier weiter zu verharren, denn ich hatte mich ja geoutet und gezeigt. Also kroch ich bald einmal wieder von dannen.

 

Lieber Leser, vielleicht erinnerst du dich auch an deine Kinderaufsätze. Ich tue es. Und so kramte ich nach dieser Wanderung in meinen Primarschulunterlagen. Am 18. April 1967, also vor fast genau 50 Jahren, schrieb ich in der Schule den folgenden Aufsatz und erhielt dafür: für die Schrift 2, für den Inhalt 1.5 und für die Sprache 2. Ich erinnere mich noch gut, dass ich mit diesem Aufsatz gar nicht zufrieden war, dass ich ihn sogar sehr schlecht fand. Damals wusste man nie, wie mit dem Schreiben anfangen, und so kaute man an seinem Griffel, bis dieser ganz kurz und der Aufsatz kein bisschen länger war. Später las ich in einem Buch, dass man ruhig mit "ich" anfangen dürfe. Das durfte man damals in der Primarschule auf keinen Fall. Der Bruch der Regel erleichterte von da an das Schreiben auf enorme Weise. Hier mein Aufsatz:

 

"Ein schlimmes Erlebnis

 

Als wir an einem Sonntag zum Fussballen gingen, gab es ein Erlebnis. Wir spielten ein wenig, aber das kam uns zu dumm vor. Wir hatten zu warm und gingen zum Trinken. Da sahen wir in der Nähe einen Stollen. Wir wollten dort hinein um zu schauen, was dort los sei. Als wir ein Stück im Stollen waren, stiessen wir an eine Mauer, und wir mussten über die Mauer. Als wir drinnen waren, war es finster. Da gingen wir wieder hinaus. Zwei unserer Kameraden wollten in ein Haus, um eine Laterne zu holen. Doch wir bekamen keine. Statt der Laterne erhielten wir Zündhölzer. Jetzt waren die Buben wieder oben eingetroffen. Wir nahmen Äste und alles Holz, das wir sahen. Dann fanden wir einen Kübel. Wir füllten ihn mit Papier und Holz ..."

 

Und nur noch in Stichworten: ... das ganze wurde entzündet ... ich war derjenige, der den Kübel trug ... verbrannte mich dabei ganz tüchtig ... tiefer im Stollen erlosch das Feuer ... es entstand viel Rauch ... "Wir mussten die Hand vor den Mund halten, damit wir nicht erstickten. Das war ein Bubenerlebnis." Soweit meine damalige Geschichtsschreibung. Wohl waren wir im Stollen gewesen, doch der Rest war erfunden. Wie mühsam das Schreiben doch damals nur war! Damals krochen wir in den gleichen Stollen aber an einem ganz anderen Ort. 

Weg 4 - von Eisten via Färiga und Ischflie (04.10.2016)

Mit dem Postauto ins Saas-Tal, bis "Zer Ramschfüo"

 

Mein Miniprojekt geht zügig voran - angetrieben durch eine nicht zu bändigende Wanderlust habe ich Gspon jetzt schon auf vier verschiedenen Wegen erreicht. Da ich aber nicht nur wandere sondern zum Fotografieren auch gern unsere schönen Schweizer Städte aufsuche, erlebe ich unglaubliche Gegensätze. So fand ich mich schon keine vierundzwanzig Stunden nach der Wanderung in Lausanne wieder. Tags zuvor Kuhmist-beladene Alpenpfade, weit und breit keine Menschenseele und dann noble Gehsteige und Menschengewimmel, welscher Scharm und Menschen aus aller Herren Länder. In der Stadt suche ich gerne den Kontakt zu Leuten von dort oder aus anderen Kulturen und gebe mich als "Montagnard" aus - ob ich den Menschen wohl auch als Bergler, Älpler oder Hinterwäldler vorkomme? - Stört mich nicht - habe keine Mühe, mich auch in noble Geschäfte zu begeben oder elegant daher kommende Leute anzusprechen.

 

Am See in Lausanne ist es wunderschön - die vielen Boote, die Schwäne und dann die untergehende Sonne. Eisten ist das hässlichste Dorf der Welt (so damals besungen im Eischterliedji). Ich habe den steilen Weg hinauf nach Färiga unter die Füsse genommen, bin dann noch bis zur alten Wasserleite auf 2450 Meter über Meer aufgestiegen. Dann bin ich der Suone bis nach Gspon gefolgt. 

 

Die Suone beeindruckt mich immer wieder sehr. Gut zehn Kilometer weit musste das Wasser damals nach Gspon geschafft werden. Für mich quasi wie ein kleines Weltwunder, zumindest ein grosses Schweiz-Wunder. Ich kann mir schlicht und einfach nicht vorstellen, wie dieses Werk vor Jahrhunderten realisiert werden konnte. In Gspon lebten zu jender Zeit ja auch nur wenige Menschen. Die kleinen, ausgemergelten und dünnen Männlein leisteten Erstaunliches. Ich habe grosse Ehrfurcht vor ihnen und ihrem Werk. Viel würde ich geben, um nach einer Reise zurück in die Vergangenheit, kurz beim Bau dieses Meisterwerkes dabei zu sein - um den Gesprächen der Leute zu lauschen, ihre Werkzeuge zu sehen und von ihren Sorgen und Freuden zu vernehmen. Wahrscheinlich würde man nichts verstehen, weil der Bau schon so lange zurück liegt, und die Leute damals ganz anders geredet haben.

 

Heute kämpft die Suone ums Überleben. Geländebewegungen, Erosion, Steinschlag und wohl auch der Klimawandel machen ihr zu schaffen. Die Zeit wird kommen, wo sie nicht mehr unterhalten werden wird. Ich werde es wohl noch erleben.

 

In Gspon im Chalet konnte ich noch ein paar Stunden bei schönem Sonnenschein geniessen. Habe Steinpilzsuppe, oder Pilzsteinsuppe, oder Steinsuppenpilze gekocht (siehe eines der Bilder). Habe mich lange mit den tapferen Männer von der Suone verglichen - kam mir klein und unbedeutend vor und blickte als Halbpensionär mit Traurigkeit auf mein kaum wahrzunehmendes Lebenswerk zurück.

 

In den Bergen sind die Eiskerzen aus dem Sommerschlaf erwacht; einzelne Wegpassagen können wegen eisigen Steinen jetzt schon gefährlich sein, und die Natur legt sich allmählich zur wohlverdienten Winterruh.

Weg 3 - von Saas-Grund via Höhenweg (02.10.2016)

Man fährt mit dem Postauto nach Saas-Grund und wandert nach Gspon.

 

Einer der offensichtlichsten Wege nach Gspon ist der weitherum bekannte Höhenweg von Saas-Grund nach Gspon. Er wird jedes Jahr von vielen hundert Wanderern in beide Richtungen begangen. Ihn näher beschreiben zu wollen, wäre Wasser in den Rotten (die Rhone) getragen. Moment mal! - diese Redensart macht heute keinen Sinn mehr, denn der grosse Walliser Fluss führt oft im Jahr vielerorts nur noch ein Rinnsal Wasser. Darum lasse ich es hier mit ein paar persönlichen Bemerkungen bewenden.

 

Unterwegs kommt man an etlichen Kapellen und Wegkreuzen vorbei. Einige davon sind hier abgebildet. Der gläubige Christ wirft sich an diesen Stellen zu Boden und fasst kurz einen frommen Gedanken; im Gebet gedenkt er seiner verstorbenen Familienmitglieder; oder er nimmt sich für die Zukunft allerlei Gutes vor; oder er dankt für in der Vergangenheit erfahrenes Glück und erhaltende Gnaden. Dann setzt er seinen Weg wie vorher fort; klagt über wunde Füsse; flucht über die lästigen Fliegen im Gesicht; und überlegt, wie er seinem Mitmenschen bei nächster Gelegenheit noch einen auswischen kann.

 

Nach rund zwei Stunden (von Saas-Grund aus) kommt man am markanten Siwiboden vorbei. In der Schule, oder eher von witzigen Erwachsenen, hat man damals erfahren, dass es hier einmal eine grosse Stadt gegeben hat, direkt am Meer, vielleicht auch nur an einem Binnenmeer. Das war zur Zeit der Armagnaken - mit anderen Worten im drittletzten vorsteinzeitlichen Jahrhundert. Indes gehe ich mit dieser Gelehrtenmeinung heute nicht mehr einig, denn es gelang mir vor nicht allzu langer Zeit, irgendwo im Gebüsch unter Stauden einen steinzeitlichen Schiffsanker, zumindest etwas sehr Ähnliches, auszumachen. "Typisch", sagte ich mir, die heutigen studierten Leute hatten die Fähigkeiten und die Intelligenz der damals diese Gegend bewohnenden Leute wieder einmal gewaltig unterschätzt. So bin ich der festen Meinung, dass die damaligen Siwibodenaner sehr wohl wussten, wie mit Steinen umzugehen. Aber was wollten wir Kinder damals? - zur Erhärtung des zu erwerbenden Wissens wurden wir nach allen Regeln der Pädagogik weichgeprügelt. Diese Praxis endete in den Walliser Bergdörfern erst mit der Erfindung der Weichspühler - das war gegen Mitte der sechziger Jahre.

 

Wie gesagt, bietet dieser Wanderweg alles, was des Wanderers Herz begehrt - schöne Pfade, schöne Blumen am Wegrand mit wunderbaren Düften, und auch die Aussicht ist grandios. Man kann den Weg auch sehr gut in anderer Richtung gehen.

Weg 2 - vom Simplonpass übers Ochsehorn (30.09.2016)

Mit dem Postauto auf den Simplonpass bis zum Restaurant Monte Leone und von da weg unserer Spur folgen

Über Bielti, Bistinepass, Obers Fulmoos, Ochsehorn, Rosschumme nach Gspon

1120 Höhenmeter

17 Kilometer

 

Am Ende der Sommerwander- und Sommerbergsteigersaison stellt man plötzlich fest, dass man viel zu wenige Höhenmeter gemacht hat, um ein echter Wanderer oder Bergsteiger sein. Was bleibt einem da anderes übrig, als schnell seine Ehefrau zu schultern und noch den einen oder anderen Berg zu besteigen? Mit dem lieben Partner auf dem Rücken zählt wenigstens die Leistung doppelt, und man hat auch doppelt Spass. Jedoch fing diese schon nach zwei Metern auf meinem Rücken heftig zu zappeln an und ich zu keuchen, dass aus der Idee "eine Tour für zwei" leider nichts wurde. Ich liess meine Liebste auch erst am Schluss der Tour wissen, dass sie nebenbei an einem meiner neuen Projekte teilnehme, dass darin bestehe, Gspon in näherer Zukunft auf zwanzig verschiedenen Wegen zu erreichen. Über seine sportlichen Projekte redet man mit seiner Partnerin am besten nicht. In der Regel finden Frauen solche Projekte nämlich wenig cool und romantisch.

 

Die Wanderung hat uns sehr gut gefallen. Die Natur ist zu dieser herbstlichen Zeit wunderschön. Die Farben sind intensiv und bunt. Von Italien drückten zwar ständig Gewölk und Nebelschwaden in die Schweiz herüber, aber einmal den Bistinenpass erreicht, blieben wir davor verschont. Im Nanztal und dann in der Gsponer Bergwelt konnten wir richtig warmes Wetter geniessen. Es bestand kein Grund zur Eile. An die neun Stunden brauchten wir für die gesamte Unternehmung. Wir kamen auch an verschiedenen Seelein vorbei - nicht zuletzt damit konnte ich die Wanderung meiner Frau schmackhaft machen. Am ersten See haben wir zusammen gegessen, am zweiten See haben wir zusammen gesessen - leider gab es dann keinen dritten See mehr. Wir haben auch den Ochsehorn Gipfel lange genossen - bis ich sagte: "Lass uns hier drei Hütten bauen - eine für dich - eine für mich - und noch eine für mich." Den Abend und die Nacht haben wir im Chalet in Gspon genossen.

 

Die Wanderung kann wärmstens empfohlen werden. Etwas lang ist sie schon, aber technisch ist sie nicht anspruchsvoll. Und die Gegend ist sehr menschenverlassen. Wir begegneten nur gerade einem Wanderer, und zwei Biker überholten uns bei Fulmoos.

 

Weg 1 - von Visperterminen über Studersädolti (28.09.2016)

Mit dem Zug von Brig nach Visp

Mit dem Postauto von Visp bis Visperterminen/Endstation

Und von da über Brunnen und Studersädolti über gute Wanderwege bis Gspon

Zeit: 2 Stunden und 20 Minuten

630 Höhenmeter

8 Kilometer

Ich bin ein etwas nachlässiger Wanderer - bin oft zu bequem, vorher die Karte im Detail zu studieren - lasse mich oft vom untrüglichen Bauchgefühl leiten - und lande damit oft im Schilf. Dies beherzigend kam ich schon bei meinem ersten Sternmarsch etwas von der idealen Fährte ab. Eigentlich wollte ich ja auch über die (verbotene) Rote Brücke (Sädolbrücke auf Visperterminer Deutsch). Habe diese aber verpasst - gut so, denn Verbotenes darf ja hier nicht als Wandervorschlag angeboten werden.

 

Ich habe diese einfache Route gewählt, weil ich einige Esswaren in mein Häuschen in Gspon schaffen wollte. Eigentlich wollte ich sogar 54 Schülerarbeiten mitschleppen, um diese im Chalet in aller Ruhe zu korrigieren. "Blödsinn", sagte ich mir, "lass die Arbeiten doch Arbeiten sein - lass sie doch daheim - korrigiere sie erst, wenn du Lust danach verspürst!" - Wie schön, dass ich mir jetzt einen Grossteil meines Lebens so einteilen kann, wie ich will! - kein Zwang, kein grosser Terminkalender. Ich geniesse die Teilpensionierung in vollen Zügen. Die Arbeiten blieben also auf meinem Schreibtisch, stellten mich aber vor ein neues Problem: was sollte ich an ihrer Stelle in meinen Rucksack packen? - Sardinen, Quicksoup, Tomatensauce, saure Gurken, ... Mir dies lange überlegend, brach ich erst spät zur Unternehmung auf und kam prompt erst in der Finsternis bei meinem Chalet an.

Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)
Blick von Gspon auf den Balfrin (06.06.2013)

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